Die Parabel vom Generaldirektor Vermeert – Teil 2

gott_guterDie große Idee oder

Das Märchen des Generaldirektor Vermeert

Eine Parabel

Von Günter Ackermann

Teil 2

Vor vielen, vielen Jahren lebte einmal ein Mann. Dieser Mann war weise und klug; zwar schon sehr alt, er trug einen schönen langen weißen Bart, aber er war noch sehr rüstig, keineswegs senil, kurz: ein sympathischer alter Mann, den seine lange Lebenserfahrung nicht gebeugt hatte. Dieser Mann hieß Gott, manchmal nannte er sich auch Allah, Jehova, Manitou, er führte noch viele Namen mehr. Eigentlich war Herr Gott ganz zufrieden und er hätte noch viele Jahre so weiterleben können. Aber da Herr Gott eben nur an Jahren, nicht jedoch an Intelligenz sehr alt war, langweilte er sich furchtbar. Er hatte zwar seinen Lebensunterhalt, aber er lebte für sich allein. Herr Gott hatte Zeit seines Lebens nichts Böses getan, aber auch noch nichts Gutes. Wem sollte er auch Gutes tun, war er doch allein?

Herr Gott wollte aber ein lieber Herr Gott sein und da er es bisher noch nicht sein konnte, war er unzufrieden. So lief er in seiner Wohnung  hin und her, grübelte ständig, wie er das ändern könne. Eines Tages, er lag wieder einmal gelangweilt bis zum Mittag im Bett, da kam ihm die rettende Idee: „Ich werde Unternehmer!“

Die Idee war gut, nur wie sollte er das anstellen? Er hatte noch keine klaren Vorstellungen.

„Eine Fabrik braucht Licht und Strom,“ war seine Erkenntnis aus der misslichen Lage. Herr Gott grübelte wieder viele Tage, er machte Experimente, bastelte dies, bastelte das und schließlich hatte er die richtige Idee.

„Ein Kraftwerk muss her,“ war das Ergebnis seiner Überlegungen. Also erfand Herr Gott ein Kraftwerk. Da ber seine Fabrik eine sehr große sein sollte, musste das Kraftwerk auch sehr groß sein. Schön sollte es auch aussehen, und so baute er ein riesiges Kraftwerk. Es war herrlich anzusehen. Golden strahlte es, als er es das erste Mal in Betrieb setzte. Es war auch ein sehr modernes Kraftwerk, es funktionierte mit Kernenergie. Herr Gott war sehr stolz auf seine Erfindung. Sie hatte ihm sehr viel Mühe gekostet, musste er doch die vielen Teile, die die Energie lieferten, alle selbst gebaut

t. Nun, jetzt war es fertig. Er hatte es in einer Rekordzeit gebaut, nur einen Tag brauchte er dazu, und als er am Abend dieses ersten Tages sein vollendetes Werk das erste Mal in Betrieb sah, war er sehr stolz darauf.

„Sonne soll es heißen,“ sagte Herr Gott. Beruhigt legte er sich schlafen. Am anderen Morgen, Herr Gott war schon sehr früh aufgestanden, kontrolliert er sein Kraftwerk, es funktionierte einwandfrei, es war ja auch vollautomatisch. Aber o Schreck! Jetzt, wo er alles im vollen Licht sehen konnte, sah er die Öde erst einmal richtig. Das Gelände, auf dem er wohnte, war ein einziger Sumpf. Überall Waser. Also baute er Entwässerungskanäle. Am Abend des zweiten Tages war es fertig. In der Mitte seines Geländes war ein herrlicher See, der im Licht seiner Sonne herrlich blau strahlte, inmitten seines Sees hatte er sich ein herrliches Schloss gebaut, das nannte er Himmel, denn es sah himmlisch aus. Auch dieses Schloss und die Trockenlegung des Sumpfes hatte Herr Gott in einem Tag geschafft. Allein daran sieht man, dass er keineswegs von der Last seines Alters gelitten hatte. So baute also nun Herr Gott Tag für Tag an seinem Unternehmen.

Er pflanzte Rasen, Bäume und viele andere Pflanzen an, beleuchtete sein Gelände und schuf sich Tiere, die das saftige Grün fressen konnten. Ihm gefiel zwar nicht so recht, dass er Tiere gemacht hatte, die andere fraßen, aber, wo es nun einmal geschehen war, ließ sich das nicht mehr ändern. Außerdem hatte das den Vorteil, dass diese Tiere nun dafür sorgten, dass nur immer soviel Gras gefressen werden konnte, wie notwendig war, um die Pflanzen kräftig sprießen lassen zu können. „So gehobelt wird, fallen Späne,“ sagte sich Herr Gott, und allein das zeigt, dass er ein kluger, ja allwissender Mann war, war der Hobel doch noch gar nicht erfunden, und trotzdem wusste er das Sprichwort schon. Nach fünf Tagen war alles fertig. Nur den Gärtner brauchte er noch. „Den mache ich morgen,“ sagte er sich abends, als er im Himmel im Himmelbett lag.

Es war ihm klar, dass die Tiere dem Gärtner nur gehorchten, wenn er diesen so machte, wie er auch aussah. Also schuf der den Menschen nach seinem Bilde. Er machte also am sechsten Tag den Gärtner, auch die Gärtnerin, denn beide sollten aneinander Vergnügen haben. Den Gärtner nannte er Adam, die Gärtnerin Eva. Als beide fertig waren, setzte er sich mit ihnen unter einen herrlich blühenden Kirschbaum.

„Ihr seht,“ sagte er den Beiden, „hier lässt sich´s leben. Der Park ist groß und eure Aufgabe ist dafür zu sorgen, dass hier alles so bleibt, wie es ist. Zu essen habt ihr genug, auch wenn ihr Kinder bekommt. Hier stehen genug Bäume, von denen ihr essen könnt. Ich habe aber den Garten gemacht, damit ich mich vom vielen Nachdenken und Weltenlenken“ (Herrn Gotts Fabrik hieß Welt AG) „erholen kann. Wenn ihr aber nicht gehorcht, dann bestrafe ich euch. Ihr könnt tun und lassen, was ihr wollt, aber, und das merkt euch, die Welt AG führe ich. Ich allein! Ich habe sie geschaffen, sie ist mein Werk. Deshalb dürft ihr nie von dem Apfelbaum da drüben einen Apfel essen, denn der ist für mich. Aus den Früchten nehme ich die Kraft für meine schwere Arbeit. Also: Esst nie von den Äpfeln!“

Adam und Eva versprachen es. Also lebten sie nun zufrieden im Park des Herrn Gott. Manchmal besuchte sie der Chef, der war zufrieden mit der Arbeit. Der Garten wurde immer schöner, denn Adam und Eva waren fleißig.

Aber so ganz zufrieden waren sie doch nicht. Eines Tages, Eva schlenderte durch den Garten, stand sie auf einmal vor dem Apfelbaum, Um den Stamm war eine rote Schlange geringelt. Sie hatte auf dem Rücken ein ganz komisches Muster, Eva wusste nicht, was es darstellen sollte, heute jedoch wissen wir, dass es ein Muster war, das wie Hammer und Sichel aussah.

Eva betrachtete die rote Schlange interessiert. „Eva,“ sprach die Schlange auf einmal, „was bist du dumm. Da seht ihr aus wie der Boss, aber ihr lauft so dumm herum, wie der euch gemacht hat. Ihr denkt nicht nach, ihr lebt so in den Tag hinein.“

„Wieso?“ fragte Eva, „sind wir dumm? Wir leben doch gut. Unser Chef, der liebe Herr Gott, hat uns erlaubt alles zu essen. Warum sollten wir nachdenken? Außerdem finde ich, dass du mir gar nicht gefällst. Deine rote Farbe, dein komisches Muster auf dem Rücken und deine gespaltene Zunge. Geh weg, du willst mich nur verführen.“ Die Schlange lachte.

„Die Zunge ist wichtig. Ich nenne sie dialektisch. Das verstehst du nicht, aber es bedeutet für mich sehr viel. Ich denke nämlich auch dialektisch. Ich bin sehr klug und weiß, dass du gar nicht so zufrieden bist, wie du tust. Wer arbeitet denn in dem Garten? Du und Adam! Und wem gehört er? Dem Boss! Ist das gerecht? Ich glaube nicht.“

„Hm,“ brummte Eva. Hatte doch die böse rote Schlange, mit ihrem Hammer-und-Sichel-Muster auf dem Rücken und ihrer dialektischen Zunge ihre geheimsten Gedanken erraten, „was soll ich denn machen?“ „Ganz einfach,“ erwiderte die Schlange, „ihr esst von den Äpfeln. Was der Boss kann, könnt ihr auch. Und wenn der was dagegen hat, dann sagt ihm, dass ihr den Garten pflegt und ihr deshalb das Recht habt, auch von diesem Baum zu essen. Wer ist das eigentlich, der Herr Gott? Chef der Welt AG. Nun, ihr solltet selbst Chef werden. Zu was bhgrauchen wir denn Herrn Gott noch? Wenn ihr von diesen Äpfeln esst, dann werdet ihr alles können.“

Eva holte ihren Mann und redete auf ihn ein. Zuerst wollte der nicht so recht, aber schließlich pflückten sie einen Apfel und aßen ihn. Adam und Eva war es gar nicht wohl bei ihrer frevelhaften Tat. Die Schlange aber grinste und zischte mit ihrer dialektischen Zunge.

Am anderen Tag kam Herr Gott in seinen Garten. Sofort bemerkte er, dass etwas nicht stimmte. Adam und Eva waren so komisch. Mit heftiger Geschäftigkeit rupften sie das Unkraut aus einem Beet mit herrlich roten Erdbeeren. Sie schauten Herrn Gott gar nicht an, sie arbeiteten nur emsig.

„Hier stimmt was nicht!“ dachte sich Herr gott. Als er die Schlange am Apfelbaum bemerkte, wie die ironisch grinsend zischte, da wusste er, was hier geschehen war. Er zählte die Äpfel – es fehlte einer. „Adam und Eva,“ rief er, „kommt mal sofort zu mir!“ Wie zwei begossene Pudel kamen sie angeschlichen.

„Ihr habt einen Apfel gegessen. Ich habe es euch ausdrücklich verboten. Ihr habt wohl vergessen, wem ihr eure Existenz verdankt? Ihr habt außerdem vergessen, wem dieser Garten und die Welt AG gehört? Nun gut! Ich habe cih gewarnt. Die Strafe wird folgen!“

Mit Riesenschritten rannte Herr gott weg. Seine Augen blitzten voll Zorn. Im Himmelsschloss angekommen, griff er zum Te3lefon und rief den Chef des Werkschutzes der Welt AG, den Herrn Gabriel an, und forderte ihn auf, Adam und Eva sofort zu entlassen. Sie sollten vertrieben werden und nie mehr in seinem Garten arbeiten dürfen.“

Soweit erst einmal die Geschichte des Generaldirektors. Entzückt hörten ihm seine Enkelkinder zu.

Fortsetzung folgt