Kann die Partei eine Macht sein, die sich auf die Gewalt gegenüber der eigenen Klasse, gegenüber der Mehrheit der Arbeiterklasse stützt? Es ist klar, dass sie das nicht sein kann.

stalin_siegt1War Stalin ein Diktator?

Von Gerhard Schnehen

Dass Stalin ein Diktator und Alleinherrscher war, oder mehr noch, ein Tyrann, Verbrecher und Massenmörder, gehört heute weltweit zum so genannten Anti-Stalin-Paradigma (Grover Furr), auch in dem Land, in dem er 30 Jahre lang an der Spitze der Sowjetunion tätig war. Wladimir Putin bezeichnete ihn unlängst als ‚Tyrann und Diktator‘.

So gut wie alle deutschen Historiker, die sich mit Stalin beschäftigen, bezeichnen ihn als ‚Diktator‘ oder als ‚Alleinherrscher‘, als jemand, der nach ‚der absoluten Macht griff‘ und eine ‚persönliche Diktatur etablierte‘ (Stefan Creuzberger):

„Stalin ist aktueller denn je … Aber auch die bemerkenswerte Renaissance, die der ehemalige sowjetische DIKTATOR im heutigen Staat Medwedjews und Putins erfährt, veranschaulicht, wie allgegenwärtig Stalin immer noch ist.“

(Stefan Creuzberger, ‚Stalin. Machtpolitiker und Ideologe‘, Stuttgart 2009, S. 11, Einleitung, Hervorhebung von mir).

„Mein Anliegen ist es vielmehr, Politik, Person und Verbrechen des georgischen DIKTATORS auf der Basis der seit der Zeitenwende von 1990/91 publizierten, analysierten und interpretierten jüngeren und jüngsten Quellenzeugnisse aus Moskauer Archiven … griffig und lesbar darzustellen.“

(Klaus Kellmann, ‚Stalin – eine Biografie‘, Darmstadt 2005, S. 7, Vorwort, Hervorhebung von mir).

„Das bolschewistische Projekt der Eindeutigkeit führte nicht zuletzt deshalb in den Massenterror, weil es dem DIKTATOR gefiel.“

(Jörg Baberowski, ‚Der rote Terror‘, Koblenz 2015, S. 16, Hervorhebung von mir).

Der gleiche Autor an einer anderen Stelle in seinem Stalin-Buch:

„Ohne die destruktive und kriminelle Energie des DIKTATORS wäre, was hier geschah, kaum möglich gewesen.“

(Ebd., S. 252, meine Hervorh.).

„Am Ende konnte der DIKTATOR selbst die Mitglieder des Politbüros verhaften und töten lassen, ohne dass ihn daran jemand hindern konnte.“

(Ebd., S. 83, meine Hervorh.).

„Die geschichtliche Figur Stalins ist nur vom Stalinismus her zu begreifen, von einer geschichtlich bedingten Herrschaftsstruktur, die der Person des DIKTATORS vorgegeben war und seine Wirkungszeit zwangsläufig überdauerte.“

(Maximilien Rubel, ‚Stalin‘, eine Monografie, Reinbek/Hamburg 1994, S. 7, Vorbemerkung, Hervorhebung von mir).

Der bekannte Publizist Wolfgang Leonhard (‚Sowjetideologie heute‘) wollte da nicht nachstehen:

„Dass es Stalin endgültig gelungen war, seine ALLEINHERRSCHAFT zu zementieren, lässt sich an einem Datum ablesen: dem 21. Dezember 1929. Es war Stalins fünfzigster Geburtstag. … Unter Stalin galt jeder Widerspruch als zwecklos.“

(Wolfgang Leonhard, ‚Anmerkungen zu Stalin‘, Reinbek/Hamburg 2009, S. 61f, Hervorhebung von mir).

„Seine einzige Leidenschaft war tatsächlich die Ausübung der Macht, allerdings nicht nur als abstrakte Staatsmacht, sondern auch als persönliche Macht über Menschen und besonders über ihm bekannte, untergebene, sogar nahestehende Menschen.“

(Gerd Koenen, ‚Utopie der Säuberung‘, Berlin 1998, S. 266).

Auch das Buch des geballten Wissens, die Quelle allen Wissens,  sieht es so, wie es hierzulande und anderswo gesehen werden soll:

„Er war seit Ende der 1920iger Jahre unumschränkter DIKTATOR und höchste Autorität des Bolschewismus; durch ‚Säuberungen ( …) vernichtete er tatsächliche und vermeintliche Gegner.“

(‚Der Brockhaus in einem Band‘, Gütersloh 2012, S. 833, Hervorhebung von mir).

Aus den Zitaten schimmert durch, dass sich einige Autoren, die allesamt das herrschende Anti-Stalin-Paradigma vertreten, sich in letzter Zeit Sorgen darüber machen, dass das Bild von Stalin, dem Diktator und Alleinherrscher, dem Tyrannen, Verbrecher, dem Kriminellen, Massenmörder usw. usf., das man besonders seit Ende des 2. Weltkrieges so sorgsam aufgebaut hat – auch übrigens mit Hilfe des 1947 gegründeten CIA – heute Risse bekommen könnte, besonders aber in Russland, wo man ‚bedenkliche Entwicklungen‘ ausgemacht hat, denen man jetzt entschieden die eigene antikommunistische ‚Wahrheit‘ entgegenschleudern muss:

„In Putins Russland bahnt sich Unheilvolles an: Stalin kehrt zurück. Er kehrt zurück in die Köpfe der Menschen und in den Alltag.“

(Wolfgang Leonhard, ‚Anmerkungen zu Stalin‘, Reinbek/Hamburg 2009, S. 9).

Einer Umfrage zufolge sehen heute etwa 50% der russischen Bevölkerung Stalin wieder positiv. Stalin ist damit inzwischen neben Breschnew und Peter dem Großen der am meisten geachtete Politiker des Landes, von dem viele meinen, dass er viel für Russland getan hat.

Ich will mich hier nicht mit der Frage beschäftigen, ob Stalin ein ‚Massenmörder‘ gewesen sei, was zum Glaubensbekenntnis von Antikommunisten gehört, sondern will mich auf die Frage beschränken, ob Stalin ein Diktator war oder ob er es nicht war.

Für bürgerliche Historiker von der Art, wie ich sie soeben zitiert habe, steht völlig außer Frage, dass Stalin ein solcher Diktator war. Da sind sie sich alle einig, da schert so gut wie keiner aus der Linie aus. Es ist für sie ein Axiom, eine Art kirchliches Dogma, das sie nicht auf seine Stichhaltigkeit oder Lebensberechtigung überprüfen, sondern das ‚unmittelbar‘ und ‚intuitiv‘  für sie einleuchtend ist und in sie wie das helle Licht einer Taschenlampe hineinleuchtet, welches für diese gläubigen Antikommunisten unzweifelhaft feststeht. Jeder Zweifel ist hier strikt untersagt, will man sich nicht als Stalin-Versteher unmöglich machen, womit man sich auch außerhalb des ‚wissenschaftlichen Diskurses‘ stellen würde, der bei uns gilt. Aber warum sollte man, wenn man ein gläubiger Mensch ist und kein Wissenschaftler im strengen Sinne (das sind Menschen, die ihre Vorurteile bei ihren Untersuchungen unterdrücken, die versuchen, objektiv und vorurteilsfrei an Sachverhalte heranzugehen und nicht das ungeprüft hinnehmen, was es erst zu beweisen gilt, die sich um Primärquellen und Beweise kümmern usw.), an den Glaubenssätzen zweifeln, die man schon mit der Muttermilch aufgesogen hat? Und da es hierzulande nicht Aufgabe von deutschen Historikern, schon gar nicht von Journalisten ist, die Glaubenssätze des Mainstream und der political correctness und damit die ideologischen Herrschaftsinstrumente der herrschende Klasse, der deutschen und internationalen Bourgeoisie in Frage zu stellen, sondern sie ungeprüft hinzunehmen, sie unzählige Male zu wiederholen, als ‚rational‘ hinzustellen und in die Massen zu tragen, damit sie nicht aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden, gehört es einfach zu einer ‚wissenschaftlichen Methode‘, auch in Sachen Stalin von diesem kirchlichen Axiom auszugehen, und von da aus alles andere deduktiv abzuleiten. Stalin muss also heute und gerade heute wieder ‚ins richtige Licht‘ gestellt werden, damit niemand auf die fatale Idee kommt, in Stalin einen echten Revolutionär oder einen Befreier vom Kapitalismus und Faschismus zu sehen.

Was ist laut bürgerlicher Ideologie nun ein Diktator?

„Diktator – unbeschränkter Herrscher, Gewaltherrscher.“

(Wahrig, ‚Die deutsche Rechtschreibung‘, München 2007, S. 411).

Eine ‚Diktatur‘ ist dann die

„unbeschränkte Machtfülle eines Einzelnen oder einer Gruppe.“

(‚Der Brockhaus in einem Band‘, ebd., S. 191).

Danach ist dann ein Diktator nach der offiziellen Ideologie jemand, der über eine unbeschränkte Machtfülle verfügt, oder dessen Gruppe darüber verfügt, und der diese Machtfülle nutzt, um mit Gewalt seine Ziele durchzusetzen. Er tut dies in ausschließlich eigenem Interesse oder im Interesse seiner Klientel. Die Entscheidungen, die er trifft, sind seine eigenen Entscheidungen, denn er ‚diktiert‘ allein, er diskutiert nicht. Daraus ergibt sich, dass Kommunisten keine Diktatoren sein können, denn ihnen geht es nicht um ihre eigene Person oder um ihre Machtfülle, sondern um die Interessen der Arbeiterklasse. Stalin kann also kein Kommunist gewesen sein, wenn er ein Diktator im bürgerlichen Sinne war.

Gehen wir mal einen Moment davon aus, dass dies eine brauchbare Definition von einem Diktator ist, dann wäre also Stalin jemand gewesen, der über eine unbeschränkte Machtfülle verfügte, der ein ‚unbeschränkter Herrscher‘ war, der diese Macht im ausschließlich eigenen Interesse nutzte, der nicht diskutierte, sondern dekretierte, um seine persönlichen, seine egoistischen Ziele durchzusetzen. Stalin war also auch kein Kommunist, sondern irgendetwas anderes, ein Machtmensch, ein Egoist, ein Sadist oder dergleichen. Da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Der deutsche Hauptexperte in Sachen Sowjetunion und Stalin, Wolfgang Leonhard, ein bekennender Trotzkist übrigens, begründete dies zu Lebzeiten so:

Stalin habe sich bis 1929 all seiner Gegner durch Säuberungen entledigt und sich dann rechtzeitig zu seinem runden fünfzigsten Geburtstag, am 21. Dezember 1929, zum  Alleinherrscher aufgeschwungen. Leonhard:

„Dass es Stalin endgültig gelungen war, seine Alleinherrschaft zu zementieren, lässt sich an einem Datum ablesen: dem 21. Dezember 1929. Es war Stalins fünfzigster Geburtstag.“

(Ebd., S. 61).

So, jetzt wissen wir es ganz genau, weil wir unseren Starexperten befragen konnten, und wir wissen auch, ab wann Stalin Diktator wurde.

Einige Autoren meinen, dass jeder Widerspruch unter Stalin strafbar war und dass man sofort im Gulag landete, wenn man auch nur ein Wort des Widerspruchs gegen Stalin vorbrachte, dass man dann Gefahr lief, von der allgegenwärtigen Geheimpolizei, der GPU, morgens um halb vier abgeholt zu werden, wie es bei den Nazis der Fall war, womit wir bei der Gleichsetzung von Faschismus und Sozialismus (beides totalitäre Systeme) angelangt wären.

Was meinte Stalin selbst dazu?

Der Schriftsteller Eugene Lyons hat Stalin damals direkt diese Frage gestellt:

‚Sind Sie ein Diktator, Herr Stalin?‘

Lyons beschrieb Stalins Reaktion so:

„Stalin lächelte und gab zu verstehen, dass diese Frage absurd sei. ‚Nein‘, sagte er langsam, ‚ich bin kein Diktator. Die Leute, die das Wort gebrauchen, verstehen das sowjetische Regierungssystem und die Methoden der Kommunistischen Partei nicht. Nicht ein einzelner kann diktieren, Beschlüsse werden durch die Partei gefasst.“

(Zitiert nach William B. Bland, ‚Stalinismus‘, Vortrag vor der Sarat-Akademie in London, 30. April 1999, deutsche Übersetzung, S. 2, http://espressostalinist.com/category/bill-bland).

Es soll Leute geben oder gegeben haben, darunter auch angesehene bürgerliche Wissenschaftler, die es anders sahen als unsere jetzt wieder vermehrt Stalin-Biografien schreibende Historikergilde aus dem deutschen Lande, darunter Sidney und Beatrice Webb von der britischen Fabier-Gesellschaft damals in ihrem Buch ‚Sowjetkommunismus – eine neue Zivilisation?‘ (1937 erschienen). Sie hatten sich in den dreißiger Jahren eingehend mit dem sowjetischen Regierungssystem und auch mit dieser Frage beschäftigt. Sie kamen nach ihren langjährigen Studien über die damalige UdSSR zu folgendem Ergebnis:

„Stalin … hat nicht einmal die Macht, die die amerikanische Verfassung jedem Präsidenten auf vier Jahre verleiht. … Die kommunistische Partei in der UdSSR hat ihre eigenen Organisationsformen. Darin ist kein Platz für die Diktatur eines Einzelnen. Einzelentscheidungen werden misstrauisch beäugt und tunlichst vermieden.“

(William B. Bland, ebd., S. 2).

Bland weist auf den Unterschied zwischen einer persönlichen Diktatur und der ‚Diktatur des Proletariats‘ hin:

„Gewiss wurde die sowjetische Regierung in der Zeit von Lenin und Stalin offiziell als ‚Diktatur des Proletariats‘ bezeichnet. Aber dies ist keine persönliche Diktatur. Es bedeutet nur, dass die politische Macht sich in den Händen der arbeitenden Menschen befindet und dass politische Aktivitäten, den arbeitenden Menschen diese politische Macht wieder zu entreißen, ungesetzlich sind.“

(Ebd.).

Stalin war zweifellos für diese Diktatur, also für eine Diktatur, die die Herrschaft der Arbeiterklasse im Bündnis mit der werktätigen Bauernschaft über die alten Klassen, die der Aristokraten, Gutsbesitzer und der Kapitalisten sichern sollte. Zu diesen Kapitalisten zählten in der damaligen UdSSR auch die Großbauern und Spekulanten, die das gemeine Volk auf den russischen Dörfern als ‚Kulaken‘ bezeichnete, als ‚Fäuste‘, die das russische Dorf wegen ihrer Geldmacht und ihres Reichtums über Jahrhunderte fest im Griff hielten, fest in ihrer Faust gefangen hielten.

Nach der sozialistischen Revolution vom Oktober 1917 und bis zur Verabschiedung der neuen sowjetischen Verfassung im Jahre 1936 besaßen diese alten herrschenden Klassen, die unter dem Zaren die politische und wirtschaftliche Macht innehatten, kein Wahlrecht. Unmittelbar nach der Revolution waren diese Klassen enteignet und dann im anschließenden Bürgerkrieg (1918 bis 1921) auch militärisch besiegt worden, obwohl sie von 14 Staaten des kapitalistischen Auslands jahrelang in jeder Weise unterstützt worden waren. Zu diesen Ländern zählte auch Deutschland, das damals nach der Russischen Revolution die Ukraine besetzte.

Wie undemokratisch, einfach denen das Wahlrecht zu entziehen! Rosa Luxemburg hat sich damals über jene ‚undemokratische‘ und ‚diktatorische‘ Wahlrechtsentziehung durch die Bolschewiki in ihrem Aufsatz zur Russischen Revolution bitterlich beschwert und Lenin schwere Vorwürfe gemacht. Freiheit sei die Freiheit des Andersdenkenden, auch die Freiheit des Gutsbesitzers. Aber das heißt noch nicht, dass dies ‚undemokratische‘ Maßnahmen waren, nur weil eine linke Politikerin wie Rosa Luxemburg es so sah, denn in den ersten Jahren nach der Revolution ging es darum, die politische Macht der Arbeiterklasse erst einmal zu festigen und unumkehrbar zu machen und die alten Ausbeuterklassen daran zu hindern, wieder an die Schalthebel der Macht zurückzukehren. Natürlich ist das vom Standpunkt dieser Klassen undemokratisch, wenn man so will. Aber diese Klassen bildeten nur eine kleine Minderheit der russischen Bevölkerung. Die Mehrheit waren Arbeiter, Landarbeiter und kleine Bauern, und diese Mehrheit war nun einmal an die Macht gelangt.

Stalin war also zweifellos für diese furchtbar ‚undemokratischen‘ Verhältnisse und stand an der Spitze einer Partei, der bolschewistischen Partei, die diese Arbeitermacht ‚diktatorisch‘ nicht wieder hergeben wollte, die das Instrument dieser neuen Macht war, um auf der Grundlage dieser neuen Machtverhältnisse den Kommunismus aufzubauen, in dem es keine Klassen und keine Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft mehr gibt. Voraussetzung dafür war, dass der Frieden gesichert wurde, dass die Industrialisierung und später, ab 1929, auch die Kollektivierung auf dem Lande und der Übergang zu Großwirtschaft durchgeführt wurden, was nur in einem harten Klassenkampf gegen die Überreste der alten herrschenden Ausbeuterklassen, darunter die schon erwähnten Kulaken geschehen konnte, die sich natürlich mit Gewalt gegen diese Veränderungen zur Wehr setzten.

Erst 1936, als das Kulakentum endgültig entmachtet und als die Sowjetmacht ausreichend gefestigt war, führte man das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht ein, was bedeutete, dass auch ehemalige Angehörige der Ausbeuterklassen, Aristokraten, Geistliche, ehemalige Kapitalisten, Kaufleute und Großbauern nun wieder wählen durften. Stalin hat diese Verfassung mit auf den Weg gebracht. Er befand sich in der Kommission, die diese Verfassung ausgearbeitet hatte. Jetzt wurden die Vertreter für die Sowjets nicht mehr nur durch Handaufheben gewählt, sondern geheim mit dem Stimmzettel. Auch Gegenkandidaten standen zur Wahl. Mitglieder der Partei und Parteilose stritten darum, in den Sowjets Sitz und Stimme zu haben, um die Bevölkerung, sei es in den Städten oder in den Dörfern, Provinzen und Regionen dort direkt zu vertreten. Ausgerechnet der Alleinherrscher und Diktator Stalin hat nun diese demokratischen Reformen mit eingeführt, sogar gegen den energischen Widerstand bestimmter Kreise in den eigenen Reihen, darunter die damaligen Parteisekretäre in den einzelnen Regionen, die um ihre Machtfülle fürchteten. Zu ihnen gehörte übrigens auch ein Herr Chruschtschow.

Den beiden britischen Autoren Sidney und Beatrice Webb waren diese Entwicklungen damals in der Sowjetunion nicht entgangen. Sie studierten sehr gründlich das neue Regierungssystem in der Sowjetunion, und zwar an Ort und Stelle und machten ein umfangreiches Werk über das Regierungssystem der Sowjetunion daraus, in dem man Folgendes über Stalins ‚Diktatur‘ lesen konnte und noch kann:

„Wir sind nicht der Meinung, dass die Partei von dem Willen einer einzigen Person regiert wird oder dass Stalin jemand ist, der eine solche Stellung beanspruchen oder anstreben würde. Er hat selbst nachdrücklich jede Art einer solchen Diktatur auf eine Weise zurückgewiesen, die auch unserer Einschätzung der Fakten entspricht.

Die Kommunistische Partei in der UdSSR hat für ihre eigene Organisation ein Modell entwickelt, das wir hier beschrieben haben. … Darin hat die Diktatur eines Einzelnen keinen Platz. …

Die einfache Wahrheit besteht darin, dass, wenn man die Verwaltung der UdSSR unter der angeblichen Diktatur Stalins betrachtet, wichtige Entscheidungen weder die Eilfertigkeit noch die Schnelligkeit, aber auch nicht den kühnen Eigensinn aufweisen, der oft als Vorteil einer Diktatur ins Feld geführt wird. Im Gegenteil: Die Maßnahmen der Partei werden häufig nach so langwierigem Hin- und Herüberlegen und mit so viel Verzögerung getroffen, nach mitunter hitzigen und erbitterten Debatten, dass das Ergebnis oft den Makel der Zögerlichkeit und der mangelnden Zuversicht trägt.“

(Sidney and Beatrice Webb, ‚Soviet Communism: A New Civilisation?, New York 1937, S. 435, meine Übers. aus dem Englischen).

Wären damals in der UdSSR solche Entscheidungen im Interesse der alten Klassen, also der der Gutsbesitzer und Kapitalisten gefallen, so hätte sich womöglich kein bürgerlicher Historiker daran gestoßen, kein Koenen, kein Kellmann, kein Creuzberger und kein Baberowski, sie hätten sie als absolut demokratisch bezeichnet und Stalin, wenn er die Interessen dieser Klassen wahrgenommen hätte wie ein guter menschenfreundlicher russischer Zar oder wie ein freundlich lächelnder führender imperialistischer Politiker vom Schlage Churchills, wäre nie und nimmer als Diktator und schon gar nicht als Gewaltherrscher, Alleinherrscher oder Massenmörder bezeichnet worden. Er wäre hierzulande so freundlich und wohlwollend aufgenommen worden wie der ‚Kommunist‘ Michail Gorbatschow. Aber weil er nicht die Interessen dieser alten Ausbeuterklassen vertrat, die jahrhundertlang den russischen Arbeiter, den Landarbeiter und Kleinbauern ausgebeutet, ausgesogen, geknebelt, erniedrigt und entrechtet haben, in Unwissenheit und Rechtlosigkeit beließen, ohne Aussicht auf Verbesserung ihrer materiellen und kulturellen Lage, ohne Aussicht auf ein besseres, freieres Leben, DESHALB muss er für sie, die akademischen Schreiberlinge der Bourgeoisie, ein Diktator, Gewaltherrscher, ja ein ‚Monster‘ gewesen sein, denn nur solche Monster und Terroristen kämpfen bekanntlich für die vollständige Entmachtung und Enteignung der Bourgeoisie.

Die Kardinalfrage ist nämlich die, wessen Klasseninteresse ein führender Politiker vertritt, wessen Interessen er sich annimmt: Vertritt er, der einmal ‚demokratisch‘ gewählt ist, nach seiner Wahl die Interessen seiner Wähler, der Arbeiter und der anderen Werktätigen oder schlägt er sie in den Wind, gibt ihnen einen kräftigen Tritt und widmet sich im Folgenden den Interessen derjenigen, die ihm seinen Wahlkampf finanziert haben, wie dies in so gut wie allen westlichen und auch östlichen bürgerlichen Demokratien der Fall ist.

Also: In wessen Interesse hat damals die Sowjetregierung und damit Stalin gearbeitet, der vom Zentralkomitee der bolschewistischen Partei gewählt und immer wieder neu gewählt wurde? Dazu noch einmal die Webbs:

„Es gibt da noch einen anderen Aspekt zu der viel diskutierten Phrase von der Diktatur des Proletariats, den man nicht unterschlagen darf und der völlig auf die Regierung der UdSSR in den Jahren von 1917 bis 1927 zutraf, und in einem weiteren Sinne bis auf den heutigen Tag noch zutrifft:

Man darf vermuten, dass wenn Sozialisten oder Kommunisten über die Diktatur des Proletariats sprechen, die mit einigem ‚dynamischen Enthusiasmus‘ die ehemaligen herrschenden Klassen ‚zu Fall gebracht‘ hat, dass das, was sie dann eigentlich damit meinen, eine Regierung ist, die egal welche Form sie besitzt, eine starke und resolute Exekutive besitzt, die ohne zu zögern die Interessen der arbeitenden und Lohn beziehenden Klasse wahrnimmt.“

(Ebd., S. 449).

Und weil die damalige sowjetische Regierung recht resolut war bei der Wahrnehmung der Interessen der arbeitenden Menschen in ihrem Kampf um den Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung, im harten Klassenkampf gegen die alten Mächte, im Kampf gegen die offenen und verdeckten Feinde und Agenten der alten Klassen (auch in der eigenen Partei), die natürlich vom kapitalistischen Ausland, das die Sowjetunion damals fest umschloss, unterstützt wurden, muss sie in den schwärzesten Farben gemalt werden. Diese Stalinsche Diktatur sei eine einzige Gewaltorgie gewesen, und 1937 habe man sich im ‚Blutrausch‘ befunden. So sieht es Jörg Baberowski, auf den sich heute viele ‚Historiker‘ in ihren ‚Werken‘ beziehen.

Aber, man staune, es gibt noch Ausnahmen, es gibt auch heute noch Leute, die Stalin-Biografien schreiben, und dies nicht so sehen, die es ähnlich sehen wie damals die beiden links-bürgerlichen Autoren Sidney und Beatrice Webb aus England, und einer davon heißt Ludo Martens.

Martens, ein Belgier, schrieb ‚Stalin  anders betrachtet‘, eine Stalin-Biografie aus der Sicht eines Marxisten-Leninisten. Auch er beschäftigt sich mit der Frage, ob Stalin ein Diktator war, und wir erfahren in seiner ganz anderen Stalinbiografie etwas über Stalins ‚Diktatur‘ während des Großen Vaterländischen Krieges:

„Beginnen wir bei dieser ersten angeblich unbestreitbaren ‚Wahrheit‘: Stalin, der einsame Mensch, der Diktator, der allen anderen seinen persönlichen Willen aufzwingt, der eine totale Unterordnung unter seine Person fordert.

Das hat uns Chruschtschow hinterlassen: ‚Die Einzelherrschaft Stalins führte zu schweren Folgen während des Großen Vaterländischen Krieges.‘“

(Ludo Martens, ‚Stalin anders betrachtet‘, 3. Auflage, Zambon-Verlag, Dezember 2014, S. 364).

Der Reformkommunist Nikita Chruschtschow teilte die Meinung unserer bürgerlichen Historiker. Sie haben von ihm übrigens wertvolle ‚Fakten‘ bekommen, die aus dem Munde eines ‚Kommunisten‘, der Stalin selbst gekannt und mit ihm zusammen im Politbüro gearbeitet hat, natürlich tausendmal glaubwürdiger klingen als, sagen wir, aus dem Munde eines deutschen Historikers, der außer Stalinverrisse nichts anderes in seinem Leben gelesen hat. Chruschtschow legte in seiner berüchtigten Geheimrede auf dem 20. Parteitag der KPdSU vom Februar 1956 noch einen drauf, wenn er den erstaunten Delegierten zurief:

„Stalin handelte nicht mit dem Mittel der Überzeugung, der Erklärung, der geduldigen Arbeit mit den Menschen, sondern durch das Aufzwingen seiner Konzeptionen, indem er die absolute Unterordnung unter seine Meinung forderte. Wer sich dem entgegenstellte oder versuchte, seinen eigenen Gesichtspunkt und die Richtigkeit seines Standpunktes zu begründen, war zum Ausschluss aus dem Leitungskollektiv und in der Folge zur moralischen und physischen Vernichtung verurteilt.“

(Zitiert nach Ludo Martens, S. 364).

Jean Elleinstein haut in die gleiche Kerbe: Der Diktator Stalin sei launisch gewesen, er sei jemand gewesen, der

„ … alle seine Untergebenen missachtete.“

(Ebd., S. 364f).

Dadurch habe es während des Krieges ‚Irrtümer in der Kommandoführung‘ von Stalin mit ‚tragischen Konsequenzen‘ gegeben, die ‚durch die Sowjetdiktatur möglich wurden‘ (vgl. ebd., S. 365, Jean Elleinstein, ‚Le socialism dans un seul pays‘ – Der Sozialismus in einem einzigen Lande – Bd. II, Ed. Sociales, Paris 1973,  S. 282 und 284, zitiert nach Ludo Martens).

Chruschtschow wird Elleinstein die Vorlage für seine Behauptungen gegeben haben, der gleiche, der der Meinung war, dass Stalin während des Krieges strategische Entscheidungen an dem Globus in seinem Arbeitszimmer vornahm, auf dem er die Frontlinien eingezeichnet haben soll.

Wie sahen es diejenigen, die damals zur Zeit des Großen Vaterländischen Krieges mit Stalin zusammen im Staatlichen Verteidigungskomitee die militärischen Planungen vornahmen und mit ihm oft fast jeden Tag direkt zu tun hatten? Trifft zu, was Chruschtschow behauptet hat oder sind es Lügen?

General Alexander M. Wassilewski war Chef des sowjetischen Generalstabs während des Krieges. Er war ständig im Verteidigungskomitee präsent, als es um die Planung der großen militärischen Schlachten gegen die deutsche Wehrmacht ging. Er beschreibt den Prozess der Entscheidungsfindung in diesem Gremium so:

„Zur Entscheidung operativ strategischer Fragen oder anderer wichtiger Probleme des bewaffneten Kampfes befahl der Oberste Befehlshaber verantwortliche Genossen zu sich. Die notwendigen Beschlüsse wurden an Ort und Stelle gefasst und als Weisungen, Befehle und Anordnungen des Hauptquartiers erlassen. … Meist wurden strategische Entschlüsse und ihre Durchführungsbestimmungen beim Obersten Befehlshaber von einem engen Personenkreis, von Mitgliedern des Politbüros und des Staatlichen Verteidigungskomitees sowie von dem Stellvertreter des Obersten Befehlshabers, dem Generalstabschef und  seinem Ersten Stellvertreter im Entwurf ausgearbeitet. Oft dauerte diese Arbeit mehrere Tage. In ihrem Verlauf holte der Oberste Befehlshaber von Oberbefehlshabern und Mitgliedern der Kriegsräte, von verantwortlichen Mitarbeitern des Volkskommissariats für Verteidigung sowie von den Volkskommissaren die notwendigen Auskünfte und Ratschläge ein. …

Aber in dem einen wie dem anderen Fall stützten sich das Politbüro und die Führung der Streitkräfte, ob strategische Pläne ausgearbeitet oder über wichtige ökonomische Probleme entschieden wurde, stets auf die Weisheit des Kollektivs. Daher entsprachen die strategischen Entscheidungen meist der konkreten Lage an den Fronten und waren die Forderungen an die Ausführenden realistisch. …“

(Alexander M. Wassilewski, ‚Sache des ganzen Lebens‘, Berlin 1973, S. 695, zitiert nach: Ludo Martens, ebd., S. 366).

Auch General Schtemenko, der zum sowjetischen Generalstab gehörte, schrieb Ähnliches in seinen Memoiren:

„Stalin entschied im Allgemeinen nicht gern allein über wichtige Fragen des Krieges, sondern ging in dieser schwierigen Lage davon aus, dass die kollektive Arbeit dringend notwendig sei. Er erkannte die Meinung von Autoritäten zu militärischen Problemen an und ließ jeden zu Wort kommen.“

(Sergej M. Schtemenko, ‚Im Generalstab‘, Bd. 2, Berlin 1975, S. 322, in ebd.).

Schließlich wollen wir auch Marschall Georgi Schukow nicht vergessen zu zitieren, der als Gegner Stalins und als zeitweiliger Weggefährte von Nikita Chruschtschow kein Interesse daran hatte, Stalin über Gebühr zu loben. Stalin hatte Schukow nach dem Krieg nach Odessa strafversetzt, weil er seine Datscha mit Kriegsbeute, die er sich nach der Eroberung aus Berliner Villen zugelegt hatte, vollstopfte. Schukow schreibt in seinen Erinnerungen dies über Stalins ‚diktatorischen‘ Arbeitsstil:

„Sehr häufig prallten auf den Sitzungen des Staatlichen Verteidigungskomitees die Meinungen hart aufeinander. Wenn es zu keiner einheitlichen Auffassung kam, wurde eine Kommission aus Vertretern der unterschiedlichen Standpunkte gebildet, die auf der nächsten Sitzung abgestimmte Vorschläge zu unterbreiten hatte. … Insgesamt traf das Staatliche Verteidigungskomitee während des Krieges etwa zehntausend Entscheidungen militärischer und wirtschaftlicher Art.“

(Georgi K. Schukow, ‚Erinnerungen und Gedanken‘, Bd. 1, Berlin 1987, S. 328ff).

Dagegen Chruschtschow in seinem ‚Geheimbericht‘, der zum Stichwortgeber für viele Antikommunisten, ja für die bürgerliche Geschichtsschreibung insgesamt wurde:

„Stalin stellte seine Pläne auf, indem er einen Erdglobus benutzte (Bewegung im Saal). So ist es, Genossen: Er nahm einen Globus und zeichnete darauf die Frontlinien an.“

(Nikita Chruschtschow, ‚Geheimrede auf dem XX. Parteitag, Berlin, S. 41f).

Dabei war Chruschtschow nie im Staatlichen Verteidigungskomitee tätig gewesen, sondern an der ukrainischen Front als Politkommissar  eingesetzt worden. Wie glaubwürdig ist dieser Mann? Chruschtschow hatte damals, 1942 die halbe Ukraine aufgegeben, sich aus Kiew zurückgezogen und sich rechtzeitig mit seinem Koch und seinen Bodyguards in Richtung Wolga abgesetzt, wie der Kriegsberichterstatter Konstantin Simonow in seinen Kriegstagebüchern schrieb. An der Stalingrader Front spielte er später keine Rolle mehr.

Ludo Martens dagegen, General Wassilewski zitierend:

„Gegenüber Chruschtschow, der vorgibt, die Arbeit eines verantwortungslosen und kurpfuscherischen Stalins beobachtet zu haben, analysiert Wassilewski, der 34 Monate an der Seite von Stalin als Generalstabschef gearbeitet hatte, den Arbeitsstil Stalins in folgender Weise: ‚Stalin übte einen großen Einfluss auf den Arbeitsstil des Hauptquartiers aus. Seine charakteristischen Züge waren, dass er sich auf die kollektive Erfahrung zur Aufstellung von Organisationsplänen und strategischen Plänen stützte, hohe Anforderungen stellte, Sorgfalt und Beweglichkeit an den Tag legte, ständig Verbindungen zu den Truppen hielt und über eine exakte Kenntnis der Frontlage verfügte. Seine hohen Anforderungen waren wesentlicher Bestandteil seines Arbeitsstils als Oberster Befehlshaber. Er war nicht nur streng, was speziell in Kriegszeiten gerechtfertigt ist, er verzieh niemals Mängel an Exaktheit in der Arbeit und die Unfähigkeit, die Dinge zum Ziel zu führen.“

(Ludo Martens, ebd., S. 372, Wassilewski zitierend).

Stalin hat diesen Arbeitsstil damals so begründet: 90 Prozent aller Entscheidungen, die ein Einzelner trifft, sind falsch, wenn sie nicht im Kollektiv beraten und korrigiert werden. Stalin im Gespräch mit dem deutschen Schriftsteller Emil Ludwig:

„Nein, eine einzelne Person darf nicht entscheiden. Entscheidungen einer einzelnen Person sind immer oder fast immer einseitige Entscheidungen. In jedem Kollegium, in jedem Kollektiv gibt es Menschen, mit deren Meinung man rechnen muss. In jedem Kollegium, Kollektiv gibt es Menschen, die auch falsche Meinungen zum Ausdruck bringen können. Auf Grund der Erfahrung von drei Revolutionen wissen wir, dass unter hundert Entscheidungen, die von einer Einzelperson getroffen und nicht kollektiv überprüft und berichtigt wurden, annähernd neunzig Entscheidungen einseitig sind. … Jeder hat die Möglichkeit, seine Erfahrungen beizusteuern (Stalin bezog sich auf das höchste Organ der Partei, das Zentralkomitee, das damals, als er dies sagte – im April 1932 – aus siebzig Personen bestand – Verf.).

Wäre dem nicht so, würden die Entscheidungen von einzelnen Personen getroffen, dann gäbe es in unserer Arbeit die ernstesten Fehler. Da jedoch jeder die Möglichkeit hat, die Fehler einzelner Personen zu berichtigen, und da wir solche Berichtigungen berücksichtigen, gelangen wir zu mehr oder weniger richtigen Beschlüssen.“

(Stalin im Gespräch mit dem deutschen Schriftsteller Emil Ludwig, in: Stalin-Werke, Berlin 1955, Bd. 13, S. 95f).

Hieraus ergibt sich, dass Stalin kein Mann einsamer Entscheidungen war und viel Wert auf die Stimme des Kollektivs legte, sei es während des Krieges im Staatlichen Verteidigungskomitee bei der Planung der Schlachten gegen die faschistische Wehrmacht,  im Zentralkomitee der kommunistischen Partei oder ganz allgemein in jedem anderen sozialistischen Kollektiv.

Stalin war auch folgender Meinung:

„Niemals, unter keinen Umständen, würden die Arbeiter heutzutage noch die Macht eines Einzelnen dulden. Selbst die größten Autoritäten verlieren jegliche Bedeutung, verwandeln sich in ein Nichts, sobald die Arbeitermassen aufhören, ihnen zu vertrauen, sobald sie den Kontakt zu den Arbeitermassen verlieren.“

(Ebd., S. 98f).

Stalin ging es also ganz besonders darum, das Vertrauen der Arbeiter zu rechtfertigen, was nur möglich war, wenn er auch etwas für sie tat, wenn er ihre Interessen vertrat. Das widerspricht aber dem Wesen eines Diktators, dem es in erster Linie nur um die Bewahrung seiner eigenen persönlichen Macht geht oder um die einer kleinen Gruppe aus seiner Umgebung.

Stalin sprach sich bei verschiedenen Gelegenheiten gegen das Regieren per Dekret, durch das ‚nackte Administrieren‘ aus, das typisch für einen Diktator ist. Auf dem 15. Parteitag im Dezember 1927 sagte er Folgendes zu den versammelten Delegierten, als er seinen politischen Bericht vortrag:

„Ein zweiter Mangel. Er besteht in der Übertragung der Methoden des Administrierens in die Partei, in der Ersetzung der Methode des Überzeugens, die in der Partei von entscheidender Bedeutung ist, durch die Methode des Administrierens.“

(Stalin-Werke, Bd. 10, ebd., S. 288).

Er sah deutlich die Gefahr, dass eine solche Methode in der Partei dazu führen würde, dass sich die Organisationen der Partei in, wie er sich ausdrückte, ‚öde Kanzleiinstitutionen‘ verwandeln würden, dass sich der Bürokratismus, der aus einer solchen Methode resultiert, noch stärker in der kommunistischen Partei ausbreiten konnte.

Wenn Stalin ein Diktator gewesen wäre, hätte er auf einen solchen Bürokratismus Wert gelegt, um seine egoistischen Ziele gegen den Willen der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung durchzudrücken. Aber er tat es nicht, weil er auf die breite Entfaltung der Initiative der arbeitenden Massen den allergrößten Wert legte.

Schon ein Jahr vorher hatte Stalin vor Vertretern der Kommunistischen Internationale Folgendes gesagt, was in die gleiche Richtung zielte:

„Diktatur im strengen Sinne des Wortes ist eine Macht, die sich auf Gewalt stützt, denn ohne Elemente der Gewalt gibt es keine Diktatur, wenn man Diktatur im strengen Sinne des Wortes meint.

Kann die Partei eine Macht sein, die sich auf die Gewalt gegenüber der eigenen Klasse, gegenüber der Mehrheit der Arbeiterklasse stützt? Es ist klar, dass sie das nicht sein kann. Andernfalls wäre das keine Diktatur über die Bourgeoisie, sondern eine Diktatur über die Arbeiterklasse. Die Partei ist der Lehrer, der Leiter, der Führer ihrer Klasse, nicht aber eine Macht, die sich auf die Gewalt gegenüber der Mehrheit der Arbeiterklasse stützt. Sonst wäre es sinnlos, von der Methode der Überzeugung als von der Hauptmethode der Arbeit der proletarischen Partei in den Reihen der Arbeiterklasse zu reden.“

(Stalin-Werke, Bd. 9, S. 71, Stalin vor dem 7. Erweiterten Plenum des Exekutivausschusses der Kommunistischen Internationale, 7. Dezember 1926).

Die Partei müsse die Massen von der Richtigkeit ihrer Politik überzeugen, und nur in dem Maße, wie ihr dies gelingt, könne sie zu einer wirklichen Massenpartei werden. Würde sie diese Methode durch Befehle und Drohungen gegenüber den Arbeitern ersetzen, wäre dies nicht nur kontraproduktiv, sondern auch mit den Prinzipien des Marxismus von der Diktatur des Proletariats völlig unvereinbar.

Stalin kritisierte Sinowjew, den ehemaligen Präsidenten der Kommunistischen Internationale und Parteichef von Leningrad, der solche Auffassungen vertreten hatte. Er gehörte später zu jenen, die die Partei verraten sollten, der mit Trotzki und anderen zusammen, sich gegen den Sozialismus in der UdSSR stellen sollte.

Allerdings, und das sollte auch nicht verschwiegen werden, hielt Stalin die Anwendung von Gewalt gegen die alten reaktionären Klassen, darunter auch die russischen Großbauern, die Kulaken, für legitim und angebracht, wenn sie sich zum Beispiel weigerten, in Zeiten der Not, Getreide an den Staat abzuliefern und es vorzogen, es in ihren Scheunen zurückzuhalten, um damit auf höhere Preise zu spekulieren oder wenn sie die Arbeit in den Kolchosen sabotierten, Gebäude in Brand steckten oder Vertreter der Partei ermordeten. Viele dieser Kulaken wurden zur Zeit der Kollektivierung ausgesiedelt, um zu verhindern, dass sie den Aufbau der Kolchosen und Sowchosen behindern konnten. Aber diese Gewalt ist nicht gleichzusetzen mit der Gewalt eines herrschsüchtigen Diktators, der nur im eigenen Interesse seine Macht ausübt,  und der auch nicht bereit ist, seinen Sessel zu räumen.

Klebte Stalin an seinem Posten als Generalsekretär der bolschewistischen Partei? Er war auf Vorschlag Lenins 1922 vom Zentralkomitee der Partei als Generalsekretär der Kommunistischen Partei gewählt worden. Ein solches Kleben an seinem Posten ist typisch für Diktatoren. Sie wollen um keinen Preis ihre Macht aufgeben.

Dreimal in den zwanziger Jahren und zuletzt noch im Herbst 1952 bot Stalin seinen Rücktritt als Generalsekretär an.  Das erste Mal war 1924, als er wegen Lenins sog. Testament seinen Posten als Generalsekretär zur Verfügung stellte. Das Angebot wurde abgelehnt. Sogar Stalins damalige Gegner, Sinowjew, Kamenjew und Trotzki, sprachen sich für seinen Verbleib als Generalsekretär aus!

Im Herbst 1952, nach dem 19. Parteitag der KPdSU, B, auf dem ersten Plenum des ZK, reichte er erneut seinen Rücktritt als Generalsekretär ein. Der Vorschlag wurde von den Mitgliedern des Zentralkomitees abgelehnt. Stalin machte dann einen Ersatzvorschlag: Der Posten des Generalsekretärs sollte ganz abgeschafft werden. Es sollte nur noch einfache Sekretäre des ZK geben, und er wollte einer von ihnen sein. Der Vorschlag wurde angenommen. Stalin war fortan nur noch ein Sekretär des ZK unter anderen.

Schon kurz nach dem Krieg hatte er Molotow gebeten, seine Posten zu übernehmen, der es jedoch abgelehnt hatte. Ist ein solches Verhalten typisch für einen Diktator in dem Sinne, wie wir ihn eingangs definiert haben?

Nein, es ist völlig untypisch. Stalin war kein Diktator, aber ein Anhänger der Diktatur des Proletariats, also der Herrschaft der durch die Oktoberrevolution an die Macht gekommenen Arbeiterklasse über die kleine Schicht der alten Ausbeuterklassen. Lenin hatte diese Diktatur als Herrschaft einer Klasse definiert, der Klasse der Proletarier, der Arbeiter. Er war auch für eine ‚Alleinherrschaft‘, aber nicht im Sinne einer Herrschaft einer eigensüchtigen, nur auf ihren eigenen Vorteil ausgerichteten kleinen Gruppe von Menschen, sondern im Sinne der Alleinherrschaft der Arbeiterklasse, die sich in einem Bündnis mit der Bauernschaft befindet und deren Partei in diesem Bündnis die führende und leitende Kraft ist, und die die Führung des staatlichen Lebens nicht mit einer anderen Partei teilen kann, ohne diese führende Rolle aufzugeben und damit die Interessen der Arbeiterklasse aufzugeben.

Für bürgerliche Historiker, die die Mär verbreiten, dass Stalin ein Diktator war, sind dies Bücher mit sieben Siegeln. Sie verstehen nicht, dass man die Frage der Diktatur nicht abgelöst und getrennt von der Frage der Klassenherrschaft sehen kann. Auch ein normaler Diktator im bürgerlichen Sinne, also jemand, dem es nur um den Erhalt seiner eigenen Macht geht, wird von bestimmten Klassenkräften nach oben gespült und in diese Position hineingehievt. Meist sind dies Leute, die im Auftrage der Bourgeoisie, der Klasse aus der sie meist stammen oder deren Interessen sie zumindest vertreten, nach oben gespült werden, sich aber einbilden, dass sie ‚Alleinherrscher‘ sind, ihre herrschende Position nur ihrer eigenen ‚Tüchtigkeit‘ verdanken oder glücklichen Umständen, und die dann meinen, nach Belieben verfahren zu können, wie heute etwa bestimmte Oligarchen der internationalen Finanzmafia, die meinen über dem Gesetz zu stehen und aufgrund ihrer Finanzmacht sich alles erlauben zu können. Aber auch diese Menschen sind nicht völlig frei in ihren Entscheidungen. Es gibt für niemanden eine solche völlige Freiheit. In dem Moment, wo sie auf den energischen Widerstand größerer Volksmassen oder auch auf den Widerstand ihrer eigenen Klasse bzw. der führenden politischen oder wirtschaftlichen Schicht dieser Klasse stoßen, die sich hervorgebracht hat, bekommt ihre ‚unbegrenzte Macht‘ Risse, und zumindest politisch gesehen, werden sie wieder zur Seite geschoben, wie dies in Russland der Fall war, als Putin die Oligarchen verhaften ließ oder sie ins Ausland verjagte. Da nützten ihnen auch ihre vielen Milliarden und ihre eigenen Sender nichts mehr. Ihre Zeit war einfach abgelaufen.

Die Vorstellung von der unbegrenzten Machtfülle, wie sie in den oben angeführten bürgerlichen Definitionen vom Diktator zum Ausdruck kamen, basieren auf den Illusionen und Einbildungen der Ideologen der herrschenden Klassen. Sie sehen nicht die Klassenkräfte hinter und im Rücken der Diktatoren, sie verstehen nicht, dass es die Klassen sind, die Menschen zu Diktatoren erst machen, die das Sprungbrett darstellen für ihre angeblich unbegrenzte Macht. In dem Moment, wo sie das Vertrauen ihrer eigenen Klasse verlieren, oder in dem Augenblick, wo breitere Volksmassen anfangen zu  rebellieren, bröckelt ihre Macht, und es bleibt allein das Geld auf ihren Auslandskonten als Basis ihrer verblichenen Herrschaft, die oft wie ein Kartenhaus zusammenfällt, wenn die Diktatoren der Bourgeoisie das Vertrauen ihrer Klasse verspielt haben.

Nur Marxisten verstehen dies, bürgerliche Ideologen und Historiker verstehen dies nicht und können dies auch nicht verstehen. Sie sind gefangene der bürgerlichen Ideologie, die sie daran hindert, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Deshalb können sie auch Stalin und die Sowjetmacht nicht verstehen, deshalb werden sie, von Ausnahmen abgesehen, die wir hier erwähnt haben, dem Anti-Stalin-Paradigma auch immer treu bleiben und sich einbilden, wenn sie eine Stalin-Biografie schreiben, dass das, was sie da aufs Papier bringen, der Weisheit letzter Schluss ist.

Bochum, 3. Februar 2017

Verwendete Literatur

Baberowski, Jörg, Der Rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, Koblenz 2015

Bland, William B., Stalinismus, Vortrag vor der Sarat-Akademie London, 30. April 1999, zu finden bei: http://espressostalinist.com/category/Bill-Bland, meine Übersetzung

Creuzberger, Stefan, Stalin – Machtpolitiker und Ideologe, Stuttgart 2009

Der große Brockhaus in einem Band, Gütersloh und München 2012

Kellmann, Klaus, Stalin – eine Biografie, Darmstadt 2005

Koenen, Gerd, Utopie der Säuberung. Was war der Kommunismus? Berlin 1998

Leonhard, Wolfgang, Anmerkungen zu Stalin, Reinbek/Hamburg 2009

Martens, Ludo, Stalin anders betrachtet, Zambon-Verlag 2014

Rubel, Maximilien, Stalin, Reinbek/Hamburg 1994

Stalin-Werke, Band 9, 10 und 13, Berlin 1955

Wahrig, Die deutsche Rechtschreibung, Gütersloh und München 2007

Webb, Sydney and Beatrice, Soviet Communism: A New Civilisation? New York 1937