Hans Marchwitza, ein schreibender Bergmann und Kommunist

marchwitza_spanien_bearbeitet-1Hans Marchwitza, ein schreibender Bergmann und Kommunist

Zum 52. Todestag am 17. Januar

Von Günter Ackermann

siehe auch:  „Sturm auf Essen“ mehr

Sein Buch „Sturm auf Essen“ ist der Klassiker der Berichte über die Kämpfe des Proletariats des Ruhrgebiets nach dem 1. Weltkrieg. Ein Klassiker auch deshalb, weil Marchwitza mit dabei war. Er war als einfacher Arbeiter Kompaniechef bei der Roten Ruhrarmee und kämpfte selbst mit  der Waffe in der Hand gegen Kapp-Putschisten, Reichswehr und preußischer Polizei unter dem Oberbefehl des Innenministers und Sozialdemokraten Carl Severing. Die preußische Polizei übertraf in Mannschaftsstärke und Bewaffnung die Reichswehr.

SPD-Minister Severing war bei den  Feinden der Demokratie, den Nazis, so zugeneigt, dass er nach 1933 sine Rente bekam und sogar eine Zahlung aus einem persönlichen Fonds Hitlers erhielt.

Nach der Niederlage der Roten Ruhrarmee arbeitete Marchwitza wieder als Bergmann, wurde aber bald – wegen Beteiligung an einem Streik – arbeitslos und bekam auch keinen Job mehr. Marchwitza kam auf eine schwarze  Liste der Bergbarone.

Während der Zeit lieferte er ab und an kurze Texte für die kommunistische Zeitung Ruhr Echo. Damals war Alexander Abusch, der spätere Kulturminister der DDR, dort Chefredakteur. Der ermunterte Marchwitza seine Erlebnisse aus dem Kampf der Roten Ruhrarmee  nieder zu schreiben. Das Buch, „Sturm auf Essen“ erschien 1930. war ein voller Erfolg, es wurde in viele Sprachen übersetzt.

1933 verließ M. Deutschland und ging in die Schweiz, wurde dort jedoch ausgewiesen, Er ging ins Saarland, das damals noch unter Kontrolle Frankreich stand und arbeite hier für die KPD.

Während des Spanischen Bürgerkrieges kämpfte er als Offizier in den internationalen Brigaden gegen die Faschisten. Er sah es als seine Pflicht an, seinen revolutionären Beitrag im antifaschistischen Kampf zu leisten.

Die Nazis, die massiv den Faschisten Franco unterstützten, schickten nicht nur große Mengen Waffen aller Art, mit ihrer Legion Kondor kamen auch Soldaten, ausgerüstet mit den damals modernsten Waffen und Flugzeugen. Hitler wollte seine Waffen im Krieg testen.

Die spanische Republik war auf sich allein gestellt und erhielt nur Hilfe von der Sowjetunion, wobei die sowjetischen Lieferungen massiv von England, Frankreich, Deutschland und Italien behindert wurden Frankreich, das damals links regiert wurde, leistete keine Hilfe, es hatte sich dem Druck Englands gebeugt. Man hatte eine Seeblockade verhängt. Aber Deutschland und Italien lieferten – dem Abkommen widersprechend – Waffen, sowjetische Schiffe wurden behindert.

Nach der Niederlage der spanischen Republik ging Marchwitza nach Frankreich, wurde aber sofort interniert und wäre denen deutschen  Faschisten in die Hände gefallen, wenn es ihm – nach der Besetzung Frankreichs – nicht gelungen wäre, in die USA zu emigrieren. Dort verbrachte er den Krieg und lebte von Gelegenheitsarbeiten und Spenden.

Nach dem Krieg ging er zunächst in die Westzonen, nur dorthin ließen ihn die Amerikaner ausreisen. Bald aber ging er in die sowjetische Zone du lebte bis zu seinem Tod in Potsdam.

Marchwitza wurde 1890 in Scharley,  nahe Bytom geboren. Sein Vater war Bergmann, seine Mutter arbeitete auf der Zeche in der Kohlenwäsche. Waren die Arbeitsbedingungen an der Ruhr und der Saar damals extrem schlecht, war es im schlesischen Revier noch schlimmer. Der Organisationsgrad der Bergleute war sehr gering, Gewerkschaften waren kaum vertreten und die Bergleute waren gefangen in Religion und Aberglauben (Berggeister). Kam im Ruhrgebiet der „Nachschub“ an Arbeitern aus dem polnischen Gebieten Preußens, so in Schlesien aus Kongresspolen, also aus Russland, vor allem Góralen aus der Tatra. Also aus einen rein von der Landwirtschaft geprägten Gebiet ohne Traditionen der Arbeiterbewegung.

Marchwitza besuchte eine preußische Volksschule in seiner Heimatstadt. Der Lehrer war ein prügelnder ehemaliger Unteroffizier. Die Kinder mussten nur deutsch sprechen, ihre Muttersprache – ein regionale eingefärbtes Polnisch, das die Behörden diskriminierend Wasserpolnisch nannten – war streng verboten. Wer sich dem widersetzte wurde gnadenlos vom Lehrer verprügelt.

Marchwitza musste schon früh auf der Zeche unter Tage schuften. Kinder wurden damals vor allem als Treiber der Grubenpferde beschäftigt oder sie schafften die geförderte Kohle auf Wagen weg. Später wurde er Hauer.

Damals erzählte man sich im schlesischen Revier, dass die Löhne an der Ruhr viel höher seien. Das stimmte insofern, dass es im Ruhrgebiet gut organisierte Gewerkschaften gab. M. ließ sich also von Werber 1910 für ein Bergwerk in Hamborn anwerben und zog hier hin. Er bekam jetzt das erste Mal Kontakt zu Gewerkschaften, schloss sich aber – aus Unkenntnis – einer gelben Gewerkschaft an. Prompt wurde er  von seinen neuen Kollegen geschnitten. Als ein  Streik ausbrach und seine gelbe Gewerkschaft, die nichts anderes war als eine Steikbrecherorganisation im Auftrag der Kohlebarone, den Streik brachen wollte, schloss sich M. einer eher anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft an.

M. wird 1912 wegen der Teilnahme an einem Streik gemaßregelt und auf eine schwarze Liste gesetzt. 1915 muss er Soldat werden und musste an die Westfront. Es kommt politisiert zurück und wird Mitglied i einem Soldatenrat und tritt der USPD bei.

Soweit die wichtigsten biografischen Daten. Marwitzas Kumiak-Trilogie hat mich bei der Lektüre sehr beeindruckt und ich beschäftigte mich näher über ihm.

Mehrere Jahre später, Mitte der 80er Jahre. Ich arbeitete an den Recherchen für meine Dissertation (leider nie fertig gestellt) über den Arbeiterschriftsteller Hans Marchwitza. Hierzu war ich nach Berlin (DDR) gereist und arbeitete im Archiv der Akademie der Künste der DDR. Die Hinterlassenschaften dieses Arbeiterschriftstellers wurden in der Akademie aufbewahrt, deren Vizepräsident war einst Hans Marchwitza. Ich bekam mehrere große Kartons, – ungeordnet – hier waren die Hinterlassenschaften von Hans Marchwitza aufbewahrt.

Bei der Durchsicht der Dokumente stieß ich auf eine alte Ausgabe der polnischen Zeitung „Zycie Warszawy“ mit einem Artikel über einen Besuch von Bertold Brecht du Hans Marchwitza in Warszawa. Der Artikel stellt Marchwitza mit Goethe auf eine Stufe – kurz: billige Lobhudelei. Autor war ein gewisser Marcelo Ranicki. Ich dachte sofort, dass das der spätere westdeutsche Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki verbrochen hatte. Ich wusste, dass der nach dem Krieg in Warschau gelebt und auch für Zycie Warszawy geschrieben hatte – nur er konnte den Artikel geschrieben haben.

Einige Zeit danach recherchierte ich in Dortmund beim Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt. Dort befindet sich ein Ausschnitt der Zeitschrift „Die Zeit“ [1]mit dem Artikel „Die Legende vom Dichter Marchwitza“ eine gewissen  Marcel. Über Hans Marchwitza mokiert sich Marcel über den Nationalpreis der DDR für Marchwitzas  Roman „Roheisen“. Marchwitza wird von Marcel  in diesem Artikel schlichtweg die Fähigkeit Literatur zu produzieren abgesprochen. Im Artikel führt Reich-Ranicki als Resümee an:

„Wenn Bücher, die mit dem, was wir unter dem Begriff “Literatur” verstehen, keinerlei Berührungspunkte mehr aufweisen, unentwegt und nachdrücklich als Fortsetzung der Tradition Grimmelshausens, Goethes und Kellers … gerühmt werden, dann kann das bei gutgläubigen Lesern, zumal jüngeren, zur katastrophalen Verwirrung der Kriterien führen.“[2]

Hochnäsig mokiert sich „Marcel“:

„Das stimmt: Marchwitza ringt mühselig – und nicht nur mit Stoff und Thematik, sondern auch und vor allem mit der Grammatik und mit der Syntax, mit elementaren Sprachregeln, die ihm jetzt offenbar nicht geringere Schwierigkeiten bereiten als vor vierzig Jahren. Dennoch produziert er – von Sekretären und Lektoren unterstützt und kontrolliert – weitere Bücher, die niemand lesen und niemand besprechen will. Es lohnt nicht einmal, ihre Titel hier anzuführen.“[3]

Beide sich widersprechende Artikel stammten aus der Feder des westdeutschen Literaturpapstes Marcel Reich-Raanicki.

Aber genau das hatte Reich-Ranicki im Artikel in Zycie Warszawy getan: Marchwitza war zu einem Goethe hochstilisiert worden.

Ich wollte es jetzt genau wissen und rief den Literaturpapst in Frankfurt an. Er gewährte mir wirklich am Telefon eine Privataudienz und erklärte zum Artikel in Zycie Warszawy, den hätte er bewusst so übertrieben geschrieben, um anzudeuten, dass es absurd sei. Marchwitza habe schlechte Literatur produziert. Ganz anders Willi Bredel – meinte der Literaturpapst.

Reich-Ranicki war ein typischer Vertreter der bürgerlichen Literatur. Thomas Mann, ja, Hauptmann auch, Brecht, na ja, eben so, aber der schreibende Arbeiter Marchwitza – igitt.

Marchwitza hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihm schreiben schwer fällt. Seine Herkunft als Bergarbeiter im schlesischen Kohlerevier und die mangelhafte Schulbildung haben ihn gehandicapt. Aber er schrieb so, wie ihm der Schnabel gewachsen war, seine Erfahrungen, seine Not, seinen Kampf. Das alles ist authentisch und man merkt die Mühe, die es dem Verfasser machte.

Marchwitza blieb sein Leben lang Arbeiter, seine Bücher atmen den Klassenstandpunkt, sie enthüllen den Kapitalismus und zeigen die Kämpfe der Arbeiter auf. All das ist wichtig. Ich habe aus Marchwitzas Büchern viel gelernt. Aber in der DDR wurde er zum Dichter hoch stilisiert. Das war er sicher nicht, er war der schreibende Arbeiter. Gibt es da eine Steigerung? Ich finde nein.

Und wenn Reich-Ranicki sich darüber lustig macht, dass Marchwitza sogar einen Ehrendoktorhut der Humboldt-Universität bekam, so meine ich: Muss man großbürgerlicher Herkunft sein, um dein Doktortitel zu bekommen oder Kanzler der Bundesrepublik um Ehrendoktorhüte zu bekommen, wie weiland Konrad Adenauer. Die Ehrung eines schreibenden Arbeiters als Dr. h.c. ehrt nicht nur den Empfänger der Doktorwürde, sie ehrt auch die Universität.

G.A.

siehe auch:  „Sturm auf Essen“ mehr

[1]  „Die Zeit“ vom 20. Oktober 1964 siehe

[2]  ebenda

[3]  ebenda