Darüber hinaus pflegte man durch ein entsprechendes Lobbyistenbüro in Berlin engsten Kontakt mit den Marinebehörden und stellte auch dadurch sicher, dass ein gewichtiger Teil der staatlichen Aufträge zugunsten des Flottenbaus in den Büchern des Hauses Krupp landete.

»Beherrschen und verdeutschen«

Am 31. Juli 1915 reichte der Schwerindustrielle Gustav Krupp beim Kaiser eine Kriegszieleingabe ein

Von Reiner Zilkenat

Quelle: junge Welt vom 31. Juli 2015

Kanonen und Granaten für Gott, Kaiser und Vaterland. Gustav Krupp von Bohlen und Halbach mit Wilhelm II. im offenen Wagen (undatierte Aufnahme) Foto: jW Archiv

Kanonen und Granaten für Gott, Kaiser und Vaterland. Gustav Krupp von Bohlen und Halbach mit Wilhelm II. im offenen Wagen (undatierte Aufnahme)
Foto: jW Archiv

Im Sommer des Jahres 1915 hatten sich die Hoffnungen des deutschen Imperialismus auf ein rasches Ende des vor einem Jahr begonnenen Weltkrieges endgültig als Illusion erwiesen. Im Westen dauerte der Stellungskrieg gegen die französischen und britischen Heere an. Auch der am 22. April 1915 zum ersten Mal von deutscher Seite im großen Stil praktizierte Einsatz von insgesamt 150 Tonnen Giftgas in der Zweiten Flandernschlacht, die ergebnislos abgebrochen werden musste, hatte daran nichts geändert (siehe jW-Thema vom 22.4.2015). Der erste Luftangriff auf London am 31. Mai hatte keinerlei militärische Wirkungen erzielt, sondern diente vorrangig als Propagandacoup für die »Heimatfront«.

Anders stellten sich die Verhältnisse im Osten dar. Hier konnten deutsche und österreichische Truppen die Festung Przemyśl wiedererobern sowie Lemberg, Lublin, am 5. August 1915 schließlich Warschau und kurz darauf Brest-Litowsk in ihre Hand bringen. Den deutschen Heeren und ihren Verbündeten war es im Zeitraum von Juni bis August 1915 gelungen, bedeutende Teile des Zarenreiches unter ihre Kontrolle zu bekommen, darunter Lettland (Kurland), Litauen, Galizien, Teile Weißrusslands sowie große Gebiete Polens. Die Generalgouvernements Lublin und Warschau wurden gegründet und von zivilen Administrationen verwaltet, während für die eroberten Gebiete im Nordosten eine eigenständige Militärverwaltung (»Ober-Ost«) eingerichtet wurde. Am 25. September ordnete die Oberste Heeresleitung auch im Osten den Übergang zum Stellungskrieg an.

Gewaltige Kriegsindustrie

Angesichts dieser Lage erhob sich mit neuer Dringlichkeit die Frage, welche Kriegsziele der deutsche Imperialismus anstreben sollte. Öffentliche Debatten hierzu waren auf Initiative des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg untersagt worden. Aber hinter den Kulissen waren zahlreiche Aktivitäten im Gange, um rechtzeitig Einfluss auf die Neugestaltung der Landkarte Europas zu nehmen. Am 31. Juli 1915 griff kein Geringerer als Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, der Herr des größten Industrieimperiums in Deutschland, zur Feder und übersandte dem Kaiser ein Schreiben, in dem er seine Sicht auf die zu realisierenden Kriegsziele darstellte.

Krupps Wort hatte Gewicht. Zum einen hatten er und sein 1902 verstorbener Schwiegervater, Friedrich Alfred Krupp, besonders enge Beziehungen zum Hause Hohenzollern unterhalten. Ohne die Firma Krupp hätte es weder die Produktion moderner Artilleriegeschütze noch den um die Jahrhundertwende einsetzenden exzessiven Flottenbau, auch ein persönliches Anliegen Wilhelms II., gegeben. Apropos Flottenbau: Das Haus Krupp investierte hohe Summen in die Propaganda zugunsten der Marinerüstungen, wobei man sich vornehmlich des »Deutschen Flottenvereins« bediente, als dessen Geschäftsführer anfangs ein Direktor des Konzerns amtierte. Darüber hinaus pflegte man durch ein entsprechendes Lobbyistenbüro in Berlin engsten Kontakt mit den Marinebehörden und stellte auch dadurch sicher, dass ein gewichtiger Teil der staatlichen Aufträge zugunsten des Flottenbaus in den Büchern des Hauses Krupp landete.

Der Kaiser besuchte die »Villa Hügel«, den schlossähnlichen Wohnkomplex der Familie Krupp in Essen, gern. Umgekehrt wurde der Chef des Hauses ebenso gern bei Hofe in Berlin empfangen. Auch als Postillon d’amour war Wilhelm II. tätig, spielte er doch eine überaus aktive Rolle bei der 1906 vollzogenen Verheiratung der Krupp-Erbin Bertha mit dem Legationsrat im Auswärtigen Amt, Gustav von Bohlen und Halbach, der seit 1909 den Aufsichtsrat des Unternehmens leitete. Ein Jahr später berief ihn der Kaiser zum Mitglied des Preußischen Herrenhauses, der ersten Kammer des Landesparlaments.

Zum anderen befanden sich die Produktionsanlagen und Werften des Hauses Krupp auf höchstem technischen Niveau, die Ingenieure und Facharbeiter zählten zu den besten ihres Fachs. Ohne Krupp war in Zeiten, da nicht nur Heere, sondern ganze Volkswirtschaften Krieg gegeneinander führten, an einen Waffengang gegen die vom Kaiser beschworene »Welt von Feinden« nicht zu denken.

Die jeweiligen Chefs der Firma Krupp avancierten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu den reichsten Männern in Deutschland. Während 1892 das jährliche Einkommen noch »bescheidene« 6,6 Millionen Mark betrug, war es zehn Jahre später bereits auf 21 Millionen Mark angestiegen. Bertha Krupps Gesamtvermögen betrug 1912 283 Millionen Mark, damit war sie die reichste Person im Kaiserreich, gefolgt vom schlesischen Industriemagnaten Graf Henkel von Donnersmarck. Der Erste Weltkrieg bewirkte für das Haus Krupp bedeutende Zuwachsraten bei den Umsätzen und den erzielten Gewinnen. Von 1914 bis 1918 verdreifachte sich der Umsatz von 478 Millionen auf etwa 1,5 Milliarden Mark. Das Aktienkapital stieg in jenen Jahren von 180 (1914) auf 250 Millionen Mark (1916), der Gewinn vor Steuern erhöhte sich von durchschnittlich 50 Millionen Mark in den Jahren vor dem Kriege auf über 143 Millionen Mark im Jahre 1916. Zu beachten ist, dass Krupp den größten Teil der Gewinne in die Modernisierung und Erweiterung seiner Werke investierte: insgesamt fast 630 Millionen Mark. Sie gehörten damit zu den werthaltigsten Industrieanlagen weltweit. Überliefert ist, dass von der Front zurückkehrende »Kruppianer« bereits nach wenigen Monaten Abwesenheit den Betrieb nicht mehr wiedererkannten. Jede zehnte im Krieg verschossene Granate des deutschen Heeres stammte aus dem Hause Krupp. Allein die neu erbaute Munitionsfabrik lieferte im Jahre 1915 mehr als acht Millionen, 1918 monatlich bereits mehr als neun Millionen Granaten! Die Zahl der Beschäftigten stieg von 80.000 bei Kriegsbeginn auf knapp 170.000 im November 1918, darunter 32.000 Frauen. Fast sämtliche modernen Ferngeschütze und schweren Mörser kamen von Krupp. Waren es im ersten Kriegsjahr noch 1.200 Kanonen, so verließen 1918 im Monat 3.000 Geschütze die Werkstätten an der Ruhr.

Annexionen und Kolonien

Es ist verständlich, dass angesichts der überragenden Bedeutung dieses Unternehmens für die deutsche Kriegswirtschaft die »Kriegsziel-Denkschrift« eines Gustav Krupp von Bohlen und Halbach höchste Aufmerksamkeit erfuhr. Worin bestanden die zentralen Aussagen dieser Denkschrift?

Einleitend wies der Autor darauf hin, dass Deutschland im Ergebnis des Krieges »eine Grundlage zur Betätigung« gewinnen müsse, »die ihm auf Jahrzehnte hinaus friedliche Arbeit sichert«. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, unterstrich Krupp, dass es »keinerlei Friedenskongress« geben dürfe, sondern »dass den Feinden der Frieden diktiert werden (…) muss«.

Seine Überlegungen eines künftigen Friedensschlusses betrafen vor allem wirtschaftspolitische Fragen. Krupp favorisierte eine enge ökonomische Zusammenarbeit, ja einen »Zollverein« des Deutschen Reiches mit Österreich-Ungarn, wenn möglich, erweitert um die Schweiz, die Niederlande, die skandinavischen und Balkanstaaten. Das Ziel bestehe darin, »der deutschen wirtschaftlichen Betätigung neue Tore zu öffnen«. Klingen diese Zielsetzungen eher »gemäßigt« und weisen auf die zeitgenössischen Debatten eines von Deutschland wirtschaftlich und politisch beherrschten »Mitteleuropa« ohne ausufernde Annexionen hin, so hört für den »Kanonenkönig« beim Thema Belgien und Frankreich die Gemütlichkeit auf.

Wir lesen folgende bedeutungsschwere Sätze: Es ließe sich denken, »dass die Verlegung der bisherigen deutsch-französischen Grenze in einer Linie westlich der Vogesen und im allgemeinen dem Lauf der Mosel, später dem der Maas folgend, den militärischen Gesichtspunkten Rechnung tragen würde. Ein Frankreich ohne nennenswerte Erz- und Kohlegrundlagen kann wirtschaftlich auf dem Weltmarkt und politisch im Rate der Großmächte nicht mehr gefährlich werden«. Bei den »nennenswerten Erz- und Kohlegrundlagen« handelte es sich besonders um die Eisenerzlagerstätten von Longwy und Briey, die im Herbst 1914 von kaiserlichen Truppen erobert und seitdem zum Nutzen der deutschen Kriegswirtschaft ausgebeutet wurden. Die hier vorhandenen Reserven dieser Erze wurden von deutschen Fachleuten als ausreichend für die Zeit »bis nach 1960« eingeschätzt (siehe jW-Thema vom 30./31.10.2014). Im Falle Belgiens plädierte Krupp für »die militärische Beherrschung« des Landes. Sie würde – zusammen mit der zu annektierenden Nordküste Frankreichs – »die Deckung gegen englische Angriffe gewährleisten. Wir würden hier am Rückenmark der englischen Weltherrschaft liegen«. Und weiter: »Es ist ein verhängnisvoller Irrtum, wenn wir glauben, uns durch milde Behandlung Englands mit diesem Land und Volke versöhnen zu können«. Belgien betreffend sei davon auszugehen, dass »die Wiederherstellung eines selbständigen und neutralen Staates …ausgeschlossen« sei. Denkbar könnte die Überlassung großer flämischer Gebiete an die Niederlande sein, einschließlich des Hafens Antwerpen, falls die Regierung in Den Haag sich »zu einer engen wirtschaftspolitischen Annäherung an Deutschland« bereit erklären würde.

Für den Osten Europas äußerte Krupp folgende Gedanken: »Wir müssen Hand in Hand mit der Entwicklung unserer industriellen Möglichkeiten auch eine Erweiterung der landwirtschaftlichen Grundlagen unseres Volkes suchen: Wir müssten uns weite Provinzen angliedern, in denen wir in großem Umfange deutsche Bauern ansiedeln könnten. Das kann nur im Osten sein.« Allerdings warnte Krupp vor einem damit einhergehenden Problem: »Das Deutsche Reich muss ein rein deutscher Volksstaat bleiben und darf nicht zum Völkergemisch werden. Die Gebiete rings um uns sind von anderen Völkern mehr oder weniger dicht bewohnt. Es fragt sich, inwieweit wir sie angliedern können, ohne uns selbst damit zu gefährden.« Die Antwort folgte sogleich auf dem Fuß: Die Annexionen müssten »so eingerichtet werden, dass die fremdsprachigen Bewohner der angeeigneten Gebiete keinerlei Einfluss auf unsere politischen Geschäfte, namentlich keine Möglichkeit am Reichstagswahlrecht, erlangen. Und es muss zweitens die Zahl dieser fremdsprachigen Bewohner dadurch ausschlaggebend herabgesetzt werden, dass sie durch den Friedensvertrag in möglichst großem Umfange von dem abtretenden Land übernommen werden.«

Mit anderen Worten: Möglichst große Teile der Bevölkerung der im Osten zu annektierenden Gebiete müssten nach Russland »abgeschoben« werden. Freiwillig oder zwangsweise? Diese naheliegende Frage bleibt von Krupp unbeantwortet.

Im übrigen müsste der »abtretende Staat« – womit in erster Linie wohl Russland, aber auch Frankreich und Belgien gemeint sein dürften – »als Kriegsentschädigung (…) Land bzw. Kohlen- und Erzgruben, aber auch Eisen- und andere bedeutsame Großbetriebe an uns liefern, so dass deutscher Einfluss demnächst diese Gebiete beherrschen und verdeutschen kann«.

Selbstverständlich durften in der Kriegszieldenkschrift Gustav Krupps die Forderungen nach Kolonien nicht fehlen. Man könne »schon jetzt«, so formulierte er, »das klare Ziel aufstellen, dass wir eines ganz großen zusammenhängenden Kolonialreichs in Afrika bedürfen, so dass wir wirklich große Pläne darin verfolgen können.« Und weiter: »Die Bedeutung eines solchen Kolonialreiches für die Zukunft Deutschlands sowohl in bezug auf den Industrieabsatz wie die Rohstoffversorgung, wie auch auf die Erweiterung der ganzen deutschen Kulturgeltung in der Welt bedarf heute keiner Darlegung mehr«. In Südwest- und in Ostafrika sei die »Ansässigmachung von wehrpflichtigen Deutschen, genügend ausgerüstet mit Artillerie und anderem Kriegsmaterial«, durchzuführen. Natürlich wurde auch die Forderung des Eigentümers der im Kriegsschiffbau führenden »Germania-Werft« nach weltweiten Stützpunkten für die Flotte nicht vergessen. Dabei sprach er kryptisch von der »Gewinnung eines Ausgangs- und Stützpunktes im Mittelmeer als Brücke nach Afrika«. Was ist hier konkret gemeint? Gibraltar, Zypern oder Malta?

In seinen abschließenden Bemerkungen unterstrich der Autor an erster Stelle noch einmal die prinzipielle Ablehnung eines »Friedenskongresses« und die Notwendigkeit der Schaffung von Grundlagen »zu einer für Deutschland vorteilhaften Neuordnung der handelspolitischen Verhältnisse«.

Hugenberg gegen die »Flaumacherei«

In der Denkschrift wie auch im Begleitschreiben versicherte Krupp dem amtierenden Reichskanzler von Bethmann Hollweg seine Unterstützung. Ein sehr wichtiger Punkt, denn der Chef der Regierung stand durch Exponenten extrem nationalistischer Kreise unter wachsendem Druck. Sie warfen ihm »Flaumacherei« und das Bestreben vor, die deutschen Kriegsziele deshalb nicht öffentlich diskutieren zu lassen, weil er sich dann angeblich als ein Gegner von Annexionen entlarvte. Krupp ließ die Denkschrift über den Chef des Geheimen Zivilkabinetts, der Staatskanzlei des deutschen Kaisers und Königs von Preußen, an Wilhelm II. weiterleiten; und versäumte es auch nicht, ein Exemplar an den Reichskanzler zu senden.

Wieso ist es wichtig, sich die Inhalte der Denkschrift Gustav Krupps von Bohlen und Halbach genauer zu vergegenwärtigen? Worin liegt ihre Bedeutung? Krupp hatte ein Problem im Zusammenhang mit der Kriegszieldiskussion: Alfred Hugenberg. Der war seit 1909 Vorsitzender des Direktoriums der Finanzwesen in der Krupp AG und zuvor u.a. als Vortragender Rat im preußischen Finanzministerium beschäftigt. Hugenberg ist neben seiner Tätigkeit als leitender Manager des Konzerns aber auch einer der Protagonisten der auf exzessive Annexionen ausgerichteten Kräfte in der deutschen Industrie. Als Mitbegründer und »graue Eminenz« des ultranationalistischen »Alldeutschen Verbandes« befand er sich zudem in strikter Opposition zu Bethmann Hollweg, dessen Sturz er befürwortete. Am 12. Mai 1915 hatte Hugenberg, zusammen mit den Großindustriellen Emil Kirdorf, dem Generaldirektor des größten Bergbaukonzerns in Europa, der Gelsenkirchener Bergwerks-AG, und dem Inhaber des Stinnes-Konzerns, Hugo Stinnes, eine Zusammenkunft mit General Freiherr von Gayl in Münster genutzt, um gegen das vom Reichskanzler ausgehende und vom General als oberstem Inhaber der vollziehenden Gewalt im Ruhrgebiet angeblich kompromisslos durchgesetzte Verbot zu protestieren, öffentlich über die Kriegsziele zu debattieren. Dabei ließ er es nicht an Deutlichkeit fehlen. Hugenberg, offenbar der Wortführer der drei erschienenen Exponenten der deutschen Schwerindustrie, gab zu Protokoll, dass man »in der Industrie das Gefühl habe, dass man sich in den politisch leitenden Kreisen die Ziele des Krieges nicht überall so weit stecke, wie man das vom Standpunkt der wirtschaftlichen und nationalen Interessen wünschen müsse. Die Initiative der leitenden Kreise des deutschen Wirtschaftslebens müsse da in gewissem Umfang ergänzend eingreifen«. Und er fuhr fort: »Wir dürfen diesen Krieg, wenn er militärisch und so verläuft, wie wir alle es hoffen und wünschen, nicht geführt haben, ohne unsere kontinentale Stellung in Europa durch Erweiterung der Grenzen nach Osten und Westen zu stärken. In unseren westlichen Bezirken wird insbesondere großer Wert darauf gelegt, dass bei den leitenden Stellen nicht etwa die Meinung zum Durchbruch gelangt, dass wir Belgien nur als ›Kompensationsobjekt‹ für Kolonieneintausch betrachten können. (…) Was die weiteren Gebietsteile im Westen und Osten, auf die wir Wert legen, angeht, so müssen wir diese selbstverständlich erst haben, aber wir müssen sie auch haben wollen.«

In Fahrt geraten, folgte vom Chef des Krupp-Direktoriums eine offene Kritik an nicht genannten politisch Verantwortlichen in Berlin. Tatsächlich ist primär die Person des Reichskanzlers gemeint: Die Vertreter der Forderungen nach Annexionen »hätten den Eindruck, dass namentlich in Berlin das Maß, mit dem gemessen werde zwischen dieser Auffassung und der Ansicht derer, die keine Annexionen wollten, nicht immer ganz gleichmäßig sei. Daraus schöpften sie wiederum die Besorgnis, dass an leitender politischer Stelle sich die Sympathie auf die Seite der letzteren Elemente neige«. Die Vertreter »des wirtschaftlichen Lebens« hätten die Empfindung, dass eine Tendenz der »leitenden politischen Kreise« existiere, »den Auffassungen links stehender Arbeitervertreter in der Besprechung ihrer Wünsche mehr Freiheit zu lassen als den bürgerlichen Kreisen«. Zugleich forderte Hugenberg mit Hinweis darauf, dass »klassenkämpferische« Artikel im sozialdemokratischen Vorwärts von der Zensur angeblich toleriert würden, die Erlaubnis, die Kriegszieldiskussion fortan öffentlich führen zu dürfen.

Krupps Mittelweg

Hugenberg brachte mit diesen Auffassungen, über die der General von Gayl das Geheime Zivilkabinett und damit den Kaiser informierte, Krupp in eine schwierige Lage. Einerseits teilte er – wie seine Denkschrift vom 31. Juli 1915 dokumentiert – einige der von seinem Topmanager formulierten Ansichten. Allerdings musste er als größter Lieferant von Kriegsmaterial dem naheliegenden Eindruck widersprechen, ein Anhänger derjenigen Repräsentanten aus Industrie und Politik zu sein, die für eine Abberufung Bethmann Hollwegs und für exzessive Kriegsziele eintraten. Deshalb wählte Krupp in seiner Denkschrift einen Mittelweg: Er gab sich als Anhänger eines von Deutschland ökonomisch und politisch dominierten Mitteleuropas zu erkennen, einer Art europäischer Wirtschaftsgemeinschaft mit der Achse Berlin-Wien, ohne dabei auf gewisse Annexionen zu verzichten. Im übrigen existieren nicht wenige Übereinstimmungen mit der im September 1914 von Bethmann Hollweg zu Papier gebrachten Kriegszieldenkschrift (siehe jW-Thema vom 9.9.2014), so u.a. die Forderung nach Schaffung eines von Deutschland abhängigen Mitteleuropa, der Anspruch auf die dauerhafte Eingliederung des Erzbeckens von Longwy-Briey in das Deutsche Reich sowie das Verlangen nach einem ausgedehnten Kolonialreichs in Mittelafrika.

Eine Suspendierung Hugenbergs kam für Gustav Krupp nicht in Betracht. Zu erfolgreich war dessen Wirken an der Spitze seines Konzerns, um diese Maßnahme zu ergreifen. So taktierte Krupp im Sommer 1915 gegenüber Kaiser Wilhelm II., der zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei Anstalten machte, den Reichskanzler zu entlassen. Dass auch die Kriegsziele der »gemäßigten«, primär auf indirekte Formen der Beherrschung Europas ausgerichteten Exponenten des Großkapitals am Ende grandios verfehlt wurden, ahnte damals noch niemand. Und Krupp musste 1919 registrieren, dass seine Anschauungen von einem »Diktatfrieden«, wenn auch im Ergebnis eines von ihm strikt abgelehnten Friedenskongresses, dem zu Versailles, Realität werden sollten. Allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Die Firma Krupp aber konnte auch in den darauf folgenden Jahren ihre führende Stellung in der deutschen Schwerindustrie aufrechterhalten.

Reiner Zilkenat ist Vorsitzender des Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung e.V. Zuletzt schrieb er auf diesen Seiten am 13.6.2015 über die Europapläne der Reichsgruppe Industrie vor 75 Jahren.