Ein weiterer, allerdings nicht so interessanter Umstand ist der, daß dieser Geschichtsliebhaber sämtliche Quellen des Autors durchwühlt und dabei Plunder von ewigem Bestand herausgefischt hat.

LeninDer Leninfresser Lawrow

Von Tatjana Wassiljewa

Übersetzung: Anja Vogel

In Rußland gibt es einen Wissenschaftler, und zwar einen führenden wissenschaftlichen Mitarbeiter des Instituts für russische Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften, der einst sogar stellvertretender Direktor dieses Institutes war, und nicht nur irgendein einfacher Stellvertreter – sondern ein wissenschaftlicher Stellvertreter, dem die Übersättigung an wissenschaftlichem Wissen offenbar zu Kopfe stieg.

Dieser Wladimir Michajlowitsch Lawrow nämlich wandte sich an den Chef der Untersuchungskomission Rußlands mit der Bitte, die Werke Wladimirs Iljitsch Lenins auf Extremismus zu prüfen. Der Historiker behauptet, daß Lenin den Terrorismus öffentlich gerechtfertigt, den Terrorismus selbst geleitet und Methoden des Partisanenkrieges entwickelt habe.

Ein interessanter Umstand ist, daß der oben erwähnte Bürger, seine historische Bildung im Moskauer Staatlichen Pädagogischen Institut „W.I. Lenin“ erhielt und sich schon zu Beginn seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ernsthaft für das Studium der Werke des Klassikers begeisterte – unmittelbar nach Abschluß seines Studium an der pädagogischen Hochschule kam er als Aspirant an der Sektion für Lenins Werke am Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU unter, wo er drei Jahre durchstudiert hat. Heute behauptet Lawrow, daß er ein Verzeichnis von Artikeln Lenins habe, welche nicht in die gesammelten Werke des Verfassers aufgenommen worden seien. Man habe sich einfach davor gefürchtet, sie zu veröffentlichen, intrigiert der Forscher, weil das „übelster staatliche Terrorismus“ sei.

Ein weiterer, allerdings nicht so interessanter Umstand ist der, daß dieser Geschichtsliebhaber sämtliche Quellen des Autors durchwühlt und dabei Plunder von ewigem Bestand herausgefischt hat. Die Sache ist nämlich die, daß Lenin diese Beschuldigungen des Terrorismus sogar mit eigenen Ohren gehört und mit eigenen Augen gelesen habe – und zwar von Seiten seiner zahlreichen ideologischen und politischen Gegner und seiner offenen Feinde. Tatsächlich ging es in den Artikeln und Reden Lenins mehrfach um den Terror, und um die Beziehung der Sozialdemokraten und der Partei der Bolschewiki dazu. Wer also solche Erklärungen von sich gibt, der muß schon auf die völlige Unwissenheit der heutigen Gesellschaft spekulieren.

Da damit den Spekulationen dieses „Experten“ in Bezug auf das Leninsche Erbe nicht der Boden entzogen ist, wollen wir einmal die Wahrheit beleuchten. Wir gehen davon aus, daß es doch noch ein paar denkende Menschen gibt, die nicht so leicht bereit sind, diesen Köder zu schlucken, um so mehr, als die unwissenschaftlichen Erklärungen dieses Wissenschaftlers von nicht minder wissenschaftsfeindlichen Kreisen in der Führung der Russisch-Orthodoxen Kirche, namentlich vom Chef der Synodalabteilung für die Zusammenarbeit mit den Streitkräften und der Justiz, von dem Erzbischof Dmitri Smirnow unterstützt werden. Der Erzbischof verkündete nämlich, daß Lenin für ihn „ein noch viel größerer Verbrecher“ sei als Hitler, da sich „Hitler zum Volk viel besser“ verhalten habe.

Da die oben genannten „Experten“ offenbar unter dem Genuß „unverdauter“ und von ihnen schlecht verarbeiteter geistiger Nahrung leiden, schlagen wir vor, ihnen eine kleine Einführung in einen vorliegenden wissenschaftlichen Artikel zu geben, der ihnen vielleicht hilft, die Frage zu beantworten, ob Lenin ein Anhänger des Terrors war. Der Artikel enthält eine ausführliche Analyse der Leninschen Arbeiten, die diesem Thema veröffentlicht wurden. Ebenso gibt es dazu eine Zusammenfassung, in der auch für diejenigen, denen es schwerfällt, wissenschaftliche Texte zu verstehen, wo einfach und verständlich die Antwort auf diese Frage dargelegt ist. Der Artikel ist auf der Webseite leninism.su (russ.) veröffentlicht.

Für diejenigen aber, die sich ohne uns in dieser Frage gut zurechtfinden, wir werden als Beispiel nur an ein  Zitat Lenins aus der Rede auf dem VII. Allrussischen Sowjetkongreß (vom Dezember 1919) erinnern:

Man hat uns immer des Terrorismus beschuldigt. Eine sehr verbreitete Beschuldigung, die aus den Spalten der Presse überhaupt nicht verschwindet. Man wirft uns vor, wir hätten den Terrorismus zum Prinzip erhoben.

Darauf erwidern wir: „Ihr glaubt selbst nicht an diese Verleumdung.“ Derselbe Historiker Aulard, von dem der Brief in der „Humanité“ stammt, schreibt: „Ich habe Geschichte gelernt und Geschichte gelehrt. Wenn ich lese, die Bolschewiki seien lauter Ungeheuer, Monstren, Popanze, so sage ich: dasselbe wurde seinerzeit auch über Robespierre und Danton geschrieben. Damit“, fährt er fort, „will ich gar nicht die heutigen Russen mit jenen großen Männern vergleichen, nicht im entferntesten: sie haben nicht die geringste Ähnlichkeit mit ihnen. Aber als Historiker sage ich: man darf doch nicht jedem Gerücht Glauben schenken.“

Wenn ein bürgerlicher Historiker so spricht, dann bedeutet das, daß die Haltlosigkeit auch dieser Lüge, die man über uns verbreitet, allmählich erkannt wird.

Wir behaupten: Der Terror wurde uns aufgezwungen. Man vergißt, daß der Terrorismus durch die Invasion der allmächtigen Entente ausgelöst wurde. Ist das etwa kein Terror, wenn die Flotte der ganzen Welt ein hungerndes Land blockiert? Ist es etwa kein Terror, wenn Vertreter des Auslands, gestützt auf ihre diplomatische Unantastbarkeit, weißgardistische Aufstände organisieren?

Man muß die Dinge doch wenigstens einigermaßen nüchtern betrachten. Man muß schließlich begreifen, daß der internationale Imperialismus alles aufs Spiel gesetzt hat, um die Revolution niederzuwerfen, daß er vor nichts zurückschreckt und erklärt: „Für jeden Offizier einen Kommunisten dann gewinnen wir!“ Und sie haben recht. Wenn wir versucht hätten, auf diese von den internationalen Räubern geschaffenen, durch den Krieg vertierten Truppen mit Worten, mit Überzeugung, mit irgendwelchen anderen Mitteln als mit Terror einzuwirken, so hätten wir uns nicht einmal zwei Monate gehalten, so wären wir Toren gewesen.

Der Terror wurde uns durch den Terrorismus der Entente, durch den Terror des mächtigen Weltkapitalismus aufgezwungen, der die Arbeiter und Bauern an der Kehle gepackt hat, sie würgt und dem Hungertod preisgibt, weil sie für die Freiheit ihres Landes kämpfen. Und jeder unserer Schritte auf dem Wege zum Sieg über diese erste und eigentliche Ursache des Terrors bringt es unausbleiblich und unabänderlich mit sich, daß wir bei unserer Regierungstätigkeit künftig ohne dieses Mittel zur Überzeugung und Einwirkung auskommen werden.

Quelle: W.I. Lenin: Werke, Bd.30, Dietz Verlag Berlin, 1961, S.211f

(Übersetzung: Anja Vogel)