Das unvermeidliche Ergebnis der bürgerlichen Geschichtsschreibung über Sowjetrussland besteht nicht in guter, objektiver Geschichtsschreibung, die das Ergebnis der besten Auslegung vorhandener Primärquellen darstellt, sondern in ‚Propaganda mit Fußnoten‘

stalin (1)Stalin etc.

von Grover Furr

Quelle: msuweb.montclair

Übersetzt von Gerhard Schnehen, Dezember 2016

Betrifft: -Orlando Figes, ‘Revolutionary Russia 1891-1991. A History’, Metropolitan Books, Henry Holt & Co., 2014

Die Suche nach der Wahrheit erfordert auf jedem Gebiet der Forschung Objektivität. Objektivität verlangt, dass der, der eine Untersuchung anstellt, seinen eigenen Vorurteilen misstraut und dass er konkrete Schritte unternimmt, um zu vermeiden, dass sie die Schlussfolgerungen aus seiner Untersuchung vorwegnehmen. Geschieht dies nicht, dann wird daraus keine Geschichtsschreibung, sondern eine Wiederholung der Vorurteile des Historikers.

Ein zweites Erfordernis ist, dass er, der Historiker, sich auf Primärquellen stützt.

Diese sattsam bekannten Kriterien guter Geschichtsschreibung werden immer wieder auf dem Gebiet der Sowjetgeschichte verletzt. Alle Bücher, von denen hier die Rede ist (siehe oben), tun dies. Das unvermeidliche Ergebnis besteht nicht in guter, objektiver Geschichtsschreibung, die das Ergebnis der besten Auslegung vorhandener Primärquellen darstellt, sondern in ‚Propaganda mit Fußnoten‘.

-Stephen Kotkin, ‘Stalin. Volume1. Paradoxes of Power, 1878-1928’, Penguin, 2014

-Timothy Snyder, ‘Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin’, Basic Books, 2010

-William Zimmerman, ‘Ruling Russia. Authoritarianism from the Revolution to Putin’, PrincetonUniversity Press, 2014

Die Sache wird dadurch besonders brisant, weil  es auf dem Gebiet der Stalin-Ära der sowjetischen Geschichte heute eine Flut von Primärquellen gibt. Im Januar 1980 wurde Trotzkis Privatarchiv, das sich in Harvard befindet, für die Forschung freigegeben. In Russland ist nach 1991 eine Lawine von Dokumenten aus ehemaligen sowjetischen Archiven veröffentlicht worden. Dieses neue Material widerlegt gründlich die trotzkistischen Versionen zur Stalin-Ära, aber auch diejenigen Versionen, die in der Chruschtschow-Ära oder zur Zeit des Kalten Krieges entstanden sind. Dieses neue Material wird in den Büchern, von denen hier die Rede sein soll, aber auch in vielen anderen ähnlichen Werken ignoriert.

Die meisten der neueren Studien zur Stalin-Ära sind im Grunde Angriffe auf Stalin, die Sowjetunion oder auf die kommunistische Bewegung im Allgemeinen. Es handelt sich um Moralgeschichten, die in den Mantel der Gelehrsamkeit gekleidet werden. Die meisten stützen sich sehr stark auf nicht hinterfragte Konzepte wie ‚Demokratie‘, ‚Gewaltherrschaft‘ und ‚Diktatur‘. Dass diese Begriffe mehrere Auslegungen zulassen, wird nicht reflektiert. Statt dies zu tun, werden sie unhinterfragt hingenommen und auf westlich kapitalistische Länder oder auf die Sowjetunion unter Stalin angewandt.

ZIMMERMAN

William Zimmerman zitiert keine Primärquellen. Sein Buch stützt sich vollständig auf die Werke anderer oder auf einige Sekundärquellen (Studien von Primärquellen). Er  zitiert diese Quellen unterschiedslos und willkürlich. Er nimmt keinerlei Quellenkritik vor, er unternimmt keinen Versuch, einzuschätzen, welche seiner Quellen verlässlich und welche es nicht sind.

Auf Seite 114 behauptet Zimmerman, dass Kleimenow, ein Gefängnisinsasse, ‚übel gefoltert‘ wurde und dass er dann ‚fabrizierte Anschuldigungen‘ eingestand. Als Fußnote wird ein russischer Artikel von Anisimow und Oppokow (1) angeführt. In diesem Artikel heißt es jedoch unzweideutig: ‚Es fällt nicht schwer, folgende Version der Ereignisse als zutreffend anzunehmen‘, dass nämlich Kleimenow und andere ‚physisch und moralisch gefoltert‘ wurden (2). Das heißt also nichts anderes, als dass die russischen Autoren den Fehler begingen, das, was man eigentlich beweisen will, schon von vorneherein anzunehmen, was im Lateinischen als ‚petitio principii‘ bezeichnet wird. Sie gingen davon aus, dass Kleimenow unschuldig gewesen sei, und nahmen dann auch an, dass sein  Geständnis durch Anwendung ‚physischen und moralischen Drucks‘ erzwungen wurde. Aber tatsächlich gilt es, die Frage, ob die verurteilten Gefängnisinsassen schuldig oder unschuldig waren und ob ‚physischer Druck‘ ausgeübt wurde, erst zu untersuchen, bevor man etwas annimmt.

Ein anderes Beispiel:

Zimmerman behauptet, dass Stalin ‚persönlich die Erschießungsbefehle für Tausende unterschrieben hat‘ (S. 120). Er führt keine Verweise an, aber es kann sich hier nur um die ‚Stalinschen Erschießungslisten‘ handeln, die von Chruschtschow erwähnt und die jetzt online gestellt wurden. Diese Listen sind jedoch keine ‚Erschießungsbefehle‘ oder so etwas, sondern Namenslisten von Personen, die wegen politischer Verbrechen vor Gericht standen und die dann an das Sekretariat der Partei geschickt wurden, um sie zu überprüfen. Nach diesen Listen wurden viele, deren Namen dort erwähnt wird, aber gar nicht hingerichtet, sondern nach der Überprüfung wieder freigelassen:

Zum Beispiel:

Eine Einzelstudie, die sich mit einer Liste aus dem Kuibyschew-Bezirk befasst, die am 29. September 1938 unterschrieben worden war, hat gezeigt, dass nicht eine einzige Person auf dieser Liste vom Militärgericht des Obersten Gerichtshofes verurteilt und dass eine beträchtliche Anzahl von Fällen gänzlich niedergeschlagen wurde (3).

Es war Zimmermans Aufgabe, seine Quellen zu überprüfen wie die von Siddiqi und seinen ‚Listen‘. Aber er hat dies unterlassen. Sein Buch ist voll von solchen Unterlassungen. Das Ergebnis ist eine Arbeit, in der die beschriebene sowjetische Geschichte keinerlei Bezug zur Realität mehr aufweist.

FIGES

Orlando Figes hat sein ganzes Buch um sein antikommunistisches und Anti-Stalin-Vorurteil herum konstruiert, dass die Sowjet-Ära eine einzige lange Tragödie gewesen sei. Viele seiner angeblichen Fakten werden nicht nachgewiesen, vermutlich deshalb, weil diese Tatsachen Figes Darstellung nicht unterstützen. Er behauptet zum Beispiel, dass 25.000 Gefangene beim Bau des Belomor-Kanals in den Jahren 1931-1932 umkamen, ohne dies nachzuweisen. Die Primärquelle dazu (4) gibt die Zahl der Umgekommenen mit 3.448 an – 1.438 für das Jahr 1931 und 2.010 für das Jahr 1932. Diese Zahl wird von dem russischen Bevölkerungswissenschaftler W. M. Semskow (5) bestätigt. Das ist weniger als ein Siebtel von Figes Angaben.

Figes nimmt an, dass Wladmir Antonow-Owsejenko, der 1938 verurteilt und erschossen wurde, unschuldig gewesen sei. Dies ist ein weiterer Fall von „Das, was bewiesen werden müsste, schon von Vorneherein anzunehmen“. Im Jahre 2001 veröffentlichten Swiangintzew und Orlow – zwei Forscher, die gegen Stalin eingestellt sind – Antonow-Owsejenkos Geständnisse (6). Eine Dokumentensammlung von Antikommunisten, die 2000 herauskam, deckt auf, dass Antonow-Owsejenko gegenüber den Untersuchungsbeamten zugab, dass er von Nikolai Krylenko (7) für eine oppositionelle Verschwörung angeworben wurde. Das, was wir an Beweisen besitzen, deutet auf Antonow-Owsejenkos Schuld hin. Dies ist kein einfacher ‚positiver Beweis‘, sondern es sind die einzigen Fakten, über die wir heute verfügen. Figes ignoriert sie.

Figes zufolge ist die Behauptung, dass Sinowjew und Kamenjew Teil einer Verschwörung waren, um Stalin zu ermorden, ‚hergeholt‘ (S. 194). Dies ist ein weiterer Trugschluss. Es ist das ‚Argument des Unglaubens‘ (8). Die Tatsache, dass Figes die Anschuldigung für unglaubwürdig hält, ist keine Aussage zur Anschuldigung, sondern eine Aussage über ihn selbst.

Wir besitzen seit langem viele andere Beweise, die darauf hindeuten, dass die Angeklagten schuldig waren. Wir wissen, dass der ‚Block der Rechten und Trotzkisten‘, von dem bei allen drei Moskauer Prozessen die Rede war, tatsächlich existiert hat. Pierre Broué entdeckte 1980 den Beweis dafür in den Trotzki-Archiven von Harvard (9). 1992 wurden die Schriftstücke zur Berufung gegen die Todesurteile von Sinowjew und Kamenjew veröffentlicht. Darin betonen sie ausdrücklich und in klaren Worten, dass sie schuldig waren, während sie gleichzeitig, um Gnade baten (10). Figes verschweigt dies und unterschlägt es dem Leser, aber auch noch andere Dinge hält er vor dem Leser verborgen.

SNYDER

Timothy Snyders ‚Bloodlands. Europe Between Hitler and Stalin‘ ist in 26 Sprachen übersetzt worden und hat viele Preise bekommen. Snyder benutzt nur ausnahmsweise Primärquellen. Meist bezieht er sich  auf polnische und ukrainische Sekundärquellen. Keine dieser Sekundärquellen bzw. keine der wenigen Primärquellen, die er als Nachweise zitiert, stützen seine Behauptungen. Ich habe dies in meinem Buch, das 580 Seiten umfasst, dokumentiert. Jede einzelne Behauptung, die Tymothy Snyder in seinem Buch gegen Stalin und die Sowjetunion aufführt, ist falsch.

Snyder konnte auf das Material hoch motivierter und fanatisch antikommunistischer Wissenschaftler aus Polen und der Ukraine zurückgreifen. Aber sie waren nicht in der Lage, echte Beweise zu finden, die ihre Behauptungen, dass Stalin Verbrechen und Gräueltaten beging, belegen konnten. Dies weist darauf hin, dass wir schon sehr nahe daran sind, schon näher als je zuvor, zu behaupten, dass Stalin tatsächlich keine Verbrechen oder Gräueltaten beging.

KOTKIN

Stephen Kotkin hat den ersten Band seiner Stalin-Biografie (bis zum Jahr 1928) herausgebracht. Es handelt sich noch um das beste Werk von den hier besprochenen. Er weist viele der Anti-Stalin-Märchen zurück, die so viele andere Werke verunzieren. Darunter befindet sich auch die Geschichte, dass Stalin von seinem Vater geschlagen wurde, was Kotkin als den ‚Inbegriff einer traumatisierten Kindheit‘ bezeichnet. Er kümmert sich auch nicht um die alte Klamotte, die immer noch häufig zum Besten gegeben wird, dass Stalin von der Geheimpolizei des Zaren angeworben wurde, und obwohl er daran glaubt (ohne dass er Beweise dafür hat), dass Stalin 1907 den Raubüberfall in Tiflis half zu organisieren, moralisiert er darüber nicht. Figes akzeptiert die Behauptung, dass Stalin von einer sibirischen Frau zwei Kinder hatte, als Tatsache. Diese Geschichte, die von Iwan Serow aufgebracht wurde, der damals Chruschtschows erster Mann im KGB war, ist höchst problematisch (11). Es gibt keine Hinweise darauf, dass das erste Kind wirklich existierte, und dann passiert ihm – aber auch schon Serow passierte es -, dass er den Namen dieser Frau falsch wiedergibt. Aber er widersteht der Versuchung, Stalin deswegen zu verurteilen.

Kotkins Berichte von einigen Vorkommnissen sind recht objektiv wie der, dass Stalin auf Lenins Empfehlung hin 1922 zum Generalsekretär der Partei gewählt wurde, oder dass Stalin nicht für das Scheitern des Polenfeldzuges im Jahre 1920 verantwortlich war. Einsam unter den antikommunistischen Autoren akzeptiert er Walentin Sacharows Schlussfolgerung, dass das so genannte Testament Lenins wohl eine Fälschung war, die Lenins Frau Krupskaja, eventuell zusammen mit Trotzki, in Umlauf brachte (12). Er ist auch einigermaßen objektiv, wenn er von Stalins leichter Verantwortung für das Debakel der Kommunistischen Partei Chinas im Jahre 1927 spricht.

Kotkins Objektivität wird jedoch durch sein hartnäckiges Festhalten an den Prämissen des erforderlichen Anti-Stalin-Paradigmas untergraben. Er betont, dass die Kollektivierung die Hungersnot von 1932-1933 verursachte, was völlig falsch ist, wie die Untersuchungen von Mark Tauger nachgewiesen haben, womit auch Davies und Wheatercroft weitgehend einverstanden sind (13). Kotkin spricht von ‚zahllosen fabrizierten Prozessen in den 20iger und 30iger Jahren‘, ohne beweisen zu können, dass auch nur ein einziger inszeniert war, weil diese Beweise nicht existieren (14). Die Beweise, die das Gegenteil belegen, werden von ihm einfach unterschlagen, darunter das Eingeständnis von Jules Humbert-Droz, einem Freund von Nikolai Bucharin, das er 1971 machte, dass Bucharin und seine Anhänger vorhatten, Stalin schon 1928 umzubringen, oder Pierre Broués Entdeckung, dass der Block der Rechten und Trotzkisten tatsächlich existierte. Auch J. Arch Gettys Erkenntnisse, dass Trotzki sehr wohl Kontakte zu seinen Anhängern in der UdSSR unterhielt, obwohl er behauptete, dass er diese Kontakte abgebrochen habe (16), gehören dazu. Oder die Tatsache, dass Trotzki tatsächlich heimlich den ‚Terror‘ gegen die Stalinsche Führung organisierte, wie der NKWD-Agent Mark Sborowski aussagte, der das Umfeld von Leo Sedow, Trotzkis Sohn und wichtigster Mitverschwörer, erfolgreich infiltriert hatte.

PUTIN

Das stark angestiegene Interesse an Stalin in den letzten Jahren ist wohl teilweise auf die westliche Feindseligkeit gegenüber Wladimir Putin zurückzuführen, der sich als sehr viel weniger Nato-hörig erwiesen hat als dies bei seinen Vorgängern Boris Jelzin und Michail Gorbatschow der Fall war. Der rechtsgerichtete Kommentator George Will  hat den russischen Präsidenten als eine ‚Brut Stalins‘ bezeichnet (18). Eine Methode, Putin als völlig inakzeptabel hinzustellen, besteht darin, ihn als einen ‚Autokraten‘ wie Stalin hinzustellen, obwohl es in Russland Wahlen mit mehreren Parteien gibt. (Mittlerweile nennt man die Ukraine, einen Nato-Partner, ‚demokratisch‘ – trotz des verfassungswidrigen Putsches gegen Präsident Viktor Janukowitsch im Februar 2014).

Es gibt auch Versuche, die sowjetische Rolle unter Stalin bei dem Sieg über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg herunterzuspielen. Putin wurde im Januar 1945 nicht zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz eingeladen, als der polnische Außenminister Grzegorz Schetyna behauptete, dass es ‚ukrainische‘ Truppen gewesen seien, die das Todeslager befreiten, was nicht der Fall war (19). Dies ist Teil der allgemeinen Lesart, dass die Rote Armee auch nur irgendjemanden befreit habe, zumal die Polen und andere osteuropäische Antikommunisten abstreiten, dass die Rote Armee ihre Länder befreiten. Jüdische Gruppen sind da anderer Meinung, denn die Rote Armee befreite Juden nicht nur von den Nazis, sondern auch von antisemitischen polnischen und ukrainisch-nationalistischen Mördern, die heutzutage wegen ihres Antikommunismus in diesen Ländern als Helden gefeiert werden.

Ein zentrales Anliegen von Zimmermans Buch besteht darin, Putin mit Stalin unter dem Oberbegriff des Autoritarismus, in Verbindung zu bringen. Figes geht da etwas nachsichtiger mit Putin um (S. 293ff), aber er wiederholt haarsträubende Unwahrheiten wie zum Beispiel jene, dass Stalin in den ersten Kriegswochen ‘sein Selbstvertrauen verlor‘ (S. 218). Er behauptet auch, dass ‚Terror und Zwang‘ eine ausschlaggebende Rolle dafür spielten, um die Soldaten der Roten Armee dazu zu bewegen zu kämpfen (S. 221) – eine Behauptung, die von Jochen Hellbeck in seiner jüngsten Studie zu Stalingrad widerlegt wird (20). Figes meint, dass Stalin Soldaten als ‚Kanonenfutter‘ ansah und dass ‚das Individuum nicht gezählt‘ habe (S. 227), ohne dies zu belegen. Ein Vergleich mit alliierten Kommandeuren beider Weltkriege wäre hier wohl angebracht gewesen.

WARUM JETZT?

Leo Trotzki war ganz offensichtlich der erste, der die Sowjetunion mit Nazideutschland in Verbindung gebracht hat, als er den Begriff des ‚Totalitarismus‘ übernahm (21). Die politische Nützlichkeit dieser Verbindung schoss nach dem Zweiten Weltkrieg ins Kraut. Das Konzept von der ‚Freien Welt‘ kam auf, das alle nicht-kommunistischen Staaten, einschließlich der repressivsten und gewalttätigsten umfasste, mitsamt den pro-Nazi-Gruppen in Osteuropa, die heute zu ‚Nationalisten‘ umgetauft werden, deren Gräueltaten oft selbst die der Nazis in den Schatten stellten. Dadurch konnte man auch die Aufmerksamkeit von der Gewalt und der Unterdrückung seitens westlich imperialistischer Staaten in Südost-Asien, in Indochina oder in Niederländisch Ostindien, in Afrika (Kenia) oder in Lateinamerika ablenken. Hier weigerte sich die ‚Freie Welt‘, Freiheit und Demokratie zu gewähren, die sie angeblich unterstützten.

Snyders ‚Bloodlands‘ wirft sich ins Zeug, um Nazideutschland und die UdSSR moralisch gesehen auf eine Stufe zu stellen, und die eifrigsten Unterstützer dieser Gleichsetzung sind die Anhänger der ukrainischen und polnischen ‚Nationalisten‘, die trotz ihrer begeisterten Teilnahme am Holocaust, sich für die antikommunistische Sache als nützlich erwiesen, womit auch ihr faschistisches Wesen verdeckt werden konnte. Snyder selbst hat sich vorsichtig von dem ukrainischen Nazi Stepan Bandera distanziert (22), nicht jedoch von der genauso antisemitischen Polnischen Heimatarmee (23). Einige Historiker haben Snyder vorgeworfen, dass er den faschistischen Nationalisten geholfen und sie verharmlost hat, während es die Rote Armee war, die die Juden befreite (24).  Diese Historiker kritisieren aber Snyders Fälschungen der Sowjetgeschichte nicht (25). Vielleicht wissen sie davon auch gar nichts.

In dem Maße, wie die Regierungen in den ehemals sozialistischen Ländern Osteuropas sich allmählich nach rechts bewegen, wächst das Bedürfnis bei ihnen, die UdSSR mit Nazideutschland, Stalin mit Hitler und den Kommunismus mit dem Nazismus gleichzusetzen. Polen hat inzwischen jedes Zeigen kommunistischer Symbole unter Strafe gestellt und hat dies selbst der kommunistischen Partei verboten. Die Ukraine hat unlängst die kommunistische Partei ganz verboten, während ‚nationalistische‘ ukrainische Milizen ganz offen ihre Hakenkreuze und SS-Runen zur Schau stellen dürfen. Der ukrainische Nationalismus basiert auf den Zwillingsmythen vom ‚Holodomor‘ und der Bezeichnung der Massenmörder aus dem antikommunistischen ukrainischen Untergrund als ‚Freiheitskämpfer‘.

Das Spezialgebiet der Sowjetgeschichte wurde einst ins Leben gerufen, um dem politischen Projekt, die Sowjetunion anzugreifen und zu zerstören, zu dienen. Nach Nikita Chruschtschows Angriffen auf Stalin in seiner ‚Geheimrede‘ im Februar 1956 wiederholten westliche Historiker eifrig seine Behauptungen. Aber er hat nie Beweise geliefert, und es war von Anfang an klar, dass vieles von dem, was er vorbrachte, unzutreffend war, zum Beispiel die Behauptung, dass Stalin militärische Kampagnen ‚an einem Globus‘ geplant habe. Inzwischen ist aufgezeigt worden, dass all seine Anschuldigungen gegen Stalin falsch sind (26). Aber Chruschtschows Rede erwies sich als eine zu wertvolle Waffe, um sie einfach  aufzugeben, nur weil die Behauptungen darin falsch waren, und eben diese Behauptungen vergiften bis heute die Geschichtsschreibung der Sowjetunion bezüglich der Stalin-Zeit.

Das wissenschaftsfeindliche und politisierte Wesen der Geschichtsforschung zur Sowjetgeschichte stellt einen Angriff auf die rationale Erforschung dieser Zeit dar. Wenn die Politik die Medizin in dem gleichen Maße dominieren würde wie dies bei der Geschichtsforschung der Fall ist, dann würden wir heute noch Hexen verbrennen, um die Viehseuche zu heilen. Es ist immer im Interesse kapitalistischer Staaten gewesen, die erfolgreichste sozialistische Revolution so negativ wie möglich aussehen zu lassen. Es gibt heute keine einflussreichen Kräfte, die sich für das Aufdecken der Wahrheit einsetzen. Die wahrheitsgemäße Geschichte der Sowjetunion, als sie sich unter Stalins Führung befand, liegt in den Händen einzelner Historiker, die ohne den Rückhalt von Institutionen arbeiten müssen, die bestrebt sind, die Niederlagen und Triumphe des ersten großen sozialistischen Experiments aufzudecken.

Anmerkungen:

Asif Saddiqi, The Rockets‘ Red Glare: Technology, Conflict, and Terror in the Soviet Union, in: Technology and Culture, Band 44, Nr. 3, Juli 2003, p. 491.

Proisschestvie v NII-3, Voenno-istoricheskii zhurnal, no. 10, 1989, p. 83

Vvedenie, Introduction to Stalinskie rasstrel’nye spiski, Stalin Shooting Lists, at http://stalin.memo.ru/images/intro.htm, Main page: http://stalin.memo.ru/

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A. G. Zviangintsev, IU, G. Orlov, Ot pervogo prokura Rossii do posledneto Soyuza, M-Olma-Press, 2001, chapter on Antonov-Ovseenko, at: http://www.e-reading_club/chapter.php/144271/42/Zvvagnincev_Orlov – Ot pervogo_prokura_Rossii_do_poslednego_prokura_Soyuza.html.

Rehabilitatsia. Kak eto Bylo. Mart 1953-Febral 1956 g. Moscow, 2000, p. 217.

For one discussion, see https://en.wikipedia.org/wiki/Argument_from_ignorance#Argument_from_incredulity_2FLack_of_imagination.

Pierre Broué, Trotsky et le bloc des oppositions de 1932, Cahiers Léon Trotzky 5, Jan-Mar 1980, pp. 5-37.

Razzkaz o desiati rasstreliannykh  (Story of ten who were shot), Izvestia September 2, 1992, p. 3.

Pis’mo predsedatel’ia KGB pri SM SSSR, I. A. Serova …, in: Aleksandr V. Ostrovski, Kto stoial za spinoi Stalina? Spb: Isdatel’skii Dom Neva, Moscow: OLMA-Press, 2003, illustrations following p. 384, at: http://www.e-reading.club/chapter.php/1009734/183/Ostrovski_”_Kto_stoyal_za_spinoy_Stalina%3F.html, search for “Foto No 10”

V. A. Sakharov, Politcheskoe zaveshchanie, V. I. Lenina: real’nost’istorii I mify politiki, Moscow: Izdatel’stvo MGU (MoscowStateUniversity), 2003.

Full references are in Furr, Blood Lies, Chapter One.

For an evaluation of the evidence concerning the Trial testimony, see Part One of Grover Furr, Trotsky’s Amalgams, Trotsky’s Lies. The Moscow Trials As Evidence. The Dewey Commission, Trotsky’s Conspiracies of the 1930s, Vol. One, KetteringOH, Erythros Press & Media LLC, 2015.

Humbert-Droz, Jules, Les Mémoires de Jules Humbert-Droz. De Lénine à Staline. Dix Ans Au Service de ‘Internationale Communiste, 1921-1931, Neuchatel, A la Baconnière, 1971.

J. Arch Getty, Trotsky in Exile: The Founding of the Fourth International, Soviet Studies 38, No. 1, January 1986, 1986, pp. 24-35.

G. Furr, Trotsky’s Amalgams, pp. 292ff.

Washington Post, March 17, 2014: Russia and Ukraine Share a Brutal History

This was widely reported, see: Adam Easton, Poland-Russia Row Sours Auschwitz Commemoration, BBC News, 26 January 2015, at: http://www. bbc.com/news/blocs-eu-30957027.

See the brief discussion by Michael Sontheimer, Revisiting Stalingrad.  An Inside Look at World War II’s Bloodiest Battle, Spiegel online 11/02.2012, at: http://www.spiegel.de/international/zeitgeist/frank-interviews-with-red-army-soldiers-shed-new-light-on-stalingrad-a-863229.html.

According to Trotskyist historians Iuri Fel’shinskii and Georgii Cherniavskii, Lev Trotskii. Vrag No. 1, 1929-1940, Moscow: Tsentrpoligraf, 2013, p. 380, 383

Snyder, A Fascist Hero in Democratic Kiev, New York Review of Books, February 24, 2010.

For a good exposure of the Home Army’s murderous antisemitism, see Stefan Zgliczynski, Jak Polacy Ntemcom/Zydów Mordowac Pomagali (‘How Poles Helped Germans Murder Jews’), Warsaw: Czarna Owca, 2013. The author is the editor of the Polish edition of ‘Le monde diplomatique’. The Home Army collaborated with the Germans against the Red Army: see Bernhard Chiari, Kriegslist oder Bündnis mit dem Feind? Deutsch-polnische Kontakte 1943-44, in: Die polnische Heimatarmee. Geschichte und Mythos der Armia Krajowa seit dem Zweiten Weltkrieg, R. Oldenbourg Verlag, München 2003, SS. 497-527. Snyder fails to mention this fact though he has an essay in the same collection.

See many articles at the site Defending History, for example at: http://defendinghistory.com/east-european-nationalist-abuse-of-timothy-snyders-bloodlands.

Snyder’s wholesale falsification concerning Soviet actions is the subject of my book Blood Lies.

Grover Furr, Krushchev Lied: The Evidence That Every ‘Revelation’ of Stalin’s (and Beria’s) Crimes in Nikita Krushchev’s infamous  ‘Secret Speech’ to the 20th Party Congress of the Communist Party of the Soviet Union on February 25, 1956 is Probably False, Kettering, Ohio, Erythros Press & Media LLC, 2011.