Die Parabel vom Generaldirektor Vermeert

opaDie große Idee oder

Das Märchen des Generaldirektor Vermeert

Eine Parabel

1. Teil: Prolog

Von Günter Ackermann

Eigentlich war Generaldirektor Vermeert ein Generaldirektor a.D., also außer Diensten. Jetzt war er Aufsichtsratvorsitzender der Eisenhütten AG, aber ließ sich noch immer mit dem Titel „Generaldirektor“ anreden, den er viele Jahrzehnte geführt hatte. Generaldirektor Vermeert hatte die Führung der Eisenhütten AG von seinem Vater übernommen, dieser von seinem Vater eine kleine Eisengießerei. Ein alter Familienbetrieb also, aber immer Neuem aufgeschlossen. Es zeigte sich schon zu Zeiten des Großvaters, des jetzigen Aufsichtsratvorsitzenden, der hatte schon 1870 die Zeichen der neuen Zeit erkannt. Obwohl ein kleiner Gießereibetrieb fast ausschließlich Teile für landwirtschaftliche und handwerkliche Betriebe herstellte, erkannte er, dass man sich trennen muss von Althergebrachtem und die Industrie in den Dienst des  Vaterlandes stellen muss. Damals hatte er für seine Verdienste für das Vaterland den Schwarzen Adlerorden vom König von Preußen bekommen, der ihm von Bismarck selbst überreicht wurde.

Die Eisenhütten AG war dann auch nach Einigung des Vaterlandes gegründet worden, aus einem kleinen Familienbetrieb war ein großes Werk geworden. Damals war die Familientradition gegründet worden, die Familie gehörte jetzt zu den Honoratioren der Stadt. Sie waren im Stadtrat, im Kirchenvorstand, einige auch im Reichstag gewesen. Ora et labora war das Familien- und Firmenmotto. Mit Gründung der Eisenhütten AG hatte diese sich ein Firmenlogo zugelegt, das einen schwarzen Adler vor einem Kreuz zeigt, in den Klauen zwei Schwerter, umrahmt von Firmenmotto „ora et labora“.

„Mein verehrter Herr Vater hat während der nun fast vierzigjährigen Tätigkeit im Dienst dieses Unternehmens die Dynamik des freien auf Freiheit aufgebauten Unternehmertums unter Beweis gestellt. Er wird in Zukunft seine nimmermüde Arbeitskraft und seine große Erfahrung unserem Unternehmen zur Verfügung stellen und als Vorsitzender des Aufsichtsrates diesem Unternehmen mit Rat und Tat zur Seite stehen, solange es seine Kräfte erlauben.“ Das sagte der Sohn des alten Generaldirektors zur Feier der Verabschiedung seines Vaters.

Die Direktoren, leitenden Mitarbeiter und der Betriebsrat, nicht zu vergessen die Vertreter der Hausbank, die den stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden stellte, hatten brav Beifall geklatscht. Dann hatte als Vertreter des Bundespräsidenten, der Staatssekretär von Rupkow aus dem Bundeswirtschaftsministerium Herrn Generaldirektor Vermeert das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern überreicht. In seiner Laudatio erklärte Staatssekretär von Rupkow:

„Sie waren es, hochverehrter Herr Vermeert, der sofort nach der Zeit des Nationalsozialismus, als alles in Schutt und Asche lag, mit dem Wiederaufbau begonnen hatte, Sie gaben durch Ihre Arbeit vielen Menschen Arbeit und Brot und somit neuen Lebensmut. Als ich Mitglied des Deutschen Bundestages wurde, unterstützten Sie mich in meinem Bemühen die deutsche Industrie den Platz zu geben, der ihr gebührt.

 Auch waren Sie einer der Ersten, die sahen, dass die Bundesrepublik Deutschland ein gleichberechtigtes Mitglied der Völkerfamilie der freien Welt werden und als solches auch ein Beitrag zur Erhaltung der Freiheit leisten muss. Konrad Adenauer sagte über Sie: „Mit solchen Unternehmern müssen wir uns keine Sorgen machen.“

Während der Zeit der nationalsozialistischen Barbarei standen Sie an der Seite des besseren Deutschlands. Sie sorgten dafür, dass Menschen, die aus rassistischen und politischen Gründen von den damaligen Machthabern ihrer Freiheit beraubt wurden, eine Unterkunft und in Ihren Betrieben Arbeit bekamen.  Wie viele mögen wohl darunter gewesen sein, die vor der Machtergreifung Hitlers ihre erbittertsten Gegner waren? Wie viele Juden mögen Sie dadurch vor der Verschleppung in die Vernichtungslager bewahrt haben? Sie weigerten sich standhaft in die Nazipartei einzutreten. Erst, als es sich nicht mehr vermeiden ließ, im März 1933, traten sie erzwungenermaßen in die Partei ein. Sie taten dies in unerschütterlichem Glauben an das deutsche Volk und deshalb weil Sie diese Stadt, dieses Unternehmen und die Menschen hier von noch größerem Schaden bewahren wollten.

Das Wohl aller stand bei ihnen an der ersten Stelle, es lag Ihnen mehr am Herzen, als Ihr eigen Wohl. Deshalb gingen Sie hocherhobenen Hauptes  1945 ins alliierte Gefängnis, in der Gewissheit Ihrer Unschuld. Als Sie nach einem harten Jahr hier Gittern in Ihre Heimatstadt zurück kamen, sahen Sie das Ausmaß der Verwüstungen durch Krieg und Demontage erst einmal richtig. Allen Ihren Einfluss setzten Sie ein, damit dieses Unternehmen im Interesse der in ihm arbeitenden Menschen nicht vernichtet wird.  Heute wissen wir, dass Sie dies erreichten, weil Sie, als echter Europäer schon vor diesem schrecklichen Krieg mit namhaften Persönlichkeiten der Wirtschaft der späteren Siegermächte freundschaftlichen Kontakt  hielten und diesen auch im Krieg – heimlich versteht sich – aufrecht hielten. Diese Ihre Freunde unterstützten Sie in Ihrem Bemühen und so konnte dieses Werk, wenn auch unter Kontrolle der englischen Besatzungsmacht, schon im Sommer 1946 seine Produktion, wenn auch sehr bescheiden, wieder aufnehmen.“

Zum Schluss seiner Ausführungen sagte dann Staatssekretär von Rupkow: „Gestatten Sie mir bitte noch einige persönliche Worte: Ich kam nach dem Krieg vollkommen mittellos aus der Kriegsgefangenschaft. Die Heimat war mir und meiner Familie genommen, eine Heimat, auf der wir seit vielen Generationen lebten und arbeiteten. Die neuen Machthaber im Osten nahmen uns unser Eigentum, um die Landarbeiter an das bolschewistische, dem deutschen Volkstum fremde System zu binden.  Bei Nacht und Nebel hatte man meine Familie vertrieben, während ich in Kriegsgefangenschaft war. Sie, mein hochverehrter Herr Generaldirektor, wurden mein väterlicher Freund und Förderer. Gestatten Sie mir dafür bei dieser Gelegenheit meinen aufrichtigen Dank auszusprechen.“

Tränen standen dem braven Staatssekretär in den Augen, auch die alte Frau Vermeert schluchzte in ihr Taschentüchlein, der Betriebsratsvorsitzende Friedeburg Dunkler nickte zustimmend und der Vertreter der Hausbank überlegte, wie sich wohl die Aktienkurse der Eisenhütten AG, die in letzter Zeit eine schlechte Entwicklung durchmachten, verhalten würden, wenn im Handelsblatt die Nachricht vom Großauftrag der Bahn, den die Eisenhütten AG im Rahmen eines Konjunkturprogramms der Bundesregierung bekommen hatte, verbreitet würde.

Dann sprach Betriebsratsvorsitzender Friedeburg Duckler. Er überbrachte den Dank der Belegschaft, die ihren alten Chef nur ungern scheiden sähe.

Zum Schluss der Feier äußerten noch die Vertreter der beiden christlichen Konfessionen dem alten Generaldirektor ihre Dankbarkeit für die stete soziale Haltung und christliche Nächstenliebe. Sie bedankten sich für die Spenden für Misereor und Brot für die Welt, wie für die noblen Spenden zum Wiederaufbau der Kirchen.

„Möge Gott Sie auch förderhin uns erhalten und nimmt er Sie einst in sein Reich, so bin ich sicher, dass Sie vor seinen Augen Gnade finden werden.“ Das sagte der katholische Bischof, obwohl die Familie Vermeert evangelisch war. Der Präses der evangelischen Landeskirche pries das Verhalten des Herrn Generaldirektors als wirklich ökumenisch, das zeige schon, dass Vertreter beider Konfessionen hier anwesend seien. „Ist es nicht ein schönes Zeichen ökumenischen Verhaltens, wenn hier, unabhängig der Konfessionszugehörigkeit des zu Feiernden, neben mir mein Amtsbruder der katholischen Konfession sitzt? Gott der Herr hat durch seinen Sohn Jesus Christus uns alle errettet und gemeinsam, über alle Konfessionsgrenzen hinweg, wollen wir ihm danken.“

Zum Schluss spielte das städtische Symphonieorchester das „Ave Maria“ von Händel.

Ja, Herr Generaldirektor Vermeert ist ein frommer Mann. In seinen wenigen Mußestunden liest er gern die Bibel und geht auch, soweit es sein Amt gestattet, regelmäßig in die Kirche. Er ist Mäzen des christlichen Männervereins, unterstützt die Kirchen in ihrer sozialen Arbeit. Sogar einen Kindergarten ermöglichte er, indem er das Bauland zur Verfügung stellte und einen günstigen Kredit von der Hausbank besorgte. Im Schützenverein und im Karnevalsverein ist er Ehrenmitglied.

Seit diesem Tag ist nun der alte Generaldirektor nur noch einer a.D. Jetzt hat er Zeit für sich und seine Familie. In seiner Freizeit züchtet er Rosen. Das, was ihm aber am wichtigsten ist, ist die Möglichkeit sich jetzt seinen drei Enkelkindern zu widmen. „Sie müssen mich jeden Sonntag besuchen“, verlangt er von seinem Sohn und Amtsnachfolger. Als diese davon erfuhren, brachen sie in Jubel aus.

So wird es also zu einem festen Brauch, dass die Enkel ihren Großvater am Sonntag in seiner Villa draußen vor der Stadt besuchen. Die ganze Woche freuen sie sich auf den Sonntag, denn Opa Vermeert kann wunderbare Geschichten erzählen. Vor allem die zwei jüngeren sind davon begeistert. Wie trist sind doch die Einschlafgeschichten des Kindermädchens. Auch der Butler des Vaters hat da kein großes Talent, abgesehen davon, dass die Eltern es nicht gern haben, wenn die Kinder den Diener mit Beschlag belegen, hat er doch die Aufgabe dafür zu sorgen, dass der Haushalt in Ordnung ist. Die Zofe von Mutti ist überhaupt nicht in der Lage die Kinder zu unterhalten. Die ist noch ein junges Mädchen und liest immer Zeitungen, die von Königen und Filmstars schreiben. Sachen, die die Kinder wenig interessieren. Besser ist da schon der Gärtner. Er ist auf dem Land aufgewachsen, seine Eltern hatten noch einen Bauernhof, den jetzt sein Bruder führt, wenn auch nur als Nebenerwerbsbetrieb. In der Woche arbeitet er bei der Eisenhütten AG, den Job hat ihm sein Bruder, der Gärtner, besorgt.  Der ist ein rechter Naturbursche und kennt viele Märchen und Sagen der Bauern. So für die Woche sind sie ja gut, aber für den Sonntag sind doch die Geschichten von Opa besser.

Wie jeden Sonntag, so auch an diesem herrlich sonnigen Julitag werden die drei Kinder vom Chauffeur zum alten Generaldirektor gefahren. Das Kindermädchen fährt natürlich mit, gibt dann aber die Kleinen beim alten Vermeert ab. Dann haben sie den ganzen Tag bis 18 Uhr frei und den Wagen zur Verfügung.

„Die beiden haben sicher ein Verhältnis miteinander“, hatte der Größte gehört, als die Zofe und der Butler sich unterhielten und den Jungen nicht bemerkten. Der Butler hatte nur eine ablehnende Geste gemacht. Er stand über den Dingen, er war ja auch ein guter Butler. Nach dem Mittagessen gehen die Kinder mit ihrem Großvater im Park spazieren, spielen ein bisschen mit dem Ball. Dann, um drei, man könnte die Uhr danach stellen, ist Kaffeezeit. Natürlich bekommen die Kinder Kakao, aber der Kuchen ist frisch von der besten Konditorei am Ort und vom Lehrling ins Haus gebracht worden. Danach ist dann immer Märchenstunde und die Kinder schlingen den Kuchen nur so in sich hinein. Nicht etwa, weil sie Hunger haben, sondern weil sie die Zeit abkürzen wollen. Heute sitzen sie wegen des herrlichen Wetters auf der Terrasse.  Der Butler  räumt das Kaffeegeschirr weg, bringt den Kindern Orangeade und dem Generaldirektor Cognac. Leise plätschert der Springbrunnen, im Hintergrund hört man einen Vogel singen und der Swimmingpool reflektiert das Sonnenlicht, dass es blendet. Der Butler füllt noch einmal die Gläser nach und nun beginnt der alte Generaldirektor zu erzählen:

Fortsetzung folgt