Die Arbeitsniederlegung in Antwerpen und Brüssel ist eine weitere Aktion der Gewerkschaften gegen die Kürzungspolitik der neuen Rechtsregierung von Ministerpräsident Charles Michel, an der auch flämische Nationalisten beteiligt sind.

streik_belgienBelgien

Nichts geht mehr in Antwerpen


Streiks gegen Dumpinglöhne und Sozialabbau in Belgien

Von Gerrit Hoekman

Quelle: jungeWelt vom 26. November 2014

Arbeiter haben am Montag praktisch den gesamten Seehafen von Antwerpen stillgelegt, auch der Schiffsverkehr ruhte. Jeweils ein Dutzend Frachter konnten nicht ein- oder auslaufen. Ebenfalls vom Streik betroffen waren die Häfen von Gent und Zeebrügge. In Brüssel blockierten Streikende die Zufahrtswege zum internationalen Flughafen Brussel-Charleroi. Passagiere waren dadurch gezwungen, mehrere hundert Meter zum Terminal zu laufen, weil Fahrzeuge nicht durch die Sperren kamen. In Teilen der Provinzen Limburg, Antwerpen, Henegouwen und Luxemburg wurde die Post nicht ausgeliefert, und der öffentliche Nahverkehr kam zum Erliegen. Viele Regionalzüge fuhren nicht, was am Morgen für lange Staus in den Ballungszentren sorgte. Auch der Bahnverkehr mit dem Ausland war stark beeinträchtigt, Antwerpen war seit Sonntag abend um halb zehn auf Schienen nicht mehr zu erreichen.

Nachdem es am 6. November bei einer Demonstration von über 100.000 Gewerkschaftern in Brüssel zu einer Straßenschlacht zwischen Hafenarbeitern und der Polizei gekommen war, hatten viele Belgier für Antwerpen noch schlimmere Krawalle befürchtet. »Die Hafenarbeiter halten sich an die Absprache: Vier Streikposten sind mit rund 100 Leuten besetzt«, berichtet die flämische Tageszeitung De Standaard.

Am frühen Nachmittag schien die gute Stimmung im Hafen von Antwerpen offenbar ein wenig zu kippen. Grund war der Schichtwechsel beim Chemiekonzern BASF, den die Streikenden verhindern wollten. Die Gewerkschaften schickten weitere Streikposten, um die Situation zu entschärfen. Ein wichtiger Adressat des Streiks war indes das international tätige Logistikunternehmen »Katoen Natie« mit Hauptsitz in Antwerpen, das weltweit an die 10.000 Beschäftigte hat. Der Firma wird immer wieder vorgeworfen, Dumpinglöhne zu zahlen und mit viel Lobbyarbeit bei der Regierung in Brüssel weiteren Sozialabbau zu forcieren. Besonders empörte es die Gewerkschaften, dass erst vor einer Woche ausgerechnet »Katoen Natie« den Preis »Unternehmen des Jahres« erhielt. »›Katoen Natie‹ ist ein Symbolbetrieb für die Hafenarbeiter«, erklärte ein Gewerkschaftssekretär gegenüber der Presse.

Auch in anderen Teilen des Landes kam es zu kleineren Zwischenfällen. In der Gemeinde Heist-op-den-Berg versuchte eine Firma offenbar, das Werkstor mit einem Bulldozer freizukämpfen, vermutlich um einer Lieferung den Weg freizuräumen.

Die Arbeitsniederlegung in Antwerpen und Brüssel ist eine weitere Aktion der Gewerkschaften gegen die Kürzungspolitik der neuen Rechtsregierung von Ministerpräsident Charles Michel, an der auch flämische Nationalisten beteiligt sind. Besonders die geplante Erhöhung des Renteneintrittsalters liegt den belgischen Malochern schwer im Magen. Der Ausstand in Antwerpen ist der erste in einer Reihe von sogenannten Montagsstreiks, die bis Mitte Dezember den Protest wachhalten sollen. Am 15. Dezember rufen die Gewerkschaften dann zum nächsten Generalstreik.

https://www.jungewelt.de/ausland/nichts-geht-mehr-antwerpen