Worüber die Unternehmer allerdings schweigen, ist, dass der Großteil aller Schaffenden es sich heutzutage mindestens zweimal überlegt, bevor er sich krankschreiben lässt. Zu groß ist nämlich die Angst, unangenehm aufzufallen, zu groß das Risiko, als »untauglich« oder als »überschüssig« abgestempelt zu werden, zu allgegenwärtig die Angst, gefeuert zu werden.

sozalabbauOhne Rücksicht auf Verluste

Quelle: Leitartikel aus der „Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek“  von Freitag 27. März 2015

Von Gilbert Simonelli

Damit der Profit stimmt, wird den arbeitenden Menschen heutzutage alles abverlangt. Wer nicht mitzieht, riskiert auf der Strecke zu bleiben. Wer dem ständig zunehmenden Druck, dem innerbetrieblichen Konkurrenzkampf oder dem allgegenwärtigen Stress nicht gewachsen ist, hat im Betrieb kaum »Überlebenschancen«. Erst recht nicht, wenn er auch noch durch »häufiges« Krankenschreiben auffallen sollte. In den Augen des Patronats sind solche Mitarbeiter fehl am Platz. Sie werden vom Patronat als Störfaktor betrachtet, denen es sich zu entledigen gilt. So bitter dies auch klingen mag.

Wer also das Pech haben sollte, öfters zu erkranken und der Arbeit deswegen fernbleiben zu müssen, riskiert von der Betriebsleitung rücksichtslos in die Kategorie der »Faulenzer« und »Profiteure«, wie Krankgeschriebene einst abschätzend von einem Vertreter der UEL genannt wurden, eingestuft zu werden. Was dies bedeutet, dürfte bekannt sein. Bei Restrukturierungen oder sonstigen Abbauplänen stehen sie auf Abschusslisten ganz vorne.

Worüber die Unternehmer allerdings schweigen, ist, dass der Großteil aller Schaffenden es sich heutzutage mindestens zweimal überlegt, bevor er sich krankschreiben lässt. Zu groß ist nämlich die Angst, unangenehm aufzufallen, zu groß das Risiko, als »untauglich« oder als »überschüssig« abgestempelt zu werden, zu allgegenwärtig die Angst, gefeuert zu werden. Verschwiegen wird auch, dass viele Erkrankungen »hausgemacht« sind. Die seit Jahren massive Deregulierung der Arbeitszeitorganisation, die längeren Arbeitszeiten sowie die ständig schlechter werdenden Arbeitsbedingungen sind nämlich bei immer mehr Menschen der Auslöser von gesundheitlichen Problemen. Wissenschaftliche Studien, die dies eindeutig belegen, landen allerdings immer wieder schnurstracks in den Schubladen des Patronats.

Aufgrund der dramatischen Situation auf dem Arbeitsmarkt hat der Druck auf die arbeitenden Menschen massiv zugenommen. Viele sind diesem nicht gewachsen, sowohl physisch wie auch psychisch. Die einen weniger, die anderen mehr. Mit der Folge, dass viele zu Dauerpatienten bei spezialisierten Ärzten werden. Häufig führt dieser Weg kurz- oder mittelfristig in die Arbeitslosigkeit. Die einen, weil sie Opfer des nach wie vor skandalösen Invaliditätsgesetzes werden, die anderen, weil sie von gefühlslosen und rücksichtslosen Betriebsverantwortlichen entlassen und damit ins soziale Abseits gedrängt werden.

Krankgeschriebene sind dabei einem doppelten Druck ausgesetzt. Einerseits riskieren sie im Betrieb auf interne schwarze Listen gesetzt zu werden – vielfach die Vorstufe einer Versetzung oder Kündigung – andererseits haben sie nach wie vor zu befürchten, dass, nachdem die Kontrollen bereits deutlich verschärft wurden, das Patronat auch mit weiteren Forderungen – Kürzung des Krankengeldes, Streichen von Urlaubstagen bei längeren Krankenscheinen und Lockerung des Kündigungsschutzes – Gehör bei der Regierung finden könnte.

So oder so wird der Umgang mit Menschen, die über gesundheitliche Probleme klagen und deshalb nicht mehr jederzeit und allerorts einsetzbar sind, immer rücksichtsloser. Ob sie krankgeschrieben sind oder nicht. All zu sehr überraschen sollte dies jedoch nicht, schließlich heißt es im Kapitalismus ja »De Profit virum Mënsch«.

gilbert simonelli