Die Parabel vom Generaldirektor Vermeert – Teil 3

kain_abel_bio1_bearbeitet-1Die große Idee Teil 3 (Schluss)

Der Brudermord

von Günter Ackermann

„Sag mal, Großpapa, stimmt denn die Geschichte?“

„Warum nicht? Seht mal, so wie ich und vorher mein Vater und vor ihm dessen Vater, mein Großvater, die Eisenhütten AG aufgebaut haben, so hat der Herr Gott die Welt AG aufgebaut.“

Der älteste von den drei Enkelkindern, er ist schon dreizehn Jahre alt und durfte mal das Werk besichtigen, ist doch etwas skeptisch:

„Aber Großpapa, das stimmt doch gar nicht! Du gehst doch immer erst um elf ins Büro, hast am Wochenende frei und wohnst hier in dieser Villa. Aber die Arbeiter müssen immer arbeiten, sie wohnen in hässlichen Wohnungen, die direkt neben dem Werk sind. Dort stinkt es und die Luft ist dreckig. Tag und Nacht hören sie den Krach vom Werk.  Die Arbeiter arbeiten doch!“

Zuerst war der alte Generaldirektor etwas schockiert. Aber er war ein guter Großvater. Außerdem hatte er erst gestern mit dem Psychologen des Konzerns gesprochen, wie man Unzufriedenheit dadurch abbaut, indem man in den Betriebsversammlungen die Arbeiter und Angestellten ruhig schimpfen lässt – bis zu einer bestimmten Grenze – versteht sich. Deshalb schüttelt er auch bedächtig das Haupt.

„Mein Junge“, beginnt er, „du hast die Arbeiter gesehen, wie sie arbeiten. Aber nur das. Hast du denn dich nicht gefragt, an wessen Maschinen sie arbeiten? Sie gehören unserem Betrieb. Wir haben sie angeschafft in kluger Voraussicht. Wir mussten nämlich sehr große Opfer dafür bringen und das Risiko, welches unsere Vorfahren eingingen, als sie das Werk gründeten. Wir tragen die Verantwortung für viele tausend Menschen. Nicht nur für die, welche in der Eisenhütten AG arbeiten, sondern auch für ihre Familien und nicht zu vergessen die Handwerker, die für unseren Betrieb arbeiten, die Geschäftsleute, die von den Einkäufen der Arbeiter Arbeitsplätze schaffen. Für sie alle bedeutet der Betrieb die Quelle, aus der sie schöpfen. Der Betrieb ist das Wichtigste, von ihm hängt das Wohl und Wehe vieler Menschen ab. Unsere Familie aber, die die Aktienmehrheit der Eisenhütten AG besitzt, hat in Generationen das Werk geleitet, wir sind die ersten Diener des Unternehmens. Dafür bekommen wir dann Lohn, wie jeder andere Arbeiter. Wir sind vor allem dem Gesamtwohl verpflichtet, denn wenn es unserem Unternehmen gut geht, dann geht es auch den Menschen der Stadt gut. Daran müsst ihr immer denken, auch wenn ihr erwachsen seid.“

Die Kinder schweigen, auch der Älteste weiß da keine Antwort. Trotzdem wagt er noch eine Frage:

„Aber Großpapa, war denn die Strafe, die Herr Gott über Adam und Eva verhängte, nicht eine sehr grausame? Sie haben doch nur einen Apfel gegessen und dafür kann man sie doch nicht so hart bestrafen.“

Milde lächelt der alte Herr Vermeert:

„Mein Junge, “ entgegnet er und legte seinem Enkel die Hand auf die Schulter, „ich sagte eben, dass das Wohl des Unternehmens für einen Unternehmer über allem stehen muss, denn das Unternehmen dient dem Gemeinwohl. So war es auch mit der Welt AG des Herrn Gott. Eva hörte auf die Schlange, die sie zum Ungehorsam gegen ihren Chef anstachelte. Ohne Gehorsam funktioniert ein großes Unternehmen nicht. Wenn in unserem Betrieb jeder Arbeiter tun und lassen kann, was er will, dann wir es sehr bald in große Schwierigkeiten kommen. Wenn einzelne Arbeiter oder auch mehrere ungehorsam werden, dann schaden sie sich und vielen anderen Menschen auch. Deshalb ist es besser, wenn wir diese entlassen. Das ist hart, aber gerecht und notwendig. Ebenso tat es auch Herr Gott.

Aber ich vergaß zu erzählen, was Herr Gott mit der Schlange tat. Er verfluchte das abscheuliche Tier und bestrafte sie, sich nur noch kriechend bewegen zu dürfen. Zwischen Adam und Eva und deren Kinder soll Feindschaft herrschen mit der Schlange und ihrem Nachwuchs. Aber die Schlange treibt immer noch ihr Unwesen. Sie stachelt die Menschen immer noch zum Ungehorsam an.“

„Ich habe noch nie die Schlange gesehen?“ fragt das jüngste Enkelkind, die sechsjährige Greta.  Ihr Großvater lächelt milde und streichelt ihr liebevoll über das blonde Köpfchen.

„Meine Kleine“, entgegnet er, „wir können sie auch nicht mehr sehen. Die Schlange verspritzt ihr Gift heimlich, versteckt. Herr Gott hat sie ja auch damit bestraft, sich nur noch kriechend bewegen zu dürfen. Wir sind aber aufrechte Menschen. Wir sehen sie nicht, wir fühlen nur ihr Gift und hören nur ihre Bewegungen.“

„Schon richtig“, entgegnet der Älteste, „trotzdem finde ich die Strafe des Herrn Gott unmenschlich. Er hätte sie ja nicht unbedingt aus seinem Garten vertreiben müssen. Hätte nicht eine mildere Strafe ausgereicht?“

Der alte Generaldirektor weiß im Moment keine Antwort, deshalb überlegt er einen Augenblick.

„Gut, dass du das gefragt hast“, antwortet er, „du hast ganz Recht. Unmenschlich ist die Strafe gewesen, aber nicht ungöttlich.  Es gibt eben Geschehnisse, die wir nicht begreifen können. Deshalb sagen wir auch dazu: es ist eine Strafe Gottes. Aber die Strafe war doch richtig. Sollte sich Herr Gott auf solche unzuverlässigen Arbeitnehmer verlassen müssen? Das ist doch das Gleiche, wie bei uns in der Eisenhütten AG. Ich habe euch doch vorhin erklärt, dass unser Unternehmen dem Wohle aller dient. Wenn nun in unserem Betrieb einige Aufwiegler die Arbeiter aufhetzen, dann ist es doch richtig, wenn wir uns von ihnen trennen? Das ist hart für die Betroffenen und ihre Familien, aber es dient allen und somit auch den Aufwieglern.  Denn so wollen sie Arbeit bekommen, wenn die ganze Wirtschaft ruiniert wird. Unserer Familie hat Gott eine große Verantwortung gegeben. Seit Generationen führen wir dieses Werk und haben immer zum Wohl aller unsere Arbeitskraft eingesetzt. Aber es gibt immer Neider, die selbst so etwas nicht zu Wege gebracht haben und die hetzen dann andere Menschen auf. Es gibt dabei immer wieder Dummköpfe, die den Rädelsführern nachlaufen.“

Der alte Vermeert macht eine resignative Handbewegung und blickt traurig in seinen Park, dann erzählt er weiter:

„Ach ja, wir haben es schwer, die Verantwortung ist groß und alle wollen etwas von uns. Wir haben unseren Arbeitern immer Gutes gewollt. So sollten sie denn wohnen, wenn wir nicht ihnen die Häuser gebaut hätten? Aber Undank ist der Welt Lohn und so auch hier. Aber diese Dummköpfe denken nicht daran, dass nur einer das Werk führen kann. Sie laufen den Rädelsführern nach und merken dabei nicht, dass diese sich selbst nur in den Sessel eures Vaters setzen wollen. Ob es ihnen dann besser ergehen wird, ist sehr fraglich. Was können denn diese Leute, außer das große Wort zu führen? Nichts! Sie haben keine vernünftige Schule besucht, sie können sich noch nicht einmal richtig anziehen, geschweige denn richtig deutsch sprechen. Deshalb ist es auch richtig, wenn wir diese bösen Menschen wegjagen, wie auch Herr Gott Adam und Eva aus seinem schönen Garten verjagt hat. Ihm ging das Wohl der Welt AG über das eigene Wohl, und glaubt mir, es hat Herrn Gott sehr weh getan, so hart sein zu müssen. Aber es gibt eine Grenze und der Schmerz der Grenze bleibt uns nie erspart.

Ich will euch zum Schluss noch erzählen, was aus Adam und Eva geworden ist:

Da es Herrn Gott die beiden bedauerte, gab er ihnen eine andere Arbeit. Sie war zwar schlechter als die vorher in seinem Garten, aber wer nicht gehorchen will, der muss eben fühlen.  Sie sollten Land urbar machen, es war jedoch eine scheußliche Wildnis, in die sie geschickt wurden. Solche Arbeiten sind ja auch nötig, bei uns im Werk gibt es ja auch schlechtere und bessere Arbeit, die schlechtere ist aber nötig, und wer dort eingesetzt wird, muss seine Pflicht ebenfalls tun. Jeder an seinem Platz, das ist das Wichtigste.

Adam und Eva waren fleißig. Was blieb ihnen auch Anderes übrig? Bald hatten sie einen geringen Wohlstand erarbeitet, so beschlossen sie, sich Kinder zuzulegen. Zuerst bekamen sie einen Sohn, den sie Kain, kurz danach kam ein zweiter, den sie Abel nannten. Als beide Söhne groß waren, wurde Kain Ackerbauer, Abel Schafzüchter. Abel war ein gutmütiger Mensch. Liebevoll zog er die Schäfchen groß, aus deren Wolle kleidete sich bald die gesamte Familie. So froren sie im Winter nicht mehr so. Seine Arbeit verrichtete er mit viel Liebe und Fleiß. Er suchte ihnen die saftigsten Weiden, und wenn ein Muttertier Junge bekam, blieb er manchmal ganze Nächte draußen.

Kain dagegen setzte sich ins gemachte Nest.  Seine Eltern hatten ja schon das Land urbar gemacht und nun redete er auf sie ein, sie möchten sich doch aufs Altenteil zurückziehen, er könne das ja viel besser. Weder Adam und Eva noch Abel durchschauten den finsteren Plan Kains, selbst Herr auf dem stattlichen Bauernhof werden zu wollen. Abel unterstützte seinen Bruder sogar, denn er glaubte, es geschähe zum Wohl der Eltern.

Eines Tages saß die ganze Familie am Abendbrottisch, da erzählte Abel, er hätte da ein paar herrliche Masthammel, die viel Fleisch zum Braten abgeben würden. Kain, dessen Fresslust in der ganzen Familie berüchtigt war, forderte seinen Bruder auf, doch eines zu schlachten. Er würde gern wieder mal einen kräftigen Hammelbraten essen. Abel war sichtlich erschrocken. Er hatte bisher noch niemals gewagt, gegen seinen Bruder etwas zu sagen, denn der war sehr aufbrausend, wenn man ihm widersprach.

„Lieber Bruder“, entgegnete Abel schüchtern, „eigentlich habe ich diese Tiere vorgesehen, um sie Herrn Gott zum Jubiläum der Welt AG zu schenken.“ Kain blickte finster vor sich hin. Er wollte zwar gern die Hammel selbst haben, aber er hatte auch Furcht vor Herrn Gott. Der war der einzige, vor dem Kain nicht so großmäulig war. Schon mehrfach hatte Herr Gott Familienstreit bei Adam und Eva wegen Kain schlichten müssen. Einmal musste der den brutalen Kain sogar streng zur Ordnung rufen, weil er von seiner Mutter, als sie ein kleines Schwesterchen geboren hatte, schon drei Wochen nach der Geburt verlangte, sie solle auf dem Feld helfen die Ernte einzubringen. Er hatte kein Einsehen und behauptete immer, es könne Regen kommen und die Ernte, sei sie nicht in der Scheune, könne Schaden nehmen. Ihm ging also der schnöde Mammon über die Gesundheit seiner Mutter. Herr Gott kam aber just an dem Tag zu Adam und Eva, als Kain tobend durchs Haus schrie. Herr Gott hörte sich das an, ermahnte Kain, aber der gab keine Ruhe. Herr Gott erklärte nun streng:

„Ich beabsichtige eine Betriebsordnung für die Welt AG in Kraft zu setzen. Es hat sich gezeigt, dass dies leider nötig ist. Ich werde das zwar erst nach reiflicher Überlegung tun, und somit wird die Betriebsordnung erst später in Kraft treten. Ein Herr Moses wird der sein, der sie von mir bekommt. Aber, und das schreibe dir hinter die Ohren: eines der Paragraphen wird lauten: ´Ehre deinen Vater und deine Mutter, auf dass du lange lebest in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir geben will. ´ Ich werde die Paragraphen Gebote nennen und sie sind verbindlich für alle, die bei der Welt AG arbeiten.“ Kain gab scheinbar nach, denn gegen seinen obersten Chef kam er nicht an. Also machte er sich an die Arbeit und es stellte sich heraus, dass sein Theater unnütz war: das Wetter blieb schön.

So wagte es Kain also nicht von seinem Bruder zu verlangen, die Hammel anstatt Herrn Gott zu schenken für seinen Tisch herzugeben.  Er stimmte also, wenn auch nur notgedrungen, dem Plan seines Bruders zu. Auch er hatte sich überlegt, ob es nicht notwendig sei, dem Chef ein Geschenk zu machen. Kain war aber grenzenlos geizig, deshalb wollte er ursprünglich so tun, als habe er das Jubiläum vergessen. Jetzt, wo sein Bruder daran gedacht hatte, musste er, ob e wollte oder nicht, auch etwas opfern. Lange überlegte er, was er wohl weggeben könne. Seine Scheune war zwar voll, im Keller lagerte herrlicher Wein, der letzte Jahrgang war ein Jahrhundertwein geworden, voll Sonne und Reife. In der Speisekammer hingen wunderbare Würste und Schinken. Ich sagte aber schon: Kain war geizig und so lief er tagelang grübelnd herum. Schließlich war der Tag des Jubiläums gekommen, Abel hatte die besten Schafe seiner Herde ausgesucht, es waren herrlich fleischige Hammel, strotzend vor Gesundheit.

Kain besah sich die Tiere, ihm lief das Wasser im Mund zusammen beim Gedanken, sie gebraten auf dem Tisch zu haben. Nun, jetzt half alles nichts mehr, er musste sich überlegen, was er verschenken wollte. Er ging in den Keller, holte ein Fass Wein herauf, beileibe nicht den besten, lud etwas Brot, einige Kuchen, etwas Obst und Gemüse auf den Pferdewagen. Ihr müsst nämlich wissen, dass damals alles mit Pferden transportiert wurde. Heute reiten wir auf Pferden, ihr habt ja auch einige niedliche Ponys im Stall. Damals aber waren Pferde Arbeitstiere.

Abel, dessen Schafe nicht so schnell liefen wie die Pferde Kains, würde, so überlegte Kain, viel später ankommen als er. Also ließ er sich unterwegs Zeit, rastete mehrmals und aß dabei die Kuchen, die für Herrn Gott bestimmt waren, auf. Gegen Mittag kam Kain beim Chef an. Er ließ sich vom Diener anmelden. Ihr wisst ja: ein guter Diener ist ein Engel im Haus, und Herr Gott hatte nur gutes Personal, deshalb wurden sie auch alle Engel genannt. Engel Anton, der Kain die Tür öffnete, besah sich kritisch den Pferdewagen und dessen dürftige Ladung.

„Melde mich gefälligst dem Chef an“, kommandierte Kain dem Engel Anton. „Sehr wohl, mein Herr, “ antwortete der.

Unruhig lief Kain in der Empfangshalle herum. Er fürchtete, Abel könne jeden Moment kommen, denn er, Kain, hatte ja unterwegs gebummelt. Aber die Sorge war unnütz.

„Der gnädige Herr lässt bitten“, forderte Anton Kain auf. Herr Gott empfing Kain in der Bibliothek. Dort sind alle Bücher, die geschrieben und auch die, die irgendwann einmal geschrieben werden, schon vorhanden.

„Guten Tag, Kain“, begrüßte Herr Gott den Bauern, „was führt dich zu mir?“

Kain gratulierte dem Chef und sagte, er habe da etwas als Geschenk mitgebracht. Er zählte auf, was er mithabe. Herr Gott antwortete, er äße gern Fleisch, das bekomme er ja wohl von Abel, deshalb wolle er das Geschenk nicht annehmen. Ein Geschenk aus der Familie reiche ja. Kain solle ruhig da bleiben und an der Feier teilnehmen. Kain war aber wütend. Da hatte er sich auf den langen Weg gemacht und nun alles umsonst. Trotzdem blieb er. Er wusste, bei Herrn Gott gab es wunderbaren Kuchen, Manna genannt, den konnte Mutter Eva nicht backen. Also blieb er. Stumpfsinnig schlang er den Mannakuchen in sich hinein, stand im übrigen abseits von den übrigen Gästen, es waren alles Direktoren und leitende Angestellte der Welt AG, aber es war auch der größte Konkurrent da, der Dr. Teufel, dessen Hölle KG ein schlimmes Unternehmen war. Dort wurden die furchtbarsten Brühen gekocht, Schwefel und Phosphor wurden verarbeitet, es stank fürchterlich. Dr. Teufel roch auch penetrant nach Schwefel. Er war etwa gehbehindert, an einem Bein hatte er einen Klumpfuß, der wie ein Pferdehuf aussah. Schließlich kam auch Abel. Herr Gott besah sich wohlwollend die Hammel, ließ eines schlachten und zubereiten und schließlich schmauste alles das Fleisch dieses Hammels. Nur Kain hatte keinen Appetit.  Einmal nämlich hatte er in seiner Gier zu viel Mannakuchen gegessen und andererseits ärgerte ihn, dass Herr Gott sein Geschenk zu Gunsten des von Abel verschmäht hatte.

Herr Gott stellte allen Gästen Abel vor, er lobte dessen Fleiß und Gutmütigkeit. All das hatte er bei Kain nicht getan. Als Abel auch Dr. Teufel vorgestellt wurde, grinste der nämlich hämisch in Richtung Kains. Der bemerkte das auch sofort und sein Zorn steigerte sich nur noch.

„Wie kann ich verhindern, dass dieser Kriecher Abel mich so in den Hintergrund drängt?“ überlegte er.

Er hatte noch keinen Rat, aber ihm wurde klar, es musste heute noch etwas geschehen. Nach dem Mokka, den es zum Abschluss des Essens gab – natürlich mit echtem französischem Cognac, drängte er seinen Bruder zur Heimfahrt. Er, Kain, müsse noch heute Nachmittag Heu mähen und müsse deshalb weg. Wenn Abel mit ihm auf dem Wagen fahren wolle, dann müsse er schon mitkommen, erklärte er seinem Bruder.

Der, gutmütig und folgsam wie immer, ging mit. Liebevoll verabschiedete sich Herr Gott zuerst von Abel, obwohl Kain näher an dem Chef stand. Kain wurde nur mit einem kurzen Händedruck verabschiedet. Diese erneute Zurücksetzung kränkte den eifersüchtigen Kain erneut. Dr. Teufel, der draußen  stand, direkt neben dem Wagen Kains, betrachtete mit einem diabolischen Lächeln die beiden Brüder.

„Dann gute Heimfahrt, ihr Brüder. Übrigens, Kain, ich als Chemiker werde später einmal Kunstdünger produzieren. Denn ich meine, der Landwirtschaft wird zu wenig Beachtung geschenkt. Bauern sollten selbstbewusster werden.“

„Hüh“, rief Kain aufgebracht.

Die hämischen Worte des Chemikers hatten seine Wut noch mehr steigen lassen.

„Ich nehme eine Abkürzung“, sagte er zu Abel. „Ist schon recht“, entgegnete dieser ahnungslos.  Als sie unterwegs an den Weinberge Kains vorbei kamen, sagte Abel: „Bruder, du  solltest demnächst unseren lieben Herrn Gott einige gute Fässer Wein, aber vom besten, schenken, die nimmt er bestimmt an.“

Abel sagte das ahnungslos, denn er hatte noch gar nicht bemerkt, dass Herr Gott Kains Geschenk nicht angenommen hatte. Die Ladung war nämlich mit einer Plane bedeckt. Kurz vor zu Hause kamen sie durch einen dichten Wald.

´Jetzt oder nie, ´ schoss es Kain durch den Kopf. „Warte mal, ich glaube, der Braune lahmt“, bemerkte Kain scheinbar nebenbei und hielt sein Gefährt an.

Am Wegrand lag ein dicker Stein. Kain hob den auf und verlangte von seinem Bruder, der das nicht bemerkt hatte, ihm zu helfen. Als der vom Wagen gestiegen war, erschlug Kain seinen Bruder Abel. Die Leiche zerrte er in den Wald. „Sollen dich die Wölfe fressen! Du stehst mir nicht mehr im Wege.“ Zu Hause angekommen, fragte er seine Eltern scheinheilig, ob denn Abel noch nicht da sei. Als Eva verneinte, spielte Kain noch den ängstlichen Bruder: „Ihm wird doch nicht etwas zugestoßen sein?“

Seht ihr Kinder, so ist das, wenn man aufsässig wird. Ungehorsam führt immer zu Mord und Totschlag! Das zu verhindern haben wir, die Vermeerts, uns schon vor Generationen vorgenommen. Als mein Großvater noch Chef der Eisenhütten AG war, der erste Kaiser Wilhelm regierte damals noch, gaben die Vermeerts der Firma ihr Motto: Ora et labora, bete und arbeiten. Immer dann, wenn die Menschen brav ihrer Arbeit nachgingen, nicht nach den Gütern anderer schielten, nicht neidisch waren und auch nicht aufsässig, zog Wohlstand ein. Wenn alle so leben und arbeiten würden wie Abel, dann herrschte sozialer Frieden. Abel war seinem Chef und dessen Firma treu, er gab ihr gern seinem Gut etwas ab, aber Kain, der war unfolgsam, glaube, er könne sich gegen seinen Chef stellen, auch wenn er es offen noch nicht wagte. Die Kains wenden sich immer gegen die von Gott eingesetzte Obrigkeit, sie sind voll des Gifts der Schlange und die Folgen sind dann schreckliche Revolutionen, bei denen alles umgestülpt wird, und brave Familien, wie unsere, ihres Hab und Guts beraubt werden. Dabei handelten wir immer gottgefällig und die Erfolge unserer Arbeit sind ja auch belohnt worden, denn Kinder, Gott belohnt die Sparsamen und Fleißigen und straft die Faulen. Auch Abel strafte er, denn dem nahm er seinen Hof und vertrieb ihn. Als er den Brudermord entdeckte.“

Der alte Generaldirektor lehnt sich zurück. Die Sonne war untergegangen, die Hitze des Tages war einer merklichen Kühle gewichen, ein heftiger Wind war aufgekommen.

„Es wird Gewitter geben, “ stellte Generaldirektor Vermeert fest, „lasst uns ins Haus gehen, es ist Zeit zum Abendessen.“

Am Tisch langten die Kinder tüchtig zu. Zufrieden sah das der Großvater. Er war mit sich zufrieden, hatte er die Kinder doch heute wieder einmal auf ihre künftige Arbeit vorbereitet. Nach dem Essen verabschiedeten sich die Kinder. Klein-Greta macht einen schönen Knicks und gibt Großpapa einen kräftigen Kuss. Im Mercedes 600 bringt sie der Chauffeur zurück in die Villa der Eltern. Wieder war einmal ein wunderbarer Tag vergangen.

Nur der Älteste ist nicht zufrieden. Ihm bleibt ein unbehagliches Gefühl. Er beschließt in der Schule den jungen Studienrat, der ihnen erzählt hat, wie die Arbeiter der Eisenhütten AG 1890 für einen 10-Stunden-Tag gestreikt hatten, zu fragen.

´Vielleicht weiß der, was richtig ist? ´ überlegt er sich.

Schluss