Das „kleine Doktorat“, das Scheuer an der Prager Karls-Universität im Jahr 2004 erwarb, wird prinzipiell nur in den Bundesländern Berlin und Bayern als Berechtigung zum Führen des Doktortitels anerkannt. Zudem sind gegen Scheuer Plagiatsvorwürfe erhoben worden.

CSU-General und Schmalspur-Doktor Andreas Scheuer

CSU-General und Schmalspur-Doktor Andreas Scheuer

CSU-General Andreas Scheuer mit Doktorhut der Sudetengau(ner) oder

Rechtslastige Beziehungspromotion

Paneuropäische Netze

BERLIN/PRAG

german-foreign-policy vom 20.01.2014 – Die Doktorats-Affäre um CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer wirft ein Schlaglicht auf alte Netzwerke der deutschen Außenpolitik. Scheuers Doktorats-Vater Rudolf Kučera von der Prager Karls-Universität, bei dem der deutsche Politiker unter umstrittenen Bedingungen seinen akademischen Grad erlangen konnte, arbeitet seit den 1980er Jahren mit der deutschen Sektion der „Paneuropa-Union“ zusammen. Diese ist in der CSU fest verankert und eng mit dem Milieu der „Vertriebenen“-Verbände verflochten. Kučera ist für seine pro-sudetendeutsche Haltung bekannt, die schon seit den 1980ern seine (damals noch illegale) Paneuropa-Sektion „Böhmen und Mähren“ prägt. Otto Habsburg, unter dessen Regie in dieser Zeit die Paneuropa-Union nach Ost- und Südosteuropa erweitert wurde, habe „bei unseren östlichen Nachbarn das Bewußtsein geweckt …, daß es noch zu lösende offene Fragen gegenüber den Deutschen gibt“, erläuterte Anfang der 1990er Jahre der einstige Generalsekretär des Bundes der Vertriebenen (BdV), Hartmut Koschyk (CSU). Die Paneuropa-Netzwerke bestehen bis heute, und das nicht nur in der Tschechischen Republik. Vertreter ihrer Führungsebene beschreiben die EU als eine Art Fortführung der verblichenen Idee von einem supranationalen Reich.

Das kleine Doktorat

Zum wiederholten Male haben in der vergangenen Woche Ungereimtheiten um den akademischen Titel eines einflussreichen deutschen Politikers eine Affäre ausgelöst. Gegenstand ist diesmal der Doktorgrad, den der CSU-Bundestagsabgeordnete (seit 2002), ehemalige Parlamentarische Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium (2009 bis 2013) und derzeitige CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer bis zum vergangenen Freitag führte. Das „kleine Doktorat“, das Scheuer an der Prager Karls-Universität im Jahr 2004 erwarb, wird prinzipiell nur in den Bundesländern Berlin und Bayern als Berechtigung zum Führen des Doktortitels anerkannt. Zudem sind gegen Scheuer Plagiatsvorwürfe erhoben worden. Schließlich konnte der Politiker sämtliche notwendigen Schritte vom Verfassen seiner wissenschaftlichen Arbeit bis hin zu den Prüfungen in deutscher Sprache absolvieren; das ist laut Berichten in Prag sonst unüblich.[1] Trotz aller Ungereimtheiten sind bislang die langjährigen engen Beziehungen, die Scheuers Doktoratsvater Rudolf Kučera nach Deutschland und insbesondere zu einflussreichen CSU-Politikern unterhält, kaum beachtet worden. Ihre Bedeutung reicht weit über die aktuelle Affäre hinaus.

Böhmen und Mähren

Scheuers Doktorats-Vater Rudolf Kučera hatte in den 1980er Jahren in Prag eine Sektion der internationalen „Paneuropa-Union“ gegründet. Die Paneuropa-Union, damals noch vom letzten Kronprinzen des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs, Otto Habsburg, geführt, setzt sich für ein katholisch-konservativ geprägtes, nach Ethno-Kriterien („Volksgruppen“) strukturiertes vereinigtes Europa ein. Ihr galt die Tschechoslowakei als künstlicher „Vielvölkerstaat“, weshalb sich ihre dortigen Sektionen als „Paneuropa-Union Tschechien“ und „Paneuropa-Union Slowakei“ bildeten – die tschechische Sektion in Erinnerung an das Habsburgerreich als „Paneuropa-Union Böhmen und Mähren“. So nennt sie sich unter Kučeras Führung bis heute.[2]

Untergrund-Paneuropäer

Kučeras Paneuropa-Union Böhmen und Mähren profitierte in den 1980er Jahren davon, dass sie von der deutschen Paneuropa-Sektion um den – auf CSU-Ticket gewählten – Europaabgeordneten Otto Habsburg systematisch unterstützt wurde. Dies geschah illegal. So berichtet der heutige CSU-Europaabgeordnete Bernd Posselt, er habe seit Anfang der 1980er als Paneuropa-„Beauftragter für Mittel- und Osteuropa“ die damals nicht zugelassenen dortigen Sektionen „koordiniert“.[3] Paneuropa-Aktivisten hätten Bücher und nützliche Apparate, die der tschechoslowakische Untergrund benötigte, beispielsweise Druckmaschinen, nach Prag geschmuggelt. Daran seien nicht nur Exil-Tschechoslowaken, sondern häufig auch Sudetendeutsche beteiligt gewesen. Entsprechend entwickelten sich bereits damals Beziehungen zwischen der Paneuropa-Union Böhmen und Mähren und den Sudetendeutschen, von denen Letztere in hohem Maße profitierten. Schon im April 1989 berichtete eine interne Publikation der Paneuropa-Union: „Die tschechischen Untergrund-Paneuropäer bekennen sich zum Selbstbestimmungsrecht der Völker, verurteilen den ‘überspannten Nationalismus’ der Ersten Tschechoslowakei nach 1919 sowie vor allem die Vertreibung der Sudetendeutschen nach 1945“.

Stark pro-sudetendeutsch

Aus dem von der Paneuropa-Union unterstützten tschechoslowakischen Untergrund ist ein kleines, aber durchaus stabiles pro-sudetendeutsches Milieu in der heutigen Tschechischen Republik hervorgegangen. So spielte schon beim ersten offiziellen Kongress der Paneuropa-Union Böhmen und Mähren Anfang 1990 in Prag die „sudetendeutsche Frage“ eine wichtige Rolle. „Am Rande des Kongresses“ seien „gemeinsame Initiativen zur Erhaltung deutscher Kulturdenkmäler in Nordböhmen“ vereinbart worden, hieß es bei der Paneuropa-Union; in den folgenden Jahren sollten „sudetendeutsche und tschechische Jugendliche Sommer für Sommer gemeinsam zerstörte Kirchen und Friedhöfe wiederherstellen“. Ein internes Mitteilungsblatt der Paneuropa-Union berichtete im Herbst 1991 vom Jahreskongress der Paneuropa-Union Böhmen und Mähren, es sei „einstimmig eine stark pro-sudetendeutsche Resolution verabschiedet“ worden. All dies geschah unter Kučeras Führung.

Offene Fragen

Kučera, der immer wieder öffentlich gegen die Beneš-Gesetze Position bezogen hat – einmal auch im deutschen Rechtsaußen-Blatt „Junge Freiheit“ [4] -, unterstützt die „Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen“ des deutschen Bundes der Vertriebenen (BdV). Seit 1990 ist er immer wieder auch bei der Sudetendeutschen Landsmannschaft aufgetreten, in der heute der CSU-Europaabgeordnete Bernd Posselt, Präsident der Paneuropa-Union Deutschland seit 1998, eine führende Rolle spielt.[5] Am 29. Mai 1993 etwa stellte Kučera sich für eine Podiumsdiskussion beim „Sudetendeutschen Tag“ zur Verfügung; es standen „Volksgruppenrechte“ als „Baustein für Europa“ zur Debatte. Ebenfalls auf dem Podium saß Hartmut Koschyk (CSU), ein damaliges Vorstandsmitglied der Paneuropa-Union Deutschland. Koschyk, der 1987 bis 1991 als BdV-Generalsekretär fungiert hatte, urteilte in jener Zeit, die Paneuropa-Führungsgestalt Otto Habsburg habe „bei unseren östlichen Nachbarstaaten das Bewußtsein geweckt …, daß es noch zu lösende offene Fragen gegenüber den Deutschen gibt“.[6] Diese Äußerung bezog sich nicht nur auf die pro-sudetendeutschen Positionen der Paneuropa-Union Böhmen und Mähren, sondern auch auf die Wirkung von Habsburgs Auftritten und organisatorischen Anstrengungen, die er seit Ende der 1980er Jahre etwa bei den deutschsprachigen Minderheiten Ungarns und Polens unternommen hatte. Dazu passt, dass bis heute keine Paneuropa-Union Polen, stattdessen aber eine Paneuropa-Union Silesia („Schlesien“) existiert. Sie wird von einem Aktivisten des „Deutschen Freundschaftskreises“ in Racibórz („Ratibor“) geleitet.

Die Reichsidee

Als gedanklichen Bezugspunkt und als Rahmen zur Ordnung der territorialen Elemente Europas – von „Böhmen und Mähren“ bis „Schlesien“ – nennen Vertreter der „Paneuropa“-Führungsebene immer wieder die verblichenen supranationalen Reiche des Kontinents. Otto Habsburg erklärte Ende der 1970er Jahre etwa, die „derzeitige europäische Integrationspolitik“ sei „die Fortsetzung der großen Linien und Grundsätze des Reiches“, die den Zusammenbruch von „1806 überlebten, weil sie dauernde Gültigkeit haben“.[7] Bald darauf begann er mit der Ausdehnung der Paneuropa-Union nach Ost- und Südosteuropa und nahm, vermittelt über Posselt, unter anderem Kontakt zu Rudolf Kučera auf, dem späteren Doktorats-Vater des heutigen CSU-Generalsekretärs. Erst letzte Woche hat sein Sohn Karl, heute offizielles Oberhaupt des Hauses Habsburg und Präsident der Paneuropa-Union Österreich, Ottos Auffassung bekräftigt. Die EU sei „die Fortsetzung der alten Idee von einem supranationalen Reich mit anderen Mitteln“, erklärte er in einem Interview, das als Teil einer Kooperation führender Zeitungen aus den sechs größten europäischen Staaten entstand.[8] „Das ist es, was Otto von Habsburg in Europa sah und was er wollte“, erklärt Karl Habsburg: „Die Umstände“ hätten sich zwar verändert, die supranationale „Idee“ des Reichs jedoch sei gleich geblieben.

[1] Albert Schäffer: Die große Geschichte vom kleinen Doktor. Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.01.2014.
[2] Internationale Paneuropa-Union: Mitgliedsorganisationen. www.paneuropa.org.
[3] Bernd Posselt, MdEP. www.csu-europagruppe.de. S. auch Ansichten eines Mitteleuropäers.
[4] EU-Beitritt trotz Benes-Dekreten? jungefreiheit.de 10.05.2002.
[5] Posselt war von 2000 bis 2008 Bundesvorsitzender und ist seit 2008 Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft.
[6] Zitiert nach: Walter von Goldendach, Hans-Rüdiger Minow: „Deutschtum erwache!“ Aus dem Innenleben des staatlichen Pangermanismus. Unter wissenschaftlicher Mitarbeit von Volker Külow, Berlin 1994.
[7] Otto von Habsburg: Karl IV. Ein europäischer Friedensfürst. München/Wien 1978. S. auch Überstaatliche Ordnung.
[8] Archduke Franz Ferdinand descendant: don’t blame us for first world war. www.theguardian.com 15.01.2014.