Stalin zu Chruschtschow am 17. August 1941: „ …Sie sind Mitglied des ZK, Mitglied des Politbüros, Mitglied des Militärrates der Front. Schämen Sie sich nicht? Führen sich auf wie ein Kleinbürger. Was ist mit Ihnen los? – Sie haben die Hälfte der Ukraine weggegeben. Sie haben das wohl auch mit der anderen Hälfte vor. Eine Schande. Welche Maßnahmen ergreifen Sie? Warum schweigen Sie? – Ich werde Ihnen 19 Divisionen geben. (…). Organisieren Sie die Sache! Lassen Sie die Deutschen auf keinen Fall auf das linke Ufer des Dnepr. Handeln Sie den Erfordernissen entsprechend! Sonst – und das sage ich Ihnen klar und deutlich – rechnen wir mit Ihnen ab …“

Marschall Semjon Michailowitsch Budjonny

Marschall Semjon Michailowitsch Budjonny

Sowjetunion:

Budjonnys Brief anWoroschilow, 26. Juni 1937

(Prozessbericht aus dem Prozess gegen die der Spionage sowie der Diversion und Sabotage angeklagten TUCHATSCHEWSKI, JAKIR, UBOREWITSCH, KORK, EIDEMANN, FELDMANN, PRIMAKOW, PUTNA)

Übersetzung vom Russischen ins Englische: Prof. Grover Furr

Übersetzung aus dem Englischen: Gerhard Schnehen

Quelle:  http://msuweb.montclair.edu/~furrg

STRENG GEHEIM

Vertraulich

An den Volkskommissar für Verteidigung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, Marschall der Sowjetunion, Genossen K. J. Woroschilow.

Ich würde Ihnen gerne meine Eindrücke schildern über den Prozess vom 11. Juni 1937 gegen die militärisch-faschistisch konterrevolutionäre Organisation anlässlich der Sondersitzung des Obersten Gerichts der Union der SSR betreffs der Anklage des Landesverrats, der Spionage sowie der Diversion und Sabotage gegen TUCHATSCHEWSKI, JAKIR, UBOREWITSCH, KORK, EIDEMANN, FELDMANN, PRIMAKOW, PUTNA.

Bei der Eröffnung der Gerichtsverhandlung wurde die Anklage verlesen, was unter den Angeklagten eine sehr große, ja überwältigende Reaktion auslöste. Eidemann und Feldmann zeigten sich besonders  niedergeschlagen, obwohl sämtliche Angeklagten, wenn man vom  Standpunkt des Mutes ausgeht, einen äußerst kläglichen Eindruck machten. Äußerlich boten sie den Anblick von bedauernswerten und nichtigen Schwächlingen.

Die Vernehmung begann in folgender Reihenfolge:  Jakir, Tuchatschewski, Uborewitsch, Kork, Eidemann, Putna, Primakow, Feldmann. In dieser Reihenfolge wurde ihnen auch ihr letztes Wort erteilt.

In seiner Rede vor dem Gericht ging Jakir auf das Wesen der Verschwörung ein, die sich die Aufgabe gestellt hatte, den Kapitalismus in unserem Land auf der Grundlage einer faschistischen Diktatur wiederherzustellen. Sie hatten vor, auf zwei Wegen dieses Ziel zu erreichen: erstens durch den Sturz der bestehenden politischen Macht durch interne Kräfte mit Hilfe eines Militärputsches und zweitens, wenn dies nicht gelingen sollte, dann mit Hilfe der Herbeiführung einer militärischen Niederlage  unter Beteiligung des deutschen Faschismus, des japanischen Militarismus sowie Polens. Was diese letzte Variante angeht, so waren sie bereit, den Interventen als Belohnung einen Teil des Territoriums unseres Landes abzutreten: die Ukraine an Deutschland; den Fernen Osten an Japan.

Um die Niederlage der sowjetischen Armee herbeizuführen, hatten sie ein Abkommen mit dem deutschen Generalstab, vertreten durch General Rundstedt und General Köstring, geschlossen. Ein Plan für die Herbeiführung der Niederlage der Roten Armee in Kriegszeiten war eigens dafür entworfen worden.

Im ersten wie im zweiten Fall sollten alle verfügbaren Mittel eingesetzt werden, um die sowjetische Regierung und die Parteiführung zu stürzen. Sie schreckten vor nichts zurück: weder vor Gewalt (Terror), Spionage, Diversion und Sabotage, Provokation noch vor der Bloßstellung  von Parteiführung, Regierung,  Armee und Sowjetmacht.

Jakirs Worten zufolge waren sie übereingekommen, dass in dieser Angelegenheit alle Mittel vertretbar seien.

Die Ursprünge dieser Verschwörung gehen im Grunde auf das Jahr 1934 zurück, aber schon vorher, Anfang 1925, habe es, so Jakir, die ‚Gespräche einer prinzipienlosen Gruppierung‘ gegeben. Mit anderen Worten:  Es gab Diskussionen über unbefriedigende Zustände in der Führung der Armee, und eine unrichtige Herangehensweise seitens eines Teils der Parteiführung und der Regierung gegenüber ‚bekannten‘, ‚großen‘ Männern der Sinowjew-Trotzki- und rechten Opposition. Die Maßnahmen, die von Partei und Regierung bei der Kollektivierung in den Jahren 1930-31 getroffen worden waren, wurden ebenfalls einer scharfen Kritik unterzogen.

Im Jahre 1934 gingen sie dann von diesen ‚prinzipienlosen Gesprächen‘  zur Vereinigung Gleichgesinnter über, und Tuchatschewski habe in seinem Büro gesagt, dass es Zeit wäre, von Worten zu Taten überzugehen, und  irgendwann danach sei dann irgendwo beschlossen worden, dass die Anwerbung von Gleichgesinnten in der Roten Armee zu ihrer Aufgabe gehören sollte. Dafür hätten sich am besten die Trotzkisten, die Sinowjew-Anhänger und die Rechten geeignet. Man habe beschlossen, diese Leute mit allen Mitteln zu unterstützen, wenn sie sich in der Öffentlichkeit oder in Militärkreisen  äußerten und sie in hohe militärische, politische und wirtschaftliche Positionen zu rücken, aber sie auch in Fragen der Bewaffnung und der militärischen Mobilisierung zu unterstützen.

Sie orientierten sich an Trotzki als politischen Führer und an seinem Block, zu dem aber auch Sinowjew-Anhänger, Rechte, Nationalisten, Menschewiki, Sozialrevolutionäre usw. gehörten.

Sie waren zu der Einsicht gelangt, dass, um all diese Aufgaben zu bewältigen, sie vor allem die strikteste militärische Konspiration benötigten. Um dieses Ziel zu erreichen, verfolgten sie die Taktik der Doppelzüngigkeit gegenüber der Partei sowie die der Täuschung in ihrer Arbeit.

Gegen Ende seiner Rede erklärte Jakir, dass es in ihm zwei Jakirs gegeben habe: Der eine sei ein Mann der Sowjetunion gewesen und der andere ein Volksfeind, ein Spion, ein Verräter, ein Saboteur, ein Mörder – und wie man es sonst noch nennen kann.

Die Aussagen, die denen des Angeklagten Jakir folgten, bewegten sich dann  im Grunde alle im Rahmen seiner Erklärung.

Als Tuchatschewski seine Erklärung abgab, versuchte er zuerst das Geständnis, das er bei der Voruntersuchung abgegeben hatte, zu widerrufen. Er führte anfangs aus, dass vor Hitlers faschistischem Putsch in Deutschland die Rote Armee sich auf eine Auseinandersetzung mit den Polen vorbereitet habe und dass sie in der Lage gewesen wäre, den polnischen Staat zu besiegen. Aber nachdem Hitler in Deutschland an die Macht gekommen war, der mit den Polen einen Block bildete und der aus 32 deutschen Divisionen 108 machte, sei die Rote Armee im Vergleich zu der deutschen um 60 bis 62 Divisionen kleiner gewesen. Diese offensichtliche Diskrepanz, diese Überlegenheit der möglichen Gegner der UdSSR habe einen Einfluss auf ihn ausgeübt, so Tuchatschewski, und in Anbetracht dessen habe er die unvermeidliche Niederlage der UdSSR vorhergesehen, und dass sei der eigentliche Grund gewesen, weshalb er sich der konterrevolutionären militär-faschistischen Verschwörung angeschlossen habe.

Tuchatschewski versuchte für sich Sympathien im Zuschauerraum des Gerichts zu werben,  als ob seine professionellen Konzepte in der Lage gewesen wären, alles vorherzusehen. Er habe gegenüber der Regierung versucht zu beweisen, dass die neu entstandene Lage das Land in die Niederlage führen werde, aber angeblich habe ihm niemand zugehört. Genosse Ulrich, auf den Rat verschiedener Mitglieder der Sondersitzung hin,  unterbrach ihn dann jedoch und fragte ihn: ‚Wie kann Tuchatschewski diese Motivation mit dem in Einklang bringen, was er in der Voruntersuchung gestanden hat, dass er nämlich mit dem deutschen Generalstab verbunden war und dass er seit 1925 als Agent des deutschen Geheimdienstes  gearbeitet hat‘? – Dann räumte Tuchatschewski ein, dass man ihn natürlich als einen  Spion bezeichnen könnte, dass er jedoch außer in mündlicher Form keinerlei Informationen  an den deutschen Geheimdienst weitergegeben habe, obwohl er durchaus zugab, dass dies auch Spionage sei.

Danach las Genosse Ulrich ihm sein eigenes Geständnis vor, in dem Tuchatschewski geschrieben hatte, dass er persönlich schriftliches Material an einen Agenten des deutschen Generalstabes weitergegeben hatte, und zwar über die Organisation, Verschiebung und Gruppierung der motorisierten und mechanisierten Kavallerie-Teile des WMD (Weißrussischer Militärdistrikt) sowie des UMD (ukrainischer Militärdistrikt), und dass auf Tuchatschewskis eigene Anweisung hin Appoga einem deutschen Agenten ein Diagramm über die Trägerkapazitäten von militärischen Kommunikationen übergeben hatte und Sablin, auch wieder auf seine Anweisung hin, eine Zeichnung von dem nördlichen Abschnitt des befestigten Letitschew-Gebiets.

Danach gestand Tuchatschewski mehr oder weniger all das, was Jakir schon gesagt hatte, wobei es ein paar belanglose Differenzen gab.

Uborewitsch hielt sich bei seinen Ausführungen an den Rahmen, den Jakir vorgegeben hatte. Er fügte nichts Neues hinzu, versuchte aber seine Beteiligung an der Verschwörung vor 1934 abzustreiten und zu betonen, dass er, Uborewitsch, bis 1934 ehrlich gearbeitet habe. Als Tuchatschewski gefragt wurde, wie ihr konspiratives Zentrum gebildet wurde und wer dazu gehörte, antwortete Tuchatschewski, dass sie kein eigenes Statut über das Zentrum der Verschwörung besaßen, dass aber zu den aktiven Mitgliedern der Verschwörung folgende Personen gehörten:

Tuchatschewski, Gamarnik, Jakir, Uborewitsch, Kork, Feldmann und Primakow und dass sie ein kriminelles Einverständnis hatten.

Die konspirativen Aktivitäten wurden zwischen Tuchatschewski und Gamarnik folgendermaßen aufgeteilt: Uborewitsch und Kork arbeiteten im Westen und Gamarnik im Osten. Jakir erklärte, dass er besonders eng mit Gamarnik durch gemeinsame Informationen verbunden gewesen sei und dass er Gamarnik über seine Aktivitäten in der UMD und Gamarnik ihn über den Fernen Osten auf dem Laufenden gehalten habe. Jakir gestand, dass ihm kein Fall bekannt gewesen sei, in dem Gamarnik Fragen mit Tuchatschewski, Uborewitsch und Kork zusammen besprochen habe. Uborewitsch bestätigte dies ebenfalls und fügte hinzu, dass er, Uborewitsch, mit Gamarnik überhaupt nicht über konspirative Fragen gesprochen habe, aber gewusst habe, dass er Mitglied des Zentrums war.

Kork gestand, dass er seit 1931 Mitglied der Verschwörung und des Zentrums war. In diesem Zusammenhang brachte er sein Erstaunen darüber zum Ausdruck, dass Tuchatschewski, Jakir und Uborewitsch von der von Jenukidze geleiteten Kreml-Verschwörung aus dem Jahre 1931 wussten und dass sie sogar über alle Einzelheiten des Plans der Verschwörer informiert gewesen  waren, dass sie aber aus irgendeinem Grunde nichts darüber dem Gericht mitteilen wollten und sich erst ab 1934 als Verschwörer verstanden.

Kork sagte aus, dass er Tuchatschewski über die Kreml-Verschwörung im Beisein von Jakir und Uborewitsch berichtet und daraus geschlossen habe, dass Tuchatschewski, Uborewitsch und Jakir sich offiziell schon 1931 und nicht erst 1934 der Verschwörung angeschlossen hatten. – ‚Ist es möglich, dass sie‘, so Kork, ‚als sie meinen Bericht über die Kreml-Verschwörung gelesen hatten, noch nicht Mitglieder und Teilnehmer der Verschwörung waren? Sie verheimlichen all dies dem Gericht und verheimlichten es auch der Untersuchung‘.

Des Weiteren machte Kork Aussagen darüber, wie die Kreml-Verschwörung ablaufen sollte, in die er selbst, Gorbatschow, Jegorow, der ehemalige Leiter der Schule  der VTsIK (Allunions Zentralexekutivkomitee – die Exekutive der Sowjetunion bis 1934) sowie Imeninnikow, der ‚Pompolit‘ (pomoschnik po polititscheski podgotowkje = Assistent des Kommandeurs für politische Fragen) dieser Schule.

Seine restlichen Ausführungen deckten sich mit dem, was er bereits bei der Voruntersuchung gestanden hatte. Jedoch ging er besonders ein auf den Punkt des Planes, wonach der Roten Armee in Kriegszeiten eine Niederlage beigebracht werden sollte, und im Zusammenhang mit diesem Plan sprach er über die letzten Militärübungen, die vom Generalstab der Roten Armee durchgeführt worden waren. Dabei ging man von dem Szenarium aus, dass Lettland, Litauen und Estland sich bei einem Krieg neutral verhalten würden, obwohl die Deutschen anscheinend vorhatten, den wichtigsten Teil ihrer Streitkräfte gerade durch diese neutralen Länder zu führen, um die rechte Flanke der Roten Armee zu treffen.

Auf meine Frage, weshalb Kork der Meinung sei, dass Deutschland angeblich seinen Hauptschlag von dem Territorium neutraler Staaten aus führen würde, woher er dies wisse und ob ihm irgendein Abkommen zwischen diesen neutralen Staaten und den Deutschen bekannt sei oder ob er dies einfach nur vermuten würde, dass die Deutschen die Neutralität dieser Staaten nicht respektieren würden, antwortete er, dass er dies von Tuchatschewski wisse und keine andere Quelle habe. Aber er, Kork, meine, dass diese Version offensichtlich subversiv und defätistisch sei, und zwar deshalb, weil der Generalstab der Roten Armee bei seinen Planungen von der Vermutung ausgeht, dass die Neutralität dieser Staaten von den Deutschen nicht angetastet werden würde.

Bei den Militärübungen hatte sich Tuchatschewski auf die Seite der ‚Blauen‘ gestellt (‚blau‘ ist der angenommene Gegner, ‚rot‘ die eigene Seite – Üb.) und hatte sich den Ansichten des Generalstabs der Roten Armee angeschlossen, dass die Neutralität dieser Staaten von Deutschland nicht angetastet werden würde, und deshalb war er der Meinung, dass  die deutsche Armee ihren Hauptschlag eher  irgendwo im Süden führen würde, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass Deutschland aus den neutralen Staaten heraus angreifen würde.

Trotz der Tatsache, dass diese extrem wichtige und aktuelle Frage in Tuchatschewskis weiteren Geständnissen nicht angeschnitten wurde, entschieden die Mitglieder des Gerichts dennoch, dass Tuchatschewski dazu nicht weiter befragt werden sollte. Ich persönlich bin jedoch der Ansicht, dass diese Frage äußerst interessant ist, und zwar von dem Standpunkt aus gesehen, dass Tuchatschewski ganz offensichtlich von einem Abkommen zwischen Deutschland und den sogenannten neutralen baltischen Staaten für den Fall eines Krieges gewusst haben muss.

Nach diesen Militärübungen, so gestand Kork weiter, waren die Verschwörer zu der Ansicht gelangt, dass sie ihr wichtigstes Sabotageziel für die Herabführung einer Niederlage der Roten Armee erreicht hatten.

Weiter gestand Kork, dass er als Kommandeur des Moskauer Militärdistrikts zusammen mit Jenukidse, Jagoda, Gorbatschow, Weklichow, Aronschtam, Germanowitsch, Jegorow und Imeninnikow die Auswahl des Kommandos und der Führungskräfte aus der Moskauer Garnison auswählte, damit diese Garnison zusammen mit den Kreml-Verschwörern einen Militärputsch durchführen konnte. Zu diesem Zweck hatten Tuchatschewski, Gamarnik, Uborewitsch, Jakir und er, Kork, spezielle Kader ausgewählt. Sie versuchten, ihre eigenen Leute für die Kommandopositionen der kämpfenden Abteilungen und Einheiten zu ernennen, sie zu Leitern der Munitionslager, im Bauwesen, bei den bewaffneten Arbeiterwehren, für die Mobilisierungsarbeit oder für den Bereitschaftsdienst usw. zu machen.

Kork sagte aus, dass er selbst erst im Laufe des Prozesses von einer Reihe von Dingen erfahren habe, die ihm vorher unbekannt gewesen seien. Ganz offensichtlich wollte Kork den Eindruck erwecken, dass die Köpfe der Verschwörung, besonders Tuchatschewski, ihm viele Dinge vorenthalten hatten – darunter zum Beispiel Gamarniks Tätigkeit im Osten oder seine Kontakte zu Trotzki, Bucharin und Rykow. Kork wies jedoch auch daraufhin, dass er durchaus gewusst habe, dass die Führer der militär-faschistisch konterrevolutionären Organisation den Kontakt zu Trotzki und den Rechten nur als zeitweiliges Phänomen angesehen hätten. Diesbezüglich habe Tuchatschewki Kork mitgeteilt, dass die Trotzkisten, Rechten u. a. nur zeitweilige Mitläufer seien, dass aber nach dem Militärputsch er, Tuchatschewski, die Rolle eines Bonapartisten spielen werde. Am 29. November 1934, so Kork bei seinem Geständnis, hatte Tuchatschewski dies in seiner Wohnung so klar und kategorisch im Beisein all jener, die anwesend waren, zum Ausdruck gebracht.

Eidemann sah sich nicht in der Lage, irgendetwas zu sagen, stand nur auf und sagte, dass er, Eidemann, nichts weiter zu gestehen habe, als das, was er bei der Voruntersuchung gestanden hatte und dass er zugebe, schuldig zu sein.

Putna, dieser offenkundige Spion,  fanatischeTrotzkist und Anhänger der modernen Variante des Trotzkismus, der unter der Flagge des Faschismus segelte, gab zu, dass er nach seinem Beitritt zur Organisation stets den Prinzipien ehrlicher Arbeit für die Verschwörer treu geblieben sei, während er gleichzeitig selbst nicht an die Rechtmäßigkeit seiner Taten geglaubt habe. Als Genosse Dybenko ihn zur Verhöhnung des Genossen Below in Berlin befragte, antwortete er, dass dies nur eine kleine Episode unter den vielen viel bedeutenderen und schwerwiegenderen Verbrechen gewesen sei, die er begangen habe.

Primakow gab sich beim Prozess mannhafter als die anderen, wenn ich es so ausdrücken darf. Aber seine Erklärung enthielt nur das, was er bei der Voruntersuchung ohnehin schon gestanden hatte. Primakow bestritt vehement die Behauptung, dass er eine terroristische Gruppe gegen den Genossen Woroschilow, bestehend aus Schmidt, Kusmitschow und anderen, angeführt habe, und er bestritt ebenfalls, dass  er angeblich vor seiner Verhaftung eine terroristische Gruppe aus Leningrad, zu der Bakschi, der ehemalige Generalstabschef des motorisierten Korps, sowie Sjuk gehört hätten, angeleitet habe. Er bestritt, dass ihm von Trotzki eine sehr wichtige Aufgabe anvertraut worden sei, und zwar die, in Leningrad einen bewaffneten Aufstand zu organisieren. Dafür sollte er sich angeblich strikt von allen terroristischen Gruppierungen fernhalten, all seine Beziehungen zu den Trotzkisten und den Rechten abbrechen und gleichzeitig versuchen, sich Autorität und absolutes Vertrauen bei der Partei und dem Kommando der Armee zu verschaffen.

Primakow stritt jedoch nicht ab, dass er schon früher eine terroristische Gruppe angeführt hatte und in diesem Zusammenhang darauf bestanden habe, dass Schmidt zum Kommandeur des motorisierten Korps ernannt werden sollte.

Im Zusammenhang mit diesem Sonderauftrag Trotzkis hatte sich Primakow die 25. Kavalleriedivision vorgenommen, die von Sybin kommandiert wurde. Seinen Worten zufolge habe Sybin  nach der Übernahme Leningrads durch die Rebellen Trotzki an der Grenze treffen sollen. Zu dem gleichen Zweck bildete er eine SD (Schützendivision) sowie ein MK (motorisiertes Korps) aus. Welche SD dies genau war, weiß ich nicht, aber wir können aus dem, was er sagte, unsere Schlüsse ziehen.

Feldmanns Geständnis glich dem von Kork, in dem Sinne, dass auch er nicht alles über die Pläne der Verschwörer gewusst und dass er vieles erst durch die Anklage im Verlaufe der Verhandlung erfahren habe. Dennoch gab Feldmann zu, dass er seit 1934 aktives Mitglied des Zentrums gewesen war, betonte jedoch, dass Tuchatschewski ihn bearbeitet habe, da er in dem Leningrader Militärdistrikt, das Tuchatschewski kommandierte, gedient hatte.

Feldmann gab zu, dass er sich zu jener Zeit Tuchatschewski angeschlossen hatte und als dieser, der damals schon Stellvertretender Volkskommissar für Verteidigung war, ihm die Existenz der Verschwörer enthüllte, habe er zuerst gezögert und nicht gewusst, ob er ihn am Kragen packen und anzeigen oder ob er sich selbst den Verschwörern anschließen sollte. Er entschied sich für das letzte.

Weiterhin gestand Feldmann, dass er auf Anweisung von Tuchatschewski und Gamarnik Mitglieder der Organisation für entsprechende Posten ausgesucht habe. Er fügte hinzu, dass, als er einmal Tuchatschewski über seine Bemühungen Bericht erstattete, dieser sich sehr unzufrieden gezeigt habe, weil Feldmann immer noch niemanden rekrutiert hatte, der einigermaßen bekannt war, und als Feldmann dann persönlich Appoga, Olschanski, Wolpe und andere gewinnen konnte, sei Tuchatschewski damit sehr zufrieden gewesen.

Feldmann räumte ein, dass es ihm nicht gelungen sei, viele der von der Organisation ausgewählten Kandidaten in hohe Positionen zu bringen, weil der Volkskommissar für Verteidigung damit häufig nicht einverstanden war, obwohl diese Vorschläge mit großem Nachdruck seitens Jakir, Uborewitsch, Gamarnik und Feldmann dem Kommissar unterbreitet worden waren.

Schlussworte der Angeklagten

Jakir:

Jakir sprach fünf bis sieben Minuten lang. Er betonte, dass er bis 1934 ein ehrlicher Soldat gewesen sei. Danach habe er sich gewandelt und sei zu einem Feind der Revolution, der Partei, seines Volkes und der Roten Armee geworden,  betonte, dass es aber die ganze Zeit in ihm zwei Personen gegeben habe:  ein Jakir – der Mann der Roten Armee – und ein anderer – der Feind. Gleichzeitig sei er der Meinung, dass diese beiden Männer – der Feind und der Sowjetmensch – ihn bis zu dem Zeitpunkt regiert hätten, als er die Räumlichkeiten des NKWD betrat und er verhaftet war und vor der Untersuchung, vor dem Gericht und vor all jenen, die bei dem Prozess anwesend waren, die ganze Wahrheit sagte, als er sich als Konterrevolutionär entwaffnete, wodurch er wieder ein echter Bürger der Sowjetunion geworden sei, der seine Armee ‚liebt‘, der das Land der Sowjets und seine Menschen ‚liebt‘ und der  wieder bereit sei, ‚ehrlich‘ als  ‚Bolschewik‘ zu arbeiten, der dem Genossen Woroschilow, der Partei und dem Genossen Stalin vorbehaltlos ‚ergeben‘ sei, und deshalb bitte er darum, dass wir ihn wieder so sehen, wie er damals war.

Was seine Sabotagetätigkeit in der Roten Armee angeht, so gestand er das, was er schon bei der Voruntersuchung zugegeben hatte.

Tuchatschewski:

Tuchatschewski fügte dem, was er bei der Voruntersuchung gestanden hatte, nichts Neues hinzu, aber gleichzeitig versuchte er zu sagen, dass in ihm auch zwei Männer gesteckt hätten: der eine ein Sowjet, der andere ein Feind, und auch er appellierte an das Gericht zu bedenken, dass er bis 1934 als ‚ehrlicher Bolschewik und Soldat‘ gearbeitet habe.

Tuchatschewski schüttelte die ganze Zeit während der Verhandlung, als die Anklage vorgelesen wurde und bei den Geständnissen der anderen Angeklagten den Kopf, womit er sagen wollte, dass all das, was das Gericht, die Untersuchung zu Tage gefördert hatte, dass all das, was in der Anklageschrift stand nicht wahr sei und nicht der Realität entspreche. Mit anderen Worten: Er nahm die Pose eines Menschen an, der sich unverstanden fühlt und dem man unverdientermaßen beleidigt hat, obwohl er äußerlich den Eindruck eines verwirrten und erschreckten Menschen machte. Offensichtlich hatte er nicht mit einer so schnellen Entlarvung seiner Organisation gerechnet, hatte er nicht mit so einem schnellen Ende,  mit einer so zügigen Untersuchung und einem so schnellen Prozess gerechnet.

Zum Schluss bekannte er sich schuldig.

Uborewitsch:

Uborewitsch gab ein kurzes militärisches Schlusswort. Der Kern seiner Rede bestand in den folgenden Worten: ‚Ich bitte Sie, Bürger Richter, zu bedenken, dass ich bis 1934 ehrlich gearbeitet habe und dass meine Sabotagetätigkeit bei der Luftfahrt, bei der Auswahl von befestigten Gebieten vom Standpunkt der taktischen Nützlichkeit aus gesehen sich nicht ausgewirkt hat, weil diese Gebiete schon ausgesucht waren, als ich noch kein Saboteur und Feind war. Danach betrieb ich insofern Sabotage, als dass ich nicht sah, dass sie tatsächlich befestigt waren  und nicht sah, dass einige der Schießscharten an den Markierungen des befestigten Gebietes nicht in die Richtung des Feindes, sondern in die Richtung wiesen, die für den Verteidiger ungünstig war, d. h., dass ich beabsichtigte, in dem befestigten Gebiet Sabotage zu betreiben.‘

Was den Plan für die Niederlage angeht, so schlug Uborewitsch vor, die Angriffsstaffeln so zu formieren, dass sie in den ersten Tagen des Krieges zerstört werden konnten, besonders auch die Kavallerie.

Des Weiteren sagte Uborewitsch: ‚Ich, Uborewitsch, habe ein Verbrechen gegen die Partei und das sowjetische Volk begangen, das nicht gesühnt werden kann. Wenn ich tausend Leben hätte könnten selbst sie nicht meine Schuld sühnen. Ich verriet meinen Eid als Soldat. Dafür muss ich mit der ganzen Strenge des sowjetischen Gesetzes bestraft werden. Aber ich möchte Sie auch darum bitten zu bedenken, dass ich innerhalb der Wände des NKWD bereute, als ich ehrlich und vollständig all meine Verbrechen zugab‘.

Kork:

In seiner Schlussrede sagte Kork: ‚Ich habe gegen die Regierung,  das Volk  und gegen das Land der Sowjets ein Verbrechen begangen. Bis 1931 war ich ein ehrlicher Soldat und Kommandeur und wurde dann zum Feind, zum Spion, zum Agenten, wurde ein Saboteur und Verräter …‘

Als Kork diese Worte sprach, war ein Schluchzen in seiner Stimme zu vernehmen; Tränen traten ihm in die Augen. Danach hielt er eine halbe Minute lang inne; dann setzte er fort: ‚Ich bitte Sie zu berücksichtigen, dass ich bis 1931 ein ehrlicher Soldat war und mich nun ergeben habe, und ich selbst betrachte mich nun wieder als sowjetischer Bürger und werde als sowjetischer Bürger sterben. Dies soll unsere Partei, die Sowjetmacht und unser Volk wissen. Ich habe ein solch großes Verbrechen begangen, dass es nicht durch ein Leben wieder gesühnt werden kann. Andere sollen von meinem Beispiel lernen. Sie sollen wissen, dass man die Sowjetmacht nie verraten darf. Wir erleben heute, wie der Sozialismus in unserem Land erstarkt. In der Phase der Kollektivierung der Landwirtschaft zögerte ich und fiel in die Hände des Faschismus. Ich hoffe, dass die Sowjetmacht eingedenk der stalinschen Verfassung, wo es in einem der Artikel heißt, dass das sowjetische Volk großherzig und dass es sogar dem Feind gegenüber barmherzig ist,  dies auch so sehen kann.

Eidemann

Um sein Schlusswort zu sprechen, konnte Eidemann sich kaum auf den Beinen halten. Er lehnte sich mit beiden Händen auf die Barriere vor ihm und begann seine Rede damit, dass er, Eidemann, nur durch Zufall in die Organisation hineingeriet, weil man ihn beleidigt habe, als man ihm seinen  militärischen Dienstgrad verlieh, weil er mit der Armeeführung und der Politik seiner Partei während der Kollektivierung auf dem Lande unzufrieden war, dass er sich deswegen gegen seinen Willen der konterrevolutionären Organisation anschloss und dass er dann auf ihren Befehl hin, aber vor allem auf den Befehl von Tuchatschewki hin, unglaubliche Verbrechen beging.

Er sagte: ‚Ich, Eidemann, bin in einen Abgrund ohne Boden gefallen. Ich gab Leuten Aufträge, die von mir angeworben worden waren, und sie werden von mir in den Materialien der Voruntersuchung aufgeführt … Ich gab den Auftrag, die Brücke über dem Don zu sprengen. Diesen Auftrag ließ ich durch Iwanow übermitteln; den Auftrag, die Brücke über der Wolga zu sprengen, erteilte ich über Ossoawjachim, den Vorsitzenden der Region Gorki. Die Sprengungen sollten während des Krieges ausgeführt werden. Die Aufträge erhielt ich direkt von Tuchatschewski.

Ich gründete konterrevolutionäre Gruppen, die Aufstände unter den Don- und Kubankosaken anführen sollten. Den Auftrag dazu erhielt ich von Tuchatschewski und Gamarnik. Der Stellvertreter von Ossoawjachim in Rostow und der der OSO in der Region von Gorki wissen, wer im Einzelnen diese Aufstände organisieren sollte.

In mir, Eidemann, existierten auch  zwei Personen. Es war für mich nicht leicht, diese Aufträge zu erteilen, zumal ich gleichzeitig den siegreichen Vormarsch des Sozialismus sehen konnte. Oft dachte ich: ‚Wer bin ich? Bin ich ein Sowjetmensch oder eher ein Feind? Und manchmal kam es vor, dass unsere konterrevolutionäre Organisation mich bedrängte und ich daraufhin erst ihre Aufträge ausführte. Oft weinte ich fast, wenn ich solche Aufträge gab. Ich spürte, dass ich ein Feind des Volkes war, eines Volkes, das mich liebte und mir vertraute.

Ich bitte das Gericht zu berücksichtigen, dass ich vor 1934 ein treuer Soldat war und erst danach zum Feind wurde. Ich finde, dass meine konterrevolutionäre Arbeit weniger Früchte trug als meine sowjetische Arbeit. Ich bitte das Gericht, dies zu bedenken‘.

Putna:

Putna sagte in seinem Schlusswort: ‚Natürlich bitte ich das Gericht nicht um Gnade, aber ich würde zu bedenken geben, dass ich Kommandeur der Roten Armee war. Während der Revolution kämpfte ich in ihr. Dennoch: Nach dem Bürgerkrieg wurde ich zum Anhänger Trotzkis. Ich dachte mir: ‚Alles was Trotzki sagt, ist die Wahrheit‘. Ganz offensichtlich habe ich das bolschewistische Wesen der Revolution nicht verstanden, obwohl ich im Inneren fühlte, dass ich zu den Bolschewiki gehörte, aber dennoch blieb ich Trotzkist. Ich habe nie daran gedacht, wohin mich meine trotzkistische Position führen musste. Ich bin ganz ehrlich, wenn ich dem Gericht mitteile, dass ich, wie die anderen auch, ein fest verankertes Vertrauen in ‚unseren‘ bolschewistischen Staat besaß. Ich bereute aufrichtig gegenüber dem NKWD und wurde wieder zu einem ehrlichen Sowjetbürger. Auch in mir existierten zwei Personen in einer: die eine, der Mann der Roten Armee, die andere, ein Verräter, ein Krimineller – wie immer Sie es nennen wollen. Ich verletzte den Eid der Roten Armee, der besagt, dass derjenige, der die Sowjetmacht, die Regierung und die Rote Armee verraten hat, durch die erbarmungslose revolutionäre Hand bestraft werden wird.

Deshalb verlange ich keine Gnade, aber ich hoffe, dass die Bürger Richter meinen ehrlichen Dienst als Kommandeur der Roten Armee anerkennen  und daraus die entsprechenden Schlussfolgerungen ziehen werden‘.

Primakow:

Primakow sagte in seiner Schlussrede Folgendes:

‚Ich, Primakow, möchte, dass das Gericht und die Richter wissen, mit wem sie es zu tun haben. Ich möchte eine Analyse unserer acht Angeklagten vornehmen: erstens zu den Angeklagten; zweitens zu unserer konterrevolutionären faschistischen Organisation und drittens dazu, unter welcher Flagge wir segelten.

Wer sind die Angeklagten nach ihrer sozialen Stellung nach zu urteilen?

Diese Leute stellen von ihren sozialen Beziehungen her gesehen Pack dar. Wer ist denn Tuchatschewski? Dieser Typ gehört zu den Überresten der konterrevolutionären Offiziersverschwörungen gegen die Sowjets. Sein Heimatland ist das faschistische Deutschland.

Kork, Uborewitsch, Eidemann und Putna haben ihre Heimat in ihren eigenen Ländern. Dort haben sie ihre Familien und ihre Verwandten. Das ist ihr Heimatland. Jakir – dieser Kaufmann der zweiten Gilde aus Rumänien –  hat dort seine Familie. Feldmann  ist ein amerikanischer Händler. Sein Heimatland, seine Familie und seine Verwandten befinden sich in Amerika. Dort ist seine Heimat. Und ich, Primakow, bin der Schwanz des sogenannten Kleinbürgertums mit trotzkistischen Neigungen – ich, der ich die Schule des Trotzkismus von hinten bis vorne 18 Jahre lang durchlaufen habe. In dieser Schule häufte sich der Aussatz der menschlichen Gesellschaft. Die trotzkistische Opposition und die Leute, die zu ihr gehören, sind der schlimmste und unverbesserlichste Feind.

Sagen Sie mir, Bürger Richter: Wo befindet sich deren Heimat und wo ist meine Heimat? Die Sowjetunion ist für sie eine vorläufige Unterkunft. Die Heimat dieser Angeklagten ist dort, wo sich ihre Familien, mit denen sie verbunden sind, befinden. Das ist ihre Heimat, aber nicht die Sowjetunion. Ich wünsche nicht, dass irgendjemand dieser Welt in die faschistisch-trotzkistische Grube fällt. Ich sage ehrlich und offen vor diesem Gericht, dass wir den Eid unserer Roten Armee gebrochen haben, und Sie sollten alle von uns wie Ungeziefer, Kriminelle und Verräter am Sowjetvolk erschießen und auslöschen. Wir alle wissen, dass das sowjetische Volk und seine Partei, die Bolschewiki, das Land zum Glück führen – zum Kommunismus.

Ich, wie die anderen, war ein Mensch mit zwei Gesichtern. Ich muss dem Gericht auch etwas über das soziale Gesicht der konterrevolutionären Organisation, zu der ich gehörte, sagen. Wer waren diese Leute? Ich kenne die eine Hälfte dieser Leute wie mich selbst. Es sind 400 Leute. Ich kenne auch die zweite Hälfte, aber nicht ganz so gut. Es sind zusammen zwischen 800 und 1.000 Leute in unserer Armee und außerhalb von ihr.

Nachdem ich eine soziale Charakterisierung dieser Leute vorgenommen habe, wie konnte es dann aber sein, dass ich versuchte, Leute aus der Arbeiterschaft zu rekrutieren? Aber nichts kam dabei heraus! In unserer Organisation befindet sich nicht ein einziger Arbeiter.

Dies ist wichtig für das Gericht zu wissen. Und hieraus ziehe ich die Schlussfolgerung, dass wir, die Verschwörer, uns einbildeten, dass wir in der Lage wären, dieses riesige Land und das sowjetische Volk zu führen und dass wir dazu nur ein halbes Dutzend oder ein Dutzend Napoleons bräuchten. Wir waren Napoleons ohne Armee. Wir arbeiteten für das faschistische Deutschland. Aber es ist vollkommen klar, dass unter diesem halben Dutzend Napoleons nur einer übrig blieb und das war der, der am unterwürfigsten den Willen Hitlers und des faschistischen Deutschland ausführte.

Feldmann:

Feldmann betonte in seinem Schlusswort die Tatsache, dass ihr Zentrum nicht 1934, sondern 1931 gegründet wurde und konnte seinem Geständnis aus der Voruntersuchung nichts mehr hinzufügen.

Dennoch versuchte er zu erklären, wie er in die Sache verwickelt wurde und wies auf die Tatsache hin, dass Tuchatschewski ihn zuerst bearbeitete, als er noch im Leningrader Militärdistrikt tätig war, und danach nahm er eine konterrevolutionäre Position ein und führte Tuchatschewskis Aufträge aus.

Was sein Heimatland anging, so führte Feldmann aus, dass er bis zur Sowjetmacht nie eins gehabt hatte und sich als Jude fühlte. In der alten Armee hatte er als Unteroffizier gedient, und in der Roten Armee besaß er den Dienstgrad eines Korpskommandeurs (Komkor), was dem Dienstgrad eines Generalleutnants entspricht. Aber dies konnte ihn nicht davon abhalten, ein Konterrevolutionär zu werden. Er wurde der Mann, der dem Volkskommissar für Verteidigung am nächsten stand (Marschall Woroschilow); er war mit Macht und Vertrauen ausgestattet und dennoch log er und hinterging den Volkskommissar für Verteidigung wie einen Feind.

Des Weiteren führte er aus, dass er, bevor er sich zu einem  Konterrevolutionär entwickelte,  in der Roten Armee als ehrlicher Soldat arbeitete, und bat das Gericht  vor allen im Gerichtssaal Anwesenden Gnade walten zu lassen, weil er sich angeblich völlig ohne sein Wissen in dieses Netz und in diese Affäre verstrickt habe. Statt Tuchatschewski am Kragen zu packen und ihn zum Volkskommissar zu schleppen, habe er den Mut verloren.

Feldmann bat das Gericht, ihm zu vergeben, versprach, ehrlich zu arbeiten und sagte, dass er alles in den Räumen des NKWD gestanden habe und dass er den ganzen Schmutz, den er auf sich geladen hat, mit seinem Blut durch den Dienst und durch seine restlose Ergebenheit für die Partei und Sowjetmacht abwischen wolle.

Schlussfolgerungen

Tuchatschewski, Gamarnik, Kork, Jakir, Uborewitsch, Primakow, Putna, Feldmann und Eidemann sind offenkundige Spione, und dies nicht erst seit 1934, sondern schon seit 1931, und einige von ihnen waren es schon früher, die sich schon seit der Revolution in unsere Reihen eingeschlichen haben. Um ihre Spionagearbeit und konterrevolutionäre Tätigkeit schon vor 1934 zu verbergen, versuchten die Angeklagten, Kork, der dies aufdeckte, als Lügner und Verwirrspieler hinzustellen.

Alle Angeklagten versuchten zweifellos, die Beteiligung Gamarniks an der Verschwörung zu verheimlichen, ganz offensichtlich deshalb, weil Gamarnik, der sich immer als eine politische Persönlichkeit ausgab, unter dem politischen Personal der Armee Rekrutierungsarbeit leistete und offensichtlich nicht nur mit der Führung der Rechten, Trotzkisten und Sinowjew-Anhänger verbunden war, die uns bekannt sind, sondern auch mit einer Reihe anderer hochrangiger ziviler Arbeiter.

Den Geständnissen der Angeklagten Tuchatschewski, Kork, Jakir und Uborewitsch kann man entnehmen, dass sie beschlossen hatten, auf eigene Faust Pläne für die Niederlage der Roten Armee für Kriegszeiten zu entwickeln und dass sie erst danach sich mit dem deutschen Generalstab abstimmten.

In diesem Zusammenhang machten sie bei den Militärübungen unter Führung des Generalstabs der Roten Armee bestimmte Bemerkungen, die dem Plan für die Niederlage entsprachen, hatten dann aber infolge ihrer Verhaftung nicht mehr die Zeit, sie vollständig auszuarbeiten und sie an den deutschen Generalstab weiterzuleiten.

Von General Rundstedt erhielt Tuchatschewski den Auftrag, die wahrscheinliche Stoßrichtung der Hauptschläge der deutschen Armee bei ihrem Plan für die Niederlage zu berücksichtigen:  den einen Schlag in Richtung Ukraine – Lvov, Kiew – und den zweiten Schlag durch die Einnahme Leningrads durch einen Aufstand, was für die deutsche Seite äußerst günstig gewesen wäre, weil diese den Rebellen durch ihre ziemlich bedeutende Luftwaffe Hilfe gewähren konnte und die Rebellen dann auch noch Hilfe von der sowjetischen Luftwaffe, die zu den Rebellen übergangen wäre, erhalten hätte.

Außer dieser Hilfe sollte Deutschland auch Waffen liefern und alles Nötige beisteuern, um eine erfolgreiche Operation für die Eroberung Leningrads zu ermöglichen.

Trotzdem bin ich der Ansicht, dass die Angeklagten, obwohl sie angaben, dass es ihnen nicht mehr möglich war, ihren Plan für die Niederlage dem deutschen Generalstab zu übergeben, einen vielleicht nicht sehr detaillierten Plan besaßen, den sie dann auch an den deutschen Nachrichtendienst weitergaben. Erleichtert wurde dies dadurch, dass Köstring (der Militärattaché der deutschen Botschaft – Üb.) fast immer in Moskau anwesend war und ihn sofort nach Abschluss der Militärübungen des Generalstabs der Roten Armee in Empfang nehmen konnte. Es war auch nicht wichtig, dass man schriftliches Material überreichte, weil all dies auch mündlich geschehen konnte.

Wird das Territorium neutraler Staaten, das der baltischen Regierungen, während eines Krieges für die Konzentration und für die Schläge der deutschen Armee auf der rechten Flanke unserer Armeen genutzt werden?

Dies scheint mir unzweifelhaft. Ich gehe davon aus, dass die Deutschen es tatsächlich tun werden. Sämtliche Fakten, die mir aus geheimen Quellen zur Verfügung stehen, sprechen dafür. Es reicht schon, dass man nur oberflächlich das Netz der Landebahnen studiert, das Lettland, Litauen und Estland inzwischen zur Verfügung steht, das in den letzten Jahren im Eiltempo entwickelt wurde, um zu verstehen, dass diese Landebahnen, was ihre Quantität und Qualität und ihren Umfang angeht, nicht für die kleine Luftwaffe der baltischen Staaten gedacht ist, sondern für die große deutsche Luftwaffe. Deshalb halte ich es für erforderlich, sich den gesamten strategischen Plan noch einmal anzusehen und sich zu überlegen, welche Maßnahmen daraus entwickelt werden können.

Ich kann mich nicht enthalten, meine Meinung zu äußern im Zusammenhang mit dem ‚freundschaftlichen‘ Besuch von Munters , der in Verbindung steht mit der Entlarvung dieser konterrevolutionären und Spionagegang. Es scheint mir, dass seine Ankunft mit dem Scheitern und der Entlarvung dieser Organisation in Beziehung zu setzen ist und ganz offensichtlich auf Weisung Hitlers geschah.

Deshalb erachte ich es als absolut unverzichtbar, dieser Sache mit allen Mitteln nachzugehen.

MARSCHALL DER SOWJETUNION

S. BUDJONNY

26. Juni 1937

Nr. 0039

Anhang zum Dokument

Kurzbiografie von Budjonny

Budjonny, Semjon Michailowitsch

geboren am 13. 4. 1883 in Kosjurin, Gebiet Rostow.

Russischer Offizier, sowjetischer Marschall.

Seit 1903 Militärdienst, 1919 Mitglied der KPR (B), 1924 Mitglied des Revolutionären Kriegsrats der UdSSR. Seit 1934 Mitglied des Zentralkomitees der Allunions-Kommunistischen Partei , Bolschewiki; 1935 Marschall der Sowjetunion; 1934-37 Inspekteur der Kavallerie; 1937-41 Kommandeur des Moskauer Militärbezirks; 1938 Mitglied des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR; von Juli bis September 1941 Oberbefehlshaber der Südwest-Front; von Mai bis September 1942 Oberbefehlshaber der Nordkaukasus-Front; seit 1943 Oberbefehlshaber der Kavallerie der Roten Armee; 1947-1953 stellvertretender Minister für Pferdezucht; 1953-1954 Inspekteur der Kavallerie. Held der Sowjetunion; gestorben am 26. 10. 1973 in Moskau.

(Quelle:  Dimitroff-Tagebücher 1933-1943, hrsg. Von Bernhard H. Bayerlein und Wladislaw Hedeler, Aufbau-Verlag 2000, Kommentare und Materialien, S. 418).

Aus Chruschtschows Geheimrede, Parteitag der KPdSR, Februar 1956

Grover Furr, ‚Kruschev Lied‘ (‘Chruschtschow log’), Erythros Press and Media, LLC, Ausgabe 2011 (meine Übersetzung):

„Chruschtschow: Sehr ernste Konsequenzen, besonders was den Beginn des Krieges anging, ergaben sich aus Stalins Vernichtung vieler Militärkommandeure und politischer Arbeiter in den Jahren 1937 bis 1941 wegen seines Misstrauens und durch verleumderische Beschuldigungen. In diesen Jahren wurden Repressionen gegen bestimmte Teile der Militärkader ausgeführt, angefangen buchstäblich auf der Kompanie- und Bataillonsebene und hinauf bis zu den höheren militärischen Zentralen. In dieser Zeit wurde der Kader von Militärführern, der in Spanien und im Fernen Osten militärische Erfahrungen gesammelte hatte, fast vollständig liquidiert.

Marschall Tuchatschewski und sieben weitere Kommandeure, die verurteilt und  mit ihm zusammen hingerichtet wurden, trugen keine Schuld an dem, was ihnen vorgeworfen wurde, eine Verschwörung zum Sturz der Regierung geplant und Spionagekontakte zu Deutschland und Japan gehabt zu haben.“

(Ebenda, S. 88, engl. Ausgabe).

Dazu schreibt Prof. Grover Furr:

„In dem kürzlich veröffentlichten (Februar 2006) Geständnis vom 26. April 1939 bestätigt Jeschow  (Volkskommissar für Innere Angelegenheiten der UdSSR, bis 1938 – Üb.) voll und ganz die Existenz von drei getrennt arbeitenden, miteinander wetteifernden Militärverschwörungen: eine bestand aus ‚wichtigen Militärführern‘, angeführt von Marschall A. I. Jegorow; dann gab es eine trotzkistische Gruppe, die von Gamarnik, Jakir und Uborewitsch geleitet wurde und schließlich noch eine ‚bonapartistische Gruppe von Offizieren‘ unter der Führung von Tuchatschewski.“(Quelle: http://chss.montclair.edu/english/furr/research/ezhov042639eng.html.)

‚Sonst rechnen wir mit Ihnen ab!‘ Stalin gegenüber Chruschtschow am 17. August 1941:

„ …Sie sind Mitglied des ZK, Mitglied des Politbüros, Mitglied des Militärrates der Front. Schämen Sie sich nicht? Führen sich auf wie ein Kleinbürger. Was ist mit Ihnen los? – Sie haben die Hälfte der Ukraine weggegeben. Sie haben das wohl auch mit der anderen Hälfte vor. Eine Schande. Welche Maßnahmen ergreifen Sie? Warum schweigen Sie? – Ich werde Ihnen 19 Divisionen geben. Ihnen unterstehen 30 Flugzeuge in Ihrem Gebiet. Organisieren Sie die Sache! Lassen Sie die Deutschen auf keinen Fall auf das linke Ufer des Dnepr. Handeln Sie den Erfordernissen entsprechend! Sonst – und das sage ich Ihnen klar und deutlich – rechnen wir mit Ihnen ab …“

(Quelle: Georgi Dimitroff, Tagebücher 1933-1943, ebd., S. 415, Eintragung vom 16./17. August 1941. Dimitroff bekam das Gespräch zwischen Stalin und Chruschtschow im Moskauer Luftschutzbunker mit. Anwesend waren auch Berija, Molotow, Malenkow  u.a.).

Anmerkungen des Übersetzers des englischen Textes

Chruschtschow rehabilitierte 1957 Tuchatschewski und die meisten anderen Militärverschwörer, die erwiesenermaßen einen Plan hatten, die Niederlage der UdSSR in einem Krieg mit Nazideutschland durch Sabotage herbeizuführen – ohne dass eine neue Untersuchung zu dem Fall angesetzt worden war, ohne dass neue Erkenntnisse vorlagen. Sie wurde erst später, 1962, angesetzt und erbrachte offenbar nur neue Belege für die Schuld der Tuchatschewski-Leute. Die Ergebnisse wurden bis 1994 geheim gehalten. (vgl. Grover Furr, ‚Krushchev Lied‘, S. 89).

Die Protokolle des Prozesses vom Juni 1937 sind bis heute unter Verschluss. Es existiert nur das eigene ‚Protokoll‘, also die Eindrücke eines Augenzeugen – die Aufzeichnungen von Marschall Budjonny, der der Verhandlung im Juni 1937 beiwohnte und seine Eindrücke dem damaligen sowjetischen Verteidigungsminister Woroschilow danach detailliert in Briefform mitteilte. Dieses Dokument steht uns jetzt in deutscher Übersetzung zur Verfügung.

Hier an dieser Stelle  müssen folgende Fragen erlaubt sein:

Wie nahe stand Nikita Chruschtschow, der über die Einzelheiten des Prozesses informiert war, der konterrevolutionären militär-faschistischen Verschwörung, wenn er es mit den Rehabilitierungen der Verschwörer so eilig hatte, ohne dass eine Untersuchung zu neuen Ergebnissen gekommen war? Wie nahe stand er ihnen,  wenn er bestimmte Verschwörer  wie Gamarnik zum Beispiel, in seinen Erinnerungen als ‚ehrenhafte Männer‘ bezeichnet?

Hier muss eine weitere Frage erlaubt sein: Warum werden die Dokumente auch heute, über 75 Jahre nach den Ereignissen, auch nach Ablauf der gesetzlichen Sperrfrist für solche geheimen Dokumente, von der Russischen Föderation nicht freigegeben? Kann der Grund der sein, dass sie die Schuld der Verschwörer einmal mehr beweisen würden, wodurch das politisch korrekte Anti-Stalin-Paradigma, das nach wie vor in Russland Staatsdoktrin ist, eventuell Schaden nehmen könnte?

Die russische Regierung täte in ihrem eigenen Interesse gut daran, diese Dokumente endlich zu veröffentlichen, so wie sie das Jeschow-Geständnis freigab, um der historischen Wahrheit die Ehre zu geben – egal, welche Folgen dies für eine bestimmte Ideologie hätte. Sie könnte dadurch nur an Ansehen gewinnen.

Also, Herr Putin