Meist gab es mehrere Demos in der Woche, meist gegen den US-Krieg in Vietnam, aber auch gegen den KZ-Baumeister und Bundespräsidenten Heinrich Lübke oder gegen den Mitarbeiter von Goebbels und Bundeskanzlers der damaligen großen Koalition, Kurt Georg Kiesinger.

Justizvollzugsanstalt in Köln Hier war ich inhaftiert

Justizvollzugsanstalt in Köln
Hier war ich inhaftiert

Aus dem Leben eines Kommunisten in der BRD

Das erste Mal im Knast

Von Günter Ackermann

Ende der 60er Jahre, Aufruhr der Jugend – auch der Arbeiterjugend. Ich wohnte damals in Köln, war Arbeiter in einer Druckerei, politischer Leiter der Ortsorganisation der KPD/ML und Mitglied des ZK der KPD/ML.

Meist gab  es mehrere Demos in der Woche, meist gegen den US-Krieg in Vietnam, aber auch gegen den KZ-Baumeister und Bundespräsidenten Heinrich Lübke oder gegen den Mitarbeiter von Goebbels und Bundeskanzlers der damaligen großen Koalition, Kurt Georg Kiesinger.

Knast in Köln Detailansicht

Knast in Köln
Detailansicht

Als der damalige Erzbischof von Köln, Joseph Kardinal Höffner, aus Rom zurück kam, wo er den Kardinalshut bekommen hatte, war die ganze Bundesprominenz bei der Messe im Dom – und wir protestierend davor. Mit „KZ-Baumeister Lübke“ empfingen wir den Bundespräsidenteen und „Kiesinger – Nazi“ den Kanzler. Immer bei den Demos gab es Polizeieinsätze und Verhaftungen – oft war ich dabei. Jedenfalls kam einmal die Woche ein Strafbefehl, den ich meist im Müll entsorgte.

Dann wurde Willy Brandt Kanzler. Der  verkündete, er wolle mehr Demokratie wagen – und brachte die Berufsverbote. Aber er amnestierte die Strafverfahren der Jahre vorher und ich bekam entsprechend oft Mitteilungen für die Einstellung der Verfahren. Einen überblick hatte ich nicht.

Eines morgens – ich machte mich fertig zur Arbeit – klingelte es, Vor der Tür stand die Polizei und erklärte, sie habe einen Haftbefehl gegen mich, ich solle mitkommen.

Was blieb mir anderes übrig, ich tat es. Sie gestatteten mir sogar vom Revier aus Genossen zu informieren. Ich sagte ihnen, sie sollten sich mit dem ZK in Verbindung setzen – namentlich Ernst Aust und ihm sagen, dass ich verhaftetet sei und 15 Tage in den Knast müsse.

Ich rechnete mit Soli-Aktionen der Parteizentrale, immerhin war ich der 2. Mann in der KPD/ML,  hinter Ernst Aust.

Man brachte mich in den Knast von Köln. Damals saßen dort die ersten RAF-Gefangenen in Isolationshaft. Ich erkläre den Beamten, ich sei hier zu Unrecht, weil meine Sache amnestiert sei. Sie glaubten mir nicht und verspotteten mich. Ich bekam die Knastklamotten und wurde in den Zellenblock überführt. Da ich nichts erreichte, sagte ich, es seien Kommunisten 12 Jahre im KZ gewesen, da werde ich  die 15  Tage überleben. Im Übrigen protestiere ich gegen die Inhaftierung und trete in den Hungerstreik.

Die in der Aufnahme lachten und ließen mich in den Zellenblock – Haus genannt – bringen. Dem Schließer dort erklärte ich auch, dass ich Hungerstreiken werde. Das fand der gar nicht komisch und bat mich, das sein zu lassen, dass mache ihm unheimlich viel Arbeit. Ich entgegnete, das sei nicht meine Absicht, aber eine andere Möglichkeit zur Gegenwehr hätte ich nicht.

Er meinte, ich solle mit dem Fürsorger sprechen, aber der käme erst nach etwa 2 Wochen. Das war keine Lösung. Er schlug vor, den Knastpfarrer zu bitten mich zu besuchen. Ich fand das zwar abwegig, stimmte aber dann zu. Nur den Hungerstreik mache ich weiter.

Am Nachmittag kam der Pfarrer. Ich erzählte ihm die Geschichte, merkte aber, er glaubt mir kein Wort. Trotzdem wandte der sich an den Betriebsrat meiner Arbeitsstelle – eine Großdruckerei und der war ein linker Gewerkschafter, der noch Solidarität kannte.

Der wiederum wandte sich aan einen linken Journalisten und der Kölsche Klüngel funktionierte wieder einmal. Der Journalist – Jens Hagen – arbeitete für die Boulevardzeitung Express. Der nahm sich der Sache an.

Der Dumont-Verlag, in dem der Kölner Stadtanzeiger erschien und auch Express, gab sich gern progressiv. Daher durfte das wohl sein.

Ich verweigerte im Knast nach wie vor das Essen. Am ersten Tag war es schwer, Hunger, Hunger und nochmals Hunger. Ich blieb standhaft. Aber am dritten Tag – mal abgesehen von weichen Knien, war es erträglich.

An dritten Tag, wir waren auf Hofgang, wurde ich gerufen, in meine Zelle geführt. Man teilte mir mit, ich würde frei gelassen. Alles ging jetzt schnell. Mir fiel aber auf, man wollte mich nicht zum Hauptausgang rauslassen. Da warteten nämlich, wie ich bald erfuhr, Journalisten. Der Express hatte an dem Tag getitelt:

„Kölner Arbeiter weist Justiz in die Schranken.“

Autor war jener Jens Hagen.

So kam ich frei. Aber ich wollte es nicht auf sich beruhen lassen und nahm mir einen Anwalt. Immerhin war ich zu Unrecht im Knast gewesen. Die Justiz bestritt nicht, dass hier Unrecht geschehen war, aber der Präsident des Oberlandesgerichts erklärte, ich sei mit daran schuld, ich hätte mich je der Verhaftung widersetzen können. Lachhaft – mit Polizisten mit Knarre in Rücken.

Es gab Geschreibsel der Justiz, die mit aller Gewalt keinen Rechtsverstoß zugeben wollte. Bis eines Tages mein Anwalt eine Aktennotiz in meiner Akte fand, die damals zu meiner Verhaftung geführt habe. Der Schreiber der Aktennotiz gab einen Anruf aus  dem Regierungspräsidium an und auch einen Namen. Recherchen ergaben, dass es sich hier um den Verfassungsschutz handelte. Der hatte einem Richter die Anweisung gegeben mich zu verhaften und der Richter befolgte den Auftrag. Und das war ein Verstoß gegen geltendes Recht der Gewaltenteilung.

Ich wollte beim Prozesstermin in dieser Frage die Sache thematisieren, aber auf einmal gab der Justizminister nach.

Ja, das alles war Unrecht, ja ich bekomme Haftentschädigung: 10 DM pro Knasttag, also 30 DM. Damit vermied man, dass ich die Sache verwursten konnte. Pech!

Dieses Beispiel zeigt die Rolle des Verfassungsschutzes gegen Linke, gegen Kommunisten. Man versucht sie klein zu bekommen – bei mir aber Fehlanzeige.

Was aber machte meine Partei, was machte Ernst Aust? Nichts. Ich war für ihn ein lästiger Konkurrent – er verweigerte mir daher die Solidarität. Auch das gibt es, es war mir eine bittere Erkenntnis. Mal sehen, wer mir jetzt die Solidarität bei den gegenwärtigen Angriffen verweigert und wer sich solidarisch zeigt.

G.A.