Seit die militärische Operation begonnen hat, sind etwa 200.000 Menschen geflohen. Demnach dürften noch etwa 800.000 Menschen in Mosul leben.

uni_mossul»Es mangelt an allem«

Seit rund hundert Tagen läuft »Anti-IS«-Offensive auf Mossul. Luftschläge fordern zivile Opfer. Gespräch mit Souad Naij Al-Azzawi

Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

Dr. Souad Naij Al-Azzawi studierte in den 70er Jahren an der Universität Mossul Bauingenieurwissenschaften und promovierte anschließend in den USA über die radioaktive Verseuchung des Grundwassers in Colorado durch Kernkraftwerke. 1991 kehrte sie nach Bagdad zurück. 1995/96 untersuchte sie die Verseuchung von Boden, Wasser und Luft sowie Wildpflanzen und Agrarprodukten im südlichen Irak durch abgereichertes Uran. 2003 wurde sie mit dem »Nuclear Free Future Award« ausgezeichnet.

Wenn wir in deutschsprachigen Medien in diesen Tagen überhaupt etwas über Mossul erfahren, dann geht es um »Die Schlacht um Mossul«, darum daß »Tausende fliehen« und daß »Die Irakische Armee den Osten von Mosul eingenommen« habe. Entspricht das dem, was Sie aus Mossul hören?

Die meisten Mainstream-Medien verbreiten die gleichen irreführenden Berichte. Sie zeigen Fotos oder Videoclips, auf denen zu sehen ist, wie irakische Soldaten und Peschmerga IS-Leute durch die Straßen jagen und wie sie sich in den Gebieten, die sie kontrollieren, um die Zivilisten kümmern. Die Wahrheit ist, daß seit mehr als einer Woche Tag und Nacht Hunderte Luftangriffe der USA-Koalition und Langstreckenraketen über den Wohngebieten, die sie befreien wollen, niedergehen. Hunderte Zivilisten sterben und werden in den Trümmern ihres Hauses verletzt. Andere fliehen, wenn sie können. Wer zurückbleibt, sitzt in seinem Haus wie in einer Falle, ohne Strom, ohne Trinkwasser, ohne Nahrungsmittel. Wenn sie – wie in Ramadi und Fallujah – die meisten der Viertel zerstört haben und sich sicher sind, daß IS-Kämpfer sich aus diesen Gebieten zurückgezogen haben, dann kommt die Armee mit den Kameras und führt den Fernsehteams ihren »Erfolg« vor.

Währenddessen sterben die Verletzten weiter in den Trümmern ihrer Häuser, weil es kein schweres Gerät gibt, um sie zu bergen. Und selbst wenn die Verletzten geborgen werden, dann gibt es kein Krankenhaus mehr in der Nähe, in dem sie versorgt werden können. Denn die USA-Koalition hat alle Krankenhäuser zerstört. Ich nenne das die absichtliche Vernichtung der irakischen Zivilbevölkerung.

Wissen Sie, wie viele Menschen noch in Mosul leben?

Seit die militärische Operation begonnen hat, sind etwa 200.000 Menschen geflohen. Demnach dürften noch etwa 800.000 Menschen in Mosul leben.

Was wissen Sie über deren Lebenssituation, wie sieht der Alltag aus?

Die Lage in der Stadt ist schrecklich. Es gibt keinen Strom, kein sauberes Trinkwasser, kein Benzin, keine Nahrungsmittel. Wie sollen die Menschen schlafen können bei dem grauenhaften Lärm der Bombardierungen, der Kampfflugzeuge und in ständiger Angst, daß die eigene Wohnung, das eigene Haus als nächstes von den Raketen zerstört werden könnte? Die Familien wissen nicht, wo sie ihre Kinder oder alte, kranke Angehörige und Nachbarn noch sicher unterbringen können, damit sie nicht zerstückelt werden, wenn die Raketen der »Befreier« ihr Zuhause treffen.

Bei den Luftangriffen müssen die Einwohner von Mosul manchmal drei, vier Kilometer laufen, um Wasser aus einem Fluß, Kanal oder einer Quelle zu bekommen. Es mangelt an Medikamenten, die Krankenhäuser sind zerstört und so können selbst einfache, ungefährliche Krankheiten zum Tod von Kindern und Alten führen. In Presseerklärungen des Zentralkommandos der USA-Armee hat die »Anti-IS-Allianz« seit Anfang des Jahres die Universität von Mossul tagelang angegriffen. Am 18.1. heißt es: »Die Befreiung der Universität nimmt IS eine bedeutende Basis für ihre Operationen und Forschung. Die Befreiung ist kulturell wichtig für die Bewohner von Mossul und es ist als Bildungseinrichtung auch ein wichtiges Wahrzeichen der Stadt.« Sie haben selber in Mosul studiert und Kontakte zu den Fakultäten, welche Informationen haben Sie von dort?

Die USA-Armee muß das natürlich sagen, um ihre Kriegsverbrechen zu verschleiern. Sie haben die gesamte zivile Infrastruktur in Mossul angegriffen: die Stromversorgung, Transformatorenhäuser, Wasserwerke, Krankenhäuser, die pharmazeutischen Industrieanlagen. Lagerhäuser für Nahrungsmittel, sämtliche Einrichtungen der staatlichen Versorgung, die Banken und natürlich die Universität. Es handelt sich – wenn wir Fallujah und Ramadi einbeziehen – um die absichtliche und systematische Zerstörung aller Städte, die sich der Besatzung widersetzt haben.

Die USA-Besatzung nannte diese drei Städte das »Dreieck des Todes«. Die Bombardierung von Wohngebieten, die vielen Toten, die Zerstörung des zivilen Lebens und seiner Einrichtungen in diesen Städten gehören zu dem USA-Plan, aus dem Irak einen »gescheiterten Staat« zu machen. Keine Stadt soll in der Lage sein, sich gegen die beabsichtigte Spaltung des Landes zu wehren und zu verhindern, daß Öl und andere nationale Ressourcen des Irak übernommen werden.

Bei der Bombardierung der Universität von Mossul wurde auch Professor Mohamad Tybee Al-Layla mit seiner Familie in seinem Haus getötet. Sie haben bei ihm studiert, was für ein Mann war er?

Professor Dr. Mohamad Tybee al-Layla war ein hoch intelligenter, seriöser und engagierter Angehöriger der Fakultät, er nahm seine Arbeit sehr ernst. Während unseres Bauingenieurstudiums hat er uns sehr gefordert und ermuntert, immer mehr zu lernen. Seine Familie ist sehr bekannt, hoch gebildet. Er liebte Mossul und hat die Stadt, die Universität und die Studierenden nie verlassen. Nicht in der Zeit der Wirtschaftssanktionen (1991-2003), als die meisten Akademiker das Land verließen, und auch nicht in der Zeit der Besatzung (nach 2003).

In dieser Zeit verließen mehr als 60 Prozent der Akademiker den Irak. Vor allem diejenigen, die ihren Abschluß in den USA oder Großbritannien gemacht hatten, gingen fort. Sie konnten die schweren Lebensbedingungen und die schlechte Sicherheitslage nicht ertragen. Aber er blieb und betreute mehr als 60 Doktoranden und Masterstudierende im Bereich des Bauingenieurwesens. 2014 wurde er als herausragender irakischer Wissenschaftler ausgezeichnet. Er weigerte sich, sein Haus in Hay al-Dhubat im Osten von Mosul zu verlassen, weil der IS alle Häuser derjenigen beschlagnahmte, die die Stadt verließen. Er starb mit seiner Familie in den Trümmern seines Hauses. Zwei Tage lang konnten sie nicht geborgen werden. Sein Tod ist nicht nur für uns, seine Studenten, eine Tragödie. Es ist eine Tragödie für die ganze Gemeinde der Wissenschaftler, für die Stadt Mossul. Die USA-Armee spricht davon, die Universität von Mossul befreit zu haben.

Ich nenne das die Zerstörung von Mossul einschließlich der Universität. Wenn sie die Stadt hätten befreien und die Einwohner retten wollen, hätten sie eine Guerillataktik anwenden können. Doch sie entschieden anders und Tausende von Zivilisten wurden zu »Kollateralschäden« erklärt. Was in Mossul, in der Universität und gegen die Bevölkerung geschah ist ein Kriegsverbrechen.

Die Friedensbewegung, Intellektuelle, Wissenschaftler in aller Welt äußern sich kaum zu dem, was in Mossul geschieht. Warum?

Ganz einfach, die Masse irreführender Medienberichte verschleiert den Blick auf das, was dort geschieht. Die »Befreiungsoperation« fand zum gleichen Zeitpunkt statt, als alle Welt auf den Präsidentenwechsel in den USA blickte. Das war sicherlich kein Zufall, niemand blickte auf die Verbrechen, die in Mossul begangen wurden. Hinzu kommt, daß Personen, die das Geschehen in Mossul beim Namen nennen, diffamiert werden, den Terror und IS zu unterstützen. Sie werden geradezu erpreßt.

In Europa will man unbedingt das Problem mit den Flüchtlingen loswerden. Man meint, unschuldige Leute im Irak zu töten und ganze Städte zu zerstören, sei ein angemessener Preis dafür, um IS den Garaus zu machen. Hauptsache, die Flüchtlinge kehren wieder in ihre Heimat zurück und leben dort glücklich weiter.

Die westlichen Medien betonen oft, daß es einen »Religionskrieg« im Irak gebe. Sunniten bekämpften die Schiiten und umgekehrt. Christen, Jesiden, Assyrer verteidigen sich gegen die anderen. Ist das so?

Die Spannungen zwischen den Religionsgruppen wurden von der Besatzung geschaffen, um den Irak zu erobern, zu kontrollieren, das Öl und alle Ressourcen zu übernehmen. Sie wurden durch eine von den USA geschriebene Verfassung und einen aufgezwungenen, konfessionellen politischen Prozeß gefördert. Hunderte von Jahren haben die Iraker friedlich miteinander gelebt. Was heute geschieht ist ein Interessenkonflikt unter denen, die die Besatzung des Irak betrieben haben. Das wird von den Mainstream-Medien als »Religionskrieg« dargestellt.

Religiöse Minderheiten und Volksgruppen wie die Kurden werden von westlichen Staaten unterstützt. Frankreich und Deutschland beispielsweise bewaffnen und trainieren kurdische Peschmerga, die USA stellen jesidische und assyrische Bataillone auf. Der Iran unterstützt schiitische Milizen und alle zusammen fördern die irakische Armee. Warum? Für welches Ziel lassen sie alle diese Leute im Irak gegeneinander kämpfen?

Die Iraker sind das Volk der mesopotamischen Zivilisationen, sie sind sehr verschieden und doch geeint in ihrer Zivilisation. Als die USA-Administration und die britische Regierung entschieden, alle Ölressourcen im Mittleren Osten unter ihre Kontrolle zu bringen, entschieden sie auch, daß Israel sich ungehindert in der Region ausbreiten können soll. Ihnen war klar, daß das nur gelingen kann, wenn sie den Irak aufteilen und in drei oder noch mehr kleinere Gebiete zerschlagen. Diese Fragmentierung verläuft entlang verschiedener Volksgruppen und Religionen, die gegeneinander kämpfen. Gleichzeitig brauchen alle für ihre Kämpfe den Schutz der USA und der NATO. Was wir jetzt sehen, ist sozusagen die »Vollendung« dessen, was sie 1991 (Irak-Krieg, Beginn UNO-Sanktionen, Schutzzonen-Regime) begonnen haben: die Zerschlagung des Irak.

Interview: Karin Leukefeld

Donnerstag 26. Januar 2017