Demnach setzt das Unternehmen insbesondere bei Weizen auf eine starke „Expansion des Saatgut-Geschäfts“. Erreicht werden soll diese einerseits durch „Akquisitionen“, also Firmenübernahmen wie im Fall Monsanto, und andererseits durch „Einlizenzierungen“ neuer Sorten.

bayerDie Weizenwertschöpfungskette

BERLIN/BONN

 german-foreign-policy vom 25.01.2017 – Die Bundesregierung fördert die Entwicklung von zur Saatgutgewinnung ungeeigneten Weizensorten mit Millionensummen. Die Gelder fließen unter anderem an den Chemieriesen Bayer, der sich gerade anschickt, seinen US-Konkurrenten Monsanto zu übernehmen. Bei Bayer wird bereits seit einigen Jahren an der Herstellung von sogenanntem Hybridweizen geforscht. Ein solches Getreide hätte aus Sicht des Konzerns den Vorteil, dass es in der zweiten Generation unerwünschte Eigenschaften hervorbringt, weshalb die Landwirte gezwungen wären, ihr Saatgut immer wieder neu und ausschließlich bei Bayer zu kaufen. Gelänge es zudem, die entsprechenden Weizensorten mit Resistenzen gegen die Unkrautvernichtungs- und Schädlingsbekämpfungsmittel des Unternehmens auszustatten, wären weitere hohe Profite garantiert, da die Abnehmer des Saatguts auch die zugehörigen Agrochemikalien von Bayer beziehen müssten. Im Fall von Missernten hätte dies für die betroffenen Bauern katastrophale Folgen: Die Abhängigkeit von den Produkten des Konzerns würde sie erst in die Verschuldung und schließlich in den wirtschaftlichen Ruin treiben.

Zuchtwert

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) und das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördern zahlreiche Forschungsvorhaben deutscher Chemie- und Saatgutunternehmen zur Entwicklung von Hybridweizen. Dazu zählt unter anderem das Projekt „Zuchtwert“; allein die hieran beteiligten Wissenschaftseinrichtungen und Firmen – unter ihnen der Chemieriese Bayer – erhalten Zuwendungen in Höhe von fünf Millionen Euro. Wie die maßgeblich mit dem Vorhaben befasste Universität Hohenheim (Baden-Württemberg) mitteilt, handelt es sich bei „Zuchtwert“ um das „größte Weizenzucht-Projekt, das je in Deutschland stattfand“. Das „Arbeitsprogramm“ sei „gewaltig“, heißt es: 8.400 Weizenlinien würden auf ihre Eigenschaften getestet, um daraus dann 7.920 „Hybrid-Kombinationen“ zu erstellen. Erklärtes Ziel ist es, Hochertragssorten zu entwickeln, die gleichzeitig gegen die „wichtigsten Pilzerkrankungen“ resistent sind. Dass sich der gesuchte „Super-Weizen“ nicht zur Gewinnung von Saatgut eignet, dieses also Jahr für Jahr von den Landwirten neu gekauft werden müsste, bleibt unerwähnt.[1]

Gewinnquelle

Mit derselben Stoßrichtung treibt das BMEL die Entschlüsselung des Weizengenoms voran. Die mit den entsprechenden Arbeiten befassten Forschungsinstitute, das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben (Sachsen-Anhalt) und das Helmholtz Zentrum München, erhalten hierfür 1,5 Millionen Euro. Es gehe darum, den „Züchtungsfortschritt bei Weizen erheblich (zu) beschleunigen“ und für die „praktische Pflanzenzüchtung“ nutzbar zu machen, heißt es. Dass am Ende dieses Prozesses gewaltige Profite für die deutschen Saatguthersteller stehen, lässt folgende Mitteilung des BMEL erahnen: „Weizen ist eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel weltweit und stellt in vielen Entwicklungsländern die Hauptproteinquelle für die Bevölkerung dar.“[2]

Schutzrechte

Koordiniert werden die besagten Forschungsprojekte von der in Bonn beheimateten „Gesellschaft für Erwerb und Verwertung von Schutzrechten“ (GVS). Unter dem Label „Pro Weizen“ hat es sich die GVS nach eigenem Bekunden zur Aufgabe gemacht, „die wissenschaftliche Exzellenz der Weizenforschung zusammenzuführen und mit der züchterischen Expertise zu verbinden“.[3] Zu diesem Zweck schaffe und pflege man den „Kontakt zu den forschungspolitisch relevanten Organen der Bundesrepublik Deutschland“, heißt es. Das erklärte Ziel besteht darin, „alle Bereiche der Weizenforschung und der Weizenwertschöpfungskette“ in einem „vorwettbewerblichen“ Sinne zu integrieren [4] – also unabhängig von etwaigen Konkurrenzbeziehungen zwischen den an „Pro Weizen“ beteiligten Firmen. Zu diesen zählt nicht zuletzt der Saatgut und Agrochemikalien produzierende Bayer-Konzern, der mit seiner Mitgliedschaft bei „Pro Weizen“ nicht nur den Zugang zu üppiger Forschungsförderung verbinden dürfte: Die von der GVS wahrgenommenen „Schutzrechte“ auf Hybridgetreide sind für das Unternehmen eine schier unerschöpfliche Quelle von Extraprofiten, da der Abnehmer beim Erwerb des entsprechenden Saatguts regelmäßig die anfallenden Lizenz- und Patentgebühren zu entrichten hat.

Profitpakete

Das beschriebene Vorgehen liegt ganz auf der Linie der von Bayer verfolgten Strategie. Demnach setzt das Unternehmen insbesondere bei Weizen auf eine starke „Expansion des Saatgut-Geschäfts“. Erreicht werden soll diese einerseits durch „Akquisitionen“, also Firmenübernahmen wie im Fall Monsanto, und andererseits durch „Einlizenzierungen“ neuer Sorten. Folgerichtig treibt Bayer die eigene Forschung in diesem Bereich massiv voran. Laut einer Selbstdarstellung unterhält der Konzern „Zuchtstationen“ in den Weizenanbauregionen Australiens, Belgiens, Deutschlands, Frankreichs, Kanadas, der Ukraine und der USA.[5] Erklärtermaßen will man den Kunden letztlich ein „umfassendes Lösungspaket“ anbieten [6] – bestehend aus Saatgut und den zugehörigen „Pflanzenschutzmitteln“. Im Fall des von Millionen Menschen täglich benötigten Grundnahrungsmittels Reis ist Bayer dies schon gelungen: Unter dem Markennamen „Arize“ vertreibt der Konzern unter anderem in Indien, auf den Philippinen und in Vietnam ein Reis-Saatgut, dessen Keimlinge gegen eine ganze Reihe von Herbiziden, Insektiziden und Fungiziden aus dem eigenen Hause unempfindlich sind (german-foreign-policy.com berichtete [7]). Bei Weizen ist nun offensichtlich eine ähnliche Entwicklung geplant.

Grüne Gentechnik

Schon seit Jahren nutzt Bayer zu diesem Zweck die sogenannte grüne Gentechnik. Neben den „herkömmlichen Zuchtmethoden, die auf erbliche Eigenschaften setzen“, arbeite man „gemeinsam mit führenden Forschungseinrichtungen in aller Welt“ an „Lösungen mit und ohne Genveränderungen“, heißt es. Wie das Unternehmen weiter mitteilt, habe man im Fall von Weizen bereits „Gene identifiziert, die mit neuen Eigenschaften wie Dürretoleranz oder Herbizidresistenz in Verbindung stehen“.[8] Spätestens seit 2007 ist Bayer neben dem nun zur Übernahme auserkorenen US-Konzern Monsanto der weltweit größte Anbieter von gentechnisch verändertem Saatgut.

In der Schuldenfalle

Die Politik des Leverkusener Unternehmens hat für Millionen Kleinbauern in den Ländern des globalen Südens katastrophale Folgen. Traditionelle Sorten, die an die lokalen Umweltbedingungen angepasst sind, werden systematisch durch Hochertragssorten verdrängt. Da diese zur Neuaussaat ungeeignet sind und gleichzeitig rigide Sortenschutz- und Patentbestimmungen („Schutz des geistigen Eigentums“) Nachzüchtungen konsequent verbieten, sind die Landwirte gezwungen, ihr Saatgut jedes Jahr neu im Hause Bayer nachzukaufen. Wegen der Konzentration auf Hybridsorten müssen sie zugleich Bayer-Agrochemikalien bezahlen, da nur durch deren Einsatz ein ertragreicher Anbau sichergestellt ist. Ihre Abhängigkeit von den Produkten des Konzerns treibt die betroffenen Bauern im Fall von Missernten erst in die Verschuldung und schließlich in den wirtschaftlichen Ruin.

Welthunger

Um die beschriebene Entwicklung zumindest auf dem Gebiet des Grundnahrungsmittels Weizen zu verhindern, formiert sich auch in Deutschland Protest. So wirft etwa die „Aktion Agrar“ der Bundesregierung vor, durch ihre Förderung von „Technologien, die Menschen den Zugang zu Saatgut erschweren“, den Hunger weltweit zu „verschärfen“.[9] Anlässlich eines Anfang Dezember vergangenen Jahres vom Bundeslandwirtschaftsministerium veranstalteten „Internationalen Weizenkongresses“ in Frankfurt am Main bezeichnete die Organisation die staatliche Forschungspolitik explizit als „Skandal“.[10] Die deutschen Medien indes hatten für die Aktivisten nur Spott und Hohn übrig. Wenn sich hier überhaupt ein Skandal abspiele, dann vollziehe er sich „leise“, hieß es.[11]

[1] Super-Weizen gesucht: Forscher starten Deutschlands größtes Weizenzucht-Projekt. www.uni-hohenheim.de 29.04.2015.
[2] Mit neuen Weizensorten dem Klimawandel auf dem Feld trotzen. Pressemitteilung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft 02.12.2015.
[3] Willkommen bei proWeizen – der Forschungs- und Züchtungsallianz für Ertragssteigerung bei Weizen. www.proweizen.de.
[4] Aufgaben und Ziele von proWeizen. www.proweizen.de.
[5] Crop Science. www.bayer.de.
[6] Dem Wetter trotzen. www.geschaeftsbericht2015.bayer.de.
[7] Siehe dazu Mordsgeschäfte (II).
[8] Weizen – fit für die Zukunft. www.cropscience.bayer.de.
[9] Protest am Forschungsministerium gegen Hybridweizen und Gentechniksaatgut. Pressemitteilung der „Aktion Agrar“ 05.01.2017.
[10], [11] Industrielles Hybrid-Saatgut praktisch alternativlos? www.deutschlandfunk.de 09.12.2016.