KZ-Dachau: Während die Gefangenen des Lagers um neun Uhr abends in ihren Baracken sein müssen und Ruhe herrschen muß, tobten sich die Mörder in ihrem Zimmer wie wild aus.

moerderlagerMörderlager Dachau

Vier Wochen in den Händen der braunen Banditen

Erlebnisbericht von Hans Beimler: Im Mörderlager Dachau/
Berlin (DDR) 2. Auflage 1980

„Den Beimler ham ma … in Dachau sehen wir uns wieder“!

Nachdem es den Faschisten in Bayern ohne Widerstand der Held-Stützel-Schäf[f]er-Regierung – und leider auch ohne nennenswerten Widerstand seitens der Arbeiterschaft – gelungen war, am 9. März 1933 die ganze Macht an sich zu reißen, setzte selbstverständlich mit gesteigerten Kräften eine unerhörte Verfolgungskampagne gegen die Kommunistische Partei ein. Bereits am 10. März gab der derzeitige Innenminister Wagner – seines Zeichens verkappter Bergwerksdirektor – an alle Polizei- und Gendarmeriestationen durch Funkspruch die Anweisung, daß „sofort alle kommunistischen und Reichsbanner­funktionäre, soweit sie zu erreichen sind, in Haft genommen werden müssen“. Soweit die bayrischen Städte München, Nürnberg, Augsburg usw. in Frage kamen, war der Erfolg der einsetzenden Verhaftungsaktionen nicht allzu groß, denn „die meisten Vögel waren ausgeflogen“. Soweit Kommunisten in Frage kamen, waren sie ja schon seit dem 30. Januar, dem Tag der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, fast vollkommen illegal. Soweit es anging, die noch vorhandenen Möglichkeiten einer „legalen“ Vorbereitung der Reichstagswahl zum 5. März auszunützen, wurden diese aufs engste mit der illegalen Arbeit verbunden. Das Parteibüro durfte weder wichtiges Material enthalten noch durften die Sekretäre und Bezirksleitungsmitglieder darin arbeiten. Wie notwendig diese Maßnahmen waren, zeigte sich durch Dutzende Haussuchungen der Stützel-Polizei und die Schließung der Büros aller revolutionären Organisationen und der „Neuen Zeitung“ am 25. Februar. Ein Sekretär, der die Weisungen nicht beachtet hatte, wurde in Haft genommen und sitzt seitdem im Gefängnis bzw. Konzentrationslager Dachau.

Im übrigen ist es der Polizei bis zu meiner Verhaftung am 11.April nicht gelungen, die Leitung der Partei nennenswert zu schwächen. Die Verhaftung des für den Literaturvertrieb verantwortlichen Genossen machte selbstverständlich die Einsetzung eines anderen notwendig. So wurde die Verbindung mit einem Parteifunktionär aufgenommen, der von der Leitung als Ersatz vorgesehen war, um diesem die nötigen Instruktionen zu geben. Entgegen meinem Prinzip und dem aller anderen Mitglieder des Sekretariats hatte ich statt der Nacht den Nachmittag des 11. April als den Zeitpunkt des Zusammentreffens festgelegt. Wie verabredet, erschienen die zwei bestellten Genossen pünktlich, und nach kurzer Aussprache wurde ein Genosse wieder weggeschickt. Nach etwa vier bis fünf Minuten wollte ich mich auch von dem noch anwesenden Genossen trennen. Im gleichen Augenblick hielt plötzlich ein Auto, sechs Kriminalbeamte, das heißt SS in Zivilkleidung, sprangen aus dem Wagen und verhafteten mich und den noch anwesenden Genossen. An Ort und Stelle untersuchte je ein Polizist unsere Taschen, wobei uns die anderen vier mit Pistolen in den Händen umringten. Nachdem die Untersuchung vollkommen ergebnislos verlaufen war, fragte ich, was denn eigentlich los sei – worauf mich einer von diesen „Helden“ mit „halt’s Maul“ in den Wagen stieß. Nachdem man noch das Fahrrad des mitverhafteten Genossen an der Rückwand des Autos festgebunden hatte, wurden wir ins Polizeipräsidium gebracht.

Kaum hatten sich die Tore des Polizeipräsidiums „Ettstraße“ hinter uns geschlossen, verbreiteten die Polizisten, die uns verhaftet hatten, wie ein Lauffeuer die Nachricht von meiner Verhaftung: „Den Beimler ham ma, den Beimler ham ma!“ In wenigen Minuten waren wir von SA und SS umringt; sie überschütteten uns, vor allem mich, mit allen möglichen Beschimpfungen: „Na Bürscherl, jetzt haben wir dich!“ „In Dachau sehen wir uns wieder!“ „Jetzt ist’s aus mit der Weltrevolution!“ „Du Hetzer!“ und andere mehr. Alles war sichtlich erfreut über den „Fang“, den sie gemacht hatten. Ein SA-Mann sprang vom Hochparterre aus dem Fenster, um mich zu sehen und seiner „Freude“ Ausdruck zu verleihen. Nun ging’s hinauf zu der im ersten Stock untergebrachten politischen Abteilung „6/A“.

Auf der Suche nach dem „Aufstandsplan“.

Wie unten im Hofe, war auch oben das „Vorführungszimmer“ wie auch das anschließende in wenigen Minuten überfüllt; es war ein Kommen und Gehen. Wieder wurden meine Kleider durchsucht; Schuhe und Strümpfe mußte ich ausziehen, die Hose herunterlassen – doch es fand sich nicht mehr als schon nach der Durchsuchung bei der Verhaftung. Die Herrschaften waren sichtlich enttäuscht darüber, daß ich nicht den „Aufstandsplan der Weltrevolution“ oder wenigstens eine „schwarze Liste“ mit soundsovielen tausend Namen aller SS- und SA-Führer und eventuell auch ein kleines Maschinengewehr oder einen „Lagerplan über Waffenlager“ usw. bei mir hatte. Inzwischen hatten zwei Sekretäre den sogenannten „Vorführungsbogen“ bereitgelegt. Während einer davon mit Schreibmaschine ausgefüllt werden sollte und bereits in die Maschine eingespannt war, lag ein anderer bereit, um als Original handschriftlich ausgefüllt zu werden. Als ich die Frage: „Welche Funktion in der Partei zuletzt?“ mit „Parteisekretär und Reichstagsabgeordneter“ beantwortete, rief einer gleich dazwischen: „Gewesen!“ Worauf ich antwortete: „Wenn Sie sagen ‚gewesen‘, dann kann ich nur erklären, daß ich, wie schon zweimal, von 60000 Münchener Arbeitern auf der Liste der Kommunistischen Partei auch am 5. März in den Reichstag gewählt worden bin. Wenn ich zur Zeit mein Mandat nicht ausüben kann, dann ändert das nichts an der Tatsache, daß ich von 60000 Münchener Arbeitern gewählt worden bin.“ Darauf erklärte ein anderer lächelnd: „Wir treiben dir deinen Reichstagsabgeordneten schon noch aus!“ Nach Beantwortung einer Anzahl anderer Fragen mußte ich auf den Originalbogen in deutscher Schrift ausfüllen: „Ich bin 1895 geboren, habe die Volksschule besucht und das Schlosserhandwerk gelernt“, und in lateinischer: „Ich bin seit 1918 Mitglied der KPD und hatte zuletzt die Funktion als Parteisekretär und Reichstagsabgeordneter.“ Nun wurde mir eröffnet, daß ich „vorläufig in Schutzhaft“ bleibe, worauf mich ein SS-Mann abführte. Kaum hatten wir das Zimmer verlassen, legte er mir am linken Vorderarm den sogenannten „Achter“ (die eiserne Fessel) an und führte mich den Korridor entlang. Hinter uns gingen außerdem noch zwei andere SS-Leute. Ich war nicht nur der Meinung, daß ich jetzt selbstverständlich in den Aufnahmeraum des Polizeigefängnisses gebracht werde, sondern war auch zugleich überrascht, daß ich, von den Beschimpfungen und ironischen Bemerkungen bei der Verhaftung und Einlieferung abgesehen, „glimpflich“ weggekommen war. Aber unser Weg zum Gefängnis nahm eine andere Richtung als die, die ich in der Vergangenheit öfters geführt worden war. Es wird wohl wenig Kommunisten und noch weniger kommunistische Funktionäre geben, die nicht mit den „Örtlichkeiten“ der Polizeipräsidien „vertraut“ sind. So war ich im Augenblick, da unser Weg nicht die Treppe zum Gefängnis hinunter-, sondern vorbeiführte, auf die kommenden Dinge gefaßt. Blitzschnell wechselten in dieser Situation die Gedanken, und ich glaubte, man würde mich wohl gleich nach Dachau bringen. Inzwischen hatten wir das sogenannte Einwohneramt passiert und waren an diesem vorbei im „Weißen Saal“ angekommen. Dieser „Weiße Saal“, der in der Vergangenheit zu Ausstellungszwecken und zur Auslegung der Wahllisten bei Parlamentswahlen und ähnlichem diente, war zu meiner Überraschung seit dem 10. März zum Schlaf- und Aufenthaltsraum der SA- und Stahlhelmwachen für das Polizeipräsidium und seine nähere Umgebung umgewandelt worden. Kaum hatten wir diesen Saal betreten und die im Saale anwesenden 50 bis 60 SA- und Stahlhelmleute erfahren, wer der Gefesselte war (nämlich „der Beimler“), erhob sich ein wahres Geheul, und es war mir nur möglich, eine Anzahl Schimpfworte und Drohungen zu vernehmen. Wir waren umringt, und die ganze Situation ließ mich das Schlimmste befürchten; während mich mein „Führer“ durch die ganze Horde hindurchführte, folgte uns diese. Als wir an der breiten steinernen Treppe, die zur Neuhauser Straße führte, angekommen waren und schon vier bis fünf Stufen hinter uns hatten, wandte sich der mich führende SS-Mann an die immer noch nachrückende Bande mit einer Bemerkung, von der ich nur die letzten Worte: „… alles andere bleibt zurück!“ verstehen konnte.

Beginn der Folter.

Unterdessen gingen wir weiter und hatten die erste Treppe hinter uns. Bei der Wendung zur zweiten Treppe konnte ich feststellen, daß nur fünf oder sechs SS-Leute gefolgt waren; während die Horde oben im Saal an der Treppe hinter uns zurückblieb, wurde es oben still. Man schob mich unter die Treppe in einen Raum, der kein Fenster aufzuweisen hatte und von einer kleinen Lampe beleuchtet war. Außer dieser kleinen elektrischen Birne war ein schwarzer Bürotisch und eine Militärbettstelle mit Strohsack als Inventar festzustellen. Während sich die Tür hinter uns schloß und der „Achter“ von meiner Hand genommen wurde, stellte sich ein kleiner, brutal aussehender SS-Mann vor mich hin und kommandierte: „Hut und Mantel weglegen!“

Ich kam der Aufforderung nach und legte die genannten Kleidungsstücke auf das erwähnte Feldbett. „Jacke und Weste ausziehen!“ war das zweite Kommando. Da ich etwas zögerte, folgten gleich die Worte: „Schneller – schneller!“ Auch diese beiden Stücke liegen auf Hut und Mantel; darauf das nächste Kommando: „Hose runterlassen!“ Nun sollte ich mich über den Tisch legen. Mehr noch als beim zweiten Kommando zögerte ich, und im nächsten Augenblick lag ich schon mit dem Oberkörper über dem Tisch, während die Beine im rechten Winkel nach unten hingen. Mit dieser Lage war aber der „Kommandeur“ nicht zufrieden: „Leg dich nur ganz ‘rauf!“ Da sie, wie dieser „Held“ sagte, nicht viel Zeit hatten, zog er mich, den Kopf unter den Arm nehmend, ganz auf den Tisch. Er blieb gleich am Kopfende stehen und klemmte meinen Kopf unter den rechten Arm, wobei er mir zugleich mit der linken Hand den Mund zuhielt. Nachdem er mich in die von ihm gewünschte Lage gebracht hatte, hörte ich nur noch: „Los – drauf!“ Und nun schlugen die braunen Kapitalsknechte solange auf meinem Körper herum (das Hemd hatte der „Kopfhalter“ bis an den Kopf hochgezogen), bis ich keinen Laut mehr von mir gab. Ob es 60 oder 70 oder noch mehr Schläge mit dem Gummiknüppel waren – ich weiß es nicht, denn sie hatten mich bewußtlos geprügelt. Als ich wieder zu mir kam, kniete ich mehr, als ich stand vor dem Tisch. Der Schweiß rann mir vom Gesicht, als hätte man mir einen Kübel Wasser über den Kopf gestülpt. Obwohl ich nicht fähig war zu stehen, brüllte mich der eine Bandit wieder an: „Los, Hose anziehen, aber schnell!“ Aber sie hatten ja „so wenig Zeit“ und machten Miene, aufs neue drauflos zu schlagen, wenn ich für das Anziehen zu lange Zeit brauchte. So stützte ich mich mit der rechten Hand auf die Kante des Foltertisches und mit der linken zog ich die Hose hoch. Vor Schmerzen hätte ich aufschreien können, als ich die Hosenträger über die Schultern streifte. Schwarz und flimmrig wurde es mir vor den Augen, und ich glaubte im letzten Augenblick, wieder umzufallen. Ich kam aber doch noch soweit, mich ganz anzuziehen. Während ich meine Jacke anzog, fragte der „Kopfhalter“, ob ich mir jetzt auch noch einbilde, Reichstagsabgeordneter zu sein, worauf ich erwiderte: „Deshalb habt ihr mich so geschlagen?“ „Das war noch viel zu wenig!“ schrie einer dazwischen, der während der Schlägerei neu hinzugekommen war. Im nächsten Augenblick lag ich wieder auf dem Tisch, und nochmals prügelten sie auf mich ein – solange, bis kein Laut mehr von mir zu hören war. In der Tat war es nicht mehr auszuhalten, denn in der Zeit zwischen der ersten Quälerei und dem Anziehen waren meine Oberschenkel, das Gesäß und die beiden Schultern stark angeschwollen. „Genug“, hörte ich sagen und die „Zange“ wurde wieder locker, wobei ich zugleich vom Tisch geschoben wurde. Alle Kräfte mußte ich aufwenden, um mich nur einigermaßen aufrecht zu halten. „Bist’ jetzt zufrieden?“ war die Frage, die zynisch an mich gerichtet wurde. Wollte ich nicht aufs neue über den Tisch geworfen werden, so mußte ich schweigen.

„Der Kerl lebt noch!“

Was wird wohl jetzt kommen? war der einzige Gedanke, der mir aber auch zugleich die Kraft gab, auf neue Quälereien, ja auf alles gefaßt zu sein, denn sie hatten sich so richtig in Wut geschlagen, und die Lust zu Bestialitäten schien größer zu werden. Dieses Loch, dachte ich, wirst du wohl nicht mehr lebendig verlassen. Als man dann sagte: „Nimm den Hut und Mantel“ stieg die Hoffnung wieder etwas. Nun faßte mich der SS-Mann, welcher mich vorher mit dem „Achter“ in die Kammer geführt hatte, unter den linken Arm und schob mich neben sich her, die beiden steinernen Treppen zum „Weißen Saal“ hinauf. Die ganze SA-Horde war oben im Saal noch an der Treppe versammelt und hatte sich wahrscheinlich während der ersten Schlägerei ein Vergnügen daraus gemacht, zuzuhören, wie die Gummiknüppel auf einen Menschenleib klatschten. Als sie meiner ansichtig wurden, ging das Heulen aufs neue los und entfachte eine Pogromstimmung. „Ja, der Kerl lebt noch?!!“ brüllte einer, ein anderer schrie dazwischen: „Schlagt’n doch tot!“ Außerdem eine Unzahl Schimpfworte, die nur solchen Bestien eigen sind. Sie hatten sich spaliermäßig aufgestellt, und ich mußte so eine Art Spießrutenlaufen machen. Als ich, beziehungsweise wir, so ziemlich in der Mitte des Saales waren und sich das Geschrei immer mehr steigerte, hatte ich nur noch einen Gedanken: „Jetzt werden sie dir wohl von hinten noch eine ‘reinjagen!“ Ich war darauf gefaßt; bei jedem Schritt, den ich machte, glaubte ich, es sei mein letzter. Sie taten es doch nicht. Aber einer hatte den „Mut“, mir mit aller Wucht mit der Spitze seiner Henkerstiefel einen Tritt gegen das Steißbein zu versetzen. Hätte mich mein „Führer“ nicht am linken Arm gefaßt und neben sich hergeschoben, ich wäre am Boden gelegen. Ich kann sagen: die Schmerzen von der Schlägerei und durch den Stoß waren unausstehlich, und doch habe ich erleichtert aufgeatmet, als ich die Tür zum „Weißen Saal“ hinter mir zuschlagen hörte. In der Abteilung 6/A wurde ich in ein Zimmer geführt, auf dessen Tür ein Schild mit der Aufschrift: „Vorstand (oder Abteilung?) für Schutzhaftfragen“ angebracht war.

Kaum hatten wir das Zimmer betreten, und der anwesende „Beamte“ mit Hakenkreuz wurde meiner ansichtig, kam er sofort auf mich zu und sagte: „Ja, Herr Beimler, was fehlt Ihnen denn? Ist Ihnen nicht gut oder was haben Sie denn? Setzen Sie sich nieder“, sagte er, wohl wissend, daß ich gar nicht sitzen konnte. Gleichzeitig stellte die anwesende Stenotypistin einen Stuhl vor mich hin. Da mir nach wie vor der Schweiß von der Stirne triefte und wieder alles schwarz vor den Augen wurde, kauerte ich mich trotz heftiger Schmerzen an die äußerste linke Kante des Stuhles und stützte mich mit dem Unterarm auf den neben mir stehenden Schreibtisch. Nach ungefähr fünf Minuten bedeutete man dem „Führer“, mich abzuführen, ohne noch irgend etwas zu sagen. Ich bin der Ansicht, daß man mich nur deshalb in dieses Zimmer gebracht hat, damit der „Herr Vorstand“ sich selbst überzeugen konnte, daß ich die „richtige Lektion“ erhalten hatte. Dieses Mal waren wir sehr rasch im Aufnahmezimmer des Gefängnisses. Ich mußte dort wieder meine Taschen leeren, und ein Gefängniswachtmeister kontrollierte meine Taschen, ob ich auch alles auf den Tisch gelegt hätte. Währenddessen schimpfte und räsonierte ein anderer; ziemlich beleibter Aufseher über die Kommunisten, in denen er Menschenfresser und die bestialische verbrecherische Veranlagung witterte, die von den braunen Mordsoldaten an denselben Kommunisten praktisch ausgeübt wurde. Es war einer jener Beamten, die in der Zeit der bayrischen Räterepublik ebenso wütend auf die Weißgardisten des Generals Epp geschimpft hatten, das heißt sich, je nachdem die Macht in der einen oder der anderen Hand liegt, sofort mit dem neuen Machthaber „gleichschalteten“. Ausgerechnet dieser Dickwanst brachte mich in die im 4. Stockwerk gelegene Zelle 44. Es war eine sogenannte Sammel- oder Gemeinschaftszelle, in der bereits vier andere Parteigenossen – von denen ich nur den Genossen Erich Olschewski erkannte, dessen alter Vater schon wochenlang im Gefängnis Landsberg in Schutzhaft gehalten wurde – festgesetzt waren. Da ich, auf der Holzpritsche liegend, mich vor Schmerzen krümmte und nicht in der Lage war, viel zu sprechen, standen die Zellengenossen um mich ‘rum und redeten auf mich ein, ich solle ihnen doch sagen, was mit mir geschehen ist. Ich bat sie, mir beim Ausziehen der Jacke und Weste behilflich zu sein. Nachdem die Hosenträger gelockert und die Hose von einem Genossen heruntergestreift worden war, machten alle einen Aufschrei des Entsetzens, als sie sahen, wie mein Körper zerschunden war.

Die „standesgemäße“ Behandlung der Gefangenen.

Nach drei Tagen wurden wir in die Zelle 13 verlegt, die bei „normaler“ Belegung für 14 Gefangene „Betten“ enthält; tatsächlich war sie in der Zeit, da ich dort untergebracht war, mit 18 bis 20, ja sogar 22 vollgestopft. Man möchte glauben, daß in keinem anderen Gefängnis es so dreckig ist und die Zellen so stickig sind, wie im Münchener Polizeigefängnis. Die Gefangenen haben buchstäblich Angst, wenn es Nacht wird und sie sich hinlegen sollen; sie bekommen keine Ruhe, denn es wimmelt von Ungeziefer. Kein Wunder, wenn der Fußboden nur oberflächlich und hastig ausgekehrt und eine so große Zelle nur alle zwei Tage mit einem feuchten Putzlumpen „gereinigt“ beziehungsweise der von den 20 hin und her geworfenen Strohsäcken abfallende Staub mehr festgeklebt als beseitigt wird. Neben einer Reihe kommunistischer Genossen waren auch einige Intellektuelle und sechs Bezirksführer des Reichsbanners in der Zelle. Einer der Intellektuellen, dessen Name mir leider entfallen ist, wurde deshalb in Schutzhaft genommen, weil er vor einem Jahr einige Kritiken für die „Frankfurter Zeitung“ über die fortschrittliche Bauweise der Sowjetunion geschrieben hat! Auch einen Monarchisten hatten wir in unserer Zelle, der in Verbindung mit den „Attentatsplänen“ des Grafen und Eisner-Mörders Arco-Valley verhaftet worden war.

Nachdem ich mich wieder einigermaßen aufrichten und gehen konnte, schrieb ich an den Präsidenten der bayrischen Politischen Polizei und Reichsführer der SS einen Brief und beantragte, daß ich Zeitungen bestellen und Rauchware empfangen könnte. Schon am anderen Morgen wurde mir durch einen Beamten von einem Fetzen Papier die Antwort des Himmler vorgelesen. Sie hatte folgenden Wortlaut: „Dem Beimler ist mitzuteilen, daß er Zeitungen bestellen kann, soviel er will – geraucht wird nix!“

In der Zelle entspann sich eine große Diskussion über die Ablehnung, um so mehr, als der „Attentäter“ Arco neben uns in der Zelle 15 nicht nur 50-Pfennig-Zigarren rauchen, Wein und Bier trinken konnte, sondern auch durch „Damenbedienung“ mit Hotelkost ein lustiges Gefängnisleben führte. Die sechs Reichsbannerfunktionäre waren sehr überrascht, als ich ihnen sagte, daß einen Stock höher der Rosenstraß, Auer 1) und einige Redakteure der „Münchener Post“ 2) sitzen und die gleichen Vorzüge wie Graf Arco genießen.

 

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1) Führende Funktionäre der SPD Bayerns – d. Red. 

2) Organ der SPD Bayerns – d. Red.

„Ich sterbe für den Sowjetstern“.

Die Tage bis zu meiner Überführung in das Konzentrationslager Dachau waren sehr „abwechslungsreich“, es war ein ständiges Kommen und Gehen, denn außer dem alten Genossen Karl Hans, von Allach, einem Genossen aus Dachau, den sechs Reichsbannerleuten und mir waren die meisten Häftlinge nur einen oder zwei Tage in unserer Zelle. Entweder wurde der eine oder der andere wieder entlassen oder kam in eine andere Zelle oder in ein anderes Gefängnis (Stadelheim – Neudeck – Kornelius) oder direkt nach Dachau. Neben den eingelieferten Funktionären der KPD, des KJVD und anderer Organisationen waren die meisten Verhafteten, das heißt neu Eingelieferten, Mitglieder der Kommunistischen Partei und Jugend. Viele Jugendgenossen fielen wegen Verkaufs der „Neuen Zeitung“ 1) und wegen Flugblattverteilung den Mordbanditen in die Hände. Diese Genossen waren nicht nur aktiv, solange sie in Freiheit waren, sie waren nicht weniger tapfer, als sie wegen ihrer revolutionären Tätigkeit gefoltert und mit dem Tode bedroht wurden. Leider ist es nicht möglich, all die Proleten namentlich anzuführen, die nicht nur nicht schwankend wurden, sondern einen wahren Heroismus an den Tag legten. Ein Beispiel hierfür: Von der Ortsgruppe Tutzing bei München wurde eine ganze Anzahl Genossen verhaftet, darunter mehrere Jugendgenossen. Wie die meisten Verhafteten wurden auch sie in die Folterkammer geführt und bekamen vorerst „nur“ 10 Schläge mit dem Gummiknüppel auf das Gesäß. Dann wurde der eine gefragt: „Bist du noch für den Kommunismus?“ Worauf der Jugendgenosse antwortete: „Ich müßte eine schwache Gesinnung haben, wenn ich diese wegen der 10 Gummiknüppelschläge verleugnen würde.“ Das reizte natürlich die braunen Mörder, und sie schlugen den Genossen fürchterlich. Wieder die Frage: „Bist’ noch für den Kommunismus?“ „Und wenn ihr mich totschlagt – ich sterbe für den Sowjetstern!“ war seine Antwort. Darauf prügelten die Bestien solange auf dem Körper des Genossen herum, bis ihm das Fleisch in Fetzen vom Gesäß hing. Mit einer dicken Watteauflage wurde der Genosse in die Zelle hineingeschleppt. Als das die anderen Zelleninsassen sahen, steigerte sich noch der Haß bei den Gefangenen. Nur ein älterer Genosse ging in eine Ecke und … weinte …

Ein Dutzend solcher Beispiele könnte ich anführen. Das ist eines der Beispiele des wahren Heldentums der Kommunisten in den Kasematten des „Dritten Reiches“.

Ich war acht Tage im Gefängnis der Polizei, und in dieser Zeit zeigten viele Genossen ihre geschundenen Körper, und jeder glaubte, es müßte den Henkern doch selbst überdrüssig werden, dutzendmal am Tage auf den Leibern von Menschen herumzuschlagen! Aber schon wurde wieder die Zelle 13 aufgerissen, und mit schleifenden Füßen kam der Genosse Horn, ein Funktionär des Einheitsverbandes der Bauarbeiter, in die Zelle. Er brauchte kein Wort zu sagen, es wagte auch keiner zu fragen – es war ja allen klar: er war in der Kammer gewesen. In den Mundwinkeln Blut, der linke Handrücken dick angeschwollen. Er fiel auf die Holzpritsche und stöhnte. Nach einer Weile wurde die Totenstille der Zelle durchbrochen. Horn hatte sich auf den rechten Arm gestützt und aufgerafft, und dann musterte er die anwesenden Insassen. Als er mich sah, dachte er wohl im Augenblick gar nicht mehr an seine eigenen Schmerzen. Er war voller Freude, daß ich noch am Leben war, was die Parteigenossen und die Arbeiter – wie auch er vorher – bezweifelten. Er bat uns, ihm die Jacke auszuziehen, denn er selbst war dazu nicht in der Lage. „Langsam – langsam“, sagte er, denn die Schmerzen waren sichtlich groß. Nun löste er die Hosenträger, ließ die Hose herunter, und – das Hemd war hochgestreift – es war zum Aufschreien: der ganze Körper vom Fußgelenk bis zum Nacken eine blutige Masse. Diese neuen Spuren faschistischer Folterungen zeigten den Genossen, daß ich Recht hatte, als ich sagte: „Wir müssen noch auf viel schlimmere Dinge gefaßt sein – denkt an Bulgarien, an Ungarn, an Polen und Italien.“ Trotz alledem war die Stimmung unter den Gefangenen – mit wenig Ausnahmen – eine gute. Sie wurde nur immer wieder durch neue Scheußlichkeiten der braunen Armee getrübt.

Inzwischen waren zehn Tage vergangen, und mir fiel es auf, daß ich wie einige andere Genossen so lange im Polizeigefängnis verblieb, während doch der größte Teil immer nach einigen Tagen wegkam. Nun war es schließlich gleich, in welchem faschistischen Loch man gefoltert wird. Verschiedene Versuche, mit der Außenwelt in Verbindung zu kommen, blieben ziemlich lange ergebnislos. Wir mußten uns darauf beschränken, durch neu hinzukommende Freunde zu erfahren, was draußen vorging. So war ich einigermaßen überrascht, als mir am 22.April ein etwas älterer SS-Mann, offensichtlich ein Prolet, während der Offenhaltung der Zellentür bei der „Reinigung“ der Zelle mitteilte, daß es der Bande nicht genügte, daß sie mich in ihre bluttriefenden Hände bekommen hat, sondern daß sie auch noch meine Frau ins Gefängnis geworfen haben, wie sie ja auch alle anderen Frauen der führenden Funktionäre verhafteten. Nur solche Frauen konnten damit rechnen, wieder freigelassen zu werden, deren Männer, wie Dressel, Hausmann und andere, ermordet waren. Während sich die ebenfalls verhaftete Frau des Genossen Knödler aus Pasing im Gefängnis Stadelheim erhängte, sitzen alle übrigen Frauen, einschließlich meiner Frau, bis auf den heutigen Tag, und wer weiß, wie lange sie noch sitzen werden.

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1) Organ der KPD Bayerns – d. Red.

Ein neues „Attentat auf Hitler“ ist fällig.

Es gehört zum Terrorprogramm der Hitlerregierung, daß von Zeit zu Zeit ein „Attentatsplan aufgedeckt“ wird. Einmal waren es „drei russische Bolschewisten, die beobachtet wurden, als sie drei Handgranaten an einem Denkmal niederlegten und dann mit einem Auto davonfuhren.“ Dieses Mal – am 23. April – war es der aus Italien gekommene Neffe des indischen Dichters und Nobelpreisträgers Tagore. Er war im Auto des Barons von Vegesack in Kufstein über die Grenze gekommen, verhaftet und nach München ins Polizeigefängnis eingeliefert worden. Man hatte diesen „gefährlichen Burschen“ in der Nacht zum 24. April in unsere Zelle geworfen. Auf unsere Frage, warum er denn als Ausländer verhaftet wurde, konnte er nur sagen, daß er das ebensowenig wisse wie wir. Als wir Insassen der Zelle 13 am 24. April vormittags eine Viertelstunde lang auf dem Korridor einen „Spaziergang“ machen durften, gesellte sich zu dem uns beaufsichtigenden Schutzmann (Polizeibeamter) ein außerordentlich wohlbeleibter und im Gesicht vor Fett glänzender Sturmführer der SS und unterhielt sich mit dem Schutzmann auffällig laut. Als er nun des „Attentäters“ ansichtig wurde, deutete er auf diesen und sagte zu dem Polizisten wörtlich: „Da ist ja das Bürschchen, das auf Hitler ein Attentat geplant hat, aber von Italien rechtzeitig signalisiert wurde. Jetzt wird gerade das beschlagnahmte Auto vollständig zerlegt, und wenn nur das Geringste gefunden wird, wird er sofort erschossen.“ Nun wußten wir und auch Tagore, warum er verhaftet wurde. Wir sahen den Ernst der Lage, in derTagore sich befand, und daß die Gesellschaft zu allem fähig ist, wußten wir auch. Ein Mord mehr oder weniger – danach fragte sie nicht viel. Tagore selbst erwiderte uns nur lachend: „Das ist großer Unsinn!“ Wir aber bangten trotzdem um ihn und waren alle froh, als wir hörten, er mußte nach kurzer Zeit freigelassen werden. Inzwischen hat er sich ja auch schon im Auslande durch einen ausführlichen Bericht in der Presse über seine Erlebnisse im faschistischen Deutschland für die Opfer der faschistischen Machthaber eingesetzt. Er hatte ja auch unsere zerschundenen Körper gesehen.

Ochsenziemer.

Nachdem seit meiner Verhaftung bereits 14 Tage vergangen waren, dachte ich schon nicht mehr daran, daß ich auch einmal dabei sein könnte, wenn der Gefängnisaufseher unter der Zellentür stand und die Namen derjenigen Gefangenen aufrief, welche abtransportiert wurden. So war ich ganz überrascht, als am 25. April vormittags unter anderen auch mein Name mit der Bemerkung: „Handtuch abgeben, alles mitnehmen“, aufgerufen wurde. Unten im Aufnahmeraum des Gefängnisses wurden uns die bei der Einlieferung abgenommenen Sachen – mit Ausnahme von Messer oder Stock – wieder ausgehändigt, und wir mußten dann hinter einen aus dicken Rundeisen bestehenden Käfig treten.

Nachdem alle abgefertigt waren – es mögen zehn oder zwölf Genossen gewesen sein – erschien ein so genannter Kriminalbeamter mit einem großen Hakenkreuzplatschari am Aufschlag des Jackets. Nach nochmaligem Namensaufruf erklärte er: „Sie kommen jetzt nach Dachau und mache Sie darauf aufmerksam, daß auch nur beim geringsten Fluchtversuch rücksichtslos geschossen wird. Außerdem ist auch im Wagen das Rauchen und das Sprechen mit anderen Gefangenen verboten.“

Inzwischen hatten sich eine ganze Anzahl SS-Leute, mit Karabinern bewaffnet, aufgestellt, durch deren Reihen wir dann zum Auto geführt wurden. Im Wagen saßen bereits eine Anzahl Schutzhäftlinge, die schon längere Zeit im Gefängnis Stadelheim verbracht hatten, darunter eine Anzahl kommunistischer Funktionäre. Außerdem waren da der Major Hunglinger und – wie sich in Dachau dann herausstellte – noch sechs „zweifelhafte“ Gestalten, von denen jeder schon selber eine Banditenuniform getragen hatte. Nach 20 bis 25 Minuten Fahrzeit hatten wir das Lager erreicht, auf das wir schon von weitem durch ein Labyrinth von Stacheldrahtverhau aufmerksam wurden. Vor dem Verwaltungsgebäude stand schon eine ganze Horde SA- und SS-Männer, die zum größten Teil nicht nur ihre Langlaufpistolen, sondern auch, wie der Kommandant des Lagers, 60 bis 70 cm lange Ochsenziemer in ihren mit Arbeiterblut befleckten Händen hielten. Noch nicht die Hälfte hatte das Auto verlassen, da erhob sich schon ein Gebrüll, weil die Leute noch nicht in „Front zu zwei Gliedern“ vor den braunen Söldnern angetreten waren. Ich stand im zweiten Glied in der sechsten Reihe, was dem ebenfalls und nur meinetwegen mitgekommenen SS-„Helden“, der mir im Polizeipräsidium den Kopf unter seinen Arm geklemmt hatte, als ich in der Folterkammer geprügelt wurde, nicht paßte. Er forderte mich auf, mich als rechter Flügelmann aufzustellen. Während dieses Platzwechsels hatte schon der Namensaufruf begonnen. Der Aufruf erfolgte durch den Leiter der Abteilung „Arbeitsverteilung“ von einer Liste, die dem Transportleiter von der politischen Polizei mitgegeben war und neben den Namen auch eine „Charakterisierung“ des Betreffenden, der aufgerufen wurde, enthielt. Jeder Aufgerufene mußte mit „hier“ antworten, wobei er eine „militärische Haltung“ anzunehmen hatte. Den Namen Beimler hat der Kerl mindestens acht- bis zehnmal aufgerufen, weil ich nicht laut genug „hier“ geantwortet habe. Nebenbei machten andere höhnische Bemerkungen: „Dem bringen wir’s schon noch bei!“ – „Der bezahlte Agent Moskaus wird’s noch lernen“ und andere mehr. Nach Verlesung aller 25 Namen mußten sich außer mir auch noch der Major Hunglinger und die erwähnten sechs „zweifelhaften Gestalten“ in einem Abstand von den übrigen Gefangenen, meistens Kommunisten, aufstellen. „Sind auch Juden dabei? Ebenfalls rechts raus! Auch Juden, die nachträglich getauft sind!“ schrie ein noch ganz jugendlicher „Held“ und musterte die linksstehende Gruppe. Zwei jüngere Leute, anscheinend Studenten oder Kaufleute, meldeten sich und schlossen sich unserer Gruppe an.

„Herzlich willkommen in Dachau!“

Während der Fahrt fiel mir schon auf, daß die „Lebendige Zange“, die mir im Polizeipräsidium den Kopf eingeklemmt hatte, während die anderen auf mich einschlugen, eine Rolle in der Hand hatte, auf welche er die im Transportwagen sitzenden drei Schupobeamten mehrmals aufmerksam machte und die er auch noch in der Hand hatte, als er mich aufforderte, mich an den rechten Flügel zu stellen. Nun sollte ich auch erfahren, was für eine Bewandtnis es mit dieser Rolle hatte, als er diese aufrollte und mir mit dem schon angebrachten Band an die Brust hing. Es war ein Plakat mit der Aufschrift „Herzlich willkommen“. Dann nahm der Kommandant des Lagers (seinen Namen konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen 1)), ein typischer Fememörder von der Sorte der Liebknecht- und Luxemburg-Mörder, das Wort und erklärte, auf die am rechten Flügel stehende Gruppe zeigend: „Diese Schweinehunde kommen gleich zum Verschub (gemeint ist Verprügeln); das sind die bezahlten Säue und Verräter; außerdem in ‚drei‘ (womit die Stufe drei gemeint ist). Das da sind, glaube ich, lauter Proleten, die sind von dem da – auf mich zeigend – verführt worden; die tun wir in Stufe zwei; außerdem kann jeder von ihnen von seinem mitgebrachten Geld fünf Mark behalten. Diese anderen Schweine bekommen keinen Pfennig.“

„Links um!“ war das nächste Kommando, und wir marschierten in zwei Gliedern durch das Lager an den Gefangenen vorbei, von denen ein großer Teil mit Straßenbau beschäftigt war. Andere standen auf den Dächern und bestrichen diese mit Teer. Etwa 25 Mann, von denen ich die meisten als ehemalige Funktionäre erkannte, mußten die schwere Straßenwalze ziehen, die in der „Münchener Illustrierten Zeitung“ Nr. 28 vom 16. Juli 1933 abgebildet und von der gekauften Journaille als „Wahrheit über Dachau“, als „Gegenbeweis“ für den in der Hölle von Dachau verübten Mordterror veröffentlicht wurde. Der frühere niederbayrische Reichstagsabgeordnete Michl Höllertseder war mit der Ausmauerung eines Abwasserkanals beschäftigt. Er war sichtlich erschrocken, als er mich mit dem umgehängten Plakat sah. Er hat wohl geahnt, daß man mit mir nichts Gutes vorhatte.

In einer größeren Halle, in der ein paar Regale und einige Tische standen, mußten wir unsere Sachen aus den Taschen nehmen und auf den Tisch legen. Wieder hatte ich dem anwesenden SS-Banditen Steinbrenner – von dem ich immer sage, daß auf ihn der Name Mordbrenner besser zutreffen würde, denn er ist der Mörder und Peiniger aller in Dachau ermordeten Gefangenen 2) – nicht schnell genug meine Sachen auf den Tisch gelegt. Bei Durchsuchung der Taschen hat er dann noch in einer kleinen Seitentasche des Jacketts einen kleinen Bleistift gefunden, und schon fing er zu schreien an: „Herr Kommandant! Herr Kommandant! Der Kerl da hat den Befehl, alles auf den Tisch zu legen, nicht ausgeführt; er wollte schmuggeln.“ Und zeigte dabei den kleinen bei mir gefundenen Bleistift. „14 Tage strengen Arrest!“ war die prompte Antwort des Kommandanten. Das war natürlich der billige Vorwand, denn schon nach einigen Minuten händigte man mir nicht nur diesen Bleistift, sondern auch Federhalter, Briefpapier, Notizblock usw. aus. Man brauchte einen Vorwand, und mochte er an den Haaren herbeigezogen sein, um mich von vornherein von den anderen Genossen im Lager zu isolieren. Das Urteil über mich war schon gefällt, als ich noch gar nicht in Dachau, sondern noch in Polizeihaft war. Für die braunen Henker war schon klar, daß ich, wie sie selbst in den folgenden Tagen dutzendmal ganz offen zu mir sagten, das Lager nicht mehr lebendig verlassen werde. Der Polizeimajor Hunglinger und ich wurden sofort abgeführt. Schon auf dem Wege zur Arrestbaracke schlug mich der Steinbrenner mit dem Ochsenfiesel vor den Augen einiger hundert in der Nähe an einer Gartenanlage arbeitender Gefangener mehrmals über Kopf und Ohren. Dann rief er den Genossen zu: „Da schaut her, euren Beimler haben wir, der euch verführt und verhetzt hat“ und schlug mich wieder über den Kopf. Da die Eingangstür, auf der mit Kreide das Wort „Wache“ geschrieben war, abgesperrt und der Verwalter, der die Schlüssel verwahrte, mit den anderen eingelieferten Gefangenen beschäftigt war, mußten wir noch vor der Baracke warten. Diese Gelegenheit benützte der „Kopfhalter“, der dauernd hinter dem Mordbrenner lief und auf ihn einredete – von wegen „dem Hetzer Beimler“ – und den der Gedanke nicht ruhen ließ, daß ich daran festhielt, als Reichstagsabgeordneter gewählt zu sein, um mich wieder zu fragen, ob ich mir immer noch einbilde, Mitglied des Reichstags zu sein. Ich antwortete ihm, daß Einbildung ein bürgerlicher Begriff ist und für uns Kommunisten nicht existiert. Dann wandte er sich an den neben ihm stehenden Hunglinger:

„Und du, Verräter? du Sau, du Lump, jetzt sind wir dir drauf gekommen, daß du uns bespitzelt hast und von der Polizei dafür bezahlt worden bist. Und wie hast du unsere SA-Männer in der Führerschule geschliffen und schikaniert.“

Er redete sich dabei in Wut und versetzte dem H. ein paar Schläge ins Gesicht. In der Zwischenzeit war der Verwalter mit den Schlüsseln gekommen und sperrte die Tür zur Wache auf. In wenigen Sekunden war ich in der sogenannten Arrestzelle Nummer 3, Hunglinger in Nummer 1.

Kaum hatte ich die Zelle betreten, da mußte ich feststellen, daß ich nicht etwa in einer Gefängniszelle, sondern in einem ehemaligen Abort eingesperrt war. Die beiden offenstehenden Abflußrohre und die noch vorhandenen Wasserleitungsrohre für die Spülung (es war ein Doppelabort) bestätigten das. Später konnte ich mich davon überzeugen, daß sich in der Baracke in einer Front acht solche Zellen aneinander reihten, die während des Krieges 3), als die Pulverfabrik – das jetzige Konzentrationslager – Hochkonjunktur hatte, von den dort beschäftigten Arbeitern und Angestellten als Aborte und Waschräume benutzt worden waren. Der aus den offenen Abflußrohren aufsteigende Dunst lenkte mein Augenmerk auf Lüftungsmöglichkeiten, über die ich mir sofort im klaren war, als ich das kleine und wie in einer Gefängniszelle sehr hochliegende, von außen mit Rundeisenstäben vergitterte „Fenster“ sah. 45 cm im Quadrat wird die richtige Schätzung der Fenstergröße sein.

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1) Wäckerle – d. Red. 

2) Steinbrenner wurde nach dem Kriege von einem amerikanischen Militärgericht zum Tode verurteilt – d. Red. 

3) Gemeint ist der erste Weltkrieg – d. Red.
„Der Strick steht Ihnen zur Verfügung“.

Vierzehn Tage strengen Arrest, dachte ich mir, das kann ja „recht“ werden. Während ich so auf der Kante der primitiv zusammengezimmerten und das einzige Inventar bildenden Holzpritsche sitzend über mein weiteres Schicksal nachdachte, wurde die Tür meiner Zelle aufgestoßen und drei SS-Männer mit den Händen auf den Rücken, an der Spitze Steinbrenner, traten ein mit den Worten: „Jetzt haben wir dich, Hetzer, du Landesverräter, du Arbeiterverräter, du Bolschewistensau, du Bonze.“

Steinbrenner schlägt mich dabei einige Male über den Kopf und die Schultern. Nachdem er sich mit dieser Prozedur genügend in Wut geredet hatte, brüllt er mich an: „Zieh deine Jacke aus! Laß die Hose runter!“ Und auf die Holzpritsche zeigend: „Leg dich ‘nüber!“

Da ich der Aufforderung nicht gleich nachkam, packte er mich mit der rechten Hand am Nacken und warf mich über die Kante der Pritsche. Währenddessen hatten sich die anderen beiden auf der rechten Seite aufgestellt, und nun schlugen die Hunde wieder solange auf mir herum, bis ich mich nicht mehr rührte. „Wir helfen dir schon für deine Hetzereien, steh auf!“ Kaum war ich aufgestanden, schlug er mich mit seinem Ochsenfiesel, von dem schon ganze Fetzen weghingen, noch ein paarmal über die Schulter. Dann stieß er mich in die Ecke und fragte mich: „Willst du jetzt zugeben, daß du die Arbeiter verraten hast?“

Ich antwortete ihm: „Wenn ich jetzt vielleicht aus Angst vor weiteren Schlägen zugeben würde, daß ich die Arbeiter verraten habe, dann wär’ ich nur wert, auf der Stelle erschlagen zu werden.“

Ich glaubte, nun wird eine neue Prügelei losgehen, doch sie ließen von mir ab. In wenigen Minuten hörte ich schon das Schlagen und Schreien in einer anderen Zelle. Es war Hunglinger, auf den sie anscheinend eine besondere Wut hatten. Er war, wie er selbst sagte, seit 1920 Mitglied der NSDAP und spielte auf der Führerschule der Nazis in München eine große Rolle. Er hatte sozusagen das „Vertrauen des Führers“. Als die Nazis am 10. März die Polizeiakten nach der Machtübernahme in Bayern in ihre Hände bekamen, soll sich angeblich herausgestellt haben, daß Hunglinger während seiner Tätigkeit in der Hitlerpartei der politischen Polizei Berichte lieferte. War er doch selber Polizeimajor. Jedenfalls haben sie ihn fürchterlich geschlagen, denn noch lange, nachdem die „Helden“ den Raum verlassen hatten, hörte ich das Stöhnen. Eine halbe Stunde mag vergangen sein, und schon wieder geht die Türe auf. Der Verwalter Vogel, der „Verantwortliche“ für das, was in der Baracke, in der die Zellen sind, vorgeht, steht vor mir.

„Haben Sie eine Bitte, einen Wunsch oder eine Beschwerde?“ war seine an mich gerichtete Frage. Mein Haß und mein Abscheu vor der Mörderbande war zu groß, als daß ich mich dazu erniedrigt hätte, eine Bitte oder einen Wunsch zu äußern. Eine Beschwerde? Ich hatte keine Lust, mich verhöhnen zu lassen. „Keines von den dreien“, war meine Antwort. Nun überreichte er mir einen zwei Meter langen Kälberstrick von der Stärke eines Fingers und forderte mich auf, denselben am kleinen Wasserleitungshahn aufzuhängen. Nach kurzer Überlegung nahm ich den Strick in die Hand und – überlegte wieder. „Ja, ja“, sagte er, „steigen Sie nur auf das Bett und hängen Sie den Strick an den Hahn …“

Ich stieg auf die Holzpritsche und hängte den Strick mit der am dickeren Ende eingeflochtenen Öse an den Hahn. Nachdem ich wieder heruntergestiegen war, gab er mir folgende Weisung: „Wenn in Zukunft wieder jemand die Zelle betritt, haben Sie eine militärische Haltung einzunehmen und zu sagen: ‚Der Schutzhaftgefangene Beimler meldet sich zur Stelle‘, und“ – auf den Strick zeigend – „sollten Sie irgendwelche Zweifel bekommen, dann steht er Ihnen zur Verfügung.“

„Ich will dir behilflich sein“.

Schon während meiner Polizeihaft hatte ich erfahren, daß sich der Genosse Sepp Götz (langjähriger Parteisekretär) schon seit mehreren Wochen im Konzentrationslager befindet und über ihn vor mehreren Tagen „wegen Aufwiegelung des Lagers unbeschränkter strenger Arrest“ verhängt worden war. Da ich annahm, daß er sich dann auch in einem solchen Dreckloch wie ich befinden wird, klopfte ich einige Male an die Wand. Als ich darauf keine Antwort bekam, versuchte ich es mit Rufen. Als er mir dann tatsächlich auf mein Rufen Antwort gab, konnte ich feststellen, daß er neben mir in Zelle 2 lag. Auf mein Fragen, wie es ihm gehe, antwortete er: „Weißt du, hier ist es schlimm.“ „Hast es gehört“, fragte ich ihn, „wie sie mich geschlagen haben?“ Worauf er mir antwortete: „Ja, ja, das war aber noch nicht das Schlimmste. Mach’ dich nur auf die Nacht gefaßt.“

Ich gestehe, daß ich bei dieser Verheißung erschrak. Was soll denn da noch Schlimmeres kommen, als das, was ich bis jetzt schon zu verspüren bekommen habe? Nachdem er mir noch bestätigt hatte, daß die Zeit der Arrestdauer für ihn nicht begrenzt ist, unterbrachen wir unsere Unterhaltung. Hunglinger hatte an die Tür seiner Zelle geklopft (Glocke gab es nicht). Ich hörte, wie H. bat, austreten zu dürfen. Als er vom Austreten zurückkam, hörte ich, wie er zum Verwalter Vogel sagte, nachdem letzterer gefragt hatte, was ihm fehle: „Geben Sie mir doch einen Revolver, ich will mich erschießen, ich kann ja die Prügelei nicht aushalten.“ „Revolver gibt es bei uns nicht“, antwortete ihm Vogel, „außerdem bist du keine Kugel wert; du hättest früher daran denken müssen, daß du eine Familie hast, und uns nicht verraten sollen. Trotzdem aber will ich dir behilflich sein.“ Und er brachte ihm ebenfalls einen Strick.

Aushalten – mag kommen was will!

Was wird die Nacht wohl bringen, dachte ich und konnte fürs erste nicht glauben, daß es noch schlimmer werden kann. Das Schlimmere kann im äußersten Falle nur der Mord sein, dem ich ins Auge sehen will, und so warte ich nun der Dinge, die da kommen sollen. Auf jeden Fall hatte ich mir in den Kopf gesetzt, daß der Strick für mich nicht in Frage kommt. Ich kannte die Stimmung der Arbeiter und noch besser die meiner Parteigenossen. „Freiwillig“ Hand an sich legen, das bedeutet in den Augen der Arbeiter ein Zurückweichen vor den unvermeidlichen Konsequenzen, die sich aus der Tätigkeit eines Revolutionärs ergeben. Es heißt also: aushalten, mag kommen was will! Die Nacht kam langsam heran, und als es gegen neun Uhr geworden war, da wurde es in der Baracke vor den Zellen statt ruhiger immer lebendiger, lauter und unruhiger. „Mach dich gefaßt!“ dachte ich, als ich die Schlüssel klirren hörte und den hohlen, gräßlichen Ton der Schritte mit den Langschäftern. Sie waren vorbeigegangen, und nach wenigen Minuten hörte ich den Major Hunglinger fürchterlich schreien. An der Zahl der Schläge, wie sie immer zugleich verabfolgt wurden, war mir schon bewußt, daß sich dieses Mal mehr als drei an der Folter beteiligten. Ja, hören denn die nicht mehr auf, dachte ich, und sie hörten und hörten nicht auf. Einige Mal wurde die Schlägerei unterbrochen, und es waren nur ganz dumpfe Stöße zu hören. Wie ich ja dann selbst erfahren konnte, kamen sie daher, weil die Peiniger die Ochsenziemer umkehrten und mit den dicken Knorpeln dreinschlugen. Die Schreie wurden immer schlimmer und waren zuletzt nur noch ein Röcheln. Die Schlägerei hatte aufgehört, und schon wurde die Zelle des Genossen Götz aufgesperrt. Und wieder das Gleiche. Sie scheinen immer noch mehr „Mut“ bekommen zu haben.

Sie schlugen und schlugen.

Wie mir in der Nacht der Genosse Götz sagte, war er schon den sechsten Tag in der Zelle und hatte jeden Tag die gleiche Tortur durchgemacht. Nun kam die Reihe an mich. Die Zelle wurde aufgerissen und sechs Banditen, an der Spitze der Mörder Steinbrenner, drängten sich in meine Zelle. Ihre schwarzen französischen Käppis hatten sie bis in den Nacken zurückgeschoben und die nassen, ins Gesicht, besser gesagt in die Fratze hängenden Haare bewiesen mir, daß sie sich „warm“ geprügelt hatten.

„Leg dich ‘nüber, los!“

„Leg dich ‘nüber, los!“ war die Aufforderung des Steinbrenner. „Komm, komm!“ schrie er schon gleich im Anschluß, und nun sollte ich bestätigt bekommen, was Götz am Tage zu mir gesagt hatte. Es war wirklich schlimmer, ja dreifach schlimmer als das, was ich bis zu dieser Schlägerei am eigenen Leib verspürt habe.

Während zwei von der linken und zwei von der rechten Seite her auf mich einschlugen, sekundierten die anderen „Unbeschäftigten“ mit einer Reihe von Zwischenrufen, wie „Rot Front!“ – „Heil Moskau!“ – „Hoch Thälmann!“ – „Hoch die Weltrevolution!“ und andere mehr. Wenn ich mich vor Schmerzen krümmte und auf die Seite wälzte, schlugen sie solange auf Arme und Beine, bis ich mich wieder auf den Bauch wälzte. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, daß jede von den Bestien mindestens 40 bis 50 Schläge geführt hat. Das war ihnen nicht genug. Nun mußte ich erst die linke und dann die rechte Hand wie ein Schüler dem Lehrer hinhalten, damit sie mir mit dem Ochsenziemer auf jede Hand je zehnmal auf die Fingerspitzen schlagen konnten. Darauf ebensooft auf den Handrücken. Die Finger und Handrücken waren so aufgeschwollen, daß ich tagelang kaum etwas anfassen konnte. Als sie endlich die Zelle verließen, und ich glaubte, daß nun Ruhe eintreten würde, konnte ich mich bald überzeugen, daß ich mich wieder getäuscht hatte. Sie hatten sich inzwischen eine Anzahl Juden aus dem Lager geholt und verprügelten einen nach dem anderen in der „leeren“ Zelle neben mir. Als so um zehn Uhr nachts endlich „Ruhe“ eingetreten war, versuchte ich mich hinzulegen. Von Schlafen war keine Rede, denn ich wußte ja nicht, wohin ich meinen zerschlagenen Körper legen sollte.

Der Strick immer noch unbenutzt?“

Der andere Tag begann mit Stoßen und Beschimpfen. Steinbren­ner, der Mörder, hatte erst seine Genugtuung, wenn er mindestens ein paar Schimpfworte in die Zelle schreien konnte, meistens gingen ein paar Schläge voraus. Am Tage der Einlieferung brachten sie mir schon eine Schüssel mit Löffel und Messer, aber weder Wasser noch Brot. Man gab mir Seife und Handtuch, aber kein Wasser zum Waschen. Gegen elf Uhr wurde es wieder lebendig vor der Tür, und man mußte wieder auf Prügel gefaßt sein. Doch sie kamen nicht zu mir, sondern zu Hunglinger. Aufs neue eine wüste Schlägerei. Es war einfach entsetzlich, jeden Schlag mitanzuhören. „Der reicht“, sagte einer, als sie sich vor den Zellen unterhielten und lachten. Ich war auch überzeugt, daß es „gereicht“ hat.

Schon am Nachmittag kam die „Kommission“, bestehend aus dem Bezirksarzt, einem Gerichtsschreiber und den zwei Gendarmen von Dachau, um die Todesursache des Majors Hunglinger festzustellen, denn er hatte sich erhängt. Anscheinend hatte die Kommission sogar den Mut zu fragen, woher denn H. den Strick hatte, denn schon kurz nach Weggang der Kommission kam Steinbrenner, der Mörder, in meine Zelle, und ich mußte „meinen“ Strick von dem Wasserleitungsrohr herunternehmen und am Gitter des Fensters festmachen, die Holzpritsche aufstellen und mit dem anderen Ende des Strickes festbinden, damit, wie er ironisch bemerkte, „die Bettstelle nicht umfällt“. Ich bin überzeugt, daß man der Kommission gesagt hat, daß der von Hunglinger benützte Strick dem gleichen Zweck dienen sollte. Andererseits sollte natürlich der Strick auch in meiner Zelle bleiben, im Falle ich doch „irgendwelche Zweifel“ bekommen sollte. Jetzt waren nur noch ich und Sepp Götz im Arrest, um so mehr hatten wir auszuhalten. Frühmorgens schon ging es los. Hatte ich bei der Meldung nicht ganz genau „die Finger lang“ genommen, dann wurde mir das durch Schlagen auf die Finger beigebracht. Zehn-, fünfzehnmal wurde die Zelle am Tage aufgerissen.

„Der Strick ist immer noch unbenutzt?“ „Bin nur neugierig, wie lange du dich noch zur Stelle meldest“ „Du bist doch eine ganz feige Sau; wenn du einen Charakter hättest, dann hättest du auch den Mut, Schluß zu machen“.

Diese und eine Fülle anderer Gemeinheiten hatte ich jeden Tag ein paarmal zu hören. So vergingen vier Tage, jeden Tag das gleiche.

Am Abend des vierten Tages kam, wie auch die vorhergegangenen Tage, der „Sturmführer“ und fragte mich im Tone, den man gewöhnt ist, wenn sich Freunde gegenseitig erkundigen, wie es geht: „Na, Beimler, wie geht’s? Hast’ eine Beschwerde oder einen Wunsch?“ Beschwerde beim Führer der Foltergruppe hieße den Teufel bei seiner Großmutter verklagen. „Einen Wunsch hätte ich“, gab ich ihm zur Antwort. „Ja, was wünschst du?“

„Ich bin nun schon vier Tage da und habe bis zur Stunde weder Wasser noch Brot bekommen. Ich weiß nicht, ob hier mit der Durchführung der Anordnung ‚strenger Arrest‘ auch vollkommener Kostentzug verbunden ist. Außerdem habe ich noch keine Möglichkeit gehabt, mich zu waschen.“

„Jaa!! Bekommt denn der nichts zu essen?“ fragte er den Mörder Steinbrenner. „Ja, heute bekommt er etwas“, war dessen Antwort. Kurz darauf bekam ich eine Scheibe Schwarzwurst und ein Stück Brot und eine Schüssel warmen Tee. Auch dem Genossen Götz gab man gnädigerweise dasselbe. Ich nehme vorweg: der Tee war das erste und das letzte warme Essen, was ich in den 14 Tagen in Dachau bekommen habe.

Meine Erkrankung.

Am fünften Tag beziehungsweise schon in der vorausgegangenen Nacht hatte ich heftige Bauchschmerzen bekommen und überlegte, ob ich mich krank melden solle. Ich dachte, es hat ja doch keinen Zweck, die Bande hat höchstens Freude daran, wenn ich sage, daß ich krank bin. Als dann die Tür aufgemacht wurde und statt der Bestie Steinbrenner „sein Kollege“ namens Marx vor mir stand, – die Wut packte mich immer, wenn ich an seinen Namen dachte, als ob das eine Ergänzung zur Folter wäre! – fragte ich ihn, ob es im Lager auch einen Arzt gibt. Nachdem er das bejahte, wünschte ich, diesem vorgestellt zu werden. „Ja, ist gut“, sagte er, und nachdem ich mich sogar, und zwar zum erstenmal, waschen konnte, verschwand er wieder. Die Schmerzen wurden immer heftiger, aber von einem Arzt war nichts zu sehen und nichts zu hören. Erst gegen elf Uhr vormittags kam Steinbrenner und ein anderer Gefangener. Ich mußte mich ausziehen, auf die Holzpritsche legen, worauf der mitgekommene Gefangene mich untersuchte.

Ich wurde in das am anderen Ende der gleichen Baracke gelegene Krankenrevier geführt. Nach nochmaliger Untersuchung meinte der Gefangene, von dem ich annahm, daß er irgendeine Hilfskraft des Arztes sei und der letztere erst noch kommen wird, das Fieber sei im Ansteigen und es bestehe die Gefahr einer Blinddarmentzündung. Auf Grund dieser Diagnose wurde die Sanitätskolonne angerufen und ein Auto bestellt. Jetzt erst erfuhr ich von einem Genossen, der im Revier war, daß der Gefangene, der mich untersucht hat, niemand anders war, als Genosse Dr. Katz aus Nürnberg, der, weil er Jude ist, in Schutzhaft genommen wurde, und nun seine „Praxis“ im Lager ausübt. Im Revier selbst lagerte eine Anzahl Gefangener, von denen die meisten so schwer gefoltert worden waren, daß sie in die Krankenabteilung aufgenommen werden mußten, darunter der Landtagsabgeordnete Genosse Fritz Schaper aus Nürnberg und ein junger jüdischer Kaufmann, der sich in der Zelle an den Strick gehängt hat, den ihm der Verwalter Vogel überreicht hatte, „falls er Zweifel bekommen sollte“. Die Bande hat den Jungen vorher fürchterlich geschlagen und dann beobachtet, was er macht. Tatsächlich hatte er sich aufgehängt und wurde noch rechtzeitig „entdeckt“. Damit wollten sie die Öffentlichkeit täuschen, als ob sie gar kein Interesse hätten, daß im Lager ein Gefangener Selbstmord begeht.

Gegen 12 Uhr mittags waren die Sanitäter mit dem Auto gekommen, und man brachte mich in Begleitung eines Sanitäters der Schupo nach München in das Krankenhaus links der Isar. Ich hatte wenig Hoffnung, daß ich dort eine richtige Behandlung erfahren würde, als ich sah, daß jeder der vier Ärzte, die mich untersuchten, das Symbol des Arbeitermordes am Aufschlag seines weißen Mantels trug. Es wurde angeordnet, mich zur Beobachtung in ein „Separatzimmer“ zu bringen, vor dessen Fenster von außen ein schweres Eisengitter angebracht war. Schon nach wenigen Minuten erschienen zwei von der politischen Abteilung abkommandierte SS-Männer, die sich im Zimmer vor mein Bett setzten und die Aufgabe hatten, mich zu bewachen. Die Anweisungen des Arztes, „Heißluft-Umschläge, Einlaufe, Rizinusöl“, und Einhaltung der angeordneten Diät wurden von einem Krankenpfleger besorgt.

Am 1. Mai nachmittags ein Uhr erschienen plötzlich zwei junge Leute in Zivil, das Hakenkreuz angesteckt, und gingen sichtlich nervös ein paarmal im Zimmer auf und ab, ohne etwas zu sagen. Die beiden SS-Leute waren auffälligerweise hinausgegangen. Während ich mir diesen sonderbaren Besuch betrachtete und überlegte, was da los ist, fing der eine von den beiden an: „Also, Beimler, stehen Sie auf und ziehen Sie sich an. Sie kommen jetzt wieder nach Stadelheim in die Krankenabteilung.“

Ich erwiderte, daß ich mich erstens gar nicht anziehen kann, weil ich ja gar keine Kleider habe und zweitens auch nicht gehen kann, worauf er meinte: „Ihre Kleider werden gleich gebracht, und gehen brauchen Sie ja nur bis zum Auto, wir haben einen Personenwagen und bringen Sie damit bis nach Stadelheim.“ Unwillkürlich schreckte ich zusammen, als er mir das Vorstehende darlegte. Gefangenentransport mit Personenauto, das kann nichts Gutes sein, und ich dachte dabei an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die beiden hat man auch mit Personenwagen vom Edenhotel „abgeholt“…

„Nein, ich kann nicht gehen“, antwortete ich ihm und dachte mir, du läßt es schon darauf ankommen. Währenddessen kam der Krankenwärter, um das Thermometer von mir wegzunehmen. „Kann der nicht gehen?“ fragte der eine den Krankenwärter. „Nein, der kann nicht gehen“, war seine Antwort. Ihm hatte ich doch alles erzählt und auch gezeigt, wie sie meinen Körper zugerichtet hatten. Er wußte, daß mich bei der Einlieferung in die Polizei ein Bandit mit der Stiefelspitze gegen das Steißbein gestoßen hatte und selbst die sadistischen Ärzte vorhatten, mich am gleichen Tage zu durchleuchten, weil ich nach wie vor große Schmerzen hatte. Teils wütend und teils enttäuscht erwiderte darauf der Faschist: „Dann muß er halt wieder durch die Sanitäter transportiert werden.“

Beide verließen dann das Zimmer, und schon nach kurzer Zeit kamen tatsächlich zwei Sanitäter, legten mich auf die Tragbahre und brachten mich hinunter zum Sanitätswagen. Wie ich hörte, hatten die Sanitäter die Anweisung, mich vorher zum Polizeipräsidium zu bringen. Das Auto hielt dann auch in der „Löwengrube“, vor dem Einfahrtstor zum Polizeigebäude. Während der eine Sanitäter in das Gebäude ging, blieb der andere bei mir sitzen. Es dauerte eine ganze Zeit, bis der erste wieder zurückkam und – zu meiner Überraschung – zwei andere Kriminalbeamte mitbrachte. Die anderen beiden habe ich nach dem Krankenhausweg nicht mehr gesehen.

In Stadelheim brachte man mich nicht etwa in die Krankenabteilung, ja nicht einmal in die Abteilung der Schutzhaftgefangenen, sondern warf mich in der Abteilung für Kriminelle in eine Zelle. Meine eigenen Kleider nahmen sie weg und brachten mir eine schwarze Zuchthauskleidung. Nicht einmal mein eigenes Taschentuch durfte ich behalten.

Mein Verlangen, in die Krankenabteilung gebracht zu werden, wurde vom Sanitäter (!!) mit der zynischen Bemerkung abgetan: „Ach, hier ist es ja auch nicht schlecht.“ Am ersten Tage schon rief so ein Kerl durch den sogenannten „Spion“ (das Guckloch) in die Zelle: „Schlagt doch den Hund tot!“

Ich habe auch die feste Überzeugung, daß die anderen beiden Gestalten die Aufgabe übernommen hatten – wenn es gelungen wäre, mich mit dem Personenwagen wegzubringen – auf dem Transport zu ermorden. Die Regie hat nicht gut geklappt. Nach drei Tagen brachten sie mich wieder zum Polizeigefängnis. Kaum hatte ich mich hingesetzt, um an meine Kinder und Schwiegereltern einen Brief zu schreiben, mußte ich schon wieder abbrechen, es ging wieder nach Dachau.

„Vergesst nur den Rahm nicht!“

Zu meiner größten Bestürzung wurden mit dem gleichen Transport die Genossen Fritz Dressel, Landtagsabgeordneter, Max Holy, Bezirkssekretär der Roten Hilfe, und Josef Hirsch, Stadtrat von München, nach Dachau gebracht. Bestürzt war ich deshalb, weil ich ja schon wußte, daß die Mordgesellen von Dachau nicht nur ein Freudengeschrei anstimmen werden, wenn mit einem Schlag vier bekannte Funktionäre in ihre Mörderhände kommen, sondern auch Anlaß nehmen werden, ihre schrecklichen Quälereien aufs neue fortzuführen.

Soweit es überhaupt möglich war, miteinander zu sprechen, verständigten wir uns kurz. Max Holy erzählte mir, daß er bereits in Salzburg gewesen sei, aber dort verhaftet und von der Polizei an die Grenze gebracht und der SA beziehungsweise SS in die Hand gespielt wurde. In München wurde er ins Gewerkschaftshaus geschleppt und fürchterlich geschlagen.

Fritz Dressel und Hirsch wurden zusammen verhaftet und ebenfalls im Gewerkschaftshaus an der Pestalozzistraße mit dem Gummiknüppel auf den nackten Körper geschlagen. Wieder waren es etwa 25 Gefangene, die nach Dachau gebracht wurden. Ich wußte, was es bedeutete, als schon in der Polizei von einem sogenannten Sturmführer eine unglaubliche Hetze unter den SS-Leuten gegen uns entfaltet wurde. „Gebt nur auf den Beimler Obacht“, brüllte er in den Wagen. „Haut ihn nur gleich auf die Schnauze, wenn er sich rührt, der Judenknecht hat in der Zelle die Internationale gesungen.“

„Wo ist denn der Dressel? Der Lump, der hat mir ins Gesicht gespuckt.“

„Vergeßt nur den Rahm nicht, der Lausbub hat einen SS-Mann geschlagen“, geiferte er weiter.

„Deswegen fahren wir ja mit!“ riefen gleich drei im Wagen sitzende Verbrechergestalten in den Mörderuniformen.

Das Transportauto hatte in Dachau kaum gehalten, da rissen die drei mitgefahrenen Bestien den zwanzig Jahre alten Jugendgenossen Rahm aus dem Wagen, schlugen auf ihn ein, bis sie ihn dann buchstäblich in den Dreck traten und mit den Stiefeln auf dem aus Mund und Nase blutenden Genossen herumtrampelten. Der Kommandant stand mit seinem „Stab“ daneben und ließ sich seine Zigarette schmecken.

Holy meinte: „Geht’s da immer so zu?“ – „Ja, Max“, sagte ich, „hier sind wir ausgeliefert.“

Da es an diesem Tage, wie schon die vorhergegangenen, sehr heftig regnete, mußten wir uns in einer Halle aufstellen. Die Stichworte waren schon gegeben, so ordnete der Kommandant gleich an: „Beimler, mein Freund, 14 Tage strengen Arrest. Dressel, damit er keinen SS-Mann mehr anspuckt, 5 Tage, Hirsch, damit er Zeit bekommt, über seine Hetzereien im Stadtrat gegen die nationalsozialistische Fraktion nachzudenken, 3 Tage, Rahm 5 Tage.“

Sofort wurden wir vier abgeführt und nach Durchsuchung in die Folterbaracke gebracht.

Mehrere Tage hatte es stark geregnet; so hatten die Henker eine besondere Freude daran, uns vier durch die größten Dreck- und Wasserlöcher zu jagen; das Wasser stand uns manchmal bis an die Knöchel. Dressel und mich warfen sie in die „alte“ Zelle 3, in der ich schon früher war, bevor ich ins Krankenhaus kam. Götz lag noch immer in Nummer 2, Hirsch in der Zelle 1, in der sich Hunglinger erhängt hatte, und Rahm in Nummer 4. Nach ungefähr einer halben Stunde erschien schon die Schlägerkolonne mit Steinbrenner, dem Mörder, an der Spitze, die Ochsenfiesel schwingend. Mit den Worten: „Was, du Sauhund hast einen SS-Mann angespuckt“, wandte sich Steinbrenner an Dressel und schlug ihn ein paarmal über den Kopf. Als er sich genügend in Wut geschimpft hatte und auch seine Gehilfen Eifer bekamen, mußte sich Dressel vollkommen ausziehen, wurde über die Holzpritsche geworfen und dann in bestialischer Weise von der Fußsohle bis zum Scheitel auf den nackten Körper geschlagen. Ich mußte zusehen, und sie hörten und hörten nicht auf. Jeder Schlag, den sie führten, schmerzte mich mehr, als wenn ich an Dressels Stelle gewesen wäre. Endlich hören sie auf, dachte ich mir, wohl wissend, daß ich jetzt an die Reihe kommen werde.

„Und du, feige Sau, kommst jetzt dran. Wir werden dir schon dein Simulantentum austreiben. Ausziehen!“ Dasselbe wie bei Dressel. Von uns gingen sie weg, und schon nach wenigen Minuten hörten wir den Mörder schreien: „Was, du Rotzlöffel, du Lausbub – du hast einen SS-Mann geschlagen?“ Und wieder das unmenschliche Foltern. Es war einfach nicht zum Anhören, das Platschen der langen Ochsenziemer auf den nackten Körper. Fritz Dressel hielt sich die Ohren zu, ihm gings ebenso. Nun kam Hirsch an die Reihe – ich kann nur sagen: dasselbe, immer dasselbe. Als die Verbrecher ihr Werk getan hatten, kam der Verwalter Vogel und machte Visite. Von uns ging er zu Rahm.

„Warum ist der junge Kerl da?“ fragte er, und Steinbrenner antwortete prompt: „Der hat einen SS-Mann geschlagen.“ Daraufhin fragte Vogel den Genossen Rahm, warum er den SS-Mann geschlagen habe. Wir hörten das alles sehr gut. Der Genosse erzählte, daß er gestern von der SS in der Polizei geschlagen worden wäre und er mit den Füßen gestoßen und dabei einen SS-Mann gestreift habe. Darauf sagte Vogel wörtlich: „Ja, das glaub’ ich schon eher, als daß dieser junge Kerl einen SS-Mann geschlagen hätte. Von Schlagen kann doch da keine Rede sein; ich würde mich genauso wehren, wenn ich geschlagen würde.“ Jetzt, da die Bestien den jungen Genossen so bestialisch gefoltert und seinen Körper so gräßlich zugerichtet hatten, jetzt konnte Rahm zu den Gefangenen ins Lager gehen.

Durch die „Amnestierung“ Rahms wurde die Zelle frei. Dressel kam hinein.

„Die besonderen Exemplare der bolschewistischen Schweine“.

Wer im Glauben war, daß die Mörderbande für diesen Tag genug Quälereien vollbracht habe – die Raubtiere suchten ihre Opfer wieder auf. Bei Hirsch fing es an – von Hirsch raus – zu Götz rein; von Götz raus – zu mir rein; – Fritz Dressel als letzter. Immer die gleiche Folter.

Am anderen Tag „Visiten durch den Kommandanten“. Ohne ihn zu sehen, wußte ich, daß er es war. Da hörte ich, nachdem er bei Hirsch gewesen war, vor der Tür des Genossen Götz: „Da drin ist der Aufwiegler Götz, ein Verbrecher ersten Ranges.“

Vor meiner Tür: „Da drin haben wir ein besonderes Exemplar der bolschewistischen Schweine.“

Die Tür wird aufgesperrt, vor der Zelle steht außer dem Kommandanten ein ganzer Schwarm der sogenannten „Führer“-Auslese. Nach einer Anzahl Bemerkungen und sichtlicher Freude wurde Dressel „besucht“. Solche Besuche kamen natürlich jeden Tag. Wenn so eine „Leuchte“ der braunen Mörder- und Brandstifterarmee „zufällig“ nach Dachau kam, dann wurden wir immer vorgestellt. Wir waren in dieser Hölle die Hau- und Schauobjekte.

Am nächsten Nachmittag hörte ich auf einmal, wie draußen einer brüllt: „Wo ist denn der Dressel?“ Schon klirrte der Schlüsselbund, und die Schlägerei setzte ein. Ich hörte immer wieder dazwischen schreien: „Spuckst du mich nochmal an?“ Daraus konnte ich entnehmen, daß es der SS-Mann war, der angeblich von Dressel angespuckt worden war. Als er genug hatte, hörte ich, wie die Schlägerkolonne dauernd auf ihn einredete: „Zum Beimler gehst auch rein.“ „Ich will die Sau gar nicht sehen“, gab er zur Antwort; aber sie ließen nicht locker, bis er sich doch überreden ließ.

„Aufgehängt wirst du …“

Die Tür ging auf, und der dickbäuchige Schreier trat ein, der beim Abtransport von der Polizei nach Dachau in den Wagen gerufen hatte: „Haut dem Beimler auf die Schnauze, wenn er sich rührt.“

Ich ahnte nicht, daß der Bandit die „Gelegenheit“ benützen würde, als ich mich in sogenannter „militärischer“ Haltung „zur Stelle“ melde, um mir von der Tür aus mit aller Wucht gegen den Bauch zu springen. Zum soundsovielten Male lag ich in einer Ecke der Zelle.

Da die Holzpritsche aufgerichtet war, veranlaßte er einen SS-Mann, daß er sich bückte. Ich mußte mich dann quer über ihn legen, damit der andere Bandit besser auf mich einschlagen konnte. Kaum daß der sadistische Dickwanst noch Luft bekam, als er zu prügeln aufhörte. Das genügte ihm aber noch nicht. Wieder drückte er mich in die Ecke. Dann ging er zurück bis zur Tür, zog seinen Revolver und legte, den Lauf auf den linken Arm gestützt, auf mich an. Er glaubte wohl, ich werde jetzt zusammenklappen. Doch ich sah ruhig und gefaßt in den Lauf. „Dreh dich um“ – ich stand ebenso gefaßt mit dem Gesicht gegen die Wand. Sein Schießeisen wieder einsteckend ging er auf mich zu und sagte: „Du Sau, du bist gar keine Kugel wert.“ Dann klopfte er auf den oberen Fuß der aufgestellten Holzpritsche und sagte: „Aber aufgehängt wirst du morgen früh um sieben doch; kannst noch beten und einen Brief schreiben.“

Am Abend, wie täglich, die Quälerei. Als sie von Fritz Dressel ‘rauskamen, sagte der Mörder Steinbrenner: „Der hat fünf Tage und muß jeden Tag 25 bekommen.“

Am 5. Mai wurde ich in eine andere Zelle gesperrt, weshalb, wußte ich nicht. Mag sein, weil ich ab und zu auf die Holzpritsche gestiegen bin und zum Fenster hinaussah. Am Tage vorher hatte man schon begonnen, die Fenster von außen mit Brettern zuzunageln. Wir hatten also eine neue Qual: Strengen Arrest bei Wasser und Brot, dunkle Zellen ohne Luftzufuhr, und in der Hauptsache: Prügel – Beschimpfungen – Stöße. So verging ein Tag wie der andere.

Der Mord an Genossen Dressel.

Am Sonntag, dem 7. Mai nachmittags, hörte ich auf einmal rufen: „Ja, wie kommt denn der zu dem Messer?“

Es war klar, daß etwas passiert ist. Um zu sehen oder zu erfahren, was geschehen ist, klopfte ich an die Tür und verlangte, austreten zu dürfen. Da ich mehrmals an die Tür pochen mußte, ahnte ich schon, daß sie mich nicht rauslassen wollen. Endlich kam ich heraus – Entsetzen! Ich zitterte an allen Gliedern. Vor der Tür des Genossen Dressel stand ein Verbandkasten. Als ich wieder aus dem Klosett kam, war der SS-Mann, der mir die Zelle aufgesperrt hatte, verschwunden. Diese Gelegenheit benützte ich und öffnete vorsichtig die nicht verschlossene Tür der Zelle 4. Es war leider wahr, was ich geahnt hatte: auf dem Steinboden eine große Blutlache. In der Zelle war schon ein Nürnberger Genosse damit beschäftigt, das Blut aufzuwischen. „Was ist da los?“ fragte ich den Genossen. Er antwortete: „Der Fritz hat sich aufgeschnitten.“ – „Wo ist er?“ – „Im Revier“, war die Antwort, „er lebt noch.“ Da ich immer noch allein war, verständigte ich durch den „Spion“ (das Guckloch) die Genossen Götz und Hirsch. „Das wird ja immer schlimmer“, meinte ich. Sepp Götz erwiderte: „Nein, das glaub ich nicht. Wirst sehen, es wird jetzt besser. Das ist ja schon der dritte, und so können sie doch nicht weitermachen.“ – „Ich glaub nicht daran, sie machen uns alle kaputt, sie haben dir wie mir gesagt, daß wir da nicht mehr lebendig herauskommen“, konnte ich noch sagen. Dann kam der SS-Mann wieder, der gar nicht mehr wußte, daß er mich rausgelassen hatte, und schloß mich in die Zelle. Ich war noch gar nicht lange in der Zelle, da hörte ich, daß sie Dressel auf Befehl des Kommandanten vom Revier entfernten und … wieder in seine Zelle trugen.

Der Totentanz.

Sonntag nachmittag (7. Mai) war sehr aufregend. Ich selbst merkte, daß mein Körper und meine Nerven in der Widerstandsfähigkeit nachließen. Inzwischen ist es wieder Nacht geworden. Eine sonderbare Ruhe war in der ganzen Baracke. Sie wirkte einerseits sehr wohltuend, andererseits aber dachte ich dauernd an Fritz Dressel. Was passiert nun? Wird er doch am Leben bleiben? Ich konnte es nicht glauben, daß er selbst Hand an sich gelegt hat.

Die Ruhe sollte bald unterbrochen werden, denn die „Wache Steinbrenner“ war nicht nur vollzählig in ihrem Zimmer, sie hatte auch noch Besuch, wie ich durch die von mir mit dem Messer ausgekratzte Spalte zwischen zwei Brettern meines vernagelten Fensters feststellen konnte.

Es waren zwei SA-„Sanitäter“. Ihre Aufgabe war, den Genossen Dressel zu „pflegen“. Den Genossen Dr. Katz, der am Nachmittag dem Genossen den ersten Verband angelegt hatte, ließ die Mörderbande nicht mehr zu Dressel in die Zelle.

Während ich so, auf der Kante der Holzpritsche sitzend, über das, was da noch alles kommen wird, nachdachte, zuckte ich plötzlich mit dem Körper, als hätte mir jemand einen Stich in den Rücken versetzt, ich sprang auf – die Bestien begannen in ihrem Zimmer zu musizieren. An den Tönen unterschied ich eine Zither, eine Gitarre und eine Harmonika.

Es war ein wahnsinniges Schreien, ein wildes Johlen. Sogenannte „Schnadahüpferl“-Lieder wurden gesungen, mit Musik begleitet. Daß sie auch dabei gesoffen haben, hat mich nicht mehr gewundert. Das gehört ja zum geselligen Beisammensein einer solchen Gesellschaft. Mein Gedanke war bloß: was wird Fritz machen? Wie muß ihm das weh tun, wenn er in seinem Zustand als „Abwechslung“ statt durch Schläge durch Musikinstrumente gefoltert wird.

Ich klopfe an die Wand. Rufe den Götz an: „Sepp, hörst sie?“

„Ja, ja, das ist der Totentanz“, gab er mir zurück.

„Wie lange wirst du dich noch zur Stelle melden?“

Während die Gefangenen des Lagers um neun Uhr abends in ihren Baracken sein müssen und Ruhe herrschen muß, tobten sich die Mörder in ihrem Zimmer wie wild aus. Gegen 12 Uhr, da auch für die braunen Banditen der Zeitpunkt zum „Einpassieren“ gesetzt ist, trat  in  der  Mord- und Folterbaracke Stille ein.

Die Aufregung und die Angst um den Genossen Dressel war zu groß, als daß es möglich gewesen wäre, zu schlafen – wie ich mich ja keiner Nacht entsinnen kann, in der ich hätte schlafen können, was mein zerschundener Körper und die Nerven so notwendig gebraucht hätten. So habe ich auch in dieser Nacht vom Sonntag auf Montag auf den harten Brettern der Holzpritsche nur gedöst. Am Morgen, als der Mörder Steinbrenner meine Zelle öffnete, war sein erstes: „Bin neugierig, wie lange du dich noch zur Stelle meldest“, und er versetzte mir zum soundsovielten Male mit Anlauf mit der Faust einen Stoß gegen die Brust, wie immer in die gleiche Stelle, in die Herzgegend. Meine Brust war an dieser Stelle schon sehr stark angeschwollen, und ich hatte beim Atmen heftiges Stechen. Nachdem ich schon am vorhergehenden Tag Vorbereitungen zu meiner Flucht getroffen hatte, dachte ich mir nur: „Warte nur, du Bestie, vielleicht melde ich mich morgen nicht mehr zur Stelle.“

Um zehn Uhr kommt Steinbrenner wieder in die Zelle und erklärt mir: „Ich habe dich jetzt zu einer Vernehmung zu führen und mach’ dich im Beisein eines Zeugen (Walleitner) darauf aufmerksam, daß ich dich sofort niederschießen werde, wenn du auch nur im geringsten den Versuch unternimmst, mit irgendeinem Gefangenen durch Deuten, Grüßen oder gar Reden oder sonstwie in Verbindung zu treten.“

„Ich habe gar keine Veranlassung“, erwiderte ich ihm. Als er sagte: „Nimm deinen Hut mit“, dachte ich, jetzt wird wohl der bekannte „Fluchtversuch“ arrangiert werden. Wozu denn einen Hut, wenn die Vernehmung doch innerhalb des Lagers im Verwaltungsgebäude ist? Jedenfalls war ich darauf gefaßt und bin sehr vorsichtig gegangen. Steinbrenner ging zehn Schritt hinter mir. Im Korridor des Verwaltungsgebäudes standen schon fünf Gefangene, die ebenfalls vernommen werden sollten, darunter der Genosse Ewald Thunig, ein Redakteur der „Neuen Zeitung“, und der Genosse Graf, Geschäftsführer des „Freien Verlags“. Mich führte der Henker gleich in das Zimmer der politischen Polizei, die im Lager eine „Filiale“ aufgemacht hatte. Vernommen sollte ich werden im Auftrage des Oberreichsanwalts wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“.

Während der Vernehmung mischte sich der schwachsinnige Mörder Steinbrenner dauernd ein, wenn ich auf diese oder jene Frage des vernehmenden Beamten die Antwort gab, die ich für angebracht hielt. „Du Saukerl lügst doch, wenn du das Maul aufmachst“ – diese und ähnliche Zwischenrufe kennzeichnen sein Wesen ebenso stark wie seine Bestialitäten an den Gefangenen.

Die Vernehmung war beendet. Man brachte mich wieder in die Zelle zurück. Da ich doch schon eine Reihe Vorbereitungen zu meiner Flucht getroffen hatte – schon in der vorausgegangenen Nacht hatte ich eines der Bretter, die zur Verdunkelung der Zelle von außen vor das Fenster genagelt waren, losgemacht –, hatte ich Angst, daß sie während meiner Vernehmung die Zelle durchsuchen und auf mein Vorhaben aufmerksam werden könnten. Offen gestanden, ich atmete wieder leichter auf, als der Steinbrenner die Tür wieder verschloß. Nichts haben sie bemerkt. Sie hatten eben nur soviel Gehirn, um die größten Brutalitäten und Grausamkeiten an den Gefangenen auszudenken, dann war Schluß.

„Das Messer hast du nicht zum Brotschneiden bekommen“. 

Nachmittags gegen zwei Uhr machte der Kommandant, natürlich in Begleitung des Mörders Steinbrenner, wieder „Visite“. Während Steinbrenner in die Zelle kam, blieb der Kommandant vor der Zellentür stehen, beide Arme in die Hüften und die rechte Schulter gegen den Türrahmen gestützt. In der linken Hand hielt er eine nach rückwärts gerichtete Hundepeitsche. Dann fing er an, das zu wiederholen, was er mir schon öfter mit anderen Worten gesagt hatte: „Na, Beimler, wie lange gedenkst du denn die Menschheit mit deinem Dasein zu belästigen? Ich habe dir schon einmal gesagt, daß du dir darüber klar sein mußt, daß du in der heutigen Gesellschaft, im national­sozialistischen Deutschland, ein überflüssiges Subjekt bist. Lange sehe ich jetzt nicht mehr zu.“ Dann stieß er mit den Fingern gegen das auf der kleinen Bank liegende Tafelmesser und sagte: „Das Messer hast du nicht etwa zum Brotschneiden bekommen, das gehört zu etwas anderem.“ Darauf erwiderte ich ihm: „Herr Kommandant! Ich bin seit 14 Jahren Mitglied der Kommunistischen Partei und habe um mein und der Arbeiterklasse Leben gekämpft und bin auch jetzt nicht gewillt, freiwillig auf mein Leben zu verzichten. Wenn Sie der Meinung sind, daß ich überflüssig geworden bin, dann geben Sie den Befehl, daß ich erschossen werde – dann wird es gemacht werden. Ob sich dann an der weiteren Entwicklung etwas ändern wird, ist eine andere Frage.“

Er stellte sich dann vor mich und sagte: „Schau nur her, frech wird das Schwein auch noch! Dich erschießen? Nein, du Sau bist keine Kugel wert; dich lassen wir daherin verhungern.“

Worauf ich ihm erwiderte: „Herr Kommandant! Ich bin jetzt schon vier Wochen in Haft und bin schon zu dreiviertel verhungert, dann werde ich das andere Viertel auch noch überstehen.“

Diese meine Antworten gingen dem Mörder Steinbrenner sehr stark auf die Nerven, und ich konnte es ihm aus der Fratze lesen, daß er mich am liebsten gleich erwürgt hätte. So sprang er auf mich zu und stieß mich wieder mit der Faust gegen die Brust, an die Mauer. Als ich bei diesem Stoß, der mich ungemein schmerzte, „Au“ rief, sagte der Kommandant: „Ei schau, schreien tut er auch noch!“ Und er wandte sich lächelnd zu Steinbrenner mit den Worten: „Schreien nützt nicht viel, bei uns geht’s ganz lautlos und schnell.“

„Wie man’s macht …“ 

Sie hatten die Zellentür kaum zwei Minuten zugeschlossen, da wurde schon wieder aufgesperrt. Der Mordbandit riß mich mit dem Wort: „Raus!“ aus der Zelle und warf mich in die Zelle 4. Es war der erschütterndste Augenblick meines Lebens. Vor meinen Füßen auf dem Steinboden lag die zerschundene, mit dicken Beulen bedeckte Leiche meines langjährigen Kampfgenossen Fritz Dressel.

Der linke Arm lag ausgestreckt auf dem Boden, quer über den Vorderarm drei Schnitte, das Brotmesser daneben. – – –

Es war alles klar. Der Genosse wurde durch die unerhörte Quälerei in den Tod getrieben, wurde dazu getrieben, Hand an sich zu legen. Er wurde dabei „unvorsichtigerweise“ von einem Sturmführer gefunden, als er noch nicht verblutet war. Ein Gefangener, Dr. Katz, hätte den Genossen am Leben erhalten können. Doch der Wille des Kommandanten war, daß Dressel wieder vom Revier in die Zelle geworfen und dem Doktor untersagt wurde, den verwundeten Freund weiter zu behandeln. Man holte, um eine Behandlung vorzutäuschen, zwei SA-„Sanitäter“. Am Abend des 7. Mai riß die Mörderbande den Verband von der Wunde, und der Genosse verblutete dann endgültig. Als Abschluß veranstalteten sie den Musikabend – den „Totentanz“ – und besoffen sich zur eigenen Betäubung. Sollte ich vielleicht solange bei meinem toten Genossen in der Zelle gelassen werden, bis ich es ihm gleichtat? Wenn sie mich auch nach wenigen Minuten wieder aus der Zelle holten und in „meine“ zurückbrachten, so sollte ich doch gleich erfahren, warum sie mich in die Totenzelle geworfen hatten.

„So!“ sagte der Verbrecher, im Lager als Kommandant bezeichnet. „So! Jetzt hast du es wohl gesehen, wie man es macht. Du mußt nicht glauben, daß du deshalb zu deinem Freund hineingekommen bist, um ihn nochmals zu sehen und von ihm Abschied zu nehmen. Du solltest bloß sehen, wie man es macht, und daß er nicht so feig war. Er hatte mehr Charakter als du feige Sau.“ Von mir gingen sie fort und wiederholten mit dem Genossen Götz dasselbe, wie er mir durch Zuruf bestätigte.

„Die Frist … 5 Uhr“.

Nach wenigen Minuten erschienen sie wieder bei mir. Der Kommandant: „Also, hast du dir’s schon überlegt?“ Worauf ich ihm erwiderte, daß sich meine Ansicht noch nicht geändert hat. Darauf sagte er zu mir: „Ich will dir was sagen! Ich gebe dir bis 5 Uhr Zeit. Jetzt ist es 3 Uhr, und wenn du es bis 5 Uhr nicht erledigt hast, dann wird’s von uns erledigt!“

Von mir raus, zu Götz rein.

Um vier Uhr erschien wieder der Mörder Steinbrenner.

„Ich habe gehört, du willst dich aufhängen? Mir ist es gleich, was du machst, wenn du tatsächlich zu feige bist, das Messer zu benutzen. Weißt du, wie man das macht?“

Mit den Worten: „Ich glaube, du bist nicht nur feige, sondern auch dumm“, ging er auf die Holzpritsche zu und nahm eine der beiden Wolldecken in die Hände. Die Wolldecke nach der breiten Seite betrachtend, meinte er: „Das wird zu kurz“; er drehte die Decke so, daß sie der Länge nach unten hing, und mit der linken Hand die Decke von außen in einer Breite von ungefähr zehn Zentimetern festhaltend, fügte er hinzu: „Schau genau her, daß du das siehst, wie es gemacht wird!“ Bei diesen Worten fing er an, mit der rechten Hand einen Streifen in der Breite von zehn Zentimetern abzureißen. „Siehst du“, sagte er, „so wird’s gemacht, wenn sich einer aufhängen will!“

Nachdem er den Streifen in der ganzen Länge der Decke heruntergerissen hatte, machte er in das eine Ende einen Knoten, dann eine Schleife, und sagte: „So! Jetzt habe ich alles getan, was ich tun konnte, mehr kann ich dir nicht helfen. Also, du brauchst jetzt bloß mehr den Kopf hineinzustecken, das andere Ende in das Fenster hinhängen und alles ist fertig. In zwei Minuten ist alles erledigt. Es ist doch nichts dabei; außerdem kommst du ja doch nicht mehr lebendig aus der Zelle raus. Der Befehl des Herrn Kommandanten muß ausgeführt werden!“

So redete er auf mich ein, in einem Ton, als ob irgend jemand einen Freund zu etwas überreden will, was für den Freund eine Wohltat wäre.

Der „12. Geburtstag“.

 Die Situation war also für mich keine gute. Ich mußte erkennen, daß die Mörderbande daran festhielt mich entweder doch noch so weit zu bringen, daß ich selbst Hand an mich legte, oder aber mich in kürzester Zeit ermorden werde. Da ich nun unter allen Umständen Zeit gewinnen wollte und mußte, um in der Nacht den Fluchtversuch zu wagen, hielt ich es nicht für zweckmäßig, aufs neue zu erklären, daß ich nicht zum Mörder am eigenen Leibe werden will. So erklärte ich dem Mörder Steinbrenner, als er mich nochmal fragte, nachdem er mir die Schlinge über die Schulter gelegt hatte, „ob’s nun gemacht wird“: „Heute möchte ich das nicht machen!“

„Warum nicht?“ fauchte er mich an. Ich erwiderte: „Heute hat mein Sohn seinen 12. Geburtstag und wird vielleicht zu Hause bei seinen Großeltern eine kleine Freude haben; sie wird nicht so groß sein, da Vater und Mutter im Gefängnis sitzen. Ich möchte nicht haben, daß mein Junge jedesmal an seinem Geburtstag daran erinnert werden soll, daß sein Vater an diesem Tag Selbstmord begangen hat.“

„Das ist eigentlich ein plausibler Grund!“ erwiderte darauf mein Peiniger. „Ich will das dem Kommandanten sagen, damit er dir bis morgen Gnadenfrist gibt, aber du mußt mir dein Ehrenwort geben, daß du es dann bis morgen früh um sieben Uhr erledigt hast.“ Als er mir bei diesen Worten seine Henkershand reichte, damit ich ihm sozusagen mein Ehrenwort in die Hand gäbe, konnte ich mich trotz gebotener Vorsicht, um mein Ziel zu erreichen, nicht zurückhalten, ihm darauf zu antworten: „Herr Verwalter! Ich bin jetzt vier Wochen verhaftet und vom ersten Tage an war ich in Ihren Augen ein Lump, ein Landesverräter, ein Arbeiterverräter – einfach ein Verräter. Ich würde von einem Menschen, von dem ich die Überzeugung habe, daß er ein Verräter ist, kein Ehrenwort verlangen.“

Da ließ er seine Hand sinken, und verwirrt suchte er nach Worten, ganz erregt stotterte er: „Ja, ja, dann – dann gibst mir halt dein Wort!“

Ich war in einer Lage, in die sich jeder, der das alles liest, was ich erlebt und ertragen habe, hineindenken kann. Trotzdem hatte ich eine innerliche Freude, als ich sah: Ich habe den Mörder richtig getroffen! Gar nicht mehr mein Wort abwartend, verließ er die Zelle, um ungefähr nach zehn Minuten wiederzukommen.

„Also“, sagte er, „ich habe das dem Kommandanten gesagt, und er gibt dir, deinem Sohn zuliebe, weil er Geburtstag hat, bis morgen früh Zeit. Aber ich sage dir gleich: Melde dich morgen früh, wenn ich aufsperre, nicht mehr zur Stelle.“

Nicht „zur Stelle“.

So wie Fritz Dressel wollte ich nicht sterben! Als die Mörder mich in die Zelle „4“ geworfen hatten und ich vor mir den toten Freund und Revolutionär – nackt und den linken Arm mit den drei Schnitten am Handgelenk, das Brotmesser daneben – auf dem Betonboden liegen sah, stand mir für den Augenblick der Verstand still – eben unfähig, überhaupt darüber im Augenblick zu erkennen, was das zu bedeuten hat. Mit den Händen vor den Augen wollte ich nicht wahrhaben, daß Dressel tot ist; ich faßte mich jedoch sehr schnell. Als dann der Schlüssel zum Öffnen der Totenzelle angesetzt wurde und ich mit meinem endgültigen Schluß in dergleichen Zelle rechnen mußte, da hatte ich auch schon wieder Kraft genug, um allem, was da kommen mag, ins Auge zu sehen. Die Tatsache, daß ich mit allergrößter Wahrscheinlichkeit das Lager nicht mehr lebendig verlassen werde, ließ mir auch nur die Wahl, wie ich sterben wollte.

Der Genosse Götz hatte nicht ganz unrecht, wenn er mich warnte, als ich am Tage vorher schon sagte, daß ich in der Nacht „abhauen“ will. „Hans, mach das nicht!“ meinte er, „du gehst dabei drauf.“ Für mich stand aber unumstößlich fest, daß ich erstens auf keinen Fall selbst Hand an mich lege, und daß ich mich zweitens nicht grausam in dem finsteren Dreckloch erwürgen und eventuell aufhängen lassen werde, so daß ich mich entschied, auf jeden Fall in der Nacht auszubrechen und – wenn die Bande mich dabei erwischt – lieber unter ihren Kugeln sterben will. Ich wollte den Mördern auf jeden Fall die Möglichkeit nehmen, mich zu erwürgen und aufzuhängen und dazu in ihrer Hurenpresse lakonisch zu sagen „Der bekannte Kommunistenführer Beimler hat sich in seiner Zelle erhängt.“

Da ich wußte, wie eine solche Nachricht auf die Arbeiter wirken würde, so wollte ich, wenn schon kein Entrinnen mehr möglich war, daß die Außenwelt dann durch die Mörder selbst erfahren sollte: „Der Kommunist Beimler wurde auf der Flucht erschossen.“

So bereitete ich mich darauf vor.

Ohne Erregung verließ ich in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai die Zelle, um jeden Augenblick die Kugel zu erwarten. Da ich eine Reihe günstiger Umstände ausnützen konnte, gelang es mir – unter höchster Todesgefahr, auf die ich mehr vorbereitet war als auf die gelungene Flucht –, nicht nur den dreifachen Drahtverhau (der mittlere ist elektrisch geladen) zu durchbrechen, sondern auch die über zwei Meter hohe Mauer zu überwinden.

Als ich mich, für eine Sekunde auf der Mauer stehend, vergewisserte, ob mich nicht einer der drei SS-Posten bemerkt hatte, und ich das Gegenteil feststellen konnte, war mein einziger Gedanke: ob wohl der Mörder Steinbrenner und die ganze Mörderbande von Dachau ihre Genugtuung hatten, als ich am Morgen des 9. Mai weder erhängt, noch auch „Zur Stelle“ war?

So will ich abschließen. Das hier Niedergeschriebene ist nicht nur Wahrheit, sondern nur ein Bruchteil der Wahrheit, ein Bruchteil von dem, was heute in Deutschland die 60000 7) „Schutz“-haftgefangenen ertragen und heldenhaft erdulden.

Doch es geht nicht nur darum zu wissen, wie die Gefangenen all die Leiden, die Folter, die Grausamkeiten, die Bestialitäten und schließlich den Mord der braunen Armee des im Todeskampf liegenden kapitalistischen Ausbeuter-, Hunger- und Mordsystems auf sich nehmen. Es gilt die Werktätigen und Ausgebeuteten der ganzen Welt, es gilt vor allem, das deutsche werktätige Volk selbst gegen dieses Mordsystem aufzurufen, es gilt in erster Linie, die ganze Arbeiterklasse Deutschlands zum entschlossenen und mutigen Kampf gegen den Mordfaschismus und für die Freilassung aller politischen Gefangenen zu mobilisieren.

Todesfälle in Dachau.

So haben die Münchener Zeitungen, die selbstverständlich nur das schreiben dürfen, was ihnen die faschistische Regierung Epp – Wagner – Esser gestattet beziehungsweise was sie vorgedruckt im „Völkischen Beobachter“ finden, über „41 Todesfälle in Dachau“ berichtet (inzwi­schen sind es 50).

Bis zu meiner Flucht hatten die Gefangenen elf Särge gemacht. Von den 50 ersten „Todesfällen“ seien folgende aufgeführt:

Arthur Kahn, Funktionär der KPD, Nürnberg

Erwin Kahn, Kaufmann, München

Goldmann, Reisevertreter, Nürnberg

Dr. Alfred Benario (ein Neffe des bekannten Münchener Rechtsan­walts und Justizrats Benario).

Diese vier wurden zusammen mit einem Maschinengewehr nieder­geknallt, drei waren auf der Stelle tot, der vierte starb nach wenigen Tagen im Krankenhaus.

Hunglinger, Polizeimajor, München. „Selbstmord“.

Sebastian Nefzger, SA-Mann, München. „Selbstmord“.

Hunglinger war seit 1920 Mitglied der NSDAP, Nefzger ebenfalls lange Jahre bei der SA. Beide wurden nach Dachau gebracht, weil sie spitzel­verdächtig waren.

Michael Sigmann, SPD-Mitglied und Vorstand der Ortskrankenkasse Pasing (bei München).

Er wurde aus Rache denunziert und ans Messer geliefert. „Auf der Flucht erschossen“.

Johann Wiesmann, 22 Jahre alt. „Auf der Flucht erschossen“.

Karl Lehrburger, Funktionär der KPD Nürnberg. „Auf der Flucht erschossen“.

Das „Dachauer Tageblatt“ vom 27. Mai des Jahres berichtet, daß „Lehr­burger mit dem Taschenmesser (!) auf seinen Wärter (Steinbrenner) losgegangen ist und von diesem erschossen wurde“.

Fritz Dressel, bayerischer Landtagsabgeordneter der KPD, München.

Dressel wurde zuerst auf dem nahe beim Lager liegenden Friedhof Prittelbach beerdigt, nach sechs Wochen ausgegraben und verbrannt, damit alle Spuren der Mörder verdeckt sind.

Sepp Götz, langjähriger Parteisekretär der KPD, München.

Während das Radio am 11. Mai berichtet, „der bekannte Kommunist Götz wurde von einem Wärter (Steinbrenner) erschossen, weil er diesen angegriffen hat“, berichteten die Zeitungen über diesen Mord nichts.

Leonhart Hausmann, Parteisekretär und Stadtrat in Augsburg.

Die Zeitungen meldeten: „Der Kommunist Hausmann aus Augsburg wurde im Konzentrationslager Dachau erschossen.“

Dr.Alfred Strauß, 30 Jahre alt, Rechtsanwalt, München. „Auf der Flucht erschossen“.

Die Eltern mußten sich verpflichten, über die Ursachen des Todes ihres Sohnes zu schweigen.

Wilhelm Aron, 22 Jahre alt, Referendar, Funktionär der „Eisernen Front“, Sohn des bekannten Justizrats Aron. Bestialisch ermordet.

Die Leiche wurde im verlöteten Zinksarg den Eltern übergeben und in seinem Heimatort Baumberg beerdigt.

Nachtrag

Berlin, 8. August 1933 – Heute wurde Felix Fechenbach, der frühere Redakteur des Detmolder sozialdemokratischen „Volksblatt“ und ehemaliger Privatsekretär des im Jahre 1919 in München ermordeten bayerischen Ministerpräsidenten Eisner „bei einem Flucht­versuch“ erschossen

siehe auch