Wer ausgerechnet während des Massakers in Gaza unter blau-weißen und US-amerikanischen Fahnen seine kämpferische Solidarität mit den israelischen Streitkräften demonstriert, nimmt nicht sein Recht auf religiöse Freiheit wahr, sondern will öffentlich ein politisches Statement abgeben.

Sie bejubeln den Tod ungezählter Opfer imperialistischer Kriege

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Same procedure

Prozionistische Kriegspropaganda

Von Knut Mellenthin

Quelle: jungeWelt vom 25. Juli 2014

Vor der Seeschlacht bei Trafalgar ließ Admiral Horatio Nelson von Schiff zu Schiff mit Flaggenzeichen seinen Tagesbefehl verbreiten: »England expects that every man will do his duty.« England erwartet, daß jeder Mann seine Pflicht tut.

Das war 1805. Heute erleben wir ähnliches. Sobald Israel wieder einmal Krieg gegen Palästinenser oder Libanesen führt, also alle drei bis fünf Jahre, geht ein Ruck durch seine Anhänger in den USA und Europa. Fast alle Organisationen und Personen, die mit mehr oder weniger demokratischer Legitimation im Namen »der Juden« zu sprechen beanspruchen, schlagen reflexartig die Hacken zusammen, geben Verstand und Moral in der Kleiderkammer ab und degenerieren zu Sprechautomaten. Sie identifizieren sich – und damit auch diejenigen, als deren Repräsentanten sie auftreten – hundertprozentig mit Israel, geben sich aber scheinheilig empört, wenn man sie ernst nimmt und sie mit Israel identifiziert. Daß die israelischen Streitkräfte in erster Linie Krieg gegen die palästinensischen Kinder führen, gegen deren Leben heute und gegen ihre Zukunft, macht die Aufgabe der prozionistischen Agitatoren nicht leichter, sondern treibt sie notwendigerweise unter ihr eigenes Niveau. Zu der einfachen menschlichen Aussage, daß selbst die dümmste und aggressivste Sprechparole nicht so schrecklich und erschütternd ist wie das Leiden eines einzigen verletzten, verbrannten oder traumatisierten Kindes, hat sich noch niemand durchgerungen.

Foto: Arbeiterfotografie

Foto: Arbeiterfotografie

Wer seine Tiraden mit Sätzen wie »Knapp 70 Jahre nach dem Holocaust werden in Berlin wieder Juden angegriffen« beginnt und dann so tut, als ginge gerade das Novemberpogrom von 1938, die sogenannte »Reichskristallnacht«, in die zweite Halbzeit, ist nicht ernst zu nehmen. Wer ausgerechnet während des Massakers in Gaza unter blau-weißen und US-amerikanischen Fahnen seine kämpferische Solidarität mit den israelischen Streitkräften demonstriert, nimmt nicht sein Recht auf religiöse Freiheit wahr, sondern will öffentlich ein politisches Statement abgeben. Das kann jeder halten, wie er will. Er sollte aber nicht den wegen seines Glaubens oder seiner Abstammung Verfolgten spielen, wenn sein Bekenntnis zum Aggressor- und Besetzerstaat auf Ablehnung stößt.

Zu den abgegriffenen Textbausteinen der prozionistischen Agitatoren gehört die Behauptung, daß der Antisemitismus in Deutschland seit 1945 noch nie so schlimm gewesen sei wie gerade heute. Das ist etwas für Leute mit einem ganz schlechten Gedächtnis. Genau die gleiche Klage konnte man bereits während Israels Gaza-Kriegen 2012 und 2009 und selbstverständlich auch während des Libanon-Kriegs 2006 hören und lesen. Schon während Israels Vorstoß bis nach Beirut 1982 war dieser Vorwurf ein alter Hut. Er tauchte erstmals im Junikrieg 1967 auf, als Israel Gaza und das Westjordanland besetzte, also vor fast 50 Jahren. Es sieht leider danach aus, als würde dieser Appell an die menschliche Dummheit auch weiter in Gebrauch bleiben.