Hans Frank, der „Schlächter von Polen“, gehörte zu den 24 Hauptkriegsverbrechern, die vom Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg angeklagt und hingerichtet wurden.

Krematorium KZ Majdanek

Krematorium KZ Majdanek

Eine der von den ukrainischen Nazis und der katholischen Kirche am meisten gehaßten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens war der kommunistische Schriftsteller und Journalist Jarosław Hałan. Er wurde im Alter von nur 47 Jahren im Auftrag des Vatikans von faschistischen Banditen in Lwow ermordet. Hałan war ein brillanter und scharfsinniger Publizist, ein mutiger und unerschrockener Kämpfer gegen das Unrecht in seiner galizischen Heimat. Offen vertrat er seine Meinung und beteiligte sich aktiv am Kampf gegen die Überreste der galizischen Nazi-Kollaborateure in der Ukrainischen Sowjetrepublik. Als Sonderkorrespondent der Zeitung „Sowjetische Ukraine“ berichtete Hałan 1946 vom Nürnberger Prozeß. Der folgende Bericht beschreibt die Physiognomie eines Massenmörders, so wie ihn der deutsche Faschismus hervorgebracht hat.

Hans Frank, der „Schlächter von Polen“, gehörte zu den 24 Hauptkriegsverbrechern, die vom Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg angeklagt und hingerichtet wurden.

„Frank stellte für Hitler den notwendigen bösen Gnom der Jurisprudenz dar, der  die unmenschlichen Theorien des Faschismus in Form des ‘Gesetzes’ kleidete.  (Oberjustizrat L.N. Smirnow, in: Der Nürnberger Prozeß – 2 Bde.,Rütten & Loening, Berlin, 1957, Bd.II, S.378.

DER ÜBERMENSCH

von Jarosław Hałan

Hans Frank ist viel sentimentaler als Ribbentrop. Als man ihn während des Kreuzverhörs an die eingekerkerten und zu Tode gequälten Professoren der Krakówer Universität erinnert, schluchzt er auf. „Diesen Fall bedauere ich ganz besonders.“ Polens und Galiziens einstiger Generalgouverneur hatte aber eine Unzahl solcher Fälle zu verzeichnen: Seine 38 Bände umfassenden Tagebuch-Notizen sind ein übergenügender Anklageakt, auf Grund dessen das Gericht den Verfasser zu mindestens zwanzigfachem Tod verurteilen kann. In der Hoffnung, der Gerichtshof werde Fanatismus als Geisteskrankheit anerkennen, erklärt Frank: „Ich bekenne mich nach wie vor als Nationalsozialist.“ Dieser „Fanatismus“ ist jedoch im „Dritten Reich besonders unter dessen Regenten eine zu weit verbreitete Krankheit gewesen, als daß deren Symptome ein Geheimnis hätten bleiben können.

Nietzsche als Allheilmittel?

Es unterliegt keinem Zweifel, daß Hans Frank schon als Gymnasiast Nietzsche gelesen hat und daß er noch heutzutage ganze Seiten der superpathetischen Deklamation des auf das Deutschtum zugeschnittenen „Zarathustra“ auswendig kennt. Er gehört zu jener Generation deutscher Intellektuellen, die in den emphatischen Ausrufen Nietzsches nicht nur eine poetisierte Predigt auf den deutschen Imperialismus, sondern auch (und das vielleicht vor allem) ein Allheilmittel gegen sämtliche verborgenen Krankheiten sieht – gegen die eigene Ratlosigkeit angesichts der Zukunft, gegen die eigene Ohnmacht und die eigene Nichtigkeit. Im Wasser der Nietzsche-Philosophie badend, wuchsen den Eseln Löwenmähnen und den Raben Pfauenfedern. An die Stelle des „Weltschmerzes“ trat der Aggressionskult des Übermenschen, dessen Anhänger jeder deutsche Michel wurde.

Sehnsucht nach dem Abenteuer

Einer dieser gläubigen Anhänger war auch Hans Frank. Mutter Natur hatte ihn nicht benachteiligt. Sie bescherte ihm ein gefälliges Äußeres, ein recht gutes Gehör und ein ebenso gutes Gedächtnis, das es ihm seinerzeit ermöglichte, die juristische Fakultät zu absolvieren. Das war aber auch alles, was er erreichen konnte. Dem verhätschelten „Wunderkind“ Hans aus gutbürgerlichem Haus genügte das ganz und gar nicht. Die von Karl Mays mystifizierenden Romanen entfachte Phantasie weckte in ihm Sehnsucht nach Abenteuern. Hans war jedoch dafür schlecht ausgerüstet. Ihm fehlten sowohl Charakterfestigkeit als auch Mut und Begabung. Seine kleinbürgerliche Moral erlaubte ihm ebenfalls nicht, den Weg des Abenteuers zu betreten. Ihr zufolge ist das Böse nur gerechtfertigt, wenn es vom Nimbus der Gesetzlichkeit umgeben ist.

Ein namenloser Advokat will zum „Übermenschen“ werden…

Als am politischen Horizont Deutschlands Hitlers „Bewegung“ auftauchte, fand Hans Frank seinen Platz im Leben. Der bislang namenlose Münchener Winkeladvokat, der unter der Überproduktion von Anwälten litt und zu den vielen tausend völlig verarmten Juristen gehörte, bekam plötzlich Karten in die Hand, mit denen er alles zu gewinnen hoffte: persönliches Glück, Reichtum, Ruhm und was das Allerwichtigste war, den Glauben an die Bedeutsamkeit der eigenen Person und der eigenen Größe, den die für die „Übermenschen“ rauhe Wirklichkeit in Deutschland nach Versailles zutiefst erschüttert hatte. Kein Wunder also, daß sich Hans Frank für Hitlers politisches Programm begeisterte und einer jener „ersten Kranken“ wurde, die entsprechend Geduld aufbrachten, alle 782 Seiten des Buches „Mein Kampf“ zu lesen. „Kolossal! Wunderbar! Prächtig!“

Ein sonderbares „Minderwertigkeitsgefühl

Antisemitismus? Bitte sehr! Hans Frank entdeckte in seinem Herzen plötzlich echte antisemitische Gefühle. Er besann sich flugs darauf, daß es unter den einflußreichen Münchener Advokaten, unter den begüterten Anwälten von Ruf auch – Juden gab. Neid begann an seinem Herzen zu nagen, Neid, vermengt mit jenem sonderbaren Gefühl, das die Deutschen „Minderwertigkeitsgefühl“ nennen. Endlich hatte er einen Sündenbock, den an all seinen Mißerfolgen Schuldigen, gefunden. Die Weisen von Zion, jener geheimnisvolle, anonyme Staat! Klar! Aber natürlich! In jedem Juden, dem er von nun an zufällig auf der Straße begegnete, sah er einen versteckten bösen Genius, einen allmächtigen Dämon, dessen ganzes Denken und Trachten darauf gerichtet war, Hans Frank, der die arische Tugend verkörperte, vom Erdboden zu tilgen. Sein armseliges Hirn, das sich bislang mit unsagbar anstrengenden, verwickelten Fragen abgeplagt hatte, fand endlich Ruhe. Der mystische Antisemitismus mit all seinen Attributen wie z.B. dem Ritualmord erlösten es. Die Religion der Idioten hatte einen neuen Proselyten gewonnen.

Die Parole lautet: „Deutschland über alles

Versailles? Weg damit! Einem Märtyrer gleich erhob Frank stolz das Haupt; seine Brust vermochte den gewaltigen, plötzlich aufwallenden Patriotismus nicht zu fassen. „Deutschland über alles, über alles in der WeIt!“ Tränen der Rührung in den Augen betrachtete Frank die endlosen Umzüge des „Stahlhelm“. Seine Blicke liebkosten die Pickelhauben auf den Köpfen der alten preußischen Generale die die Legende von der Unbesiegbarkeit des Reichs mit ihren Hängebäuchen herumtrugen. Oh, Hans Frank wird an ihrer Seite marschieren auf einem anderen Weg natürlich; denn die Hitlerpartei heißt ja auch „sozialistische“. Bald darauf marschierte er schon. Jawohl, nur in Militärstiefeln fühlt man sich hundertprozentig als Mann.

Das Lob der ewiggestrigen Reaktionäre

An Straßenschlachten beteiligte sich Hans Frank allerdings selten, dergleichen überließ er den „Volksgenossen“, die bekanntlich weniger ehrgeizig sind. Einem Intellektuellen seines Formats entsprach es mehr, „Deutschland“ vom Anwaltspult aus zu „wecken“. Die SA- und SS-Schläger gehörten ständig zu seinen Klienten. Anwalt der Mörder zu sein, war nicht allzu schwer, betete doch Franks Auditorium, beteten doch die Richter in ihren Ehrfurcht gebietenden Talaren ebenso wie die Mörder Großdeutschlands die Götzen der Revanche an. In der Pose eines Cato wandte sich Frank donnergrollend gegen Juden, Franzosen, Freimaurer und Marxisten, vergoß rhetorische Tränen über Deutschlands Schicksal und drohte Moskau, das er von seinem Pult aus nicht sehen konnte, mit den erhobenen Fäustchen. Das armselige Menschlein sah die Richter zustimmend nicken und hielt das Lob dieser gleich ihm engstirnigen Reaktionäre für den Beweis seiner Größe.

Panische Angst vor neuen Ideen

Sein ganz besonderer Haß galt jedoch den Kommunisten. Sie haßte er aus persönlichen Gründen und als Jurist. Er kannte die Entstehungsgeschichte der Kommunistischen Partei und ihr Programm nicht, wollte von ihr gar nichts wissen. Aber er haßte sie nicht nur deshalb, weil Menschen seines Schlages mit Vorliebe hassen, was sie nicht kennen. Er gehörte nämlich zu jenen „Intellektuellen“, die panische Angst vor neuen Ideen haben, die ihre enge, dafür aber traditionsreiche, bequeme und ungemein gemütliche Weltanschauung erschüttern könnten. Angst gebiert den Haß von Menschen, wie Hans Frank einer ist. Er hoffte auf eine glänzende Karriere als Anwalt und erntete bereits die ersten Früchte seiner Erfolge. Deshalb erschauerte er vor dem bloßen Gedanken an eine tiefgreifende soziale Umwälzung. Sie würde ihn möglicherweise wieder von der hierarchischen Leiter hinunter purzeln lassen und die Resultate seiner verzweifelten Anstrengung, sich über den Pöbel zu erheben, zunichte machen.

Die Frankschen Widerwärtigkeiten

Seine Beziehung zur Arbeiterklasse? Den Instruktionen der Nazipartei gemäß sprach er von ihr, ein Tränchen der Rührung im Auge, in pathetischem Ton. So und nicht anders gebot es die Taktik. In seinem innersten Wesen jedoch verachtete, haßte und – fürchtete er sie. Er hatte ebenso wie Hitler, Göring, Goebbels und Ley Angst vor ihr. Als Ästhet verachtete er sie, als Kleinbürger haßte und als Nazi fürchtete er sie. Revolution? Hans Frank kannte kein widerwärtigeres Wort als dieses. Erklärte die Revolution doch all jene Gesetze für null und nichtig, an denen er sich geschult und aus denen er seine armselige Weltanschauung gebastelt hatte, jene Gesetze, die auch im übertragenen Sinn des Wortes Inhalt seines Lebens waren. Eine Palastrevolution? Auf eine solche Revolution – ein Hoch, insbesondere wenn sie die Festigung der bestehenden Verhältnisse anstrebt. Waren doch derartige Umstürze nicht nur durch Tradition legalisiert. Sie besaßen in Hans Franks Augen außerdem den unschätzbaren Vorzug, daß sich das Volk an ihnen überhaupt nicht beteiligte, das Volk, das Frank wie folgt bezeichnet: der Pöbel, eine chaotische, mißtönige, stumpfe und hilflose Hammelherde, ein gefügiges, willenloses Objekt in den Händen der politischen Hypnotiseure à la Hans Frank natürlich.

Juristischer Berater der Nazipartei

Bei einem seiner Prozesse hatte Hans Frank damals tatsächlich Glück. Als er nämlich wieder einmal eine Gruppe nazistischer Fememörder verteidigte, verstand er es durchzusetzen, daß Adolf Hitler „in Person“ als Zeuge herangezogen wurde. Dadurch erhielt Hitler die Gelegenheit, öffentlich darzulegen, wie Gegner des Faschismus aus dem Hinterhalt umgebracht werden. Seit diesem Tage war der Name Hans Frank in jeder Nummer des „Völkischen Beobachter“ zu finden. Frank wurde sehr bald juristischer Berater der Nazipartei und bereitete sich schon darauf vor, Gesetzgeber des künftigen „Dritten Reichs“ zu werden. Das wurde er dann auch. Als nämlich der Spitzel Hitler nach seiner Machtergreifung eine „Akademie des deutschen Rechts“ gründete, ernannte er den Münchener Anwalt der Heckenschützen zu ihrem Präsidenten. Franks Aufgabe war allerdings ziemlich kompliziert. Er sollte kurzfristig die bestehenden Gesetze so präparieren und „ergänzen“, daß sie nicht nur alle bisherigen, sondern auch alle künftigen Bartholomäusnächte und -tage legalisierten.

Der Urheber des nazistischen Strafgesetzbuches

An der Akademie brodelte es nur so vor emsiger Arbeit. Die fest eingewurzelten kleinbürgerlichen Traditionen und Überlieferungen behinderten Franks Herz und Hirn nicht mehr. Mit bewundernswerter Willfährigkeit machte er einen Kniefall vor den von Rosenberg fabrizierten „Traditionen des Blutes“ und verwandelte das Gesetzbuch in ein Handbuch für Verbrecher. Diese Arbeit ging ihm leicht von der Hand. Mit Hilfe solcher „Juristen“ wie Gürtner, Freisler und Kerrl verfaßt er ein „Unikum“ in der Geschichte der Jurisprudenz, ein „Unikum“, das nicht nur seine Urheber, sondern auch das ganze Nazisystem bis ins Innerste charakterisiert. Einer der Grundsätze des nazistischen Strafgesetzbuches, das im Jahre 1936 von Hans Frank und seinen Mitarbeitern feierlich der Öffentlichkeit übergeben wurde, gebot, dem Richter müsse freie Hand gelassen werden, die Lücken im Strafkodex selber zu schließen, und er müsse in den Stand gesetzt werden, in Ausnahmefällen selber Gesetzgeber zu sein. Als Ausnahmefälle bezeichnete Frank bescheiden Fälle von „Verrat am deutschen Blut“, d.h. unter anderem Beleidigung eines Führers der Nazipartei, kritische Haltung gegenüber dem Nazisystem, Beziehungen eines Deutschen zu einer Frau „minderwertiger Rasse“. Es waren so viele Ausnahmefälle, daß das neu fabrizierte Strafgesetzbuch, obwohl durch die Aufzählung unendlich vieler neuer Beispiele von Straftaten ungemein angeschwollen, alle „Vergehen“ weder voraussehen noch erfassen konnte. „Akademiemitglied“ Frank und seine Kollegen fanden jedoch einen sehr einfachen Ausweg. Sie wälzten die Verantwortung für den Schutz des Regimes und seiner Prinzipien auf die Schultern der gehorsamen Beamten ab, die anstandshalber Richter genannt wurden.

Generalgouverneur im besetzten Polen

Nachdem Hans Frank auf solche Art das juristische Fundament für das „Dritte Reich“ gelegt hatte, fiel es ihm jedoch nicht im Traume ein, sich auf den Lorbeeren seines Ruhms auszuruhen: Er kannte Hitlers Absichten und Ziele und wußte genau, daß all das erst die Ouvertüre zu der Oper war, in der auch er, Frank, eine Solopartie singen sollte. Am 1. September 1939 tat Adolf Schickelgruber den ersten Schritt zur Welteroberung, und Hans Frank blieb nicht zurück. Am ersten Kriegstag trug er bereits die nette Felduniform eines Infanterie-Hauptmanns, was aber nicht bedeutete daß er bereit war, sein Leben für den Führer hinzugeben. Ebenso wie die anderen Nazigrößen legte er die Uniform bloß zum Schein an, um den Naiven zu demonstrieren, daß er bereit wäre, sein kostbares Blut für den Lebensraum zu vergießen. In Wahrheit wartete er in dieser Zeit voller Sehnsucht auf seine große Stunde. Diese Stunde schlug. Hitler ernannte ihn zum Generalgouverneur des besetzen Polen. Als er sich der Hauptstadt des Generalgouvernements, der alten Stadt Kraków näherte, erblickte er die gotischen Türme des Wawel. Zittere Polen! Dort, wo einst die Könige der Piastendynastie geboren wurden und gestorben sind, dort, wo Jagiełło  als Sieger von Grunwald einst die Gemächer mit den Fahnen der stolzen Kreuzritter ausgelegt hat, wird ab heute der „Übermensch“ aus München thronen!

Alleinherrscher über 20 Millionen Polen

Hans Frank lebte sich sofort in die Rolle des allein herrschenden Monarchen ein. Die Gemächer der Burg verwirrten ihn zwar ein wenig, denn ihre Größe schien die Nichtigkeit des neuen Herrschers zu unterstreichen. Aber das war nur am Anfang so. Nach einiger Zeit fühlte er sich unter dem königlichen Baldachin bereits ebenso wohl wie vor einigen Jahrzehnten in der Wiege zu Karlsruhe, wo er geboren wurde. Jedoch er empfand seinen Aufenthalt in diesen Gemächern nicht nur als selbstverständlich, sondern ihn dünkte, das Schloß sei in dem historischen halb musealen Zustand zu bescheiden für den Vizekönig des Reiches, für den Übermenschen den alleinigen Herrn der polnischen Erde und des polnischen Himmels, den unbeschränkten Herrscher über die Seelen und Leiber der zwanzig Millionen Einwohner dieses Landes. Er ließ den bekannten Krakówer Architekten Bogusz holen und befahl ihm, den Wawel so zu renovieren, daß er des neuen Herrschers würdig wäre.

Die Versklavung des polnischen Volkes

Aus den Fenstern des Wawels blickte er auf die Stadt hinab. Von dort aus gesehen, waren die Passanten so winzig wie Ameisen. Frank zählte sehr lange, bis er den Zweihundertsten vorübergehen sah. Ein Jahr später waren es hundert, die er in demselben Zeitraum zählte, nach zwei Jahren nicht mehr als fünfundzwanzig. Wieviel würden es in drei, vier Jahren sein? Es hing von der Laune des neuen Herrschers ab, wieviel er am Leben lassen würde. Vor lauter Stolz, den seine eigene Person ihm einflößte, reckte und streckte er sich, daß die Knochen in den Gelenken krachten, dann setzte er sich an den Schreibtisch und trug in sein Tagebuch ein: „Polen betrachten wir als eine Kolonie. Die Polen werden die Sklaven des großen deutschen Weltimperiums sein.“ In seinen Tagebuchnotizen vermerkte er jeden Tag mit pedantischer Genauigkeit, wieviel Polen und Juden im Verlauf der letzten zwei Tage auf seinen Befehl erhängt, erschossen, vergast oder ausgehungert worden waren und wieviel morgen und übermorgen erhängt, erschossen, vergast oder ausgehungert werden sollten. Ein Punkt dahinter, und Franks Seele war aller irdischen Sorgen ledig, verlangte nach reiner Schönheit.

Der mörderische „Schöngeist

Weit öffnete er die Fenster. Die polnischen Untermenschen sollten hören, was für einen großen Künstler die Welt verlieren würde, wenn die Kugel eines polnischen Widerstandskämpfers seinen Lebensfaden durchschnitte. Franks Finger glitten über die Klaviertasten. Graziös und erhaben, dann klagend und lyrisch, ergreifend lyrisch, erklang die „Ballade“ von Chopin, von demselben Fryderyk Chopin, dessen Denkmal in Warschau auf Anordnung desselben Frank abgerissen wurde. Die undankbaren Polen sollten zur Kenntnis nehmen, wie vornehm und edel der große Künstler Frank trotz allem war. Nun wollen wir aber dem italienischen Literaten Curtio Maliaparte das Wort erteilen. Dieser hat ihn ausgezeichnet gekannt. Er ist in seiner Eigenschaft als militärischer Berichterstatter an der Ostfront oft bei Frank zu Gast gewesen und hat manches gesehen und gehört, das ihm in der Folgezeit Stoff für sein nicht uninteressantes Buch „Ratten“ geliefert hat.

Was Maliaparte über den Massenmörder schreibt…

Warschau … Hans Frank kam als Revisor her. „Im Schloß Brühl, nur wenige Schritte von den Ruinen des alten Königspalasts entfernt, schwangen sich in der gemütlichen Atmosphäre eines kleinbürgerlichen deutschen Landhauses Klänge Chopins empor, die reinen, aufrührerischen Klänge, die die zarten, gepflegten Hände des Generalgouverneurs von Polen hervorzauberten. Ich errötete vor Zorn und Scham. ‘Ach er spielt ja wie ein Engel!’ lispelte Frau Brigitte Frank. Im selben Augenblick verstummte die Musik und Frank erschien auf der Schwelle. Frau Brigitte erhob sich rasch, ließ den Wollknäuel fallen, ging auf ihren Gemahl zu und küßte ihm die Hände. Von Demut und religiöser Extase erfüllt, reichte er ihr die Hände zu diesem Kuß in der Pose eines verzückten Priesters der Musen. Er stand da, als wäre er soeben nach dem feierlichen Zelebrieren der Messe die Altarstufen herabgestiegen und warte darauf, daß Frau Brigitte vor ihm wie vor einem Gott auf die Knie falle. Jedoch Frau Brigitte ergriff Franks Hände, erhob sie und wandte sich mit den Worten an uns: ‘Sehen Sie nur!’ (Ihre Stimme bebte vor triumphaler Begeisterung.) ‘Sehen Sie nur, was für Hände Engel haben!’ Ich betrachtete Franks Hände. Sie waren klein, zart und sehr weiß. Ich wunderte mich, weil ich an ihnen keinen einzigen Blutfleck entdecken konnte.“ Nach dem Konzert beschloß Frank, den Gästen die erlesensten Sehenswürdigkeiten der polnischen Hauptstadt zu zeigen. Wie von ihm nicht anders zu erwarten, führte er sie vor allem in das von ihm unlängst geschaffene Getto.

…und sie schossen nur auf „Ratten

Frau Brigitte sagte: „ ,In Kraków hat mein Mann um das Getto eine orientalische Mauer mit herrlichen Krümmungen und Windungen und prächtigen Schießscharten gezogen. Die Krakówer Juden haben keinen Grund, sich zu beklagen. Die Mauer ist wunderschön und im jüdischen Stil erbaut.’ Alle lachten hell auf, während sie durch den gefrorenen Schnee stapften. ‘Raus!’ rief ein Soldat, der, das Gewehr schußbereit in der Hand, in unserer Nähe hinter einer Schneewehe kniete. Er richtete das Gewehr auf eine Schießscharte in der Mauer und zielte. Ein hinter ihm kniender Soldat spähte ihm über die Schulter. Sekunden später krachte ein Schuß. Die Kugel schlug neben der Schießscharte ein. ‘Fahrkarte!’ Der Soldat lachte und legte den Sicherungsflügel herum. Frank trat zu den Soldaten und fragte, worauf sie schießen. ‘Auf Ratten’, antworteten die Soldaten laut lachend. ‘Auf Ratten? Ach so!’ sagte Frank und kniete nieder, um seinerseits über die Schulter der Soldaten hinweg die Schießscharte anzuvisieren. Auch wir traten näher. Lachend und kreischend hoben die Damen die Röcke bis zu den Waden wie Frauen es gewöhnlich tun, wenn von Mäusen die Rede ist. ‘Wo? Wo ist die Ratte?’ fragte Frau Frank. ‘Achtung!’ rief ein Soldat und legte an. Ein schwarzer Wuschelkopf erschien in der Schießscharte. Bald darauf krallten sich zwei Hände in den Schnee. Es war ein Kind. Ein Schuß krachte. Diesmal hätte der Soldat beinah getroffen. Der Kinderkopf verschwand. Nun riß Frank die Geduld. ‘Gib her! Kannst das Gewehr nicht mal richtig halten!’ Frank ergriff das Gewehr und legte an.“

Franks „Rede– dick gedruckt in der Reptilienpresse

Monate vergingen, Jahre. Das süße Gift unbeschränkter Herrschaft begann zu wirken. Die Grenze zwischen dem Möglichen und Unmöglichen verschwamm allmählich. War Hans Frank früher bis zu den Knien im Blut gewatet, so badete er jetzt darin. Hitlers und Himmlers grauenvolle Instruktionen wurden ums Zehnfache übererfüllt. Frank erfand immer neue Arten von Massenmorden, er spann mit Leidenschaft ein Gewebe von zahllosen Provokationen. Trotzdem erscholl in ihm immer noch der nach mehr Blut lechzende Ruf: „Zu wenig!“ Dem „Übermenschen“ wurde es bereits zu eng in seiner Haut. Frank studierte Machiavelli. Er trat gern vor seinen künftigen Opfern als Redner auf und glaubte naiv, seine hohlen, abgedroschenen Phrasen besäßen die hypnotische Kraft des Pythonauges. Mit Vergnügen empfing er solche nichtswürdige, provinzielle Mini-Quislinge wie den Grafen Roniker und Pan Kubijowitsch, behandelte sie mit der Anmaßung und Hoffart eines asiatischen Despoten, beantwortete ihren unterwürfigsten Gruß mit gnädigem Kopfnicken, nahm mit wohlwollendem, gönnerhaftem Lächeln ihre Beschwerden und Bitten entgegen und – machte stets Versprechungen, auch dann, wenn die Erfüllung dieser Bitten außerhalb seiner Machtbefugnis lag. Die Sekretärin notierte sorgfältig jedes seiner Worte, und am nächsten Tag erschien Franks „Rede“ dick gedruckt in der Reptilienpresse und dazu natürlich auch ein neues Foto des „Souveräns“.

Neid und grenzenlose Verachtung

Jedoch unaufhörlich zischelte eine innere Stimme dem „Übermenschen“ zu: „Zu wenig!“ Der Neid auf die vielen verschiedenen Himmlers und Goebbels nagte ihm am Herzen. Von der erhabenen Höhe seines „Ich“ aus gesehen, erschienen ihm die Nazigrößen erbärmlichen Ameisen gleich, deren Karriere bestenfalls auf einem Mißverständnis beruhte. Der Machtbereich eines Generalgouverneurs wurde ihm zu eng. Also begab er sich nach Deutschland, um sich das goldene Vlies des Ruhmes zu holen. Hitlers und Goebbels Lorbeerkränze ließen ihm keine Ruhe. In seinen krankhaften Träumen sah er sich schon als Erben ihres Thrones. Seine grenzenlose Verachtung der Massen machte ihn glauben, er brauche nur ihre derzeitige Stimmung zu nutzen, um sein Ziel zu erreichen.

Der Generalgouverneur wird zurückgepfiffen

Der hemmungslose nazistische Terror jener Zeit wirkte auch auf viele Deutsche bedrückend. Und das nutzte Frank. Als Präsident der „Akademie des deutschen Rechtes“ hielt er in mehreren deutschen Städten Vorträge und skizzierte dabei mit zarten, aber deutlichen Strichen die Überlegenheit der Gesetzlichkeit gegenüber der Ungesetzlichkeit. Himmler rief Frank zur Ordnung, Der Krakówer „Besserwisser“ ging ihm seit langem auf die Nerven. Zwischen Himmler und dem „Führer“ fand eine kurze Unterredung statt. Frank erhielt folgende, vielsagende Empfehlung: Die Reichskanzlei sei der Meinung, daß es sowohl für sie als auch für Frank selber bedeutend besser wäre, wenn sich der Generalgouverneur Polens und Galiziens ab heute ausschließlich mit jenen Angelegenheiten beschäftigen werde, die in seiner Kompetenz liegen; um ihm aber die Ausübung seiner Tätigkeit als Generalgouverneur zu erleichtern, entbinde der Führer ihn von den Pflichten des Präsidenten der „Akademie des deutschen Rechts“.

Der Leichengeruch von Majdanek

Das war ein harter Schlag, aber Frank beugte sich noch nicht. Fürs erste schien bloß der Ehrgeiz des „Übermenschen“ getroffen zu sein. Frank schickte Hitler ein Entlassungsgesuch. Unmittelbar danach trat jedoch der Ehrgeiz in den Hintergrund, und seine Stelle nahm die Angst ein. Frank wertete zwei, drei Wochen, aber Berlin schwieg. Himmlers Erziehungsmethode begann zu wirken – die Angst schnürte Frank schon die Kehle zu. Er verließ Kraków und eilte Hals über Kopf nach Krzeszowice, zu dem Schloß eines polnischen Aristokraten, das er konfisziert hatte. Dort sollten die von allen Ecken und Enden Polens zusammengestohlenen Gemälde, Möbel und Gobelins das geängstigte Herz des „Schöngeistes“ beruhigen. Der Krallenschatten des Terrorsystems reichte jedoch auch bis dorthin, bis zu diesem irdischen Garten Eden. Zerquält und mit zerrütteten Nerven kehrte Frank auf den Wawel zurück. Nun zitterte der Mörder wie Espenlaub. Der Leichengeruch von Majdanek folgte ihm auf Schritt und Tritt. Den „neuen Zarathustra“ überwältigte plötzlich das sehr irdische Gefühl der Verlorenheit. Er wurde sich darüber klar, daß die Kugeln der polnischen Rächer seinen kostbaren Körper nur deshalb noch nicht durchbohrt hatten, weil er von dem starken Panzer des „Dritten Reichs“ beschützt worden war. Hitler und Himmler würden ihm jetzt diesen Panzer vom Leibe reißen und ihn, den Generalgouverneur höchstpersönlich zum Objekt von Experimenten machen können, die er mit den Häftlingen in Tremblin und Majdanek gemacht hatte.

Größenwahnsinnig

Der Selbsterhaltungstrieb gewann die Oberhand. Frank beschloß, ab sofort dem „Führer“ täglich, ja, stündlich immer neue Beweise seiner Ergebenheit zu liefern. Seitdem mahlten seine Todesmühlen mit Entsetzen erregender Geschwindigkeit. Er stellte aber betroffen fest, daß Hitlers Polizeischergen seine Vernichtungstätigkeit ignorierten. Dies erzürnte ihn nicht. Nein, es erschreckte ihn. Seinem Größenwahn ließ er nur noch im Tagebuch freien Lauf. Als Generalgouverneur unternahm er verzweifelte Anstrengungen, um zu beweisen, daß er päpstlicher als der Papst war. Es begann ein Wettlauf um das Leben mit der Gestapo. Zugleich lieferte Frank dem „Führer“ bei der Gelegenheit Beweise seiner Treue und tat alles, um die allergeheimsten Absichten der Naziführung zu ergründen und ihnen gemäß zu handeln. Als er im Januar 1944 vor den Krakówer Deutschen eine Rede hielt, prophezeite er drohend, die Deutschen würden, wenn sie den Krieg gewinnen, „aus den Ukrainern und Polen Hackfleisch machen“. Zum Glück ist Frank nicht mehr dazu gekommen.

Der Massenmörder Frank auf der Anklagebank

Der Mai des Jahres 1945 machte seinem Wettlauf mit dem Tod ein Ende, und der Massenmörder kam mit Göring und Ribbentrop auf dieselbe Anklagebank. Man muß Frank zugestehen, daß er Glück gehabt hat. Er hätte in viel härtere Hände geraten können. Mit einem Wort, er hat gewußt, was er tat, als er nach dem Westen Deutschlands flüchtete. Er verhehlt nicht seine Zufriedenheit darüber, daß es ihm gelungen ist, von zwei Übeln das geringere zu wählen. Schon in den ersten Wochen der Gerichtsverhandlungen schwillt seine Zufriedenheit zu einem zynischen Selbstvertrauen. In der Atmosphäre eines juristischen Liberalismus ist der „Übermensch“ wieder auferstanden. Die Arme vor der Brust verschränkt, ironische Überlegenheit im Blick, hört Frank, unentwegt spöttisch grinsend, den Vertretern der Anklage zu; hin und wieder flüstert er Rosenberg etwas „Geistvolles“ ins Ohr oder schlägt ein Buch auf und blättert demonstrativ gähnend darin. Auf die Pose des zynischen Spötters verzichtet Frank nur, wenn er als Zeuge auftritt. Aber auch angesichts der Richter und der ganzen Zeit bleibt dieser Possenreißer ein Possenreißer. Feierlich skandiert er im Ton einer Thronrede die vollständige Bezeichnung der Nazipartei; mit vor affektiertem Pathos erbebender Stimme nennt er sich einen „Fanatiker des Nationalsozialismus”; in vollem Ernst erklärt er, ohne mit der Wimper zu zucken, er wäre trotz der Diktatur bestrebt gewesen, ein selbständiges Gericht zu schaffen.

 

Blutiges Possenspiel eines Mörders

Je länger man Frank zuhört, desto mehr überzeugt man sich davon, daß dieser Possenreißer, an dem das Blut vieler Millionen Menschen klebt, einen ausgeprägten Sinn für reale Tatsachen an den Tag legt, wenn es um sein Leben geht. Möglich daß dieser Sinn für die realen Tatsachen bei ihm sogar über alle Maßen entwickelt ist In der festen Überzeugung, daß weder den Richtern noch den Staatsanwälten alle Einzelheiten seines Wirtschaftens in Polen bekannt seien, erklärt Frank, er hätte „ungeachtet der Kriegsgesetze die gerechte Forderung der polnischen und ukrainischen Bevölkerung, im Generalgouvernement vertreten zu sein, unterstützt“ und die „von den Polen selber geschlossenen Hochschulen“ wieder öffnen lassen. (Sanitätskurse in Lwow, die Sanitäter für die deutsche Wehrmacht ausbildeten, ohne den Absolventen das Recht zu geben, auch nur als Hilfsarzt tätig zu werden … J. H.) Er behauptet schließlich, er hätte als Jurist „hemmend auf die Hitlerherrschaft eingewirkt“ und wäre Hitler deshalb gar nicht besonders sympathisch gewesen. Über den Tod der Krakówer Universitätsprofessoren vergießt er sogar Tränen. Um die Anwesenden davon zu überzeugen, daß diese Tränen echt sind, wischt er sie mit dem weißen Taschentüchlein langsam und sorgfältig aus den Augen. Als er sich ausgeweint hat, weist er bescheiden, aber mit erhobener Stimme darauf hin, daß die Professoren zwei Wochen vor seiner Ankunft nach Polen verhaftet worden seien und ihm dies folglich nicht zur Last gelegt werden dürfe.

Der „Übermensch“ sackt in sich zusammen

Jedoch es naht der große Augenblick, in dem Frank über sich selber hinauswächst und nicht nur die Richter und Anwälte, sondern die ganze Welt fasziniert. In seinem außergewöhnlich mannigfaltigen Sortiment von Verteidigungsargumenten befindet sich eins, das keiner der Angeklagten bisher vorgebracht hat, ein Argument, das ein Knalleffekt sein soll. Für den Fall, daß seine sachlichen Argumente die Mitglieder des Gerichtshofs nicht beeindrucken, bedient er sich seiner nun sicherheitshalber, also für alle Fälle, und hofft, ihre Herzen damit bestimmt zu rühren. Vergeblich versucht er hinterher, Görings vernichtendem Blick zu entgehen. Also verkündet Hans Frank: „Ich habe niemals Judenvernichtungslager eingerichtet oder ihr Bestehen gefordert; aber wenn Adolf Hitler persönlich diese furchtbare Verantwortung auf sein Volk gewälzt hat, dann trifft sie auch mich … Tausend Jahre werden vergehen und diese Schuld von Deutschland nicht wegnehmen.“ Tiefe Erschütterung vortäuschend, preßt Frank mit einer Gebärde der Verzweiflung und Reue seine „Engelshand“ an die Stirn und forscht währenddessen gierig mit seinen kleinen, tief liegenden, ein wenig verkniffenen Augen in den Gesichtern der Richter, ob darin wenigstens ein Schatten von Sympathie zu entdecken sei. Nichts davon ist zu entdecken. Da läuft sein Gesicht rot an und wird ebenso plötzlich aschfahl. Seine Hände, die Hände eines Epheben, sinken wie die Flügel eines tödlich verwundeten Raubvogels. Der „Übermensch“ gleicht einem mit Fleisch und Knochen gefüllten Sack, den ein unordentlicher Mensch mitten im Saal abgesetzt und stehengelassen hat.

Quelle:

Jarosław Hałan: Nürnberg 1945. Pamphlete. Verlag Dnipro Kiew, 1975, S.85-103.

(Zwischenüberschriften eingefügt.)