Sturm auf Essen

sturm_auf_EssenSturm auf Essen

Von Hans Marchwitza

Quelle: Nemesis – Sozialistisches Archiv für Belletristik

Erstes Kapitel

Es ist das Jahr 1918 und Winter.

Schnee fällt.

Die Männer, die den Krieg überlebt haben, kommen heim. Die Zechenhäuser, in die sie zurückkehren, sind grau und schief, und ihr Verputz sieht aus wie das abgeschundene Fell alter Grubengäule. Die „Grabentiere” sollen wieder Väter, Ehemänner, Brüder, Söhne werden. Die Frauen schreien, Mütter schreien, Schwestern heulen : „Er ist wieder da, o mein Gott!” O mein Gott! Die Kinder fragen den fremden Mann, der ihr Vater ist: „Bringst du Brot mit?”

Das Wort „Brot” wirkt wie der Duft von Blumen in einem Märchen. „Heiliges Brot”, stammeln die vor Hunger zitternden alten Leute, während sie das ihnen hingehaltene Stück mit aller Scheu hinnehmen. „Die Totgeglaubten dachten an uns.”

Einem verhassten, verfluchten Krieg folgte ein verhasster, verfluchter Nachkrieg.

Dunkel sind die Küchen, die Kammern; die Höfe dunkel und die Straßen dunkel. Der Krieg hat Menschen gefressen, er hat Kohle gefressen mit seinem Riesenmaul, er fraß Liebe, Ehen, er fraß die Läden leer; die Zähne des Krieges zerbissen und zerrissen die Wände der Zechenhäuser. Der Krieg nagte die mühsam erkämpften Gardinen von den Fenstern, die Bezüge von den Betten

und die Füße nackt. Er bedeckte die Familien mit Geschwür und Krätze und setzte Rachitis und Hunger als nie mehr weichende Schreckensgäste in die verkommenden Wohnungen der Bergarbeiter.

„Du, das mitgebrachte Hemd will ich einem der Buben umnähen, sie haben fast nichts mehr am Leibe!”

„Du, wenn du doch daran gedacht hättest, noch einige Lumpen mitzubringen, ich hätte den Kindern paar Hosen draus zusammengestoppelt. Hast nicht dran gedacht…!”

Der Krieg kaut an den Wänden, knackend, schreckend. Draußen flattert Schnee.

An einem Dezembertag war auch Franz Kreusat zurückgekommen. Er hatte, nach der bewegten Wiedersehensszene mit der Mutter, seinen verdreckten Soldatenmantel und den Schal abgeworfen und saß stumm und grübelnd am Tisch. „Zu Haus!” Er sagte es mehrere Male zu sich selbst, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass er tatsächlich wieder daheim sei. Dieses Glück hatte er sich lange nicht mehr vorstellen können, er hatte daran nicht mehr geglaubt. Er blickte sich halb um, das Gesicht in die Hand gestützt: es war ihre alte Küche. Da stand der gelbe Geschirrschrank, da hing der kleine Spiegel am selben Fleck. Da in der Ecke stand sein Tischchen. Nein, es war kein Traum, er war zu Haus.

„Komm, iss was!” sagte die noch erregt umhertrippelnde Mutter. Sie hatte noch, Gott sei Dank, ein paar Kartöffelchen im Haus gehabt und hatte ihm diese mit einer Messerspitze Fett, der nur selten vorhandenen Kostbarkeit, in dem Pfännchen gebraten. „Komm, iss…!” ermahnte sie und tupfte mit der Schürze die jetzt immer so leicht fließenden Tränen weg. „Komm, iss… Träum nicht!”

Der alte Kreusat, ein großer Mann, aber welk und dürr wie ein kranker, dorrender Baum, saß auf der kleinen Fußbank am Herd und schnaubte. Als ihm der Sohn die Hand gegeben – denn für eine Umarmung fühlten sich beide zu scheu -, hatte der alte Mann geschluckt. Jahrelange heimliche Angst und Sichverfluchen, dass er den Jungen nicht gehindert habe, als er freiwillig wegrannte; der Rest dieser Angst hielt ihm noch die Kehle zu.

Der Junge aß die Kartoffeln, die ihm die Mutter aufnötigen musste. Sie beobachtete ihn dabei und wischte an ihren Augen. Groß und mager war er. Und der düstere, abwesende Blick schreckte sie. Sie wusste nicht, dass dieser Blick, diese sich krampfhaft faltende Stirn, die Unrast, mit der er sich umsah, Flandern, Verdun, Aisne und noch einmal Verdun und noch einmal Flandern waren. Sie wusste nicht, dass er nicht dreiundzwanzig Jahre, sondern fünfzig, hundert Jahre alt war, dass er eine Ewigkeit von Schrecken und Toden durchgehetzt hatte. Sie dachte glücklich: Er ist wieder zurückgekommen!, und sie schnaubte die Tränen in ihre Schürze.

Franz sah sich in der Wohnung um. Alles war noch wie früher, stand fast gespenstisch genau auf dem alten Fleck – aber ein Jahrhundert schien zwischen dem Früher und Heute zu liegen. „Wer ist denn von den anderen noch zurückgekommen?” fragte er.

Einige waren zurück. Von einem ganzen Dutzend vier. Ihre alte Ecke war leer geworden. Auch dieses Erinnern an die alte Ecke lag hundert Jahre zurück.

„Ja – der Freising-Bruno und der Koschewa-Edy sind wieder auf der Zeche am Arbeiten. Nur der Kahlstein rennt noch mit dem Gewehr rum”, erzählte ihm die

Mutter. „Der Kahlstein-Hermann war doch bei der Marine in Kiel und ist schon vor zwei, drei Wochen zurück. Er rennt wieder mit dem Gewehr…”

Franz grübelte. Er war vorläufig zu gar nichts entschlossen, er wusste nicht, ob er noch einmal in die Grube gehen oder ob er die Arbeit wechseln solle. Vielleicht mit einer Übertagearbeit. Aber er konnte sich das kaum noch vorstellen, dass er jetzt wieder einer normalen Tagesbeschäftigung nachgehen könne; er fühlte sich noch immer draußen im Graben. Und allen, die das Glück hatten, sich zu retten, erging es wohl ebenso; alle phantasierten sie nachts dasselbe; sie waren noch immer in Flandern oder vor Verdun.

„Du wirst doch wohl auch wieder in die Grube gehn?” wagte die Mutter die schüchterne Frage.

„Das weiß ich noch nicht!” antwortete er erst nach einer Weile, und auf seiner Stirn erschien wieder diese finstere Falte, die sie so schreckte. Er wandte sich halb um und blickte sie fast feindselig an: „Wartest du so sehr darauf? Ich sag’ dir, ich weiß nicht, was ich machen werde.”

Die Mutter fühlte die Bitterkeit und Unrast aus dem bösen Ton des Jungen und erzitterte.

„Was willst du denn sonst? Du willst doch nicht wieder losziehn?” stammelte sie unter Tränen.

„Nu lass ihn doch”, sagte der alte Mann heiser, „er muss sich doch erst etwas zurechtfinden. Plag ihn nicht gleich am ersten Tag!”

„Ich dräng’ ihn ja nicht”, entschuldigte sich die alte Frau, „gewiss, er soll sich erst etwas ausruhen. Mit der Arbeit eilt es nicht…”

Franz griff nach seinem Mantel.

„Wo willst du denn hin?” fragte sie ängstlich.

Der Junge sah sie einen Moment ungewiss an. „Ich will an die Ecke gehen”, sagte er und verließ die Wohnung.

Franz Kreusat stand draußen an seiner alten Ecke. Hier hatten sie früher getobt und gerungen und von Abenteuern gesponnen. Er sah sich um. Keiner der alten Bekannten kam. Eine Schar Jüngerer, sechzehn-, siebzehnjährig, versammelte sich einige Schritte weit von ihm. Die Jungen beobachteten ihn scheu. Er trug ja noch die Uniform. „Das ist Kreusats Franz”, flüsterte einer.

Er ging weiter. Die alte Straße, und doch eine fremde Straße. Er sah den rauchigen Himmel, er sah die bekannten Schachtgerüste zwischen den Häusern auftauchen. Er war zu Hause, und doch fühlte er keine Freude, eher eine Beklemmung. Unter den alten Verhältnissen schuften, nein, dazu fehlte ihm jede Lust. Und die Kumpels schinden sich ganz bestimmt wie früher ab, das sah er jedem Grubengesicht an, dem er begegnete. Mit der Revolution ging es ja wieder bergab. Diese Enttäuschung hatte ihn ernüchtert und mit diesem quälenden Argwohn erfüllt, dass seinesgleichen nichts mehr zu hoffen habe… Er erinnerte sich an den einen Tag. Er hatte wie viele nicht glauben wollen, dass so etwas wirklich möglich sei – Revolution! Aber dann, als sich die Massen der Soldaten und Arbeiter durch die Stadt wälzten, da hatte es ihn mitgerissen. Die Reden des einen Matrosen, der aus Kiel gekommen war, versengten ihn, und dann hatten sie die alte Kaserne und das Zuchthaus gestürmt, wo die Deserteure und Abgeurteilten saßen, die sich weigerten, weiter mitzumachen. Und als ihn der eine Kuli heulend umarmte und zu ihm „Genosse” sagte und schrie: „Wir sind frei,

die Schinder haben nichts mehr zu bestimmen” – da hatte er sich das Büchlein ausstellen lassen. Er war Partei geworden, Mehrheitssozialist. Und nun war alles wieder zu Ende. Man spuckte die Revolutionäre nach vier Wochen Umsturz an! Verbrecher, Verräter…!

An der Hoffrone-Schenke, vor der doppeltürmigen Kirche, kam ihm ein älterer Mann in einer abgeschlissenen Uniform entgegen. Franz Kreusat erkannte ihn trotz des ausgehöhlten Gesichts. Es war der Karl Labisch, sein früherer Strebenkumpel.

„Na, auch zurück?” Auch Labisch schien nicht sehr glücklich zu sein mit seinem Nachhausekommen. „Komm”, sagte er, „lass uns in die Schenke reingehen, ich habe keine Lust, nach Haus zu gehn.”

Franz Kreusat ließ sich mitziehen.

Sie tranken das schale Bier.

Labisch grübelte.

„Weißt du, man hätte sich vorher eine Kugel durch den Schädel schießen sollen”, sagte er. „Man kommt aus einem Dreck heraus und in einen anderen hinein. Die Plagen abgerissen und barfuss, und das Weib schaut einen an, als brächte man die Rettung. Verflucht, man könnte gleich wieder fortrennen.” Er verlangte von dem träge gähnenden Wirt ein paar Schnäpse.

„Die musst du dir selber brauen. Ich hab’ kein’ zu verkaufen! Es gibt nichts mehr, seit ihr den Rummel gemacht habt!” brabbelte der dicke, fleischige Mann.

„Du hast schon was!” schrie Labisch zornig. „Gib’s her!”

Der Wirt zögerte noch, sagte: „Die kosten aber etwas!” „Egal!” schrie Labisch, „schenk ein!”

Der Wirt brachte die Gläser mit dem Schnaps.

Labisch zahlte die verlangten drei Mark, knurrte: „Alles Spitzbuben!” und trank. Er begann wieder: „Ich habe tatsächlich keine Lust, unter diesen Verhältnissen wieder in der Grube herumzukriechen. Nicht mit zehn Pferden kriegen sie mich hinein. Ich komm’ doch nicht nach dem ganzen Mist nach Haus, um hier zu hungern und mich noch um nichts und wieder nichts im Pütt abzuschinden.”

„Wo willst du denn sonst hin?” warf Franz Kreusat missmutig ein. „Es bleibt dir doch nichts anderes übrig.”

Labisch hatte das Glas Schnaps ausgetrunken und forderte von dem Wirt noch eins. „Sauf!” befahl er Franz.

Franz Kreusat betrachtete nach dem Schluck das gehetzte Gesicht des Kumpels. „Was willst du denn sonst anfangen?” wiederholte er seine Frage, und etwas wie Hass regte sich bei dem Anblick des verstörten Menschen. „Ich hab’ mir das überlegt”, bemerkte Labisch nach längerem, finsterem Grübeln. „Ich melde mich einfach zu dem neuen Grenzschutz. Man sucht Leute dafür und bezahlt nicht schlecht. Auch das Fressen ist bei der Truppe besser. Die Familie müssen sie ja unterstützen”, sagte er. „Ich hab’ von verschiedenen gehört, dass sie sich dort ganze Koppel Gäule requirieren und für sich verscheuern. Hier gehst du ja mit Glanz vor die Hunde… Ich hab’ es mir überlegt, ich geh’ und melde mich. Machst du mit?” fragte er mit dem Blick eines Wahnsinnigen. „Ich sag’ dir, nur der Spitzbube lebt heut gut. Man war einmal ein anständiger Mensch, aber man hat an diesem anständigen Menschen so lange herumgeschunden, bis er ein Lump wurde. Sind wir denn heut mehr als Lumpen? Heut anständige Arbeit? Ich will nicht lachen…”, und er lachte, lachte, bis er sich verschluckte. Er fragte heiser: „Gehst du mit, oder willst du dich hier begraben?” Franz Kreusat schwieg. Labisch redete weiter auf ihn ein.

„Ü berleg dir die Geschichte. Wenn wir so lange den Dreck ausgewetzt haben, dann können wir mit ruhigem Gewissen auch den guten Teil mitnehmen. Hier verkommt man doch vollends. Wenn man die Kinder ansieht, das fremd gewordene Weib, dann könnte man zur Axt greifen und alles totschlagen.” – Ob er mitgehe?

Diese wahnsinnigen Augen! Das hassvolle, höhlige Gesicht. -

Franz Kreusat trank, um nicht in dieses Gesicht schauen zu müssen, seinen Schnaps aus; er trank, obwohl das Glas leer war. Nein, nicht diesen Irrsinn, nicht diesen Weg. „Ich werde es mir überlegen”, sagte er, als Labisch mit seinem Drängen nicht nachlassen wollte. Er zog den Betrunkenen hinaus. „Geh nach Haus, Mensch, schlaf erst mal aus…”

„Kommst du mit?” drohte Labisch und presste in Wut seinen Arm. „Hier krepierst du. Ich sag’ dir, komm mit mir!”

Franz Kreusat ging wieder allein. Die Schachtsirene heulte wie ein Tiger… Höööö… !

Er ging an einem Schacht vorbei. Es war sein Schacht. Er sah einige Scharen Kumpels aus der Grube kommen. Der eine und andere rief ihn an. „Franz…! Fränzchen, bist auch schon da?”

„Dann kannst du ja wieder in die Grubenplorren steigen”, riefen sie. „Mensch, immer noch: schipp-schipp hurra!”

Er hörte die Hammersignale. Die Mittagsschicht kroch wieder nach unten in die Löcher. Soll ich wirklich hinunter? grübelte er. Soll ich mit Labisch losziehen? Er hat recht, hier wird man wieder hoffnungslos schleppen müssen.

Er ging im freien Feld. Schnee flatterte. Es tat ihm wohl.

Unterhalb des Salkenberges breitete sich die Stadt Essen aus: grau, flammend. Kamine und Kamine, Rauch und Rauch. Hämmerdröhnen und Pfiffe von Lokomotiven. Eintönige, von Narben und Rissen bedeckte Häuserzüge, Ruß, Schlackestaub und der Geruch von brennender Kohle und glühendem Eisen. Es war seine Ruhr, seine Erde, seine Heimat. „Ich bin zu Haus…”, sagte er sich, „… zu Haus…!”

Er kehrte um. „Ich werde nicht davonrennen”, sagte er sich.

Er blieb wieder an der alten Ecke stehen.

Er hörte in einem der gegenüberliegenden Häuser ein Bandoneon. Das Lied kannte er, sie hatten es früher hundertmal gesungen. Der Bandoneonspieler konnte nur Bruno Freising sein.

Franz steckte die Finger zwischen die Zähne und pfiff.

Oben im Fenster erschien der bekannte schwarze Schopf, aber das Gesicht war älter und fast fremd.

Bruno Freising kam nach ein paar Minuten herunter. Er reichte Franz die Hand. „Mensch, gut, dass du wieder da bist!” sagte er. „Ja, ich bin wieder da”, sagte Franz.

Sie wollten wie früher eine Unterhaltung anfangen, aber sie waren sich irgendwie fremd geworden, und es blieb nur bei einigen nüchternen Fragen.

„Was macht der Edy?” fragte Franz. „Ach, der, der zeigt sich fast gar nicht mehr unten”, lachte Bruno Freising, „er sitzt jetzt immer bei irgendeinem Weib, oder er schläft. Und was soll man auch sonst mit sich anfangen?”

Sie trennten sich, nachdem sie noch eine halbe Stunde so zusammen gestanden hatten.

„Sie wissen mit sich nichts anzufangen”, sagte Franz, als er nach oben ging. „Die letzte Geschichte hat sie nicht aufgemuntert. Sie bleiben die gleichen.”

Franz stand am anderen Nachmittag wieder an der alten Ecke. Er lehnte sich an die Mauer wie früher. Die Straßenbahn rappelte vorbei. Frauen mit mageren, mürrischen Gesichtern, ärmlich bekleidet, Männer mit blauen Narben stiegen aus, Kumpels von den entfernt liegenden Schächten. Dürr und krumm. Unten waren Bruchwüsten aufzuräumen. Der Krieg hatte Kohle gefressen, die Brüche fraßen die Menschen.

Zwei Männer kamen in Soldatenuniformen; ein abgemagerter älterer, mit grauem, zernarbtem Gesicht, der andere in einer Kulibluse. Beide hatten Gewehre über der Schulter hängen. Sie gingen langsam auf ihn zu.

Franz erkannte den Kuli. Erfreut rief er: „Hermann !”

Der Matrose blieb stehen. „Bist du’s, Franz?”

„Mensch, Hermann!” rief Franz Kreusat erstickt. „So eine Freude. Wir beide sind da… !”

Auch der Ältere war ihm noch bekannt. Das war doch der Fritz Raup, der ihnen früher, vor dem Krieg, in der Waschkaue lange Reden gegen den Kapitalismus gehalten hatte. An alles erinnerte sich Franz Kreusat in diesem Augenblick…

„Was treibst du?” fragte der breitschultrige Kuli und rückte an dem Gewehr.

„Was soll unsereiner treiben?” antwortete Franz Kreusat. „Gar nichts!”

„Du siehst doch”, meldete sich Raup, „an der Ecke stehen sie. Sie haben nichts zu tun. Eine faule Gesellschaft ist das!” Er wandte sich mit einem Blick der Verachtung ab und spuckte zur Seite. „Die denken doch nicht, etwas Gescheites zu tun. In Berlin werden die Genossen totgeschlagen, und die Gesellen lungern faul an den Ecken rum.”

„Lass doch”, sagte ihm Kahlstein, „er ist ja erst gekommen.” Und er drehte sich wieder zu Franz Kreusat um. „Wir sind älter geworden, Fränzchen”, sagte er, nachdem er ihn länger angeschaut hatte. „An unserer Ecke hier siehst du niemanden mehr von den alten Jungen.”

„Keinen mehr”, sagte Franz Kreusat und sah sich um.

„Die Zeit hat sich geändert”, sagte Kahlstein. „Ich denke”, forschte er, „du bist nicht ganz blind durch die letzten Wochen gerannt und weißt, was sich abspielt. Wir haben heut anderes zu tun, als hier an der Ecke zu stehen und zu träumen…”

„Ach, was hat das für einen Zweck, dieser teilnahmslosen Gesellschaft von unserer Mühe zu erzählen”, meldete sich der Raup wieder. „Sie duseln alle … derweilen verbluten unsere Menschen. Hier ist jedes Wort in den Wind geredet…”

Der Kuli sagte ärgerlich: „Poltre doch nicht immerfort, er wird sich auch noch besinnen.” Er sagte zu dem grübelnden Franz Kreusat: „Er hat schon recht. Die alten Leute müssen sich mit den Gewehren rumschleppen, weil die Wehr auseinander rennt. Und in Berlin würgen sie unseren Kampf ab… Natürlich wirst du nicht wie ein verlorenes Schaf hier an der Ecke herumstehen”, sagte er, während der Ältere empört schwieg. „Mit dem Spinnen ist es doch ein für allemal aus…”

Franz Kreusat durchlebte in diesen Minuten alle schönen und verfluchten bitteren Erinnerungen. Rasend stürmten sie über ihn her. Ihre Jugend war draußen geblieben. Die Phantasterei, ihr Spiel, ihren Leichtsinn, ihre Träume hier an der Ecke wieder zu finden, erschien ihm jetzt kindisch. Da stand der Hermann vor ihm, einer der früheren Jungen, mit älter gewordenem, ausgeträumtem, strengem Gesicht. Und dass er selber nicht mehr der frühere Franz Kreusat war, das Fränzchen, das sagte ihm Kahlsteins noch immer peinigendes Suchen und Forschen in seinem Gesicht und Blick.

„Du starrst darein, als interessiere dich gar nichts mehr”, hörte er den Kuli ungeduldig sagen. „Jeder, der heut noch ein Gewissen hat, der regt sich und hilft. Komm und hol dir ein Gewehr! Wir können die Geschichte doch nicht aufgeben. Die Banditen möchten uns gern wieder entwaffnet sehen; dann sind alle unsere Opfer umsonst gewesen…” Er sah den grübelnden Franz vorwurfsvoll an. „Überlege nicht zuviel. Man schlägt uns die Genossen tot, die ohne Hilfe dastehen. Kommst du, Franz…?”

Franz Kreusat starrte den Freund unentschlossen an. „Ich wollte keins dieser verfluchten Dinger mehr anfassen…” Er sah Raups kleine, blauen Augen, in denen nur Groll und Verachtung lebten.

„Du kommst”, ermahnte Kahlstein. Er fasste seine Hand: „Komm!”

„Ich weiß nicht”, sagte Franz.

Kahlstein sagte noch einmal: „Du wirst kommen!”

Franz sah der Gestalt des Freundes nach; er ging noch wie auf dem Schiff, den breiten, wiegenden Schritt der Matrosen. Kahlsteins harter Blick sagte, dass er sich nie ergeben werde. Wollte er sich ergeben? Da war einer, der ihn nicht mehr für ein Kind und nicht für einen Lump hielt. Komm…! hatte er ihm gesagt, nimm ein Gewehr!

Die Kumpels von der Morgenschicht kamen vorbei. Bleich, abgewrackt, streitend, zwiespältig. Er konnte ihre Auseinandersetzungen hören. Der Hunger schürte ihre Wut. „Man soll mit dem unseligen Streit aufhören und nicht noch mehr Zwietracht schüren. Hindenburg freut sich darüber, und Noske kann sagen: ,Mit dieser Masse wird man leicht fertig.”

„Noske!” schrie ein anderer, „seid ihr nur wie Noske! Der weiß, was ihr mit eurem Radikalismus anzettelt. Die Schädel schlagen wir uns gegenseitig ein…”

„Krupp regiert wie vor dem Krieg, und Stinnes regiert wie vorher, es hat sich nichts geändert. Der ewige Hader muss beendet werden, der ist unser Unglück…!”

„Ja, Stinnes herrscht wie früher. Nichts haben wir mit dem neunten November gewonnen. Die Gören nagen die Tische an. Die erbosten Weiber treiben uns Kerle zur Schicht…, schafft Kleidung, schafft Fressen. Woher nehmen und nicht stehlen? Der ewige Hader, der verdammte, muss unter uns aufhören…”

Der Hader stapfte mit fahlen Wutmienen und vor Erschöpfung einknickenden Knien vorbei… „Die Revolution? Lasst mich nicht lachen… Die Revolution ist tot! Es geht bergab, weiter bergab…”

Der Vater kam aus dem Haus, groß, ausgetrocknet wie ein kranker Baum. „Nun, Junge, was willst du tun? Hier an der Ecke stehen bleiben?”

Sie sahen sich an.

„Geh rauf, die Mutter wartet auf dich!” sagte der alte Mann und ging seufzend weiter.

Franz Kreusat hatte sich nach einem schweren Zwiespalt entschieden. Er hüllte sich fester in den Mantel und setzte sich grübelnd in Bewegung. Seine Gedanken eilen, sie wiederholen: In Berlin schlagen sie die Genossen tot.

Kahlstein und Raup hatten ihn aus einem wirren Traumzustand geweckt. Vielleicht war der Kuli, der ihn damals umarmt hatte, auch schon erschlagen. Er wollte nach Berlin.

Franz dachte an die Mutter. Die wird natürlich wieder entsetzt sein, wenn er mit einem Gewehr im Haus auftauchte. Sie möchte ihn lieber wie früher daheim hocken und friedlich die Romanhefte lesen sehen; sie möchte ihn noch einmal in die Windeln einpacken. Sie träumt von besseren Verhältnissen, wenn er wieder arbeiten wird.

Da stampften die fluchenden Verhältnisse, krumm und lahm von der Grubenarbeit, die sich noch in nichts geändert hatte. Diese Verhältnisse änderten sich nie, ehe man nicht den Schindern an die Kehle ging.

Da torkelte ihm der Labisch entgegen. „Kommst du mit?” heulte er ihn an. „Beim Grenzschutz kannst du in einem Tag einen guten Ramsch machen, und du bist aus dem Dreck… Komm…!”

Franz riss sich mit Mühe von dem schwatzenden, schwankenden Mann los, der ihn wieder in eine Kneipe mitziehen wollte. „Ich will nichts trinken, es hat keinen Sinn. Gib der Frau die paar Mark, versauf sie nicht… I” „Kommst du mit? Komm, ich weiß, wo der Laden zu finden ist, wo sie auf uns warten”, schrie der Betrunkene.

Franz Kreusat drehte sich nicht um. Die Angst vor diesem Nichtsmehr jagte ihn schneller. Ja, er hatte einige Minuten erwogen, ob es nicht doch ein bequemerer Weg sei, bei dieser neuen Truppe mitzumachen. Man brauchte ja nicht mit den anderen zu räubern, vielleicht gab es anständige Jungen dabei. Man konnte unter Umständen die Dummheiten und Gemeinheiten der Irrsinnigen verhindern, wenn man dabei war. Jetzt aber, als er Labischs stumpfes Gesicht wieder gesehen, schauderte ihm vor dieser Gesellschaft. Er quälte sich, zu begreifen, wie ein Mensch, der früher zwar gegen seine Umwelt gleichgültig, aber nicht bösartig gewesen war, sich so verwandeln, so widerlich, hässlich werden konnte.

Das waren Tiere, Aasgeier, die der Krieg wieder entließ, die sich jetzt, nach einer verfehlten Glückssuche – auch Labisch war freiwillig in die Uniform gestiegen -in neue, Ungewisse Abenteuer stürzten. Er war ihnen gleich nach dem Novembertag überall begegnet, diesen abgewetzten, verstumpften und entwurzelten Gestalten. Sie stanken nach den Kaschemmen der Etappe, die Leichenfledderer, der üble Tross des Krieges, graue und blutjunge Gesichter, mit Gefreitenknöpfen und Tressen, die Bordelle füllend, dreckige Zoten erzählend. Den Sumpf gewöhnt, nur noch im Sumpf lebend, waren sie die ersten, die wieder von Werbebüros, von Grenzschutz und Freiwilligentruppen redeten. Nein, mit diesem Gespinst war es für ihn aus.

Aber war der Weg, den Kahlstein eingeschlagen hatte, der richtige? Ich hätte vielleicht lieber der Mutter nachgeben und nach der Zeche gehen sollen, dachte er. Man sollte sich einfach dem Gegebenen beugen, es ist vielleicht doch nichts daran zu ändern. Man sollte sich fügen, schuften und sparen und heiraten. Die Alten müssten dann etwas zusammenrücken, bis eine andere, erträgliche Zeit käme. An ein Mädel denkt man fast gar nicht mehr – man ist doch kein Mönch geworden. Wirklich, man müsste sich nach einem guten Mädel umsehn und heiraten. Das war’ ganz nach dem Sinn der Mutter, und vielleicht das einzig richtige, was ein Mensch tun kann, der drei Jahre draußen rumgehetzt wurde…

Franz Kreusat war an der Wache. Er war schon mehrere Male daran vorbeigekommen, ohne einen Entschluss zu fassen, die Gedanken rasten mit ihm umher; nun stand er abermals da. Hineingehen oder umdrehen? Was werden die Alten sagen, wenn ich mit dem Gewehr komme? Die Mutter wird sich vor Schreck umbringen.

Ging er hinein, dann hatte er zu etwas „ja” gesagt, mit dem er schon längst zu Ende zu sein glaubte…, denn mit der Novembergeschichte ging es offensichtlich bergab. „Du kommst!” sagte Hermann Kahlstein, und deshalb war er hergegangen. Du kommst! Er erinnerte sich an Kahlsteins älter gewordenes, ausgeträumtes Gesicht -und ging hinein.

In der Essener Straße tauchten weitere Heimkehrer auf. Auch Kleinemann war aus dem Krieg zurückgekommen. Kleinemann war der Krämer an der Ecke. Er war als Landsturmmann gV eingezogen gewesen und hatte seinen Dienst als Wachmann in einem Kriegsgefangenenlager ausgeübt.

Kleinemann, den man gewöhnlich „Herr Kleinemann” nannte, war abends gekommen, weil er einen vollen Koffer und Rucksack und noch einige wichtige Kisten mit sich schleppte. Es hatte viele Umwege und Schwierigkeiten gekostet, aber die Sachen waren gerettet, und man konnte sie in dieser speck- und butterlosen Zeit gut gebrauchen. Herr Kleinemann war wie viele Heimkehrer ebenfalls mit der roten Tuchkokarde angekommen; die war auf jeden Fall ein guter Ausweis, und die Leute von der Soldatenwehr ließen sich mit diesem Abzeichen gern blenden. So eine rote Tuchkokarde wirkte oft besser als der klug geschriebene Ausweis eines befreundeten Kompanieschreibers. Ein tüchtiger Geschäftsmann hatte seine Augen und Ohren überall und allezeit offen, und Herr Kleinemann hatte sich immer als einen guten Geschäftsmann betrachtet.

Herr Kleinemann war wieder zu Hause. Er packte den Inhalt des Koffers, des dicken Rucksacks und der Kisten in der guten Stube aus, weil er hier keine unliebsamen Blicke zu befürchten hatte. Er verstaute die Sachen in sichere Verstecke, denn im Laden konnten sie vielleicht durch ihren Duft auffallen und sich verraten. Sie waren seine persönliche Angelegenheit. Noch in später Abendstunde brutzelten Bratkartoffeln mit Speck und einigen Eiern. Er bangte nur wegen des verräterischen Geruchs, der alle hungrigen Fetzen anziehen könnte.

Der einzige Alpdruck, den Herr Kleinemann nicht los wurde, war der Laden. Der war eine Wüste geworden. Bis auf einige Karten-Lebensmittel, die er um keinen Preis in der Welt fressen würde, standen nur leere, schon faulende Kisten und Schachteln herum. Und das Schaufenster war der gleiche Friedhof; da standen noch immer die rot und gelb angemalten Holzkäse, die er Siebzehn hineingestellt hatte, und die leeren Haferflockenschachteln. Das war der verfluchte Alpdruck, der Herrn Kleinemann die gute Nachtmahlzeit verleiden konnte. Es war aber nicht nur dieser eine Alpdruck; noch ein zweiter hatte sich seit dem Zusammenbruch eingestellt: die paar tausend Mark, die er in die Kriegsanleihen gesteckt hatte, waren hoffnungslos schwimmengegangen. Die vertrauten Leute hofften zwar, diese unsicheren Verhältnisse würden nicht lange anhalten und die eingezahlten Gelder könnten unter Umständen noch einmal gerettet werden. Mit diesen Auskünften versuchte er seine apathische Frau zu trösten.

Die schien aber nüchterner zu rechnen. Sie antwortete: „Dieses Geld können wir ruhig in den Schornstein schreiben, davon wird niemand, nach der Lage der Verhältnisse, je auch nur einen Kupferpfennig zurückbekommen.”

Diese müde, verdrossene Frau mit der unheilvollen Skepsis war ein weiterer Alpdruck.

„Womit wollen wir denn in Zukunft den Laden weiter erhalten?” sagte die Frau. „Ich glaube”, murrte sie, „du wirst jetzt, wie die meisten Krämer, in die Grube gehen müssen, wenn wir leben wollen!”

Herr Kleinemann würgte den Bissen herunter. Dieses Weib war in dem leeren Laden irrsinnig geworden. „Ich in die Grube gehn? Du bist wohl da oben nicht mehr ganz richtig?” lachte der kleine, rothaarige Mann böse. Er war noch rundlich wie ein Fässchen. Sein Gesicht war ebenso rund und schüttelte sich jetzt empört: „Dann geh’ ich schon lieber als Kneipenkellner mein Brot verdienen, aber in die Grube geht ein Kleinemann niemals. Verstehst du – niemals!”

„Dann wirst du hier hinter den leeren Kisten alt und grau werden”, quälte die Frau verdrossen.

„Ich habe mich mit einigen der Bauern, die mir auch diese mitgebrachten Sachen besorgt haben, etwas angefreundet, und ich werde diese guten Beziehungen gelegentlich ausnutzen”, beruhigte er sie. „Die meisten

sind heut Gauner, sie hamstern und schieben, warum soll ich hier hinter der leeren Theke versauern!” Er schlang wieder mit größerem Appetit.

Auf der Schwelle erschien ein schmächtiger Junge von vielleicht vierzehn Jahren mit wirrer Mähne und missmutigem, frechem Blick.

„Nun, futtre nicht alles auf”, sagte er zu dem kauenden Krämer, „ich möchte auch noch was haben.”

Herr Kleinemann unterbrach sein Kauen. Er brummte etwas. Der heranwachsende Bursche war auch ein Alpdruck. Er überließ dem Sohn mit Widerstreben den Rest der Mahlzeit. „Ich möchte aber nicht, dass du heimlich in den Kisten rumschnüffelst”, sagte er zu dem Jungen, der sich sofort über das übriggelassene Essen hermachte. „Ich will nicht haben, dass die anderen Leute davon etwas erfahren, sonst steigen sie uns noch nachts durchs Fenster. Aber auch so muss damit sparsam gewirtschaftet werden, es soll auf längere Zeit reichen. Ich weiß nicht, wann ich die Quelle wieder aufsuchen kann.” „Reg dich nicht künstlich auf”, antwortete der Sohn kauend, „wenn du hier bist, dann wird unsereiner wohl kaum noch dran kommen. Man kennt dich ja…”

Herr Kleinemann schluckte seine aufsteigende Wut hinunter. „Der Bursche hat ein reichlich loses Maul”, brummte er und blickte giftig auf die Frau, die dem jungen Kerl anscheinend die Zügel zu locker ließ.

Vater und Sohn maßen sich einen Moment mit den Blicken.

Der Bursche kaute gleich weiter.

Der Krämer seufzte und ging in die gute Stube, um die mitgebrachten Sachen noch sicherer unterzubringen. „Frech wird der verfluchte Bengel! Man muss der jungen Bande wieder mal die Kandare straffer ziehen!”

Am nächsten Tag ging der Krämer hinaus, um sich ein wenig umzusehen und die Stimmung der Leute zu erforschen. Er hatte die rote Kokarde von seiner Mütze abgenommen; so stieß man jedenfalls weder bei den einen noch bei den anderen an. Er wollte sich vorerst neutral halten, das war sein Vorsatz. Auch seinen Extrarock hatte er in den Schrank gehängt und nur den alten Wachrock angezogen, wie auf der Bahn. Er war ein guter Geschäftsmann und wollte nach Möglichkeit alles Auffällige vermeiden. So wie die Masse rumlief, so lief auch er; und wenn der Wind mal wieder von der gefährlichen Seite wehte, dann würde man sich auch noch zu helfen wissen. Man hatte ja in den letzten vier Wochen allerlei zugelernt.

Herr Kleinemann kontrollierte vor allen Dingen die Schaufenster und den Inhalt der anderen Läden. Er fühlte Genugtuung: alle Läden zeigten dieselbe und noch schlimmere Öde wie sein Laden.

„Wenn unsereiner nichts haben soll, dann sollen die anderen alle auch nichts haben. Gut so”, sagte er sich schadenfroh, „die Zeit ist gerecht. Wenn verrecken, dann soll alles verrecken. Aber Kleinemann verreckt noch nicht – er hat seine guten Beziehungen…”

Er betrat die Wernersche Schenke gegenüber der Kirche, um einen Schnaps zu trinken und sich drinnen ein wenig umzuschauen.

Hinter dem Stammtisch gähnte ein junger, starker

Kerl. Herr Kleinemann erkannte in ihm den Willi

Werner, der als Kriegsfreiwilliger ins Feld gegangen war.

„Ha… der Kleinemann!” lächelte Willi und rekelte

sich.

„Ja, Kleinemann!” antwortete der Krämer. „Wir sind wieder zu Haus. Es wird auch Zeit, dass unsereiner kommt, denn sonst geht es mit dem Rest auch noch drunter und drüber.”

Willi, der sich noch nicht entscheiden konnte, ob er die unterbrochene Bergschule wiederaufnehmen oder noch länger in der elterlichen Kneipe lümmeln solle, beobachtete den heimgekehrten Krämer.

„Was gedenkst du hier anzufangen?” fragte er ihn endlich, während Herr Kleinemann von seinem Schnapsglas nippte und ihn seinerseits lauernd beobachtete. „Mit dem Laden ist es doch Dreck…”

„Ein ganz großer”, gab Herr Kleinemann mit einem Seufzer zu. „Und man sieht noch gar nicht, wie das weitergehen soll.”

„Mist…”, knurrte der Wirtssohn.

Wieder belauerten sie eine Minute lang einer den anderen.

Keiner wollte mit einer offenen Frage oder Antwort herausrücken.

„Verfluchter Mist…!” sagte auch Herr Kleinemann, denn „Mist” sagte heute fast jeder, und das war nicht verfänglich.

Draußen waren langsame, schwere Schritte zu hören. Willi Werner stand auf und ging an ein Fenster. Sein dickes, schläfriges Gesicht verzog sich einen Augenblick in Hohn.

Auch Herr Kleinemann war an ein anderes Fenster getreten und sah hinaus. Zwei Leute mit Binden um den Arm und mit Gewehren über den Schultern gingen auf der Straße.

„Vom Soldatenrat?” bemerkte Herr Kleinemann fragend.

Willi warf ihm einen Wutblick zu und schlenderte wieder hinter seinen Stammtisch.

Der Krämer wusste genug. Hier war man keineswegs von der Revolution erbaut. Hier konnte man im Notfall etwas hören, wie man sein Verhalten balancieren solle. Er trank den Rest Schnaps aus, sagte noch einmal: „Mist…” und ging, um sich draußen noch weiter umzusehen.

In keinem Laden sah es besser aus; alles Wüste, Mist, wie seiner. Gut so…!

Da kam einer in Uniform und mit der Armbinde. Herr Kleinemann blieb eine Minute lang mit offenem Mund stehen. „Wirklich? Oder täuschen mich meine Augen… Der Stübel…! Der Gemüsefritze…”

Stübel hatte ihn gleich wieder erkannt und kam auf ihn zu.

„Servus. Du wunderst dich, dass du mich in diesem Aufzug siehst?” sagte er etwas verlegen, „aber, wie gesagt, wer sich heut nicht nach der Decke streckt, der geht vor die Hunde”, entschuldigte sich der ehemalige Gemüsehändler.

Herr Kleinemann überlegte schnell, wie er sich diesem Kerl gegenüber verhalten sollte. So sagte er nur: „Das stimmt. Ich habe jetzt auch genug Zeit, mich in meinem Laden umzusehen, ein Dreck ist übrig geblieben. Man muss wieder ganz von neuem anfangen.”

„Mit dem Neuanfangen können wir noch sehr lange warten”, entgegnete Stübel. „Verhungern kannst du bis dahin. Ich hab’ mich einfach kurz entschlossen, mit der Soldatenwehr rumzutrampeln. Und schließlich ist unsereiner ja doch von der Menge abhängig…”

„Das stimmt”, sagte Herr Kleinemann noch einmal. Er studierte dabei das Gesicht des Gemüsehändlers, von dem er wusste, dass er immer ein geriebener Spekulant gewesen war.

„Ich würde mich an deiner Statt ebenfalls zu so was entschließen”, riet ihm Stübel. „Kurz und schmerzlos… Wenn man leben will, kann man nicht lange wählen…”

„Das stimmt”, bestätigte Herr Kleinemann noch einmal. „Wenn man leben will, kann man nicht wählerisch sein… Ich will es mir überlegen!”

Stübel, der noch gar nicht so verhungert aussah, denn auch er hatte seine heimlichen Beziehungen, die er nicht gern anderen verriet, prüfte erst eine Weile das Gesicht des Krämers. Er glaubte, dem konnte man etwas mehr sagen. Und er sagte vorsichtig und lächelnd: „Man weiß auch nicht, wofür es noch gut ist, dass man dabei ist. Die vielen Gerüchte deuten darauf, dass es bei dem radikalen Kurs nicht lange verbleiben wird…, und es ist vielleicht nicht ausgeschlossen, dass sich eine vernünftigere Politik durchsetzt…”

„Das wäre tatsächlich zu wünschen”, seufzte Herr Kleinemann und dachte in plötzlicher Wut wieder an die Gelder, die in der Kriegsanleihe steckten und wohl verloren waren.

Stübel beobachtete ihn.

„Ich rate dir”, verabschiedete er sich von ihm, „komm und überlege nicht zuviel… !”

Herr Kleinemann blickte nach den Fenstern der Wernerschen Schenke. Er drehte um. „Der Stübel ist ein alter Gauner”, sagte er sich, „wenn einer seine Fahne nach dem Wind aushängt, dann ist er es… Aber man sollte sich die vorgeschlagene Geschichte überlegen.“

Der Krämer begegnete den Bergleuten, die aus der Morgenschicht zurückkamen. Die rot entzündeten Augen tief in den Höhlen, Flüche und Dreck speiend, ausgelaugt und krumm von der Kohlenarbeit. Das war das

Letzte, das ihm zugemutet werden konnte. „Das Weib ist oben nicht mehr ganz richtig… Dann befolge ich schon lieber den Ratschlag des Gemüsefritzen! Was sich der junge Kerl in der Schenke denkt, das ist mir Wurscht… Der Mensch muss in jedem Wasser schwimmen können…” Sein Entschluss stand fest – er ging morgen nach der Wache.

Unterwegs stieß er auf den Bäcker Schwerlich, der sich – niemand konnte raten, mit welcher Fürsprache -die ganzen vier Jahre daheim rumgedrückt hatte.

„Na, auch schon zu Hause?” begrüßte ihn der noch gut gefütterte Bäcker.

„Was, auch schon…”, entgegnete der Krämer, „ich denk’, es war Zeit. Nicht jeder hatte das Glück, einen guten Onkel irgendwo sitzen zu haben…”, bemerkte er boshaft.

Schwerlich wollte nicht auf diese fühlbare Spitze eingehen. Er hatte ja nur das getan, was viele andere Schlauberger getan hatten. Ihm lag im Augenblick mehr daran, Kleinemanns Haltung zu den heutigen Geschehnissen zu erforschen. Er sagte: „Die Verhältnisse haben sich schwer geändert, man pendelt heut ein wenig in der Luft rum. Wie steht es mit Ihnen…?” Die hellen Augen in dem rosigen Gesicht verrieten Lauern… „Wie finden Sie die neuen Verhältnisse? Ich wenigstens”, fuhr er fort, „ich bin buchstäblich bankrott. Und man weiß nicht, wie lange dieser Zustand noch andauern wird…”

Das ist deine Strafe, dachte Herr Kleinemann zufrieden, du hast mit deiner Drückebergerei auch nichts retten können. Gott sei Dank! Er gab sich alle Mühe, seine Schadenfreude nicht zu verraten; er fühlte die rasende Neugier des Bäckers, der wissen wollte, wie er sich zu der Revolution stelle. Herr Kleinemann stellte sich überhaupt nicht, weder so noch so; man wusste ja noch gar nicht, wie die Dinge weiterliefen. „Das mit dem Bankrott stimmt”, antwortete er, „der hat manchen erschlagen, dieser Bankrott. Es ist tatsächlich eine Riesenpleite…”

„Sehn Sie”, ging der Bäcker darauf ein, „eine Riesenpleite, ja, das können wir sagen. Nun sagen Sie, wie kommt man jetzt aus dieser Pleite heraus. In absehbarer Zeit doch wohl kaum. Und dann bei den heutigen Zuständen…?”

„Bei diesen Zuständen schon gar nicht”, vergaß sich Herr Kleinemann jetzt ein wenig, denn ihm waren seine mit der Kriegsanleihe verlorenen Tausender wieder eingefallen. „Unter diesen Umständen kaum noch!” wiederholte er in Wut.

„Sie sind also derselben Meinung”, sagte der Bäcker, mit der Antwort des aufgeregten Krämers zufrieden. „Und was sollen wir tun, um diese wahnsinnigen Verhältnisse wieder in eine normale Bahn zu lenken? Denn unter diesen Verhältnissen besteht kaum eine Hoffnung, dass sich unsereins je wieder aufkratzen kann. Dann besteht auch noch jeden Tag die Gefahr, dass einem der Rest aus dem Laden geräubert wird. Man muss doch endlich wieder an den eigenen Schutz denken.”

Herr Kleinemann wurde in seinem Vorsatz, den er nach seiner Unterredung mit dem Gemüsefritzen gefasst hatte, wieder schwankend. Er wagte aber darüber vor dem Bäcker nicht zu reden. „Ich lass es lieber sein”, sagte er sich, „es könnte nur Missverständnisse erregen.” Doch anklopfen wollte er, wie sich Schwerlich dazu stellte. Er klopfte vorsichtig an: „Mancher, der vor derselben Pleite steht, hat ganz einfach einen billigeren Ausweg gesucht. Ich meine zum Beispiel den Stübel!”

Schwerlich lächelte ingrimmig: „Reden Sie nicht von dem, der weiß auch noch nicht, wo er eigentlich hingehört. Der Stübel hängt seine Fahne heut so und morgen so aus…”

Herr Kleinemann lächelte. „Ja, er hängt sie aus, wie gerade der Wind geht… Jajajaja…!”

„Morgen, wenn diese rote Geschichte schief geht”, sagte der Bäcker, „hängt er sie wieder andersrum…”

„Natürlich hängt er sie wieder andersrum…”, bestätigte Herr Kleinemann und spuckte aus.

„Also”, verabschiedete sich Herr Schwerlich dankbar, „jeder anständige Mensch sieht gern wieder eine vernünftige Ordnung einkehren.”

„Jeder anständige Mensch!” sagte Herr Kleinemann. Jeder ging nach seiner Richtung. „Jeder anständige Mensch”, redete Herr Kleinemann für sich weiter, „sieht zu, dass er, gleich wie, aus diesem Bankrott wieder rauskommt.” Sein Entschluss stand felsenfest: „Ein Kleinemann lässt sich von keinem noch so schlauen Fuchs aufs Glatteis führen. Den Gauner Stübel habe ich auf den ersten Blick durchschaut. Aber einen Kleinemann führt der nicht aufs Glatteis!” Er beschloss, die guten Beziehungen zu den befreundeten Bauern noch zu verstärken. Diese Quelle hatte er vor dem Bäcker mit keinem Wort erwähnt. Das war seine ureigene Angelegenheit… 

Als er sich seinem Laden näherte, sah er die Kumpels, die aus der Morgenschicht gekommen waren, in kleinen Gruppen vor den Häusern hocken. Er blieb bei der nächsten Schar einen Augenblick stehen… „Ja, wir sind also wieder zu Haus”, sagte er, „aber was trifft man hier an? Nun, man braucht es euch nicht zu erzählen. Jeder spürt es ja am eigenen Leibe.”

„Das spürt jeder von uns, ja”, lachte der große Zermack, „nicht jeder wird heut mit Täubchen gefüttert!” fügte er boshaft hinzu.

„Jajajajaja…”, seufzte der Krämer und beobachtete genau jedes Gesicht. „Und man sieht noch gar nicht, wie die Dinge weiterlaufen?”

Es war ein behutsamer Tastversuch, aber er merkte, dass sich diese mageren, ausgedorrten Gesichter in plötzlicher Wut und in Hohn verzogen.

„Wir hätten die Spitzbuben nicht so sanft anfassen sollen”, brummte der viereckige alte Koschewa, und er kaute heftiger an seinem Priem. „Wir hätten sie nacheinander einsperren und nicht mehr herauslassen sollen! Aber es ist noch nicht aller Tage Abend.”

Der andere, es war der Stamm, ein ebenso harter, knochiger Mann, schwieg.

Der Krämer fühlte diese Unterhaltung unangenehm… „Jajajaja”, brummte auch er also, um nicht den Anschein zu erwecken, er sei einer anderen Meinung.

„Aber es ist tatsächlich noch nicht aller Tage Abend”, wiederholte Koschewa, und an seiner gefurchten Zapfennase konnte Herr Kleinemann feststellen, dass dieser eine mit sich schon sicher nicht handeln lassen würde.

In dieser hungrigen, immer wut- und hasserfüllten Umgebung hatte Herr Kleinemann oft dieselben Anwandlungen gehabt gegen die Herren von den Zechen; denn von denen hatte es ja immer abgehangen, ob er die vielen Schuldenlatten bezahlt bekam, oder ob diese Hungerleider gezwungen würden, weiter ankreiden zu lassen. Er glaubte, hier kein Blatt vor den Mund nehmen zu müssen. Und weil ihm wiederum das verlorene Geld einfiel, musste er einmal seinem Herzen Luft verschaffen… „Jajaja… alles war ein verdammter Betrug, und unsereins konnte darauf hereinfallen. Man hätte mit den Gaunern wirklich anders verfahren müssen – ich hätte da an der Spitze sein dürfen…”

„Sei still”, brummte der Zermack und sah ihn an, „du warst ja auch einer von denen, die für den Sieg waren. Da, jetzt hängen uns allen die Fetzen vom Hintern. Und beguck dir deinen Laden…”

„Jajajaja…”, grollte der Krämer, „ausgeplündert, wie leergefegt. Jaja, man hätte mit den Spitzbuben anders verfahren sollen.”

Er ging und redete für sich in wachsender Wut: „Die Gauner, alle können getrost wieder hinterher rennen, ich werde mir künftighin erst jeden Schwindler genau ansehn… Das werde ich bei Gott tun… Vom Krieg her hängen noch die Kreidelatten, die werden wohl niemals mehr bezahlt werden!”

Voller Gift betrat er seinen Laden, der ihn still und leer wie ein Grab empfing.

Weiter: Kaptel 2