Zu fragen bleibt nur, welche Räson ein Staat noch beanspruchen darf, der eine Politik betreibt, die sich in pseudodemokratischem Gestus immer mehr von Impulsen der »Volksseele« leiten lässt – zumal sich die »Volksseele«, freilich von eben dieser Politik mitgeformt und angeheizt, zunehmend in alltags¬rassistischem und nationalistischem Gedröhn suhlt

Moshe ZuckermannAufstand der Massen

Israel und der Fall Elor Asaria

Von Moshe Zuckermann

Prof. Dr. Moshe Zuckermann lehrt Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv. Zuletzt erschien von ihm das Buch »Freud und das Politische. Psychoanalyse, Emanzipation und Israel« (Promedia-Verlag, Wien 2016)

Bereits vor dem über Elor Asaria gefällten Urteil und ganz unabhängig von diesem wuchs sich seine Tat – die kaltblütige Erschießung eines verwundeten, nicht mehr aktionsfähigen palästinensischen Terroristen – zu einem über Asarias Person weit hinausgehenden israelischen politischen Eklat aus. Denn bei allen Rationalisierungen seiner Aktion sprachen die vom Vorfall aufgenommenen Videobilder für sich: Vom verwundeten Palästinenser ging trotz Asarias Behauptungen ganz offensichtlich keine Gefahr mehr aus. Entsprechend meinten die am Ort versammelten israelischen Sicherheitsmenschen nicht, sich um den außer Gefecht Gesetzten noch kümmern zu müssen. Sie verhielten sich indifferent; der Vorfall war für sie offenbar vorbei.

Was sich aber dann ereignete, rührte etwas an, das man dem Schlachten einer heiligen Kuh gleichsetzen mag. Denn es waren gerade die höheren Militärinstanzen und der Verteidigungsminister, die sich gegen die eigenmächtige Ak­tion des Soldaten aussprachen, nicht zuletzt, weil sie undisziplinierter Gewalt und einer sich unter den Sicherheitskräften merklich ausbreitenden Schießfreudigkeit Einhalt gebieten wollten. Sie reagierten im Sinne des internationalen Kriegsrechts und der sich aus diesem ableitenden soldatischen Verhaltensmaßregeln.

 

Nicht so sah man es in den sogenannten sozialen Netzwerken, wo man sich sogleich mit dem des Vergehens gegen die Militärvorschrift beschuldigten Soldaten solidarisierte und sich – was nun mehr als überraschend war – gegen die hohen Militärinstanzen stellte. Damit aber nicht genug: Parlamentarier, Minister und selbst Israels Premier Benjamin Netanjahu kamen der Solidarisierungsemphase einer immer lauter und ungezügelter sich gebärdenden Vox populi nach und bekundeten ihrerseits demonstrativ ihre Verbundenheit mit dem inhaftierten und vor Gericht gestellten Soldaten. Man übertreibt nicht mit der Behauptung, dass »das Volk Israel« sich in seinen vehementen Reaktionen gespalten habe, wobei die Solidarität mit dem Soldaten vor allem aus dem rechten Spektrum der israelischen Politlandschaft kam (und kommt). Nicht nur deshalb, aber auch nicht zuletzt deshalb hat der israelische Verteidigungsminister Moshe Yaalon den Preis gezahlt und musste gehen.

Zu fragen bleibt nur, welche Räson ein Staat noch beanspruchen darf, der eine Politik betreibt, die sich in pseudodemokratischem Gestus immer mehr von Impulsen der »Volksseele« leiten lässt – zumal sich die »Volksseele«, freilich von eben dieser Politik mitgeformt und angeheizt, zunehmend in alltags­rassistischem und nationalistischem Gedröhn suhlt. Es handelt sich um eine Art Aufstand der Massen, die des Aufstands aber gar nicht bedürfen: Eine bald fünfzig Jahre währende Okkupationswirklichkeit hat sie gelehrt, wes staatsoffiziellen Geistes Kind sie sind.